{"id":20327,"date":"2019-06-07T15:31:18","date_gmt":"2019-06-07T13:31:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20327"},"modified":"2019-06-13T18:03:41","modified_gmt":"2019-06-13T16:03:41","slug":"die-tage-der-ungarischen-kommune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/die-tage-der-ungarischen-kommune\/","title":{"rendered":"Die Tage der Ungarischen Kommune"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im November 1918 forderten Hunderttausende die Ernennung des Grafen K\u00e1rolyi zum Regierungschef. Der Budapester Soldatenrat lie\u00df Bahnh\u00f6fe, Telefonzentrale, Banken, Br\u00fccken und die Post\u00e4mter besetzen. Offiziere wurden entwaffnet und die politischen Gefangenen befreit. Milit\u00e4rs rissen sich ihre Rangabzeichen ab, steckten als Zeichen des Sieges wei\u00dfe Astern an die Uniformen und in die Gewehrl\u00e4ufe. Die Machteliten in Wien und Budapest setzten auf K\u00e1rolyi, da er als Pazifist und Entente-freundlich galt. Seine Regierung aus Linksliberalen und Sozialdemokraten lie\u00df die Volksrepublik Ungarn ausrufen und erkl\u00e4rte die 400-j\u00e4hrige Herrschaft der Habsburger f\u00fcr beendet. Da Reformen ausblieben, teilten Bauern Latifundien auf, bewaffneten sich die Arbeiter und \u00fcbernahmen die Betriebe. Immer mehr Menschen wandten sich von der Sozialdemokratie ab, da sie an der Seite der Herrschenden agierte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der ungarische Journalist B\u00e9la Kun hatte sich in russischer Kriegsgefangenschaft den Bolschewiki angeschlossen. Lenin forderte ihn in der revolution\u00e4ren Situation zur R\u00fcckkehr in die Heimat auf. Er gr\u00fcndete die Kommunistische Partei, die schnell Einfluss in den Arbeiter-, Betriebs- und Soldatenr\u00e4ten, sowie in den Gewerkschaften gewann. Die Regierenden verlangten die gewaltsame Aufl\u00f6sung der Partei. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 20. M\u00e4rz 1919 wurde ein Ultimatum der Pariser Friedenskonferenz \u00fcberreicht, das den Abzug der ungarischen Truppen aus Ostungarn innerhalb von 36 Stunden verlangte. Die Linksb\u00fcrgerlichen wollten es nicht akzeptieren. Die Herrschenden setzten ihre letzte Hoffnung ihr Territorium zu erhalten nun auf die Sozialdemokraten, die Internationale und ein B\u00fcndnis mit Sowjetrussland. B\u00e9la Kun hatte eine Plattform f\u00fcr eine kommunistische Einheitspartei entworfen. Die Sozialdemokratische Partei stimmte einer Vereinigung zu, da sie f\u00fcr die politisch bankrotte Partei die einzige M\u00f6glichkeit war, an der Macht zu bleiben. Der Linksruck, hofften sie, werde schon abklingen. Im Programm stand die Errichtung einer R\u00e4terepublik, Gleichberechtigung der Nationalit\u00e4ten, Volksbewaffnung und Aufbau einer Roten Armee, Nationalisierung von Industrie und Gro\u00dfgrundbesitz, die Arbeiterkontrolle \u00fcber Produktion und Verteilung, sowie die Trennung von Staat und Kirche. Nicht alle Sozialdemokrat*innen und Gewerkschafter waren mit dem Schritt einverstanden und traten nicht bei. Viele Anarchist*innen und Syndikalist*innen traten ein oder unterst\u00fctzen die Revolution von au\u00dfen. <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Die Regierung hat abgedankt. Diejenigen, die bisher mit dem Willen des Volkes und der Unterst\u00fctzung des Proletariats regierten, haben eingesehen, dass die Verh\u00e4ltnisse eine neue politische Richtung erfordern. Die Produktion kann nur gesichert werden, wenn das Proletariat die Macht in die H\u00e4nde nimmt. <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Neben dem drohenden Produktionschaos ist die Au\u00dfenpolitik auch in der Krise. Auf der Pariser Friedenskonferenz wurde im Geheimen beschlossen, fast ganz Ungarn zu besetzen. Die Ententemission gab zu verstehen, dass in Zukunft die Demarkationslinie die politische Grenze bildet. Ferner solle Ungarn Aufmarsch- und Operationsgebiet im Kampf gegen die sowjetrussischen Truppen an der rum\u00e4nischen Grenze werden. Die uns geraubten Gebiete sollen der Sold f\u00fcr jene tschechischen und rum\u00e4nischen Truppen sein, mit deren Hilfe man sowjetrussische Truppen schlagen will. <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich, der provisorische Pr\u00e4sident der Ungarischen Volksrepublik, wende mich gegen diesen Beschluss der Pariser Friedenskonferenz und fordere die Proletarier aller L\u00e4nder auf, Gerechtigkeit walten zu lassen und Hilfe zu leisten. Ich danke ab und \u00fcbergebe die Macht dem Proletariat der V\u00f6lker Ungarns. Mih\u00e1ly K\u00e1rolyi.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Schriftsteller und bildende K\u00fcnstler Lajos Kass\u00e1k war damals 32 Jahre alt. Der absolute Kriegsgegner hatte schon nach dem Attentat von Sarajewo vor dem drohenden Blutvergie\u00dfen gewarnt:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Es ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht, unseren Protest gegen die gef\u00e4hrlichen Anordnungen der Kriegspartei zu erheben, damit sich die Kriegstreiber nicht noch br\u00fcsten k\u00f6nnen, das ganze Land sei auf ihrer Seite &#8230; Es ist unsere Aufgabe und unsere Pflicht, im Namen des werkt\u00e4tigen ungarischen Volkes gegen jedes Blutvergie\u00dfen zu protestieren.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Seine Zeitschrift \u201eA Tett\u201c [Die Tat] war 1916 wegen Antimilitarismus verboten worden. Sie vertrat politisch und k\u00fcnstlerisch die gleichen Ziele wie Franz Pfemfert mit der \u201eAktion\u201c in Deutschland. In seiner Autobiografie berichtet Kass\u00e1k \u00fcber die Tage der Kommune: (1)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Bedenken Sie doch, wie sehr die Kommunisten den Sozialdemokraten den Fehler vorwarfen, die ihnen vom B\u00fcrgertum auf einem Tablett dargebotenen Ministerposten angenommen zu haben. Und was ist jetzt geschehen? Auch jetzt wurde ein Pakt geschlossen, noch kleinlicher und grundloser Pakt, als zwischen Sozialdemokraten und K\u00e1rolyisten. B\u00e9la Kun und seine Leute haben ohne nachzudenken die bankrotte Regierung \u00fcbernommen. Sie haben sie nicht erobert, sondern haben sie geschenkt bekommen, weil niemand au\u00dfer ihnen derzeit bereit w\u00e4re, die &#8218;Macht&#8216; zu \u00fcbernehmen. Ich sehe es so: In dem Augenblick, in dem die kommunistischen Leiter mit den Sozialdemokraten einen Pakt schlossen, haben sie ihr eigenes Programm weggeworfen und damit scheinen sie praktisch das Grab f\u00fcr diese Revolution auszuheben. Die kommunistische Partei ist noch nicht in der Lage alleine zu regieren und das bedeutet gleichzeitig, dass die Sozialdemokraten die St\u00e4rkeren sind. Wie wird die neue Regierung gebildet? Mit den Sozialdemokraten gemischt, und dieses halbherzige Gebilde verdrie\u00dft und verunsichert mich unendlich. Die Kommunisten waren un\u00fcberlegt gierig. Sie h\u00e4tten warten m\u00fcssen, bis aus den Reihen der Sozialdemokraten eine neue Regierung entsteht und sie von der Arbeiterschaft gegen den Willen der Regierung aus dem Gef\u00e4ngnis befreit werden. Ich denke, diese Revolution ist ein billiges Vergn\u00fcgen, und der Pakt zwischen den F\u00fchrern, besteht umsonst, der Bruderkampf innerhalb der Arbeiterschaft ist damit nicht beendet.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Niemand teilte meine Meinung. Die sehr n\u00fcchterne, realistische Betrachtung in dieser Stunde wurde als Skeptizismus bewertet. Vielleicht auch als Feigheit. F\u00fcr sie ist jetzt nicht die Zeit dunklen Gr\u00fcbelns, sondern ausgiebigen Feierns.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Bedenken Sie doch, mit dieser Vereinigung hat sich die Kommunistische Partei selbst aufgel\u00f6st, und wenn das so ist, haben wir keinen Grund die Revolution zu feiern. Lenin sagte: \u201eWir sind nicht bereit die Regierung zu \u00fcbernehmen, wenn sie denen an der Macht zu heikel wird. Die Arbeiterschaft muss die Macht erobern.\u201c Sehen Sie doch ein, dass es bei uns nicht so war.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Vergesellschaftung wurde durchgef\u00fchrt, den ehemaligen Besitzern \u00fcberlie\u00df man die Leitung der Staatsbetriebe, jedoch wurden sie von Betriebsr\u00e4ten kontrolliert. Die Kommune musste die L\u00f6hne zahlen, sie hatte kaum Einnahmen und das massenhaft gedruckte Papiergeld war wertlos. Eier, H\u00fchner, Milch und Butter waren nur durch Tauschhandel zu bekommen, da die Bauern keine Banknoten akzeptierten. Massen von Fl\u00fcchtlingen und konterrevolution\u00e4re Bewegungen versch\u00e4rften die Probleme der R\u00e4te. Millionen von Tagel\u00f6hnern und Kleinbauern waren entt\u00e4uscht, der Gro\u00dfgrundbesitz wurde verstaatlicht, meist unter Leitung des alten Grundherrn und sie erhielten kein eigenes Land. Auch die Bauernunruhen im Juni bewogen die R\u00e4te nicht zu einer Kurskorrektur. Sie h\u00e4tten von Lenin lernen k\u00f6nnen, dass es unm\u00f6glich ist, in einem Agrarstaate gegen den Willen des Bauernvolkes Revolution zu machen.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_20390\" aria-describedby=\"caption-attachment-20390\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75873.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20390\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75873-300x209.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75873-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75873-600x418.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75873.jpg 700w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20390\" class=\"wp-caption-text\">Maifeierlichkeiten 1919 in Budapest. Bildquelle: Archiv von fortepan.hu<\/figcaption><\/figure>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 1. Mai 1919 glaubten Arbeiter, die Welt aus den Angeln heben zu k\u00f6nnen<\/span><\/h5>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Ich gehe mit den Demonstranten auf den tobenden Stra\u00dfen. Ich sto\u00dfe keine Jubelschreie aus und ich singe nicht wie die Anderen. Die Begeisterung wird durch Neugier gebremst, ich m\u00f6chte mit dem Verstand ergr\u00fcnden, was in Wirklichkeit mit mir und meinen Genossen geschieht. Ich h\u00f6re um mich herum: &#8218;Die Revolution ist ausgebrochen! Es lebe die Revolution!&#8216; Was soll das &#8218;die Revolution ist ausgebrochen?&#8216; Dieser Ausruf wirkt auf mich so wie in meinen Jugendjahren das begeisterte Gegr\u00f6le der Bauernjungen, mit dem sie den Wanderzirkus, der in ihre Stadt kam, voller Inbrunst begr\u00fc\u00dften. Sind nicht wir selbst die Revolution? Wenn wir sie sind, was hat sich in uns und um uns ver\u00e4ndert? Wenn wir sie nicht sind, warum schreien wir ohne Unterlass, sie solle leben? (\u2026)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Inzwischen werden die Feierlichkeiten zum 1. Mai mit lauter Betriebsamkeit vorbereitet. Alle verf\u00fcgbaren Textilst\u00fccke und Papiers\u00e4cke werden gesammelt und in den Fabriken rot gef\u00e4rbt, um die ernste, erm\u00fcdete Stadt in schrillen Festtagsgewand erscheinen zu lassen. (&#8230;)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist die Feier der Freiheit der Arbeit und der menschlichen Solidarit\u00e4t. Unter welcher Regierung auch immer die Massen leben, f\u00fcr feierlichen Klimbim, Aufm\u00e4rsche, Ges\u00e4nge und Festtagsredner, die ihnen eine bessere Zukunft versprechen, waren sie immer zu haben. Und auch an diesem Morgen war es so, als ob die Stadt neugeboren w\u00e4re. (&#8230;)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mag sein, dass dieser Tag doch eine Wende bedeutet. Vorgestern schien es noch so, als ob dieses System unaufhaltsam zusammenbricht, und jetzt lodern die Hoffnungsfeuer wieder auf. Doch es kann sein, dass das alles nur Augenwischerei ist. Wegen des Gesangs kann man den Kanonendonner des Feindes nicht h\u00f6ren, und die vielen roten T\u00fccher verdecken die Farben der Bitternis und des Elends.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Morgen fr\u00fch stehen wir auf und stellen uns wieder in das Hamsterrad. Die Arbeiter arbeiten dann, die Heeresgruppen werden von Neuem und Neuem auf Kampf getrimmt, die Frauen stehen f\u00fcr fehlende Lebensmittel vor den Gesch\u00e4ften Schlange (&#8230;)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Frauen heizen die Stimmung vor den Gesch\u00e4ften an und die M\u00e4nner verlassen, ohne Gewissensbisse, scharenweise die Front.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Zeitungen schreiben umsonst jeden Tag:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">&#8218;Die Revolution ist in Gefahr!&#8216;<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">&#8218;Jeder Proletarier soll zu den Waffen greifen!&#8216;<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ihre Ohren sind taub geworden und die Augen sehen im Nebel nichts. Trotz und Verzweiflung machen sich breit.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 4. Mai 1919 wurde die Generalmobilmachung deklariert. Die franz\u00f6sischen, tschechischen, rum\u00e4nischen und serbischen Truppen hielten den Waffenstillstand nicht ein. Frankreich und Gro\u00dfbritannien planten eine Milit\u00e4rintervention gegen Sowjetrussland und wollten durch die Besetzung Ungarns nicht nur die Revolution schlagen, sondern auch das Land zur Aufmarschbasis gegen Sowjetrussland aufbauen. Die Rote Armee r\u00fcckte bereits in die rum\u00e4nischen Gebiete Bessarabien und die Bukowina vor. Die Front war 200 Kilometer von Budapest entfernt. Die Entente verlangte weiterhin den Abzug aus Ostungarn und versprach den b\u00fcrgerlichen Regierungen in Bukarest, Prag und Belgrad Siebenb\u00fcrgen, Oberungarn und die Vojvodina als Kriegsbeute. 107.000 Soldaten zogen gegen die R\u00e4terepublik. In Szeged bildete die Entente eine konterrevolution\u00e4re Marionettenregierung. <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">(&#8230;) gleichzeitig erstarkt und organisiert sich die rechte Gegenrevolution. Die Provinz ist unruhig, unter der F\u00fchrung der ehemaligen Notare, Richter, Lehrer und Priester stellt sich bereits ein Teil der Bev\u00f6lkerung der D\u00f6rfer und St\u00e4dte gegen die Regierungsanordnungen, sie werden nicht Soldaten und vertrieben die Roten, die sie einziehen wollen. Und wenn wir auch in Budapest nach vielen friedlichen Tagen und Wochen von der ersten offiziellen Hinrichtung h\u00f6rten, so kommen jetzt aus der Provinz Nachrichten von Aufst\u00e4nden und deren Niederschlagungen. (&#8230;) die aktiven Kreise des B\u00fcrgertums betreiben Mundpropaganda, dass die Proletarische Diktatur in Terrorherrschaft umgeschlagen sei.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Alle wissen, dass Sonderkommandos in der aufst\u00e4ndischen Provinz unterwegs sind, und der Name von Tibor Szamuely erscheint in den Vorstellungen des B\u00fcrgertums als Symbol von vergossenem Blut. Wir wissen nicht wie viel von den Nachrichten wahr ist, doch die \u00f6ffentliche Meinung kippt noch mehr, und die Agitatoren der Gegenrevolution gewinnen immer mehr Raum unter dem Volk. Sie haben leichtes Spiel. (&#8230;)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich m\u00fcsste von vielem sprechen, das ich f\u00fcr schlecht und verfehlt halte, dessen Resultate ich vorhergesehen habe ohne Politiker zu sein, vorhergesehen habe, wogegen ich aber nicht in der entsprechenden Form protestiert habe und heute kann ich das nicht mehr tun. Damals musste ich im Interesse der Vorbereitung der Revolution schweigen, weil ich selbst der Meinung war, dass in kritischen Momenten aktives Handeln n\u00f6tig ist und keine missbilligende Kritik. (&#8230;) kopflose Schluderei auf allen Gebieten, die Bem\u00fchungen der rechtschaffen Arbeitenden reichen nicht aus, um dem leeren demagogischen Geschwafel, dem Opportunismus der ehemaligen F\u00fchrer der Sozialdemokraten und dem unreifen diplomatischen Spiel der Kommunisten etwas entgegenzusetzen. Alles Gute geschieht zuf\u00e4llig und unerwartet, und es scheint bereits so, dass es nur eine Frage der Zeit ist, das uns der Boden unter den F\u00fcssen weg bricht. (&#8230;)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Arbeiterschaft ist m\u00fcde, und die Mitglieder der Gruppe der Intellektuellen, die sich unmittelbar vor dem Ausruf der Diktatur an die Seite Kuns stellten, verfingen sich in ihren eigenen Widerspr\u00fcchen. Sie waren Philosophen, Dichter, \u00c4stheten, und die praktische Bewegung war f\u00fcr sie wie ein Sturm der Wohlt\u00e4tigkeit, doch sie hielten der st\u00fcrmischen Luft nicht stand, den st\u00e4ndigen Rangeleien, Angriffen und Streitereien und ersch\u00f6pft fielen sie in den lauwarmen, bodenlosen Sumpf ihrer Hirngespinste zur\u00fcck. Drau\u00dfen tobten die Gefahren, und sie zogen sich, bei der kleinsten Gelegenheit, die sich bot, in irgendein Zimmer im Haus der R\u00e4te zur\u00fcck und aus ihrem bitteren Mund str\u00f6mt der unendliche Schwall prinzipieller Diskussionen. (&#8230;) Zitate von Hegel, Marx, Kierkegaard, Fichte, Weber, Jean Paul, H\u00f6lderlin und Novalis flogen durch die Luft und diese herausragenden Geister verpesteten mit ihren Spitzfindigkeiten und Verdrehungen die Luft, und wie Nebelschwaden legten sie sich schwer auf die menschliche Psyche.(&#8230;)\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die tschechoslowakische Armee war im Mai 1919 von der Ungarischen Roten Armee unter Kontrolle gebracht waren. Kun verfocht keine nationalen Interessen, doch verschaffte der Sieg der Roten Armee ihm innenpolitisches Prestige. Als Verteidiger der staatlichen Integrit\u00e4t konnte er auch die reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte in der Armee auf seiner Seite halten, bis die R\u00e4teregierung der R\u00fcckzugsforderung Clemenceaus nachkam. Im Gegenzug wurden der Abzug der rum\u00e4nischen Truppen aus Ostungarn versprochen und Friedensverhandlungen angeboten. Der R\u00e4tekongress bef\u00fcrwortete Verhandlungen mit den Imperialisten und zog die Rote Armee ab. Wortbr\u00fcchig belie\u00dfen die Ententem\u00e4chte ihre Truppen in Ostungarn und versch\u00e4rften zudem die Wirtschaftssanktionen. Anschlie\u00dfende milit\u00e4rische Versuche die Besatzer aus Ostungarn zu vertreiben, endeten in einem Desaster.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Kuns Kommunistenregierung ist zu entfernen, der Bolschewismus zu beseitigen\u201c, forderte nun die Entente und sagte daf\u00fcr die Aufhebung des Embargos zu. Am 1. August standen die rum\u00e4nischen Truppen 30 Kilometer vor Budapest. Lenin forderte die R\u00e4te auf, solange wie nur m\u00f6glich durchzuhalten, wohl wissend, dass sie ihm die Armeen Entente vom Hals hielten. Kun trat dessen ungeachtet zur\u00fcck, um B\u00fcrgerkrieg zu verhindern und m\u00f6glichst viele Revolution\u00e4re den Weg ins Exil zu sichern.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In seiner letzten Rede lamentierte er: \u201eDas Proletariat lie\u00df nicht seine F\u00fchrer, sondern sich selbst im Stich. Ich erwog, ich \u00fcberlegte lange, was ich tun sollte. Kalt und ruhig muss ich feststellen: Die Diktatur des Proletariats ist gest\u00fcrzt. Die R\u00e4temacht h\u00e4tte ein anderes Ende nehmen k\u00f6nnen, wenn wir \u00fcber selbstbewusste und revolution\u00e4re Proletariermassen verf\u00fcgt h\u00e4tten.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Einige l\u00e4ndliche Regimenter in Ostungarn k\u00e4mpften bis zuletzt, aber nicht um die R\u00e4tediktatur zu retten, sondern aus Chauvinismus. <\/span><span lang=\"de-DE\">Kass\u00e1k hatte sich in seiner Zeitschrift MA [Heute], die auch von den R\u00e4ten als das Kulturorgan der Kommune betrachtet wurde, f\u00fcr die Freiheit der Kunst ausgesprochen. MA wurde verboten und der Herausgeber in die \u201eVerbannung\u201c geschickt, wo ihn die Nachricht erreichte, dass die R\u00e4te abgedankt hatten und rechte Sozialdemokraten regierten. Soldaten von Horthys Nationalen Armee inhaftierten Kass\u00e1k. \u00dcber die Haft schreibt er:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Meinen Genossen sah ich an, wie gern sie es gehabt h\u00e4tten, wenn die Wachen sie zu einer Partie Karten eingeladen und die M\u00e4nner an der Macht sie mit ein paar Worten des Tadels wieder an die Werkb\u00e4nke, Malerpinsel, Maurerkelle oder ganz allgemein an die meist schlecht bezahlte Arbeit und in ihre schlecht beleuchteten, elenden Wohnungen zur\u00fcck gelassen h\u00e4tten. Ja, sie vertrauen darauf, dass das irgendwie auch geschieht. Und wenn sie aber sehen, dass die Situation sich anders entwickelt, bricht die Verzweiflung aus, und vielleicht werden einige von ihnen zu Verr\u00e4tern, die ihre Genossen anschw\u00e4rzen, damit sie selbst leichter aus der Bredouille herauskommen. Einen Augenblick dachte ich, ich m\u00fcsste mit ihnen reden, sie vorbereiten, damit sie nicht mit unerwarteten \u00dcberraschungen konfrontiert werden. Doch das konnte ich nicht tun. Warum sollte ich mich auf historische Tatsachen berufen, wenn ich doch soviel Menschenkenntnis habe, dass ich mir dar\u00fcber im Klaren bin, dass der Mensch nicht das Tier ist, das aus den Fehlern anderer lernt.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Eine verh\u00e4ngnisvolle Wendung stand kurz bevor. Wir wussten aber nichts Genaues. Zweifellos werden nicht alle Fabrikarbeiter sich auf die Seite der Regierung stellen, im milit\u00e4rischen Oberkommando laufen Umstrukturierungen, die Gegenregierung in Szeged nennt keiner mehr Marionettenregierung, aber wir vermuten, dass die letzten, entscheidenden S\u00e4tze in den au\u00dfenpolitischen Verhandlungen gesprochen werden. Aus den Kulissen der Diplomatie dringen nur wenige und unsichere Nachrichten zu uns. (&#8230;)\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kuns Nachfolger, der rechte Sozialdemokrat Peidl setzte s\u00e4mtliche Verordnungen der R\u00e4teregierung au\u00dfer Kraft. Entgegen der Vereinbarungen wurde seine Regierung drei Tage nach dem Einmarsch der Besatzer in Budapest abgesetzt, denn Paris, London und Washington sahen im Oberkommando des Admirals und Gro\u00dfgrundbesitzers Horthys den k\u00fcnftigen Herrscher. Von Selbstbestimmungsrecht und Demokratie war nun nicht die Rede. Im November zog Horthy an der Spitze seiner 24.000 Mann starken \u201eNationalarmee\u201c in das \u201eS\u00fcndenbabel\u201c der R\u00e4terepublik ein. Die \u201eschuldige und s\u00fcndige Stadt\u201c habe die \u201eihre tausendj\u00e4hrige Geschichte verleugnet, &#8230; die nationale Krone und die nationalen Farben in den Staub gezerrt und sich in rote Lumpen geh\u00fcllt\u201c. Die Kommune sei nicht ungarisch, sondern j\u00fcdisch gewesen. Von einem \u201ej\u00fcdischen Dolchsto\u00df in den R\u00fccken des ungarischen Volkes\u201c. <\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_20391\" aria-describedby=\"caption-attachment-20391\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75880.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20391\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75880-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75880-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75880-600x423.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/gwr440_fortepan_75880.jpg 700w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20391\" class=\"wp-caption-text\">Maifeierlichkeiten 1919 in Budapest. Bildquelle: Archiv von fortepan.hu<\/figcaption><\/figure>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Reaktion war unerbittlich<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Alle Organisationen des Proletariats wurden zerschlagen, Arbeiter, die ihre Waffen schon niedergelegt hatten, ermordet. Zehntausende flohen vor Inhaftierung, Liquidierung, Hungersnot und Elend ins Ausland. Die Franzosen deportierten gegen internationales Recht ehemalige rote Milizion\u00e4re nach Marokko und Algerien. Andere wurden vom Milit\u00e4rtribunal zu Zwangsarbeit verurteilt oder nach Guayana verbracht. Die franz\u00f6sisch-rum\u00e4nischen Truppen haben in Budapest den Tod von mehreren Zehntausend Arbeitern zu verantworten. In den Konzentrationslagern dr\u00e4ngten sich drei\u00dfigtausend Gefangene, die Anzahl der Geh\u00e4ngten und Erschossenen wurde auf neuntausend Menschen gesch\u00e4tzt. Die Kommunistische Partei und die Anarchistenunion wurden zu illegalen Bewegungen erkl\u00e4rt. In der neu konstituierten Nationalversammlung sa\u00dfen nur Milit\u00e4rs, Priester, Grundbesitzer und Industrielle.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kass\u00e1k war gezwungen nach Wien zu fliehen. Dort begann er die Arbeit an seiner Autobiografie. 1926 kehrte er nach Ungarn zur\u00fcck. B\u00e9la Kun ging \u00fcber Wien nach Russland und fiel dort 1938 einer \u201eS\u00e4uberung\u201c zum Opfer. Stalin lie\u00df die ungarische Kommune nicht als \u201eproletarische Revolution\u201c gelten. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU wurde Kun rehabilitiert. Die historische Einsch\u00e4tzung der Ungarischen R\u00e4terepublik war von Anfang an kontrovers, doch in den 1920er Jahren w\u00fcrdigten selbst \u201erechte\u201c Kritiker die Leistungen der Kommune f\u00fcr die Volksbildung und ihr kulturelles Schaffen. In Ungarn wird heutzutage nur an die \u201erote Schreckensherrschaft\u201c erinnert, den Faschisten Horthy jedoch verherrlichen die Herrschenden als einen Nationalhelden. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">zinkhund<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 1918 forderten Hunderttausende die Ernennung des Grafen K\u00e1rolyi zum Regierungschef. Der Budapester Soldatenrat lie\u00df Bahnh\u00f6fe, Telefonzentrale, Banken, Br\u00fccken und die Post\u00e4mter besetzen. Offiziere wurden entwaffnet und die politischen Gefangenen befreit. Milit\u00e4rs rissen sich ihre Rangabzeichen ab, steckten als Zeichen des Sieges wei\u00dfe Astern an die Uniformen und in die Gewehrl\u00e4ufe. Die Machteliten in &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/die-tage-der-ungarischen-kommune\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":20388,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Tage der Ungarischen Kommune - graswurzelrevolution","description":"Im November 1918 forderten Hunderttausende die Ernennung des Grafen K\u00e1rolyi zum Regierungschef. 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