{"id":20272,"date":"2019-06-07T13:12:43","date_gmt":"2019-06-07T11:12:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20272"},"modified":"2019-06-16T14:37:19","modified_gmt":"2019-06-16T12:37:19","slug":"nationalistische-verseuchung-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/nationalistische-verseuchung-in-russland\/","title":{"rendered":"Nationalismus in Russland"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine atomisierte Gesellschaft l\u00e4sst sich leider am einfachsten nicht f\u00fcr soziale Proteste, sondern durch den Nationalismus mobilisieren. Die migrantenfeindlichen Ausschreitungen \u00fcberschwemmten die Republik Sacha (Jakutien), eine weite Region im Osten der Russischen F\u00f6deration, reich an Diamanten und anderen wichtigen Bodensch\u00e4tzen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Kampagnen gegen MigrantInnen, nationalistische \u00dcberf\u00e4lle oder sogar Pogrome sind leider gar nicht so selten in Russland. Manchmal werden diese durch russische Nationalisten organisiert, wie es 2006 in Kondopoga (Karelien) oder 2013 im Moskauer Stadtbezirk Birjuljowo der Fall war. Von Zeit zu Zeit machen auch andere Nationalisten im Vielv\u00f6lkerstaat Russland auf sich aufmerksam. Jedenfalls meinen laut Umfragen des Meinungsforschungsinstituts \u201eLewada-Zentrum\u201c nur etwa 28% der Befragten, dass man keinerlei Aufenthaltsbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr Menschen anderer \u201eNationalit\u00e4t\u201c einf\u00fchren solle (1). <\/span><span lang=\"de-DE\">Jakutien ist eine Region, in der verschiedene Nationalismen koexistieren. Etwa 50% der Bev\u00f6lkerung sind Jakuten, etwa 40% Russen, und es gibt sowohl jakutische als auch russische Nationalisten. Die ersten beklagen eine jahrhundertelange Russifizierung, die zweiten behaupten, man wolle sie aus der Republik verdr\u00e4ngen. Diesmal wurde aber ein anderes Objekt f\u00fcr die Kanalisierung des nationalistischen Hasses gefunden. Es waren die Kirgisen aus Zentralasien, die offiziell nur 1% der Bev\u00f6lkerung Jakutiens ausmachen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Alles begann am 17. M\u00e4rz<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In der Nacht zuvor war eine 36-j\u00e4hrige Frau von einem 23-j\u00e4hrigen Mann entf\u00fchrt, vergewaltigt und von zwei Mitt\u00e4tern gewaltsam in einer Autowerkstatt festgehalten worden. Der Mann und seine Komplizen wurden festgenommen. Die Ermittler machten seine Nationalit\u00e4t zuerst nicht bekannt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Im Internet wurde aber blitzschnell verbreitet, dass der Gewaltt\u00e4ter ein Kirgise sei. In den sozialen Medien erschienen Aufrufe zu Protesten gegen die MigrantInnen. Am Abend des 17. M\u00e4rz kamen Hunderte von Menschen auf den Komsomolskaja-Platz in Jakutsk, um spontan einen \u201eZusammenhalt des Sacha-Volkes\u201c auszudr\u00fccken. Die Sprecher hielten Reden in jakutischer Sprache. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Fjodoor Borisow, hoher Vertreter der Administration Jakutiens, kam zur Kundgebung und erkl\u00e4rte, er teile die Sorge und den Zorn der TeilnehmerInnen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Er schlug aber vor, sich f\u00fcrs erste zu zerstreuen und sich am n\u00e4chsten Tag auf dem Sportgel\u00e4nde \u201eTriumph\u201c zu versammeln. Zehn Tage danach erkl\u00e4rte das Oberhaupt Jakutiens, Aissen Nikolajew, die spontane Kundgebung auf dem Komsomolskaja-Platz sei eine \u201eorganisierte Provokation bestimmter Kr\u00e4fte\u201c gewesen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Diese brachten angeblich die TeilnehmerInnen gezielt auf den Platz, wobei \u201edie meisten betrunken waren. Es gab keine sinnvollen Forderungen, nur \u201aLos geht\u2019s, abfackeln\u2018 und \u201aKaputtschlagen, jawoll\u2018\u201c, sagte er (2). Es gibt Informationen, dass diese Kundgebung durch den lokalen \u201epatriotischen Kampfklub\u201c organisiert wurde (3). <\/span><span lang=\"de-DE\">Am 19. M\u00e4rz wurde ein 34-j\u00e4hriger Mann wegen der Organisation dieser Kundgebung angeklagt und mit 20.000 Rubel Geldstrafe belegt (4).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Obwohl die Nationalisten am Abend des 17. M\u00e4rz den Komsomolskaja-Platz verlie\u00dfen, brodelte es in den sozialen Medien immer lauter. Die Aufrufe, kirgisische Verk\u00e4ufer, Friseure und Taxifahrer zu boykottieren, mehrten sich. Die Pogrom-Leute drangen in die Gesch\u00e4fte der Kirgisen ein und zwangen sie, den Verkauf zu unterbrechen. Die Online-Medien waren voll von Videos bewaffneter \u00dcberf\u00e4lle auf MigrantInnen. Walentina Tschupik, Juristin, erz\u00e4hlte auf Facebook, dass sie im Laufe des 18. M\u00e4rz vierzehn Meldungen \u00fcber solche \u00dcberf\u00e4lle bekam. \u201eMan bedr\u00e4ngt Kioske, Imbisse, Marktst\u00e4nde, Wohnungen, in denen die Migranten wohnen. Massenrazzien in der Stadt\u201c, schrieb sie (5). Ein migrantischer Busfahrer wurde von sieben Menschen angegriffen; es gab weitere \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle (6). Die Polizei nahm die lokale Moschee in Schutz. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 18. M\u00e4rz versammelten sich Tausende auf dem Sportgel\u00e4nde \u201eTriumph\u201c. Die TeilnehmerInnen unter den Fahnen der Sacha-Republik kamen sogar aus den benachbarten Bezirken. Es gab lange Autokolonnen. Das Stadion war \u00fcbervoll. Vor allem j\u00fcngere M\u00e4nner waren da. Mehrere ZuschauerInnen erz\u00e4hlten sp\u00e4ter, die Atmosph\u00e4re sei furchterregend gewesen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die PolitikerInnen, die ihre Reden vor der versammelten Menge hielten, versuchten einander in nationalistischer Rage zu \u00fcbertreffen. \u201eWir haben das alles lange ertragen. Aber jetzt ist unsere Geduld ersch\u00f6pft. Wir alle m\u00fcssen zusammenkommen, die Ordnung wiederherstellen. Wir sind in unserer Heimat, in unserer Stadt, als Eigent\u00fcmer unseres Landes, und das m\u00fcssen wir klarmachen\u201c, erkl\u00e4rte Sardana Awksentjewa, B\u00fcrgermeisterin von Jakutsk (7). Diese Frau gilt als aufgehender Stern der Politik, seitdem sie gegen einen Kandidaten der Regierungspartei \u201eEinheitliches Russland\u201c gew\u00e4hlt wurde. Viele sehen sie als entschlossene K\u00e4mpferin gegen die Korruption. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Oberhaupt Jakutiens, Aissen Nikolajew, blieb auch nicht hinter ihr zur\u00fcck. \u201e&#8230; Wenn die Zugereisten unsere jakutischen Traditionen und unsere russl\u00e4ndischen Gesetze dreist mit F\u00fc\u00dfen treten, werden wir das nicht tolerieren! Ein Gast, der einen Gastgeber in seinem Haus beleidigt, ist nicht l\u00e4nger ein Gast, sondern ein Feind. Das multinationale Volk von Jakutien hat mich als Verteidiger seiner Interessen gew\u00e4hlt, und ich werde es besch\u00fctzen\u201c, rief er. \u201eUnsere kleinen und mittleren Unternehmen sollten Jakutier einstellen, keine Migranten, deren Legitimit\u00e4t zweifelhaft ist\u201c (8). <\/span><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend seiner Rede brandeten ohrenbet\u00e4ubender Applaus und das Geschrei der Menge auf. <\/span><span lang=\"de-DE\">Auf seiner Facebook-Seite schrieb Nikolajew, dass die Beh\u00f6rden Jakutiens auf die \u201efrechen Ausschreitungen &#8230; der B\u00fcrger Kirgisistans\u201c mit einer Versch\u00e4rfung der Migrationspolitik reagieren w\u00fcrden. Er versprach, Inspektionen von Unternehmen durchzuf\u00fchren, illegale Migranten abzuschieben, falls erforderlich neue \u201erestriktive und Verbotsma\u00dfnahmen gegen Arbeitsmigranten\u201c einzuf\u00fchren sowie gegen\u00fcber den F\u00fchrern nationaler Gemeinschaften h\u00e4rter aufzutreten (9).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die nationalistischen \u00dcberf\u00e4lle gingen w\u00e4hrenddessen weiter. Am 19. M\u00e4rz, war die Stadt Jakutsk halbleer. Nach einer Welle von Angriffen gingen mehrere Busfahrer aus Zentralasien nicht zur Arbeit. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dutzende von Busrouten funktionierten nicht. Viele Obst- und Gem\u00fcsel\u00e4den blieben geschlossen. Trotzdem wurden die Informationen \u00fcber die Pogrome, Brandstiftungen, drei get\u00f6tete und mehr als 20 verwundete MigrantInnen durch die Vertreter des Innenministeriums dementiert (10). Die Beh\u00f6rden sprechen lediglich von drei \u201eEinzelf\u00e4llen\u201c des \u201eRowdytums\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Erst am Ende der Arbeitswoche begannen die L\u00e4den wieder zu funktionieren; die Busse und Taxis kehrten auf die Stra\u00dfen zur\u00fcck. Aber die MigrantInnen f\u00fcrchteten sich weiterhin, ihre Wohnungen zu verlassen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Typisch war die Reaktion der Beh\u00f6rden auf den nationalistischen Ausbruch. Wie es auch nach den Pogromen in Kondopoga und Birjuljowo der Fall war, begegnete man den Nationalisten gleichzeitig mit (einer sehr milden) Peitsche und (einem sehr gro\u00dfen und s\u00fc\u00dfen) Zuckerbrot. Einige Teilnehmer der migrantenfeindlichen \u00dcbergriffe wurden zwar festgenommen (11), aber die \u201eHauptforderung\u201c der Nationalisten wurde erf\u00fcllt. Das Oberhaupt der Republik verbot die Besch\u00e4ftigung von MigrantInnen in 33 Wirtschaftsbereichen, darunter Pflanzen- und Tierproduktion, Holzeinschlag, Fischzucht, Lebensmittel- und Getr\u00e4nkeproduktion, Bau und Abriss von Geb\u00e4uden, Einzelhandel und Transportdienstleistungen (12). <\/span><span lang=\"de-DE\">Die B\u00fcrgermeisterin verk\u00fcndete massenhafte Kontrollen gegen MigrantInnen. Wie viele von ihnen Jakutien bereits verlassen haben, ist unbekannt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dabei ist offensichtlich, dass die nationalistische Hysterie keine reale Grundlage hat. Abgesehen davon, dass ein \u201ekollektives Subjekt\u201c wie \u201eDIE Kirgisen\u201c oder \u201eDIE Mittelasier\u201c weder existiert noch f\u00fcr das Handeln eines einzelnen Individuums verantwortlich ist, stimmt der Mythos von der Bedrohung durch eine \u201eMigranten-Kriminalit\u00e4t\u201c \u00fcberhaupt nicht. So gab es 2018 in Jakutien 296 Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung und Integrit\u00e4t, aber nur vier davon wurden durch ausl\u00e4ndische B\u00fcrger ver\u00fcbt (13).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Duldung und teilweise sogar Ermutigung der nationalistischen Ausbr\u00fcche und Emotionen durch die Beh\u00f6rden in Russland ist nicht nur einfach widerw\u00e4rtig, sondern birgt auch die Gefahr einer weiteren Eskalation. Und wenn es in den \u201erussischen\u201c Teilen der Russischen F\u00f6deration vor allem um den gro\u00dfrussischen Chauvinismus geht, so wachsen analog dazu auch in den \u201enichtrussischen\u201c Regionen eigene Chauvinismen. Die Nachrichtenagentur \u201eSakhaNews\u201c warnte nach den Ereignissen: \u201eZittert, ihr politischen Parteien in Jakutien \u2013 ihr habt jetzt einen ernsthaften Konkurrenten, der in der Lage ist, zwei Massenkundgebungen in 24 Stunden zu organisieren. Das erste Mal war am Sonntag (!) auf dem Komsomolskaja-Platz in Jakutsk, und obwohl die Kundgebung nicht angemeldet und damit illegal war, wurde keiner ihrer Organisatoren gewarnt, dass er gegen das Gesetz verstie\u00df. Vielmehr erhielten sie gr\u00fcnes Licht und sa\u00dfen bereits am n\u00e4chsten Tag triumphierend neben den Beh\u00f6rden. Ein wahrer Siegeszug einer neuen politischen Kraft, die sich so massiv in der Republik manifestierte!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wenn die erste Kundgebung spontan schien, war die zweite klar durchdacht und ebenso gut vorbereitet. (&#8230;) Die Einzigartigkeit dieses Ereignisses liegt auch darin, dass das Problem aller EinwohnerInnen Jakutiens &#8211; in diesem Fall im Zusammenhang mit der Migrationspolitik &#8211; vielleicht zum ersten Mal in Jakutsk von Vertretern nur einer Nationalit\u00e4t diskutiert wurde. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dies l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass die politische Kraft, die Solidarit\u00e4t und einen hohen Organisationsgrad bewiesen hat, mononationalen Charakter hat\u201c (14). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Vadim Damier<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine atomisierte Gesellschaft l\u00e4sst sich leider am einfachsten nicht f\u00fcr soziale Proteste, sondern durch den Nationalismus mobilisieren. 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