{"id":20283,"date":"2019-06-07T13:38:40","date_gmt":"2019-06-07T11:38:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20283"},"modified":"2019-09-07T11:33:13","modified_gmt":"2019-09-07T09:33:13","slug":"besonders-nicht-krank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/besonders-nicht-krank\/","title":{"rendered":"\u201eBesonders, nicht krank\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Natalie Dedreux ist in Deutschland das Gesicht der Menschen mit Down-Syndrom. Sie k\u00e4mpft f\u00fcr ihre Anerkennung als B\u00fcrger\/innen unseres Landes, die \u201ebesonders, nicht krank\u201c sind. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Frage, ob Krankenkassen die Kosten f\u00fcr Trisomie Bluttests bei Schwangeren \u00fcbernehmen sollten, beantwortete Frau Dedreux eindeutig im Deutschlandfunk: \u201eDas soll es nicht geben, weil es sonst weniger Menschen mit Down-Syndrom auf der Welt gibt. Wir wollen nicht mehr abgetrieben werden. Wir sind supercool drauf.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Bundestag diskutierte die Frage ohne Fraktionszwang. Als Lehre aus unserer deutschen Geschichte im Umgang mit Andersartigkeit. Entsprechend lebendig war die Diskussion. Einer der eher selten gewordenen Momente in der Geschichte des bundesdeutschen Parlamentarismus, in der die Ernsthaftigkeit der Kontroverse und Debatte den wahren Geist einer parlamentarischen Demokratie widerspiegelte. Ein Aspekt, der \u00fcbrigens in der Wahrnehmung und Beurteilung der Auseinandersetzungen \u00fcber den Brexit im englischen Unterhaus str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im SWR-Fernsehen l\u00e4uft eine Sendung, bei der ich mir verbl\u00fcfft die Augen reibe: Die deutschen Restaurantk\u00fcchen werden von Fertigprodukten, sogenanntem Convenience-Food, \u00fcberrollt. F\u00fcr Azubis hei\u00dft das: Sie rei\u00dfen nur noch T\u00fcten auf und lernen nicht mehr, wie man selbst kocht. F\u00fcr die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung hei\u00dft das mehr Effizienz und weniger Kosten, f\u00fcr den Kunden hei\u00dft das mehr vom Gleichen. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Convenience-Food Firma erkl\u00e4rt stolz, dass dadurch den Kunden mehr Sicherheit im Wohlbekannten geboten w\u00fcrde. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ein Argument f\u00fcr Kundenbindung. Aus Furcht vor unkontrollierbarer Vielfalt ist ein Gesch\u00e4ftsmodell geworden, das weltweit unser Konsumverhalten steuert.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das scheinbar Disparate dieser Beobachtungen eint eine analytische Erkenntnis: Wir leben in einer vom Diktat der \u00d6konomie durchformatierten Welt, in der Eigenst\u00e4ndiges und Widerst\u00e4ndiges keinen Platz haben darf, denn sie beeintr\u00e4chtigen die erwarteten Renditen. Wenn wir heute \u00fcber Eugenik sprechen, m\u00fcssen wir uns zugleich mit dem zerst\u00f6rerischen Primat des \u00d6konomischen besch\u00e4ftigen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Mit der durchg\u00e4ngigen \u00d6konomisierung aller Lebenswelten ist ein neues Verst\u00e4ndnis vom Menschsein entstanden: Der Zweck des neuen \u201aHomo oeconomicus\u2019 ersch\u00f6pft sich in der Realisierung \u00f6konomischer Ziele und dem Streben nach gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Gewinnoptimierung.\u201c (1) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Da ist kein Platz f\u00fcr Andersartigkeit, und alle anderslautenden Erkl\u00e4rungen zur Inklusion bleiben vollmundige Lippenbekenntnisse. Die Politik stellt nicht die erforderlichen, erheblichen finanziellen Mittel bereit, um Inklusion an Schulen gelingen zu lassen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In der Bundestagsdebatte wurden Argumente ausgetauscht, die f\u00fcr sich genommen richtig sind. Die finanzielle Lage der Betroffenen d\u00fcrfe nicht den Ausschlag dar\u00fcber geben, ob sie sich den Trisomie Bluttest leisten k\u00f6nnen oder nicht, sagten die Bef\u00fcrworter\/innen. Den Schritt in eine eugenische Gesellschaft, in der Kranke und Behinderte aussortiert werden, bef\u00fcrchteten die Gegner\/innen. Der Bezug auf die Geschichte der deutschen Erbgesundheitslehre und ihrer m\u00f6rderischen Praktizierung im Nationalsozialismus muss die Grundlage bleiben, wenn wir \u00fcber Trisomie, Designer Babys oder Sterbehilfe streiten. Gerade in Deutschland sind wir uns das schuldig. Was in der Debatte wieder zu kurz kommt, ist die Kosten-Nutzen-Rechnung sowohl in einem unmittelbaren als auch in einem \u00fcbergeordneten Sinn. Die massenhafte Anwendung des Trisomie Bluttests verschafft der Pharma-Industrie einen erh\u00f6hten Profit. Zugleich verspricht die damit einhergehende massive Abtreibung von F\u00f6ten mit Down-Syndrom die \u201eEntlastung\u201c der Gesellschaft von Menschen, die rein wirtschaftlich gesehen zus\u00e4tzliche Kosten verursachen und aufgrund eines eingeschr\u00e4nkten Leistungsumfangs weniger profitabel sind. Dass Menschen mit Down-Syndrom unseren gesellschaftlichen Alltag durch menschliches Gl\u00fcck und die Verbreitung von Empathie wertvoll machen, wie ich es am Anfang dieses Textes zu skizzieren versucht habe, taucht in dieser Rechnung nicht auf. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich gestehe mir nicht das Recht zu, eine schwangere Frau davon abzuhalten, den Bluttest zu machen, um ein Kind mit Down-Syndrom zu verhindern. Es ist ihre freie Willensentscheidung, die ihr nicht genommen werden darf. Was wir allerdings dringend brauchen, ist die gesellschaftliche Akzeptanz und Wertsch\u00e4tzung von menschlichen Dispositionen und Verhaltensweisen, die sich der \u00f6konomischen Verwertung entziehen. Ihre Ausgrenzung und Abt\u00f6tung macht unser Leben \u00e4rmer und einf\u00e4ltiger. Es geht um die \u00d6ffnung von sozialen R\u00e4umen, die es M\u00fcttern und V\u00e4tern erlauben, Kinder mit Down-Syndrom ohne finanzielle Belastung und gesellschaftliche Diskriminierung erziehen zu k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die durch den Trisomie-Test durchgef\u00fchrte Aussonderung von \u201elebensunwertem\u201c Leben bleibt scheinbar ideologiefrei und dadurch salonf\u00e4hig. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das unterscheidet sie von der Rassehygiene im Dritten Reich. Die Ideologie der Gegenwart ist das Versprechen einer durch medizinischen Fortschritt erreichbaren leidensfreien Zukunft. \u201eUnausgesprochen im Hintergrund steht die Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben.\u201c (2) <\/span><span lang=\"de-DE\">Natalie Dedreux wei\u00df, dass ihre Besonderheit unsere Gesellschaft bereichert und vielf\u00e4ltiger macht. F\u00fcr den gesellschaftlichen Fortschritt sind kreative R\u00e4ume, die Unvorhergesehenes, Nonkonformismus und Spontanes zulassen, unverzichtbar. <\/span><span lang=\"de-DE\">Natalie Dedreux wird als zuk\u00fcnftige Journalistin dazu einen wertvollen Beitrag leisten. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Robert Krieg<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Natalie Dedreux ist in Deutschland das Gesicht der Menschen mit Down-Syndrom. Sie k\u00e4mpft f\u00fcr ihre Anerkennung als B\u00fcrger\/innen unseres Landes, die \u201ebesonders, nicht krank\u201c sind. 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