{"id":20300,"date":"2019-06-07T14:44:39","date_gmt":"2019-06-07T12:44:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20300"},"modified":"2019-08-21T11:20:54","modified_gmt":"2019-08-21T09:20:54","slug":"gentrifizierung-und-rassismus-in-marseille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/gentrifizierung-und-rassismus-in-marseille\/","title":{"rendered":"Gentrifizierung und Rassismus in Marseille"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Wir z\u00e4hlen sechs Monate seit dem geschichtstr\u00e4chtigen 5. November 2018, an dem in Marseille zwei H\u00e4user in der Rue d\u2019Aubagne (dt. Stra\u00dfe Aubagnes) in einem der Arbeiter*innenviertel der Innenstadt einst\u00fcrzten und die Katastrophe mindestens acht Todesopfer forderte [vgl. GWR 439]. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Trag\u00f6die brach eine breite Diskussion und Protestwelle zu Fragen von Gentrifizierung, Gewalt und Rassismus los. Ich sprach mit der langj\u00e4hrig politischen aktiven X \u00fcber die Brutalit\u00e4t der Stadtpolitik, ihre Analyse der protesterf\u00fcllten letzten Monate ihre Liebe zu Marseille.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anja Svobodovna<\/span><span lang=\"de-DE\">: Kannst du dich bitte kurz vorstellen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">X: Ich bin eine 38-j\u00e4hrige Marseillerin, die in der Rue d\u2019Aubagne lebt, in Noailles, einem Arbeiter*innenviertel im Stadtzentrum, mit einer gro\u00dfen Mischung von Hautfarbe und Herkunft. Ich bin interessiert an meiner Stadt, ihrer Geschichte, ihrem Potential. Gegen Gentrifizierung bin ich, weil sie rassistisch, klassistisch, t\u00f6dlich ist. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anja: In Marseille wurde gerade der 5. Mai begangen. Wieso ist der 5. jedes Monats so wichtig?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">X: Der 5. Mai war speziell, weil es sechs Monate waren, also quasi ein Halbjahrestag. Aber alle 5. des Monats sind wichtig seit dem 5. November. Um 9 Uhr 05 morgens sind die H\u00e4user Nummer 63 und 65 der Rue d\u2018Aubagne eingest\u00fcrzt und haben mindestens acht Menschen mit sich gerissen, denn in den acht Toten z\u00e4hlen wir nur jene, welche deklariert waren, also Papiere hatten. Von den beiden Geb\u00e4uden geh\u00f6rte eines der Stadt, das andere Vertretern der Stadtregierung. Deswegen wird jeden 5. des Monats, um 9.05 oder um 18.00 Uhr nach der Arbeit von den Marseillerinnen und Marseillern eine Andacht an diese acht Personen organisiert. (1) In Folge dieser ersten Einst\u00fcrze wurde die H\u00e4lfte der Rue d\u2019Aubagne evakuiert und innerhalb von weniger als einer Woche haben wir uns mit mehr als 600 ausquartierten Personen wiedergefunden, ohne L\u00f6sungen f\u00fcr ein neues Quartier. Zwei Monate sp\u00e4ter waren es 2500 Personen, welche in Hotels untergebracht wurden. Und heute sind wir bei 3600 ausquartierten Personen (Anm. aus unterschiedlichen, zumeist farbig gepr\u00e4gten Arbeiter*innenvierteln), wobei wir in diesen Statisktien nicht einmal jene z\u00e4hlen, welche sich bei Freund*innen untergebracht oder sich eine andere Wohnung gemieten haben, weil sie die Situation nicht mehr aushielten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anja: Was ist in den letzten sechs Monaten passiert?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">X: Der 5. November hat einen gro\u00dfen Schock bei vielen Marseiller*innen hinterlassen, bei jenen, die verstanden, was vor sich ging, und die nicht Gaudin (B\u00fcrgermeister der Stadt) glaubten, der sagte, der Regen sei schuld an den Einst\u00fcrzen. F\u00fcnf Tage sp\u00e4ter haben wir als Kollektiv des 5. Novembers &#8211; ich sage wir, weil ich an der Gr\u00fcndung des Kollektivs des 5. Novembers, ein Kollektiv der Bewohner*innen von Noaille und Ausquartierten, welche Rechte auf Wohnraum einfordern, mitbeteiligt war &#8211; eine Demo organisiert, welche wir \u201eMarche Blanche\u201c nannten. <\/span><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr diesen \u201eWei\u00dfen Marsch\u201c riefen wir zu absolutem Pazifismus auf, weil er in Erinnerung an die Opfer des Einsturzes war. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es kamen mehr als 20.000 Personen, alle haben diesen Aufruf an Pazifismus respektiert. Aber es war schwierig. F\u00fcr mich war es emp\u00f6rend, zu sehen, dass die Bullen nicht einmal die Stra\u00dfen gesperrt hatten, damit wir nicht \u00fcberfahren werden, und dass es wir selbst waren, die sich um den Verkehrsfluss k\u00fcmmern mussten, obwohl der Marsch registriert war. Wir haben es geschafft w\u00e4hrend des Marsches ruhig zu bleiben, weil wir am 14. November den \u201eMarche de la Col\u00e8re\u201c organisiert haben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend des \u201eMarsches der Wut\u201c waren wir sehr w\u00fctend. Aber wir haben keine Aggressionen ausge\u00fcbt. Jedoch, als wir 20.000 am Alten Hafen ankamen, hat man uns mit Tr\u00e4nengas ausger\u00e4uchert und mit Schlagst\u00f6cken geschlagen. Man hat Demonstrant*innen den Kiefer gebrochen, andere haben Augen und F\u00fc\u00dfe verloren und viele haben sich im Krankenhaus wiedergefunden. Das alles, auf einmal. Wieso? Weil sich die Menschen ausgedr\u00fcckt haben. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir sind auf die Stra\u00dfe gegangen, wir waren 20.000 und wir haben ihnen Angst gemacht. Am selben Tag haben es die \u201echarmanten\u201c Polizisten n\u00fctzlich gefunden sich in die Rue d\u2019Aubagne und nach Belsunce (Anm. ein weiteres Arbeiter*innenviertel im Zentrum) zu begeben und dort etwas, das wir Ratonnades (dt. Ausschreitungen) nennen, zu begehen. Unter Ratonnade verstehen wir, wenn Faschisten oder Bullen, was oft auf das Gleiche rauskommt, in ein Arbeiter*innenviertel gehen, um Araber*innen zu schlagen. <\/span><span lang=\"de-DE\">An diesem Tag fing es damit an, dass w\u00e4hrend allen Demos Polizisten in das Viertel Noaille vordrangen, in dem sich auch die Rue d\u2018Aubagne befindet, und dort Ratonnade durchf\u00fchrten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anja: Das waren also die ersten zwei Demonstrationen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">X: Ja, seitdem gehen sie weiter. Denn das Problem ist noch nicht geregelt, man h\u00e4lt uns f\u00fcr Idiot*innen und versteht nicht was Tote bedeuten. Die ausquartierten Personen finden sich ohne zur Verf\u00fcgung gestelltes Essen wieder, sie sind in Hotels und sie sollten wohl in Restaurants gehen \u2013 wie praktisch. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In letzter Zeit ist Gaudin beunruhigt, weil seine Freunde aus der Hotelbranche ungl\u00fccklich sind, dass in der Hauptsaison noch immer Zimmer in Hotels von ausquartierten Personen belegt sind, was bedeuten wird, dass er sie in Turns\u00e4le umquartieren will. Darum werden die Demos weitergehen. Deshalb haben wir uns auch den Gelbwestenprotesten angeschlossen, und nicht nur unsere Protestbewegung um Noailles, auch die um La Plaine (Anm. ein weiteres Viertel in Marseille, das gerade massiv gentrifiziert wird). Also, es ist immer noch \u00e4hnlich, die Demos enden mit direkten Aggressionen der Polizei und mit Ratonnades in Noailles. Im Moment ist Ramadan. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Unterschied zu anderen Jahren, in denen nur die Stadtpolizei und die Anti-Kriminalit\u00e4tseinheit der Polizei (Anm. fr. BAC, Brigade anti-criminalit\u00e9), die den Druck am Ende des Nachmittags gegen Bewohner*innen von Noailles anhoben, Identit\u00e4tskontrollen durchf\u00fchrten, Menschen verhafteten, versuchten sich Geld zu machen, sind dieses Jahr auch Polizeieinheiten der nationalen Ebene und die Anti-Meute-Einheit der Polizei (fr. CRS, Compagnies R\u00e9publicaines de S\u00e9curit\u00e9, normalerweise nur gegen gro\u00dfe Menschenmassen z.B. auf Demos eingesetzt) vertreten. Etwa die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung des Arbeiter*innenviertels Noaille ist muslimisch. Ramadan ist eine Periode, die selbst die Christ*innen des Viertels akzepieren, nur die Bullen nicht. <\/span><span lang=\"de-DE\">Sie haben sie noch nie akzeptiert, aber dieses Jahr sehen wir, dass es noch schlimmer ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anja: Wie h\u00e4ngen die Beispiele, die du uns konkret gegeben hast, mit deinem gr\u00f6\u00dferen Bild der Gentrifizierung in der Stadt zusammen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">X: Wenn es die Gentrifizierung nicht geben w\u00fcrde, w\u00fcrde es keine Bereitschaft geben, die H\u00e4user verrotten zu lassen. Es g\u00e4be keine Toten in den Arbeiter*innenvierteln mit gro\u00dfem Anteil farbiger Bev\u00f6lkerung. Gentrifizierung hei\u00dft auch, dass alle Macht bei der Stadtregierung liegt und nicht bei den Menschen. Der bewaffnete Arm der Stadtregierung ist die Polizei, die machen kann was sie will. Am 1. Dezember 2018 haben wir zu einem Marsch der Wohnungsgerechtigkeit (fr. Marche de dignit\u00e9 de logement, wortw\u00f6rtlich W\u00fcrde des Wohnraumes) aufgerufen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Im vierten Stock eines Geb\u00e4udes von Noailles haben es die Polizist*innen geschafft sich zu irren und auf eine Gro\u00dfmutter zu zielen, welche dabei war ihre Fensterl\u00e4den zu schlie\u00dfen. Sie ist am n\u00e4chsten Tag gestorben. Sie hie\u00dft Zineb Redounane. (2) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sogar im Anbetracht dessen waren wir nie gewaltt\u00e4tig gegen\u00fcber der Polizei, wir haben acht Tote, eine Tote indirekt \u00fcber sie, 72 Schwerverletzte im Krankenhaus seit dem 14. November und wir haben der Polizei noch nie irgendetwas angetan. Zerschlagen haben wir ebenfalls nichts. Aber das sage ich nicht, um mich gegen Leute zu positionieren, die auf Demos zerst\u00f6ren, denn das ist verst\u00e4ndlich. Selbst wenn wir ruhig demonstrieren, werden wir nicht einmal abgesichert, als w\u00e4ren wir das Letzte. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ehrlich gesagt, ich w\u00fcrde auch Dinge zerschlagen, denn wenn man zerschl\u00e4gt, zerschl\u00e4gt man ein Symbol von Kapitalismus, der Gentrifizierung, der rassistischen und klassistischen Unterdr\u00fcckung. Deswegen habe ich nichts gegen Personen, die Dinge zerschlagen. Selbst, wenn Menschen w\u00fctend sind und einen Fu\u00dftritt in ein Schaufenster abgeben, rechtfertigt das noch lange nicht, Tr\u00e4nengasbomben in den vierten Stock eines Geb\u00e4udes zu schie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anja: Was kannst du mir zu den B\u00fcndnissen zwischen den unterschiedlichen Bewegungen (Noaille, La Plaine, Gelbwesten) sagen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">X: Da muss ich wieder auf die Gentrifizierung als klassistischen und rassistischen Vorgang zur\u00fcckkommen. Im Detail werde ich nur ab 2018 sprechen, weil davor hat sie schon die Tour des Paniers (Anm. Viertel in Marseille) gemacht, in welchem nur Italiener*innen, Spanier*innen, Arab*innen und Komorianer*innen gelebt haben, w\u00e4hrend jetzt nur Tourist*innen, AirBnB, \u00d6sterreicher*innen und der PetitTrain (Anm. Tourist*innenattraktion) dort sind. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ende Sommer 2018 haben die Bauarbeiten auf LaPlaine begonnen, Arbeiten, denen wir uns seit mehr als drei Jahren entgegengesetzt haben. Wir haben vier unterschiedliche Projekte vorgelegt in den drei Jahren und wir wurden ignoriert. Deshalb haben wir den Platz besetzt, bis zum Schluss. Das hat nicht funktioniert, wir wurden mit Tr\u00e4nengas eingespr\u00fcht, mit Schlagst\u00f6cken geschlagen, obwohl wir nichts machten, au\u00dfer einem Platz zu besetzen. Am 5. November sind wir aufgewacht und dachten, es sei alles nur ein Albtraum, der nicht wahr sein k\u00f6nne. Als Arbeiter*innenviertel der Innenstadt hat das Kollektiv von LaPlaine das Kollektiv des 5. Novembers unterst\u00fctzt. Die Kollektive der Bewohner*innen von Belsunce ebenfalls, und die kleinen NGOs wie \u201eInnenstadt f\u00fcr alle\u201c, die NGOs von Noaille und Belsunce haben das Kollektiv des 5. Novembers ebenfalls unterst\u00fctzt und nehmen daran teil. Die zwei Bewegungen rund um LaPlaine und Noailles haben sich verbunden, da beide mit Arbeiter*innenvierteln der Innenstadt zu tun haben. Das Kollektiv des 5. Novembers ruft zu den Demos von des Kollektivs LaPlaine auf, partizipiert und umgekehrt. Seit dem 17. November gibt es eine nationale Bewegung, die sich Gelbwesten nennt [siehe GWR-435-Schwerpunkt]. In Marseille war das lustig, weil wir davon vor dem 10. Dezember nicht viel gesehen haben. Die Medien waren fast die einzigen, die davon geredet haben, weil, wenn wir sie gesehen haben, waren sie maximal um die 50 Personen. Die Tausenden, die wir auf den Demos gesehen haben, waren von LaPlaine und Noailles. Sogar als die Sch\u00fcler*innen protestiert haben \u2013 sie haben gegen Parcoussup protestiert, eine Bildungsreform, die sie in eine schlechte Situation bringt (3) \u2013 haben die Zeitungen getitelt \u201eGelbwesten\u201c, das war Bl\u00f6dsinn. Nach einiger Zeit haben sich aber die Gelbwesten dann doch gedacht, sie sollten die gro\u00dfe Stadt st\u00fcrmen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bis dahin haben sie haupts\u00e4chlich au\u00dferhalb blockiert. Sie sind also alle Samstagnachmittage nach Marseille zum Demonstrieren gekommen, wie in allen gro\u00dfen St\u00e4dten. Das hat die Anzahl der Leute auf der Stra\u00dfe erh\u00f6ht, und schlussendlich haben wir bei ihren Demos mitgemacht. Also LaPlaine, das Kollektiv des 5. Novembers, Antifas, Feministinnen haben mitgemacht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Viele unserer Forderungen stimmen \u00fcberein, die Forderung nach Wohnraum, nach einem dezenten Leben, die Forderung, dass aufgeh\u00f6rt wird, zu sagen ein Mindestlohn reicht zum Leben aus und Arbeitslosengeld und Mindestsicherung sind Urlaub, und mit dem Ziel, dass sie aufh\u00f6ren uns f\u00fcr Idiot*innen zu verkaufen, alles teurer zu machen, und dass sie aufh\u00f6ren 10% zu sein, die Milliarden verdienen und der Rest stirbt langsam dahin. In Marseille spezifisch wollen wir, dass statt 1,8 Millionen Euro in neue Umkleidekabinen des Schwimmvereins gesteckt werden (4), dass das Geld in \u00f6ffentliche Schulen investiert wird, denn auch dort st\u00fcrzen D\u00e4cher ein. Um ihr Problem zu l\u00f6sen, hat die Stadtregierung beschlossen eine sogenannte PPP zu machen (Partenariat public-prive, dt. \u00f6ffentlich-private Partnerschaft) und die Instandhaltung der \u00f6ffentlichen Schulen an private Unternehmen zu verkaufen. Zumindest da haben wir aber gewonnen, wir hatten die 15.000 Unterschriften, die es brauchte. Sie werden vielleicht Anklage erheben, aber wir haben vor dem Gericht gewonnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anja: Liegt dir noch etwas am Herzen, das du uns zur Situation in Marseille sagen m\u00f6chtest?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">X: Beginnen m\u00f6chte ich mit einem Scherz: Endlich haben wir es geschafft, die \u00dcberhand zu gewinnen \u2013 zwischen Noaille, LaPlaine und den Gelbwesten \u2013 und es dazu gebracht, dass mittlerweile der Gro\u00dfteil der Marseiller*innen endlich verstanden hat was Polizeigewalt ist. Das ist jetzt nicht mehr nur uns nicht-wei\u00dfen Menschen vorbehalten. Das ist etwas, das mir am Herzen liegt, weil das ein Sieg ist, den wir errungen haben \u2013 ohne k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen. Ich will sagen, man w\u00fcnscht Menschen nicht an den Hals sich von der Polizei massakrieren zu lassen, aber es waren schon Jahre, dass wir es ihnen gesagt haben. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Andere, was mir am Herzen liegt, ich bin es Leid, dass sie mein Marseille verschandeln. Seit fast 40 Jahren lebe ich hier, ich bin hier geboren, in der Rue d\u2019Aubagne, aufgewachsen beim Alten Hafen und LaPlaine, ich habe im Panier gewohnt, immer in der Innenstadt gelebt. Jetzt gleicht sie einer wei\u00dfen Innenstadt mit Dingen f\u00fcr Tourist*innen, sie sieht nicht mehr gut aus. Sogar unsere Viertel will man uns wegnehmen, man l\u00e4sst die n\u00f6rdlichen Viertel (5) sterben und t\u00f6tet die Innenstadtviertel. Ich habe es satt.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Interview: Anja Svobodovna<\/strong> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir z\u00e4hlen sechs Monate seit dem geschichtstr\u00e4chtigen 5. November 2018, an dem in Marseille zwei H\u00e4user in der Rue d\u2019Aubagne (dt. Stra\u00dfe Aubagnes) in einem der Arbeiter*innenviertel der Innenstadt einst\u00fcrzten und die Katastrophe mindestens acht Todesopfer forderte [vgl. GWR 439]. 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