{"id":20343,"date":"2019-06-07T16:07:02","date_gmt":"2019-06-07T14:07:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20343"},"modified":"2019-06-10T11:11:18","modified_gmt":"2019-06-10T09:11:18","slug":"zeichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/zeichen\/","title":{"rendered":"Zeichen"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr die Wiener Festwochen 2019 l\u00e4sst die Performance-K\u00fcnstlerin Ula Sickle \u00fcber mehrere Stunden die Besucher*innen eine gro\u00dfe schwarze Fahne hin und her bewegen. Im Begleittext zu der Performance, abgedruckt im Programmheft der Festwochen und auf der Homepage der kanadisch-polnischen K\u00fcnstlerin wird die Fahne in Zusammenhang mit dem \u201eSchwarzen Protest\u201c f\u00fcr Frauenrechte in Polen gebracht, bei dem 2016 auch schwarze Fahnen gehisst und geschwenkt wurden. (1) <\/span><span lang=\"de-DE\">Weiter hei\u00dft es in dem Text: \u201eDie schwarze Fahne jedoch l\u00e4sst sich nicht mit einem bestimmten Kampf in Verbindung bringen und widersetzt sich einer einfachen Interpretation.\u201c (2) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit dem einen bestimmten Kampf hat die Autorin (Andrea Heinz) wohl recht, darauf l\u00e4sst sich die schwarze Fahne nicht festlegen. Aber eine Bewegung ist doch ziemlich sicher mit diesem Zeichen zu assoziieren, n\u00e4mlich der Anarchismus. <\/span><span lang=\"de-DE\">Schon w\u00e4hrend der Pariser Kommune 1871 soll sie gehisst worden sein, die schwarze Fahne, die Truppen Nestor Machnovs galoppierten mit ihr durch die Ukraine und sie geh\u00f6rt zu den Revolten von 1968 wie die Mao-Bibel und die Che-Poster.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine Einf\u00fchrung in Geschichte und Theorie des Anarchismus, die lange Zeit popul\u00e4r war und heute nur noch antiquarisch erh\u00e4ltlich ist, trug deshalb den Titel \u201eUnter der schwarzen Fahne\u201c (geschrieben von Justus F. Wittkopp). Von all dem wissen die K\u00fcnstlerin und die Autorin des Begleittextes offenbar nichts. Das ist erstaunlich, weil doch die Kunst derjenige gesellschaftliche Bereich ist, in dem es professionell neben der Form auch um die Bedeutung von Zeichen geht. Und es ist vielsagend, weil offenbar selbst da die Geschichte des Anarchismus heute nicht mehr pr\u00e4sent ist. Ein Kampf um die Zeichen scheint verloren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was Dinge und Ereignisse bedeuten, ist nicht ein f\u00fcr alle Mal festgelegt. Wir m\u00fcssen aber nicht Semiotiker*innen sein, die sich hauptamtlich mit Zeichen befassen, um zu verstehen, dass es von (politischer) Bedeutung ist, welche (kulturelle) Bedeutung die Zeichen haben. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dass im Kunstfeld die schwarze Fahne nicht dem Anarchismus zugerechnet wird, kann als skurrile Geschichtsvergessenheit einzelner oder eines ganzen Milieus abgetan werden. Es deutet aber auch darauf hin, dass die Bedeutung des Zeichens \u201eschwarze Fahne\u201c im kollektiven Ged\u00e4chtnis nicht mehr sehr verankert ist. Und das sollte uns interessieren, weil wir zwar nicht Semiotik-Freaks sind, aber doch Leute, die ein Interesse am kollektiven Ged\u00e4chtnis haben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wenn eine schwarz beflaggte Demo nur noch f\u00fcr einen Trauermarsch und nicht mehr f\u00fcr ein Statement f\u00fcr eine freie und gerechte Gesellschaft gehalten wird, haben wir ein politisches Kommunikationsproblem. <\/span><span lang=\"de-DE\">Denn was k\u00f6nnte und was sollte die schwarze Fahne bedeuten, was hat sie bedeutet? Sie ist die Verneinung aller Nationalfarben und damit aller Nationalfahnen. Im Gegensatz zur wei\u00dfen Fahne steht sie statt f\u00fcr Kapitulation f\u00fcr den Kampf. Es gibt die schwarze Fahne bekanntlich auch sowohl geteilt \u2013 im Schwarz-Rot des Anarchosyndikalismus \u2013 als auch gepaart, n\u00e4mlich mit anderen Fahnen der Befreiung, wie der Historiker Benedict Anderson es in Bezug auf antikoloniale K\u00e4mpfe beschrieben hat (\u201eUnder Three Flags. <\/span><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Anarchism and the anti-colonial Imagination\u201d, London\/ New York: Verso 2005). <\/span><\/span><span lang=\"de-DE\">Ihre Bedeutung l\u00e4sst sich also nur aus der Beziehung erkennen, die ihr in Abgrenzung zu und im Verbund mit anderen Fahnen zukommt.(3)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Bedeutung steckt nicht wesenhaft in der Fahne selbst. Sie ergibt sich erst in der Beziehung der Zeichen \u2013 Fahne, Farbe \u2013 zu anderen Zeichen. Aus der Relation. Die Relationalit\u00e4t der Bedeutungen hervorzuheben ist einer der Eins\u00e4tze poststrukturalistischer Theorie in den politischen Diskurs. Das ist nicht nur eine akademische Intervention, sondern, wie gesagt, auch politisch relevant. So hat etwa der Philosoph Andrew M. Koch die N\u00fctzlichkeit poststrukturalistischer Theorie f\u00fcr den Anarchismus betont. Er schreibt: \u201eDer Kampf um Befreiung besteht aus politischem Widerstand gegen\u00fcber einem Prozess des semantischen und metaphorischen Reduktionismus, der den Interessen nach Kontrolle und Macht dient\u201c. (4) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was semantisch und metaphorisch g\u00fcltig ist und vermittelt wird, ist politisch nicht nebens\u00e4chlich. Darauf hinzuweisen ist ein Verdienst poststrukturalistischer Theorie. <\/span><span lang=\"de-DE\">Sie zeigt auf, wie Wissensproduktion und kulturelle Repr\u00e4sentation in Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse involviert sind. Dass die Bedeutung von Zeichen relevant und zugleich ver\u00e4nderbar ist, dass sie ein Instrument von Herrschaft ist und eines von Befreiung sein kann, das ist eine grundlegende Einsicht des Postanarchismus. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine Konsequenz daraus kann der Versuch sein, sich der ganzen Zuordnung und Bedeutungsgebung ganz zu entziehen. Saul Newman etwa nennt genau das postanarchistisch: die anarchistische Kritik an der Repr\u00e4sentation \u2013 das eine steht f\u00fcr das andere, die einen vertreten die anderen \u2013 soweit treiben, dass sie auf \u201eeine Ablehnung, sichtbar und damit f\u00fcr eine bestimmte Identit\u00e4t repr\u00e4sentierbar zu sein\u201c (5) hinausl\u00e4uft. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine andere Konsequenz w\u00e4re \u2013 und die w\u00fcrde ich als nicht weniger postanarchistisch beschreiben \u2013, sich in das Kampfget\u00fcmmel um die Zeichen zu st\u00fcrzen und um die Verankerung jedes sichtbaren Hinweises auf anarchistische Geschichte und Politik zu bem\u00fchen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die schwarze Fahne ist selbstverst\u00e4ndlich nur ein Beispiel. Es gibt viele andere. Wenn unter \u201ealternative Medien\u201c heute nurmehr die Organe des ultrarechten Ressentiments subsumiert werden und nicht mehr die Geschichte feministischer, sozialistischer und libert\u00e4rer Aufbr\u00fcche nach 1968 aufscheint oder wenn der 1. Mai nur noch als ordin\u00e4rer Feiertag und nicht mehr als anarchistisch inspirierter Tag des Kampfes f\u00fcr die Entrechteten und Marginalisierten gelesen wird, steht \u00c4hnliches auf dem Spiel: Der Kampf um die Bedeutung der Zeichen ist auch ein Kampf um die Zukunft emanzipatorischer, gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen! Denn die Interpretation von Zeichen motiviert auch das Handeln der Menschen.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Wiener Festwochen 2019 l\u00e4sst die Performance-K\u00fcnstlerin Ula Sickle \u00fcber mehrere Stunden die Besucher*innen eine gro\u00dfe schwarze Fahne hin und her bewegen. 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