{"id":20288,"date":"2019-06-07T14:06:56","date_gmt":"2019-06-07T12:06:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20288"},"modified":"2019-08-13T00:01:21","modified_gmt":"2019-08-12T22:01:21","slug":"antisemitismus-in-deutschland-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/antisemitismus-in-deutschland-2\/","title":{"rendered":"Antisemitismus in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als ich vor einiger Zeit die liberale j\u00fcdische Gemeinde im westf\u00e4lischen Unna besuchte, fragte ich dort, warum sie keine Veranstaltungstermine in der w\u00f6chentlich erscheinenden J\u00fcdischen Allgemeinen bekanntgibt. Die Antwort beunruhigte mich. Unter anderem wegen der N\u00e4he zur Nachbarstadt Dortmund mit seiner aggressiven Neonazi-Szene k\u00f6nne die Polizei einen Schutz der Versammlungen nicht gew\u00e4hrleisten. Deswegen wird hier auf eine \u00f6ffentliche Werbung f\u00fcr Veranstaltungen verzichtet und nur im Nachhinein \u00fcber sie berichtet.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bel\u00e4stigungen nehmen zu<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Antisemitische Angriffe im \u00f6ffentlichen Raum und in Gespr\u00e4chen haben im Vergleich zur restlichen EU besonders in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die EU-Grundrechteagentur FRA hat 2018 bei einer europaweiten Umfrage (2) festgestellt, dass 52 Prozent der j\u00fcdischen Befragten in der BRD Bel\u00e4stigungen und Angriffen ausgesetzt waren. 41 Prozent gaben an, im letzten Jahr mindestens einmal eine antisemitische Erfahrung gemacht zu haben. Dies ist aber nur die Spitze des Eisberges, da die Dunkelziffer sehr hoch ist, weil in 77 Prozent der F\u00e4lle die Opfer antisemitischer Bel\u00e4stigungen weder der Polizei noch einer anderen Stelle melden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Nicht nur laute und vulg\u00e4re P\u00f6beleien und offensichtliche Gewalt sind bei der Erfassung von Antisemitismus von Bedeutung, sondern ebenfalls sprachliche Entgleisungen, subtile Anspielungen und Mikroaggressionen im Alltag. Ganz gleich, ob J\u00fcdInnen streng religi\u00f6s, liberal oder nicht religi\u00f6s sind, wie sie sich zur politischen Lage im Nahen Osten positionieren oder wie sie sich konkret verhalten \u2013 es trifft sie alle, da AntisemitInnen ein bestimmtes vorurteilsbeladenes Bild von J\u00fcdInnen haben.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Defizite in der Schule<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Problem des Antisemitismus stellt sich ganz besonders in der Schule, wo sich Vorf\u00e4lle wie Mobbing in den Klassenzimmern, Pausenh\u00f6fen oder auf dem Schulweg h\u00e4ufen. Jugendliche greifen oft Vorurteile auf, die sie bei FreundInnen oder Eltern aufgeschnappt haben. Die Soziologieprofessorin Julia Bernstein, die eine ausf\u00fchrliche Befragung und Studie zum Thema \u201eAntisemitismus im Schulkontext\u201c (3) durchgef\u00fchrt hat, ist \u00fcber das Ergebnis ihrer Recherche schockiert: \u201eIch hatte in Deutschland, 73 Jahre nach der Shoah, nicht mit diesem Ausma\u00df gerechnet \u2013 an Hakenkreuzen, Hitlergr\u00fc\u00dfen, Vernichtungsrhetorik. Antisemitismus, das ergab die Studie, ist an deutschen Schulen Normalit\u00e4t. \u201aDu Jude\u2018 ist auf Pausenpl\u00e4tzen eine der h\u00e4ufigsten Beschimpfungen. Und die Lehrer schreiten nur selten ein. Weil sie antisemitische \u00c4u\u00dferungen h\u00e4ufig nicht erkennen oder sie bagatellisieren\u201c (4).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bemerkenswert ist ebenfalls, dass ein nicht unerheblicher Teil von antisemitischen Diskriminierungen von LehrerInnen ausgeht. Im Schuljahr 2016\/2017 gingen in Berlin von 147 gepr\u00fcften und best\u00e4tigten Beschwerden 48 F\u00e4lle von Lehrkr\u00e4ften aus (5). <\/span><span lang=\"de-DE\">Oft wird Hinweisen nicht nachgegangen, weil die Schulleitung um den guten Ruf der Schule f\u00fcrchtet. Nach \u00dcbergriffen m\u00fcssen meist die j\u00fcdischen Opfer die Schule verlassen. Findet ausnahmsweise eine intensivere Besch\u00e4ftigung mit dem Judentum statt und wird eine Synagoge besucht, verbieten einige Eltern ihren Kindern die Teilnahme an dieser Veranstaltung (6). <\/span><span lang=\"de-DE\">Notwendig w\u00e4re eine Verbesserung der LehrerInnenausbildung, da viele LehrerInnen \u00fcber j\u00fcdische Geschichte und Religion unzureichend informiert und bei antisemitischen Vorf\u00e4llen \u00fcberfordert sind. Wenn elementares geschichtliches Wissen \u00fcber den Holocaust in der Jugend nicht vermittelt wird, verfestigt sich der Antisemitismus schnell zu einem Weltbild und die Jugendlichen sind f\u00fcr sp\u00e4tere Bildungsprogramme nur noch schwer erreichbar.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">80 Prozent der schulischen Belange sind Aufgaben der Bundesl\u00e4nder. Hier konstatiert Samuel Salzborn, Gastprofessor f\u00fcr Antisemitismus, verheerende Defizite und mangelnden Willen zur Aufkl\u00e4rung: \u201eNur in wenigen Bundesl\u00e4ndern existieren Meldesysteme f\u00fcr antisemitische Vorf\u00e4lle, viele Kultusministerien sehen sich nicht hinreichend in der Verantwortung und verschieben das Problem auf au\u00dferschulische Bildung, und insbesondere die Schulb\u00fccher sind \u00fcber weite Strecken defizit\u00e4r. Antisemitismus gilt oft nur als thematisierenswert mit Blick auf den Nationalsozialismus und die Schoa. \u00dcber die Vorgeschichte erfahren Sch\u00fcler nur selten etwas, noch weniger \u00fcber die Nachgeschichte. Und damit auch nichts \u00fcber die Frage, ob Antisemitismus Teil ihres pers\u00f6nlichen Alltags und auch ihrer Familiengeschichte ist. (&#8230;) J\u00fcdische Religion und Kultur als selbstverst\u00e4ndlicher Teil der deutschen und europ\u00e4ischen Geschichte fehlen hingegen fast vollkommen. Die Baustellen sind gro\u00df \u2013 am meisten liegt es aber schlicht am fehlenden Willen der Kultusministerien, die leicht erkennbaren Missst\u00e4nde wirklich zu beheben\u201c. (7)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An anderer Stelle beklagt Salzborn, dass an der Uni in den F\u00e4chern Politikwissenschaft und Geschichte heute nur noch wenige Veranstaltungen \u00fcber Rechtsradikalismus und Antisemitismus angeboten werden: \u201eDas ist sehr bedauerlich, gerade weil diese Themen in den 50er Jahren f\u00fcr das Fach noch zentral waren. Heute ist Rechtsextremismus weitgehend aus den Kerncurricula der Bachelor\/Master-Studierenden rausgefallen. Wenn es deutschlandweit in der Politikwissenschaft keine einzige Professur zum Rechtsextremismus gibt und die Antisemitismus-Professuren nur im Fach Geschichte, muss man sich fragen, woher angehende Lehrerinnen und Lehrer ihr Wissen dann nehmen sollen.\u201c (8) <\/span><span lang=\"de-DE\">Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass bei der schulischen Bearbeitung des Themas Judentum nicht nur \u00fcber J\u00fcdInnen geschrieben und geredet werden sollte, sondern mit ihnen zusammen und die j\u00fcdischen Gemeinden bei der inhaltlichen Gestaltung der Schulbuchbeitr\u00e4ge einbezogen werden.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Meldestellen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aufgrund der immer rasanter ansteigenden Zahl antisemitischer Straftaten hat sich 2015 in Berlin die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) als Meldestelle f\u00fcr antisemitische Vorf\u00e4lle gegr\u00fcndet, die nicht in amtlichen Polizeistatistiken auftauchen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das mehrsprachige Online-Meldeportal wird von j\u00fcdischen und nichtj\u00fcdischen Organisationen betrieben und vom Land Berlin gef\u00f6rdert. Neben Beratungs- und Hilfsangeboten f\u00fcr die Opfer sollen hier Berichte von Betroffenen und ZeugInnen gesammelt und statistisch aufbereitet werden, um konkrete Zahlen zu gewinnen und um T\u00e4tergruppen genauer zu erfassen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im April 2019 hat RIAS die erschreckende aktuelle Jahresbilanz f\u00fcr das Jahr 2018 vorgelegt. Demnach wurden 2018 allein in Berlin 1083 antisemitische Vorf\u00e4lle gemeldet. Darunter befanden sich 46 direkte Personenangriffe, 43 gezielte Sachbesch\u00e4digungen und 46 Bedrohungen (9). <\/span><span lang=\"de-DE\">Bei der Vorstellung des Berichts wurde von RIAS deutlich gemacht, dass auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Grenz\u00fcberschreitungen zunehmen, die Hemmschwellen f\u00fcr Angriffe sinken und diese gewaltt\u00e4tiger werden. Ebenfalls wurde von einer zunehmenden Empathielosigkeit anderer Menschen mit den Betroffenen berichtet. <\/span><span lang=\"de-DE\">Da sich die Angriffe in Alltagssituationen und in der \u00d6ffentlichkeit h\u00e4ufen, k\u00f6nnen sich J\u00fcdInnen nur noch unter Gefahren als solche zu erkennen geben und vermeiden den Aufenthalt an bestimmten Orten. \u201eViele Juden verstecken ihr Judentum selbst im Kollegen- oder Freundeskreis, unter anderem aus Angst vor Schikanen und Ausgrenzung.\u201c (10) <\/span><span lang=\"de-DE\">Dreiviertel aller J\u00fcdInnen trauen sich heute nicht mehr, ihr Judentum offen zu zeigen und vermeiden das Tragen von Kippa und Davidstern-Anh\u00e4ngern.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Abbau des Befremdlichen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trotz dieses alarmierenden Anstiegs antisemitischer Gewalt werden im etablierten Politikbetrieb weiterhin die seit Jahrzehnten immer gleichen Floskeln wie \u201eAntisemitismus darf in unserer Gesellschaft nie wieder Platz finden\u201c wiederholt. Das Fundament, auf dem diese Verlautbarungen ge\u00e4u\u00dfert werden, ist allerdings br\u00fcchig. <\/span><span lang=\"de-DE\">Obwohl mittlerweile aufgrund der Einwanderung von J\u00fcdInnen aus Osteuropa wieder \u00fcber zweihunderttausend j\u00fcdische Menschen in Deutschland leben, finden nur wenige Begegnungen im Alltag zwischen J\u00fcdInnen und Nichtj\u00fcdInnen statt. Die Mehrheitsgesellschaft steht der j\u00fcdischen Kultur zum gr\u00f6\u00dften Teil in einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zum Abbau des Befremdlichen finden seit Jahren institutionell angebahnte Synagogenf\u00fchrungen, j\u00fcdische Kulturtage und ritualisierte Gedenkveranstaltungen statt. Es sind meist kurze oberfl\u00e4chliche Begegnungen, an denen die immer gleichen eher aufgeschlossenen Menschen teilnehmen. Die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung kann dagegen selbst mit einfachen j\u00fcdischen Begriffen wie Schabbat, Chanukka oder Tora kaum etwas anfangen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Exotismus<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend ganze Heerscharen von Sinnsuchenden sich f\u00fcr ideengeschichtlich weit vom mitteleurop\u00e4ischen Erfahrungshintergrund entfernten asiatischen Religionen, Meditationspraktiken, Philosophien und K\u00f6rper\u00fcbungen interessieren und die Veranstaltungsangebote der Volkshochschulen hierzu \u00fcberquellen, wird das reichhaltige, aufkl\u00e4rerische j\u00fcdische Erbe weitgehend ignoriert. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Wissen um diese herausragende Kulturleistung des liberalen und modernen Judentums als Teil der gemeinsamen deutsch-j\u00fcdischen Geistesgeschichte ist heute gr\u00f6\u00dftenteils nicht mehr pr\u00e4sent. Das gilt ebenso f\u00fcr die Bedeutung, die das Judentum f\u00fcr libert\u00e4r-sozialistische und andere emanzipatorische Bewegungen hatte und hat. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wenn das Judentum heute folkloristisch inszeniert wird, wie etwa bei Klezmerkonzerten, dann erfreuen sich J\u00fcdInnen oft gro\u00dfer Beliebtheit. Der Besuch einer solchen Veranstaltung bietet f\u00fcr deutsche Nichtj\u00fcdInnen eine willkommene emotionale Entlastung, bei der unverbindlich eine \u201eWiedergutwerdung\u201c inszeniert werden kann. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das grassierende Problem des Antisemitismus wird dagegen im Alltag sichtbar, wenn \u201eJude\u201c heute, 74 Jahre nach Ende der Nazidiktatur, in vielen Schulen ein Schimpfwort ist. Oder wenn der Rabbi in K\u00f6ln mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit f\u00e4hrt, an der Kippa als Jude zu erkennen ist, und daraufhin beleidigt und angep\u00f6belt wird. (11)<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Verunsicherung in J\u00fcdischen Gemeinden<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die deutliche Zunahme von verrohten Ausdrucksformen des Antisemitismus hat zu einer Verunsicherung innerhalb der J\u00fcdischen Gemeinde gef\u00fchrt. Um ihre Mitglieder zu sch\u00fctzen und ihnen zu helfen, in der zugespitzten Situation zurechtzukommen, hat sie verschiedene Initiativen ergriffen. In Berlin, wo etwa 30.000 J\u00fcdInnen leben, gibt es seit 18 Monaten einen Antisemitismusbeauftragten der Gemeinde, der mit der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST), PsychologInnen, Anw\u00e4ltInnen und den zust\u00e4ndigen staatlichen Institutionen zusammenarbeitet. Er ist der Ansprechpartner, wenn Beschwerden \u00fcber antisemitische Vorf\u00e4lle nicht nachgegangen wird und die Opfer Hilfe ben\u00f6tigen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Inzwischen gibt es in sieben Bundesl\u00e4ndern Landesbeauftragte gegen Antisemitismus, die unabh\u00e4ngig und ressort\u00fcbergreifend Ma\u00dfnahmen koordinieren, \u00d6ffentlichkeitsarbeit durchf\u00fchren und dazu beitragen sollen, antisemitische Vorf\u00e4lle und Straftaten einzud\u00e4mmen. Es wird angestrebt, dass Landesbeauftragte in allen Bundesl\u00e4ndern berufen werden. Selbstverst\u00e4ndlich ist es nachvollziehbar, dass die J\u00fcdische Gemeinde ein starkes Interesse hat, Institutionen an ihrer Seite zu haben, die sich um ihren Schutz k\u00fcmmern. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Landesbeauftragten k\u00f6nnen sicherlich Expertenkommissionen einrichten, Initiativen vernetzen und versuchen, andere in Sachen Antisemitismus zu sensibilisieren. Weisungsberechtigt sind sie nicht. Gerade in den letzten Monaten haben sich die Medienberichte \u00fcber rechte Netzwerke in Polizei, Justiz und Verwaltung geh\u00e4uft. AntisemitInnen befinden sich auch in staatlichen Institutionen und sabotieren die Bem\u00fchungen, Antisemitismus zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Dieser Ansatz reicht also nicht aus.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Denunziationen?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit welchen Schwierigkeiten Initiativen gegen Antisemitismus zu k\u00e4mpfen haben, zeigt auch der Fall RIAS. Wolfgang Benz, bisher renommierter Antisemitismusforscher und Buchautor, hat am 5. Februar 2019 im Badischen Tageblatt die Meldestelle auf eine sehr besch\u00e4mende Weise angegriffen: \u201eWir haben eine Polizei, diese ist zust\u00e4ndig f\u00fcr alle kriminellen Taten, dazu geh\u00f6rt Gewalt gegen Minderheiten und Volksverhetzung. Warum brauchen wir dann speziell f\u00fcr antisemitische Vorf\u00e4lle eine Meldestelle? (&#8230;) Die Meldestelle hat etwas Denunziatorisches. Der Vorwurf, Antisemit zu sein, ist der schwerste Vorwurf in der Bundesrepublik Deutschland. Mir ist nicht wohl dabei, wenn Frau M\u00fcller Herrn Maier als Antisemiten denunziert.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gerade weil die Polizei antisemitischen Straftaten oft nicht konsequent nachgeht, da auch ein gro\u00dfer Teil der Polizei rechts eingestellt ist und weil es auch Antisemitismus unterhalb der Strafschwelle gibt, ist das niedrigschwellige, mehrsprachige Melde- und Beratungsangebot notwendig! Sigmount K\u00f6nigsberg, Antisemitismusbeauftragter der J\u00fcdischen Gemeinde in Berlin kommentiert die Auslassungen dieses \u201eExperten\u201c: \u201eDas ist klassische T\u00e4ter-Opfer-Umkehr! (&#8230;) Die Tatsache, dass Menschen antisemitisch angegriffen und traumatisiert werden interessiert ihn offenbar nicht. (&#8230;) In m\u00fchsamer Arbeit wird versucht, Vertrauen zu den Meldestellen aufzubauen. Man erl\u00e4utert immer und immer wieder die Arbeit, die gemacht wird. Und dann kommt Herr Benz und disqualifiziert diese Arbeit als \u201aDenunziation\u2019.\u201c (12)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In Berlin gibt es seit M\u00e4rz 2019 ein bis heute in der BRD einmaliges Landeskonzept gegen Antisemitismus, das auf Pr\u00e4vention setzt und einen relativ weitgehenden Ansatz als Querschnittsaufgabe verfolgt. Hierzu geh\u00f6rt die Weiterbildung von MitarbeiterInnen in Sozialarbeit, Justiz, Polizei und Schule. <\/span><span lang=\"de-DE\">Diese sinnvollen Initiativen k\u00f6nnen nur ein erster Schritt sein. Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber Antisemitismus, Solidarit\u00e4t mit den Opfern und Anteilnahme kann nicht allein von oben angeordnet werden, sondern muss von den Menschen und Initiativen gelebt werden. Und es ist wichtig, die Handlungssicherheit der J\u00fcdInnen selbst bei Auseinandersetzungen zu st\u00e4rken. Antisemitismus ist nicht das einzige Problem, sondern korrespondiert mit der Zunahme von Rassismus und Rechtsradikalismus. Was bei J\u00fcdInnen an Diskriminierung zugelassen wird, l\u00e4sst man auch bei anderen Marginalisierten zu.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gef\u00fchlserbschaften in der Familie<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auf einen interessanten Aspekt, der bei der Antisemitismusforschung bisher eine untergeordnete Rolle gespielt hat, wurde ich durch die Beitr\u00e4ge von Marina Chernivsky und Tom David Uhlig in der lesenswerten linksalternativen j\u00fcdischen Halbjahreszeitschrift \u201eJalta\u201c aufmerksam gemacht. (13) <\/span><span lang=\"de-DE\">Sie weisen darauf hin, dass das antisemitische Ressentiment nicht nur als Vorurteil, das aufgrund falscher Informationen oder falscher Informationsverarbeitung entstanden ist, begriffen werden kann. Seine \u00dcberwindung ist somit auch nicht allein durch Aufkl\u00e4rungsarbeit m\u00f6glich. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zu wenig beachtet wurde demnach, dass der Holocaust eine \u201eFamiliengeschichte\u201c ist, wie Raul Hilberg es bezeichnete. In jeder Familie gab es neben den m\u00f6glicherweise unmittelbaren T\u00e4terInnen bei den Morden auch indirekt Beteiligte, HelferInnen, passive ZuschauerInnen und Duldende, DenuziantInnen, Verwaltungsbeamte, Profiteure, Nazi-Parteimitglieder, Wehrmachtsangeh\u00f6rige und andere R\u00e4dchen im Getriebe der Mordmaschinerie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Nachkommen der T\u00e4tergeneration erfuhren in der Regel sehr wenig \u00fcber die aktive oder passive Beteiligung ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern an Verbrechen und Diskriminierungen j\u00fcdischer Mitb\u00fcrgerInnen. Es entstanden Leerstellen im Familienged\u00e4chtnis, die jahrelang unantastbar waren. Bei diesem Schweigen blieben die Eltern nicht stumm, sondern versuchten sich meist mit Rechtfertigungen, Entschuldigungen und erfundenen Geschichten aus der Aff\u00e4re zu ziehen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Schuldgef\u00fchle der T\u00e4tergeneration wurden verdr\u00e4ngt und verleugnet. Nur diejenigen Erlebnisdimensionen gaben sie an die Kinder weiter, die das eigene Verhalten w\u00e4hrend dieser Zeit verschleierten oder besch\u00f6nigten. Hierbei spielte ebenfalls eine Rolle, was nicht direkt zur Sprache kam, sondern sie durch k\u00f6rperliche Abwehrhaltung, Gestik und Mimik gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig zum Ausdruck brachte. Auf diese Weise wurden die Kinder der verstrickten Generation zu unbewussten Erben der elterlichen Vergangenheit. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die als unangenehm empfundene Situation, \u00fcber die m\u00f6glicherweise direkte oder indirekte Beteiligung an den Verbrechen an J\u00fcdInnen sprechen zu m\u00fcssen, \u00fcbertr\u00e4gt sich als Erfahrung auf die n\u00e4chste Generation. Die noch lebenden J\u00fcdInnen verk\u00f6rpern einen st\u00e4ndigen Vorwurf und werfen Fragen nach Schuldverstrickungen in der eigenen Familie auf. Institutionalisierte Formen des ritualisierten Gedenkens zu bestimmten Jahrestagen er\u00f6ffnen die M\u00f6glichkeit, abstrakt und historisierend \u00fcber das Thema zu reden, die eigene Familiengeschichte und pers\u00f6nliche Verstricktheit hierbei aber auszublenden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dass auch Linke Probleme damit haben, sich der m\u00f6glichen Mitt\u00e4terschaft eigener Familienangeh\u00f6riger zu stellen, zeigt einer der bekanntesten Anf\u00fchrer der APO: \u201eBereits Rudi Dutschke soll auf die Frage, weshalb der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) nicht die Shoa verst\u00e4rkt in den Fokus r\u00fcckte, nach langer \u00dcberlegung geantwortet haben: \u201aWenn wir das anfangen, verlieren wir unsere ganze Kraft. Eine solche Kampagne ist von unserer Generation nicht zu verkraften, aus dieser Geschichte kommen wir nicht mehr heraus. Man kann nicht gleichzeitig den Judenmord aufarbeiten und die Revolution machen\u2019.\u201c (14)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wer Gef\u00fchlserbschaften in der eigenen Familie unreflekiert l\u00e4sst, wird m\u00f6glicherweise selbst unbewusst von antij\u00fcdischen Ressentiments und Aversionen beeinflusst. Untersuchungen haben gezeigt, dass selbst \u00fcber drei Generationen hinweg die j\u00fcngere Generation die Gef\u00fchle der \u00c4lteren annahmen, sie verst\u00e4rkten und die Familiengeschichte hierbei zus\u00e4tzlich verzerrten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ziel m\u00fcsste es also sein, in der Bildungsarbeit \u201eselbstreflexive sowie lebensgeschichtliche Zug\u00e4nge (weiter) zu entwickeln\u201c und daf\u00fcr die entsprechenden R\u00e4ume und Gelegenheiten zu schaffen. \u201eDie P\u00e4dagogik zu Antisemitismus soll daher nicht \u201anur\u2018 Wissen \/\u00fcber\/ Antisemitismus vermitteln, sondern Reflexionsr\u00e4ume schaffen und auf die M\u00f6glichkeit des Dechiffrierens (Entschl\u00fcsselns, H. B.) antisemitischer Gedanken und Gef\u00fchle hinarbeiten.\u201c (15) <\/span><span lang=\"de-DE\">Wichtig ist in diesem Zusammenhang, keine reflexartigen oder moralisierenden Identifizierungen anzustreben, sondern die Erarbeitung eigener kritischer Positionen zum eigenen Verh\u00e4ltnis zu J\u00fcdInnen zu erm\u00f6glichen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ziel bei der Bearbeitung des Problems sollte nicht die \u201eWiedergutwerdung\u201c, sondern Solidarit\u00e4t und Empathie mit den j\u00fcdischen Opfern sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Horst Blume<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor einiger Zeit die liberale j\u00fcdische Gemeinde im westf\u00e4lischen Unna besuchte, fragte ich dort, warum sie keine Veranstaltungstermine in der w\u00f6chentlich erscheinenden J\u00fcdischen Allgemeinen bekanntgibt. Die Antwort beunruhigte mich. 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