{"id":20090,"date":"2019-05-01T18:54:20","date_gmt":"2019-05-01T16:54:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20090"},"modified":"2019-07-01T09:38:42","modified_gmt":"2019-07-01T07:38:42","slug":"nicht-um-heimat-geht-es-sondern-um-zugehoerigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/nicht-um-heimat-geht-es-sondern-um-zugehoerigkeit\/","title":{"rendered":"Nicht um Heimat geht es, sondern um Zugeh\u00f6rigkeit"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zu den aktuellen Debatten \u00fcber kulturelle Identit\u00e4t in Deutschland. Der von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah herausgegebene Sammelband enth\u00e4lt Texte von 14 deutschsprachigen Autorinnen und Autoren \u2013 deutlich mehr Frauen als M\u00e4nner \u2013 die unter verschiedenen Aspekten \u00fcber ein gemeinsames Unbehagen schreiben, das sie versp\u00fcren, wenn heutzutage affirmativ von \u201eHeimat\u201c gesprochen wird. Denn sie sind bei diesem Heimatgef\u00fchl nicht mit gemeint, jedenfalls nicht bedingungslos.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die meisten der Autor*innen haben eine gewisse Prominenz als Kulturschaffende in Deutschland, zum Beispiel die Spiegelkolumnistin Margarete Stokowski, die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann, die Rapperin Reyhan \u015eahin, die Bachmann-Preistr\u00e4gerin Sharon Dodua Otoo oder die Publizistin Mithu Sanjal. Das Wertvolle an ihren Beitr\u00e4gen ist, dass sie pers\u00f6nliche Erlebnisse zur Verf\u00fcgung stellen, um vermitteln zu k\u00f6nnen, worin die Ausschl\u00fcsse und Mikroaggressionen bestehen, denen Menschen allt\u00e4glich ausgesetzt sind, die nicht als \u201ehundertprozentig deutsch\u201c gelten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Anlass kann ganz unterschiedlich sein: Bei den einen ist es der Name, bei anderen das Aussehen, bei dritten eine als unvereinbar behauptete Zugeh\u00f6rigkeit wie die zum Judentum. Anhand von Begebenheiten aus ihrer Kindheit und Jugend in deutschen Schulen, von Begegnungen und Dialogen, reflektieren die Autor*innen \u00fcber die Strukturen und Ursachen und Erscheinungsformen dieses Rassismus, der die andere Seite der Medaille \u201eHeimat\u201c ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Anders als bei Sammelb\u00e4nden oft \u00fcblich, wirken die Texte nicht wie ein Sammelsurium aus lose unter einer \u00dcberschrift zusammengefassten Beitr\u00e4gen, sondern ergeben tats\u00e4chlich eine gemeinsame Erz\u00e4hlung. Im Zentrum steht das erlebte \u201eOthering\u201c. Also die Erfahrung, dass das das eigene Selbstverst\u00e4ndnis, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein, immer wieder unterbrochen wird durch die Markierung als \u201eFremde\u201c. Die permanente (oder jedenfalls permanent drohende) Erfahrung, dass die eigene Zugeh\u00f6rigkeit zur Gesellschaft, in der man lebt und aufgewachsen ist, prek\u00e4r und unsicher ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dabei erz\u00e4hlen die Autor*innen auch davon, wie sie von ihren Eltern auf die rassistischen Umst\u00e4nde vorbereitet wurden \u2013 oder eben auch nicht vorbereitet wurden. Und sie erkl\u00e4ren, warum Rassismus nicht in erster Linie eine moralische Schuld Einzelner ist, sondern ein strukturelles Ph\u00e4nomen, dem letzten Endes niemand vollst\u00e4ndig entgehen kann. Auch nicht die Betroffenen selbst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dabei sind die Erfahrungen auch unterschiedlich. Unterschiedlich ist etwa, welche M\u00f6glichkeiten die Einzelnen haben, mit dem Problem umzugehen. Manche haben gar keine andere Wahl als sich dem zu stellen, denn sie werden rein aufgrund ihres Aussehens als \u201efremd\u201c wahrgenommen. Andere hingegen k\u00f6nnen als \u201eEinheimische\u201c durchgehen, solange sie nicht ihren Namen sagen oder von ihrer Familiengeschichte erz\u00e4hlen, oder solange nicht \u201eherauskommt\u201c, dass sie j\u00fcdisch sind.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine solche Zwischenstellung kann sowohl ein Privileg als auch eine Last sein. Denn die Markierung als \u201eFremde\u201c ist umso entt\u00e4uschender, wenn man sich zuvor in der Hoffnung wiegen konnte, dazuzugeh\u00f6ren. Es kann andererseits auch anstrengend sein, Erwartungshaltungen abzuwehren, wenn man etwa f\u00fcr ein \u201edeutsches\u201c Gemeinschaftsgef\u00fchl vereinnahmt werden soll, das man selbst gar nicht teilt. Oder wenn das Othering subtil daher kommt, etwa in Form von Lob. Das Problem ist, dass auch dann die Anerkennung als \u201edazugeh\u00f6rig\u201c nicht bedingungslos geschieht, nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, sondern an ein bestimmtes (Wohl)-Verhalten gekn\u00fcpft bleibt. Und das l\u00f6st nat\u00fcrlich besonders bei kritischen Geistern Widerspruch aus und ist vermutlich einer der Gr\u00fcnde, warum viele j\u00fcngere Deutsche mit migrantischer Familiengeschichte entscheiden, diese Differenz deutlich sichtbar zu markieren, etwa durch Kleidung, Sprache, Verhalten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Autor*innen dieses Bandes geben sich jedenfalls nicht mehr mit dem Versprechen zufrieden, dazugeh\u00f6ren zu d\u00fcrfen, sobald man ihnen ihr Anderssein nicht mehr anmerkt. Sondern sie erheben den Anspruch, so wie sie sind dazuzugeh\u00f6ren. Oder, mehr noch: Sie bestehen darauf, dass sie \u00fcberhaupt nicht anders sind, sondern normal, egal welche Phantasmen deutscher Leitkultur andere entwerfen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Insofern ist der Band trotz seiner deutlichen Kritik an den gegenw\u00e4rtigen kulturellen Debatten \u00fcber \u201eDeutschtum\u201c und \u201eMigrationshintergr\u00fcnde\u201c auch optimistisch und letztlich ein Beweis daf\u00fcr, dass eine Integration real bereits stattgefunden hat, sich aber blo\u00df noch nicht in der symbolischen Ordnung nachvollzogen hat. Daf\u00fcr, dass das noch nachgeholt werden kann, ist dieses Buch eine Hilfe.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Antje Schrupp<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zu den aktuellen Debatten \u00fcber kulturelle Identit\u00e4t in Deutschland. Der von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah herausgegebene Sammelband enth\u00e4lt Texte von 14 deutschsprachigen Autorinnen und Autoren \u2013 deutlich mehr Frauen als M\u00e4nner \u2013 die unter verschiedenen Aspekten \u00fcber ein gemeinsames Unbehagen schreiben, das sie versp\u00fcren, wenn heutzutage affirmativ von &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/nicht-um-heimat-geht-es-sondern-um-zugehoerigkeit\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":20463,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Nicht um Heimat geht es, sondern um Zugeh\u00f6rigkeit - graswurzelrevolution","description":"Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zu den aktuellen Debatten \u00fcber kulturelle Identit\u00e4t in Deutschland. Der von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah herau"},"footnotes":""},"categories":[1044,12,1035],"tags":[],"class_list":["post-20090","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-439-mai-2019","category-news","category-wunderkammer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20090","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20090"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20090\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}