{"id":2042,"date":"1998-06-01T00:00:46","date_gmt":"1998-05-31T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2042"},"modified":"2011-11-12T18:10:25","modified_gmt":"2011-11-12T16:10:25","slug":"zur-geschichte-der-graswurzelrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/06\/zur-geschichte-der-graswurzelrevolution\/","title":{"rendered":"Zur Geschichte der Graswurzelrevolution"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am n\u00e4chsten kommt, ist die &#8218;Gewaltfreie Aktion&#8216;. Nicht zuf\u00e4llig tr\u00e4gt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen <strong>Graswurzelrevolution<\/strong>.&#8220; ((1))<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Jahre 1972 erschien erstmals die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong>. Ihre Geschichte mu\u00df im politischen und historischen Kontext mit der Entwicklung des libert\u00e4ren Pazifismus gesehen werden:<\/p>\n<p>In den zwanziger Jahren hatte die anarchistisch-pazifistische Bewegung in Deutschland zahlreiche Periodika wie <strong>Junge Anarchisten<\/strong> (1923-1931) und <strong>Die Schwarze Fahne<\/strong> (1925- 1929) ((2)) hervorgebracht. 1933 wurde die Bewegung zerschlagen, die libert\u00e4r-antimilitaristische Literatur, wie z. B. &#8222;Krieg dem Kriege&#8220; von Ernst Friedrich, das meistverbreitete antimilitaristische Buch der zwanziger Jahre, war unmittelbar nach der Macht\u00fcbernahme durch die Nationalsozialisten verboten worden, fiel den B\u00fccherverbrennungen zum Opfer und wurde erst nach 1968 wieder neu entdeckt und aufgelegt. Nach 1945 war die Tradition des libert\u00e4ren Antimilitarismus weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Nazis hatten nicht nur zahllose Menschen, sondern auch viele Erinnerungen vernichtet. So verf\u00fcgte die, u. a. durch den indischen Politiker Mahatma Gandhi beeinflu\u00dfte, gewaltfreie Bewegung im Nachkriegsdeutschland \u00fcber wenig libert\u00e4re Ankn\u00fcpfungspunkte. Die Geschichte einer anarchistisch-pazifistischen Bewegung in Deutschland war ihr nicht bewu\u00dft. In der Zeit des kalten Krieges entstand in der Bundesrepublik zwar eine Massenbewegung gegen Remilitarisierung, Aufr\u00fcstung und Atombewaffnung. Der Einflu\u00df anarchistischer Gruppen auf die pazifistische Bewegung war aber kaum wahrnehmbar. Die gewaltfreien AktivistInnen in der Bundesrepublik waren in den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren zum gro\u00dfen Teil entweder christlich oder etatistisch-sozialistisch orientiert. Das begann sich erst ab Mitte der sechziger Jahre zu \u00e4ndern, mit der Gr\u00fcndung der ersten Graswurzelgruppen. Sie wurden nicht zuletzt durch franz\u00f6sische, schweizerische, britische und US-amerikanische AktivistInnen und Publikationen aus dem Umfeld der international vernetzten War Resisters&#8216; International (WRI) ((3)) beeinflu\u00dft. ((4)) Nach einer umstrittenen These des Anarchismusforschers G\u00fcnther Bartsch, gr\u00fcndeten sich die Graswurzelgruppen in der Bundesrepublik als Teil der in den USA entstandenen und auf den Dichter Walt Whitman zur\u00fcckzuf\u00fchrenden grassrootsmovement. ((5))<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;(&#8230;) da\u00df &#8218;grassrootsmovement&#8216; auf Walt Whitman zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, ist eine Spekulation von G\u00fcnther Bartsch, die innerhalb der <strong>GWR<\/strong>-Gr\u00fcnderInnen keine Rolle gespielt hat. Die Frage woher Graswurzelrevolution als Begriff tats\u00e4chlich kommt oder wo es aufgegriffen wurde, ist (..) uns selbst nicht klar. Wolfgang Hertle f\u00fchrt die Herkunft auf eine Aktivistin aus Prag &#8217;68 zur\u00fcck (&#8230;), andere Gr\u00fcnder bezweifeln, da\u00df der Begriff dort entstand und glauben, da\u00df mit den ersten Schriften von Theodor Ebert der Begriff schon aus dem Angloamerikanischen entlehnt wurde, aber ohne direkten Bezug auf Walt Whitman. Jedenfalls entspricht der direkte Bezug auf Walt Whitman nicht der Realit\u00e4t.&#8220; ((6))<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Jahre 1965 gr\u00fcndete Wolfgang Zucht ((7)) gemeinsam mit anderen Menschen aus Hannover die libert\u00e4r- pazifistische <strong>Direkte Aktion<\/strong>, &#8222;Bl\u00e4tter f\u00fcr Anarchismus und Gewaltlosigkeit&#8220; (Untertitel). Dieses hektographierte &#8222;Organ gewaltfreier Anarchisten&#8220; (Untertitel) wurde monatlich bis 1966 als Zeitschrift zur Theorie und Praxis des gewaltfreien Anarchismus publiziert. Zucht verlie\u00df Ende der sechziger Jahre gemeinsam mit Helga Weber die Bundesrepublik. Sie zogen nach Gro\u00dfbritannien und leisteten dort als Aktive der WRI einen wichtigen Beitrag zur internationalen Vernetzung der GraswurzelaktivistInnen. ((8)) Nach ihrer R\u00fcckkehr bauten beide die Ende 1974 in Kassel gegr\u00fcndete Graswurzelwerkstatt auf.<\/p>\n<p>Zwei Jahre vorher hatte Wolfgang Hertle ((9)) gemeinsam mit anderen gewaltfrei-libert\u00e4ren SozialistInnen die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> gegr\u00fcndet. Die Nullnummer erschien im Sommer 1972 in Augsburg. In Konzept und Ausrichtung wurde das neue Blatt inspiriert u.a. durch die im frankophonen Sprachraum von der gleichnamigen Gruppe verbreitete gewaltfrei-anarchistische <strong>Anarchisme et Nonviolence<\/strong> (Lausanne), durch die heute noch in London erscheinende <strong>Peace News<\/strong> und durch die <strong>Direkte Aktion<\/strong> (Hannover). ((10))<\/p>\n<p>Das erste Redaktionskollektiv orientierte sich an Bewegungen in anderen L\u00e4ndern, z.B. in Gro\u00dfbritannien und den USA. Dort hatte Mahatma Ghandis Instrumentarium im Kampf gegen die Atombombe und f\u00fcr die B\u00fcrgerInnenrechte eine Weiterentwicklung erfahren und &#8222;the grassrootsmovement&#8220; war bereits st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt. Die Redaktion der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> bemerkte im Sommer 1972 selbstkritisch:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;(&#8230;) die erste Nummer hat erstens den Fehler, mehr Nachrichten aus dem Ausland zu bringen als aus Deutschland, zweitens fast nur \u00fcber antimilitaristische Arbeit zu berichten.&#8220; ((11))<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu dieser Zeit funktioniere die internationale Zusammenarbeit in der gewaltfreien Bewegung au\u00dferhalb der Bundesrepublik besser als die Zusammenarbeit deutscher Gruppen untereinander.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Deshalb: \u00dcberwindet Eure Tr\u00e4gheit und helft mit, den Kontakt zwischen m\u00f6glichst allen Gruppen in unserer Richtung herzustellen ohne den eine Zusammenarbeit nicht m\u00f6glich ist.&#8220; ((12))<\/p><\/blockquote>\n<p>Von Anfang an bem\u00fchte sich die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong>, Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreitern und weiterzuentwickeln. Dabei wurde versucht, neben der Kritik an den bestehenden Verh\u00e4ltnissen, sich &#8222;heute zumindest schon in Ans\u00e4tzen so zu organisieren, wie sp\u00e4ter die Gesellschaft insgesamt sein soll.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>Ein erkl\u00e4rtes Ziel der Graswurzelrevolution war und ist es, den Zusammenhang zwischen Gewaltfreiheit und freiheitlichem Sozialismus aufzuzeigen und dazu beizutragen, &#8222;da\u00df die pazifistische Bewegung libert\u00e4r sozialistisch und die linkssozialistische Bewegung in ihren Kampfformen gewaltfrei&#8220; ((14)) werde.<\/p>\n<p>Mit Graswurzelrevolution werde eine tiefgreifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung bezeichnet, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr eine Welt, in der die Menschen nicht l\u00e4nger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, \u00dcberzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Wir streben an, da\u00df Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine f\u00f6deralistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden.&#8220; ((15))<\/p><\/blockquote>\n<p>Seit der Nr. 53\/1981 erscheint das anfangs alle zwei bis drei Monate herausgebrachte Periodikum monatlich mit einer Sommerpause im Juli\/August und seit 1989 mit einer achtseitigen Beilage &#8222;libert\u00e4re Buchseiten&#8220; im Oktober. Produziert wurde es von wechselnden Redaktionen in Augsburg (Nr. 0\/Sommer 1972 bis Nr. 4\/5\/1973), Berlin (Nr. 8\/1974 &#8211; Nr. 19\/1976), G\u00f6ttingen (Nr. 20\/21\/1976 &#8211; Nr. 28\/1978), Hamburg (Nr. 29\/1978 bis Nr. 123\/Feb. 1988), Heidelberg (Nr. 124\/Mai 1988 bis Nr. 167\/Sommer 1992), Wustrow (Nr. 168\/Sept. 1992 bis Nr. 201\/Okt. 1995) und seit November 1995 (Nr. 202 ff.) wird sie in Oldenburg herausgegeben. Dabei pr\u00e4gten die wechselnden Redaktionskollektive jeweils einen eigenen Layoutstil. Von Nr. 47 (April 1980) bis Nr. 121 (Nov. 1987) erschien die Zeitschrift &#8222;f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft&#8220; (Untertitel) als Magazin mit durchschnittlich 40 Seiten im Format DIN A4, statt als Streifbandzeitung mit 20 bis 30 Seiten in Tageszeitungsformat. Im Vergleich zu vielen anderen &#8211; h\u00e4ufig chaotisch wirkenden und zum Teil nur schwer lesbaren Szenebl\u00e4ttern &#8211; fiel die <strong>GWR<\/strong> von Anfang an auf durch ein &#8222;sauberes, gekonntes Layout, das das Lesen zur Freude macht.&#8220; ((16)) Seit Dezember 1995 erscheint sie mit einem neuen Layout im Stil der Berliner <strong>taz<\/strong>.<\/p>\n<p>Die verkaufte Auflage blieb bis heute relativ konstant: Es wurden in der Regel nicht weniger als 3 000 und nicht mehr als 5 000 Exemplare verkauft. ((17))<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;5 000 waren es auf dem H\u00f6hepunkt der Proteste gegen die Nachr\u00fcstung.&#8220; ((18))<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Handverkauf wurde und wird sie nicht nur auf politischen Veranstaltungen angeboten, sondern vor allem dort, wo die sozialen Bewegungen sichtbar werden: bei einer antirassistischen Fahrradtour entlang der deutsch-polnischen Grenze genauso wie beim Castor-Transport im Wendland. Als Verkaufsstellen fungierten und fungieren auch zahlreiche linke Buch- und Infol\u00e4den und seit September 1995 wird die <strong>GWR<\/strong> auch an Kiosken in Berlin und anderen Gro\u00dfst\u00e4dten verkauft.<\/p>\n<p>Die presserechtliche Verantwortung rotierte und rotiert innerhalb des HerausgeberInnenkreises. Bis auf ein bis zwei bezahlte MitarbeiterInnen ((19)), die sich u.a. um Druck, Layout und Vertrieb k\u00fcmmern, arbeiten bis heute alle RedakteurInnen ehrenamtlich. Die Redaktion war und ist dezentral organisiert.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;F\u00fcnfzehn Frauen und M\u00e4nner im Alter zwischen Mitte 20 und 60 arbeiten gegenw\u00e4rtig im Herausgeberkreis mit und kommen regelm\u00e4\u00dfig aus allen Teilen der Bundesrepublik zusammen. (&#8230;) Wer in der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> publiziert, kann sich nicht einmal einen Namen machen (&#8230;).&#8220; ((20))<\/p><\/blockquote>\n<p>Die meisten Artikel erscheinen bis heute unter Pseudonymen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wenn ein Pseudonym oft wiederkehrt, wird es gewechselt. Nicht die Personen, sondern die Inhalte sollen im Vordergrund stehen. Prominenz, und sei es nur die in der Szene der Gewaltfreien oder Anarchisten, steht eben im Widerspruch zur Abschaffung jedweder Herrschaft.&#8220; ((21))<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf den Graswurzelrevolution-Bundestreffen, die in den siebziger Jahren von der Graswurzelwerkstatt organisiert und offiziell vom Netzwerk gewaltfreier Aktionsgruppen und nach ihrer Gr\u00fcndung von der F\u00f6GA zweimal im Jahr ausgerichtet wurden und werden, waren und sind vor allem Totalverweigerer, Gewaltfreie aus der Anti-AKW-Bewegung und AnarchistInnen pr\u00e4sent. Eingeladen wurden und werden dazu alle der Graswurzelbewegung nahestehenden Projekte und Personen sowie alle Gewaltfreien Aktions- und Graswurzelgruppen. Die Graswurzelbundestreffen waren und sind dazu da, Diskussionen \u00fcber Gewaltfreie Theorie, Aktion und Revolution zu f\u00fchren und voranzubringen, aber auch um an konkreten Aktionen und Kampagnen zu arbeiten.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Bundestreffen bieten die M\u00f6glichkeit \u00fcber den Tellerrand der eigenen Gruppe, Stadt oder sozialen Bewegung hinauszuschauen, die nicht nur am selben Thema, z.B. Atomkraft, Rassismus oder Militarismus, arbeiten, sondern dies auch auf die selbe Weise und mit dem selben Ziel, einer gewaltfreien und herrschaftslosen Gesellschaft, tun.&#8220; ((22))<\/p><\/blockquote>\n<p>Wichtiger als der Austausch von Erfahrungen und die Weitergabe von Wissen, sei das Kn\u00fcpfen politischer und pers\u00f6nlicher Kontakte. Denn durch das aus diesen Kontakten gesponnene Netz gewaltfreier AktivistInnen, Gruppen und Projekte w\u00fcrden die meisten Aktionen und Kampagnen erst m\u00f6glich, so die K\u00f6lner Graswurzelwerkstatt in der <strong>GWR<\/strong> Nr. 220.<\/p>\n<p>Die ersten Aktionen der GraswurzlerInnen lagen im antimilitaristischen Bereich; erste Kontakte zwischen den verschiedenen gewaltfreien Gruppen im Graswurzelzusammenhang entstanden 1972 \u00fcber Unterst\u00fctzungsaktionen f\u00fcr inhaftierte, spanische Kriegsdienstverweigerer. F\u00fcr diese Kampagnen ebenso wie f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Aktionen gegen die franz\u00f6sischen Atomwaffentests im Pazifik wurde damals in der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> mobilisiert.<\/p>\n<p>Im Jahre 1974 nahmen GraswurzlerInnen an der Internationalen Widerstandskampagne teil, einem Zusammenschlu\u00df von Kriegsdienstverweigerern aus verschiedenen L\u00e4ndern, die die Wehrpflicht und jeden staatlichen Zwangsdienst ablehnten. Aus dieser Gruppe ging die Gr\u00fcndung der Totalverweigererorganisation Kollektiver gewaltfreier Widerstand (KGW) hervor. ((23))<\/p>\n<p>Weitere Aktivit\u00e4ten von GraswurzlerInnen im antimilitaristischen Bereich waren z.B. Wehrpa\u00dfverbrennungen als Protest gegen die Einschr\u00e4nkung des KDV-Rechts 1977, die Mitorganisation der antimilitaristischen M\u00e4rsche seit 1976, die Besch\u00e4ftigung mit dem Thema &#8222;Frauen und Milit\u00e4r&#8220;, Aktionen gegen die Milit\u00e4rparade der alliierten Truppen in West-Berlin, gegen Waffenausstellungen und Rekrutenvereidigungen. Die, dem Anarchismus nicht gerade wohlgesonnene Ostberliner Akademie f\u00fcr Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED bescheinigte den Graswurzel-AnarchistInnen eine gro\u00dfe Rolle innerhalb der Friedenbewegung:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Anarcho-Pazifisten waren (&#8230;) in den letzten Jahren auch vielfach mit Hauptorganisatoren von &#8218;Internationalen Gewaltlosen M\u00e4rschen f\u00fcr Entmilitarisierung&#8216; in westeurop\u00e4ischen Staaten, mit denen gegen das weitere Drehen an der R\u00fcstungsschraube protestiert werden sollte.&#8220; ((24))<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Februar 1978 erschien die &#8211; 1997 neu aufgelegte &#8211; Brosch\u00fcre &#8222;Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland&#8220; als Beilage der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> Nr. 34\/35. In dieser &#8222;Politische(n) Erkl\u00e4rung gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero- Aff\u00e4re&#8220; (Untertitel) hatten die GraswurzlerInnen eine ausf\u00fchrliche gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die Politik im &#8222;Deutschen Herbst&#8220; 1977 und die Repression am Beispiel der &#8222;Mescalero-Aff\u00e4re&#8220; ((25)) analysiert. Die &#8222;staatliche Terroristenhatz&#8220;, so die AutorInnen der &#8222;Feldz\u00fcge&#8220;, w\u00fcrden haupts\u00e4chlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gef\u00e4hrliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen. ((26))<\/p>\n<p>Die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> und ihr Umfeld hatte in den siebziger Jahren gro\u00dfen Einflu\u00df auf die entstehende Anti-AKW-Bewegung. So konstatierte ein Redakteur der <strong>GWR<\/strong> im Juni 1997 r\u00fcckblickend:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Insbesondere die erste Platzbesetzung in Wyhl wurde vom Konzept her von der GA Freiburg mit den BI&#8217;s ausgearbeitet. Bauplatzbesetzungen sind also origin\u00e4r von uns erstmals propagierte und organisierte Aktionsformen gewesen.&#8220; ((27))<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Umfeld der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> entwickelte sich ein Netz Gewaltfreier Aktionsgruppen, das aus Gruppen und Einzelpersonen bestand, die ihren Arbeitsschwerpunkt \u00fcberwiegend in der Anti-AKW-, in der antimilitaristischen und sp\u00e4ter auch in der antisexistischen Bewegung hatten. Aus diesem Netzwerk bildete sich 1980 eine verbindlichere Struktur, die F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA). Die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> wurde ab 1981 von der F\u00f6GA herausgegeben. Bedingt durch die Krise der F\u00f6GA sank die Auflage der <strong>GWR<\/strong> 1987 auf 2 400 Exemplare und die Redaktion k\u00fcndigte im Dezember 1987 an, das angeschlagene Projekt einzustellen. ((28)) Daraufhin reaktivierte sich der explizit anarchistische Fl\u00fcgel der nicht nur aus AnarchistInnen bestehenden Graswurzelbewegung, um die Zeitschrift zu retten. Dies f\u00fchrte zu Konflikten innerhalb der u.a. aus AnarchistInnen, PazifistInnen und Feministinnen bestehenden F\u00f6GA. ((29)) Zu einem offenen Bruch kam es zwar nicht, seit Juni 1988 wird die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> jedoch nicht mehr von der F\u00f6GA, sondern von einem unabh\u00e4ngigen HerausgeberInnenkreis herausgegeben, dessen MitarbeiterInnen der F\u00f6GA unterschiedlich nahestehen.<\/p>\n<p>Die Prinzipienerkl\u00e4rung der F\u00f6GA spiegelt nicht nur die \u00fcblichen anarchistischen Prinzipien wider, sondern blieb bis heute ein konzeptioneller Leitfaden f\u00fcr die Ausrichtung der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong>. Folglich wird jede nationalstaatliche Grenzziehung abgelehnt, eine selbstverwaltete sozialistische Wirtschaftsordnung angestrebt und die Ersetzung des Staates durch ein Gemeinwesen gefordert, in dem &#8222;Minderheiten und Menschenrechte sowie Formen direkter basisdemokratischer Entscheidungsfindung verwirklicht&#8220; sind. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Frauen und M\u00e4nner ihr Leben frei gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Deshalb k\u00e4mpfen wir gegen Strukturen, in denen M\u00e4nnergewalt allgegenw\u00e4rtig und die Unterdr\u00fcckung von Frauen allt\u00e4glich sind.&#8220; ((30))<\/p><\/blockquote>\n<p>Frauenbefreiung hei\u00dfe, da\u00df Frauen um ihre Selbstbestimmung k\u00e4mpfen. Als ein Weg des Frauenwiderstandes bef\u00fcrworten die GraswurzlerInnen die Schaffung von separaten R\u00e4umen von und f\u00fcr Frauen, in denen Schutz gew\u00e4hrleistet, Widerstand organisiert und St\u00e4rke entfaltet wird.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;M\u00e4nner wehren sich gegen die patriarchale Gesellschaft und Kultur, um sich von dem herrschenden M\u00e4nnlichkeitsideal zu befreien.&#8220; ((31))<\/p><\/blockquote>\n<p>In diesem Sinne sei der Kampf der M\u00e4nner gegen das Patriarchat f\u00fcr sie in erster Linie M\u00e4nnerbefreiung.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir bem\u00fchen uns, innerhalb unserer Gruppen und Strukturen m\u00e4nnliche Bevormundung und Gewalt gegen\u00fcber Frauen zu beseitigen.&#8220; ((32))<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein wirklicher Schutz von Lebewesen und gesellschaftlichen Errungenschaften sei nur durch soziale, gewaltfreie Formen der Verteidigung m\u00f6glich. Durch einseitige und bedingungslose Abr\u00fcstung sollten daher das Milit\u00e4r und die R\u00fcstungsproduktion vollst\u00e4ndig abgeschafft werden.<\/p>\n<p>Verglichen mit &#8222;the grassrootsmovement&#8220; im anglo-amerikanischen Raum, f\u00fcllten die <strong>GWR<\/strong> und die sie tragenden Gewaltfreien Aktionsgruppen in der Bundesrepublik den Begriff Graswurzelrevolution im Laufe der Zeit mit radikaleren Inhalten. ((33))<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Unsere Ziele sollen &#8211; soweit es geht &#8211; in unseren Kampf- und Organisationsformen vorweggenommen werden. Um Herrschafts- und Gewaltstrukturen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und zu zerst\u00f6ren, setzen wir gewaltfreie Aktionsformen ein.&#8220; ((34))<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu den direkten gewaltfreien Aktionen wurden und werden u.a. Besetzungen, Hungerstreiks, Boykotts, Blockaden, ziviler Ungehorsam und Sabotage gez\u00e4hlt. Die GraswurzelaktivistInnen lehnten und lehnen personenverletzende Gewalt ab, nicht jedoch &#8222;Gewalt gegen Sachen&#8220;. ((35))<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Sachen erleiden keine Gewalt. Sabotage an kriegsrelevanten G\u00fctern als direkte gewaltfreie Aktion ist daher ein legitimes Mittel.&#8220; ((36))<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Propagieren direkter Aktionen brachte der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> mindestens zwei Ermittlungsverfahren nach \u00a7 111 StGB ((37)) wegen &#8222;\u00f6ffentlicher Aufforderung zu Straftaten&#8220; ein. Wegen des in der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> Nr. 110 (Dez. 1986) abgedruckten Artikels unter der \u00dcberschrift &#8222;Wenn der Strommast f\u00e4llt &#8230; &#8211; \u00dcberlegungen zu Sabotage als direkte gewaltfreie Aktion&#8220; wurde im April 1987 das erste Verfahren eingeleitet. In dem inkriminierten Artikel hatte der Graswurzelanarchist &#8222;G. Waltfrei&#8220; detailiert seine Erfahrungen beim Aufbau einer der &#8211; nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in vielen Orten entstandenen &#8211; &#8222;S\u00e4gefisch&#8220;-Gruppen beschrieben. &#8222;Wir haben einen Hochspannungsmasten umges\u00e4gt. Ich verstehe diese Aktion als gewaltfrei und will im folgenden von meiner Erfahrung ausgehend eine Einsch\u00e4tzung des Verh\u00e4ltnisses von pers\u00f6nlichen Risiko zum Nutzen geben.&#8220; ((38))<\/p>\n<p>Mit dem umfangreichen Artikel wolle er u.a. die Frage der &#8222;Perspektive von Sabotage&#8220; diskutieren, f\u00fcr eine Einbettung von Sabotageaktionen als Unterst\u00fctzung von gewaltfrei-libert\u00e4ren Kampagnen Zivilen Ungehorsams pl\u00e4dieren und die f\u00fcr die Widerstandsperspektiven problematischen und fruchtbaren Seiten von Sabotage benennen, so der Graswurzel-Anarchist.<\/p>\n<p>Im Juli 1987 wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt.<\/p>\n<p>Neben der Anti-AKW-Politik blieb in den achtziger und neunziger Jahren der Kampf gegen Krieg, Waffenhandel, Armee und die Totalverweigerung von Kriegs- und Ersatzdienst, der als Teil der militaristischen Gesamtstrategie verstanden und abgelehnt wird, eines der wichtigsten Aktionsfelder der bundesrepublikanischen Graswurzelbewegung. Im Jahre 1987 waren die Aktivit\u00e4ten gegen die NATO-Stabsrahmen\u00fcbung Wintex\/Cimex ein Arbeitsschwerpunkt der Graswurzelgruppen und ein Ziel der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> war es,<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;(&#8230;) die Einplanung der Zivilbev\u00f6lkerung in die milit\u00e4rische Kriegsf\u00fchrungsstrategie aufzuzeigen.&#8220; ((39))<\/p><\/blockquote>\n<p>Die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> organisierte mehrere antimilitaristische Kongresse und brachte 1987 mit der Sondernummer &#8222;Soziale Verteidigung&#8220; alternative Verteidigungskonzepte bundesweit in die Diskussion. Der antimiltaristische Arbeitsschwerpunkt wurde und wird nicht nur in den monatlichen <strong>GWR<\/strong>-Ausgaben und besonders bei aktuellen Anl\u00e4ssen offenbar &#8211; etwa dem 2. Golfkrieg 1990\/91 oder dem Krieg in Ex- Jugoslawien &#8211; sondern auch in einigen Extranummern, so dem <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> Sonderheft Nr. 113\/114 &#8222;Widerstand gegen die Wehrpflicht&#8220; (Hamburg, August 1987), dem Sonderheft Nr. 117\/118 &#8222;Sozialgeschichte des Antimilitarismus&#8220; (Hamburg, 1988) und dem Sonderheft Nr. 208\/209 zum 75j\u00e4hrigen Bestehen der War Resisters&#8216; International &#8222;Vom Widerstand gegen den Krieg zur gewaltfreien Revolution?&#8220; &#8211; Perspektiven internationaler gewaltfreier Vernetzung gegen globale Gewaltstrukturen&#8220; (Oldenburg, Mai 1996).<\/p>\n<p>Am 17. Juli 1991 wurden die <strong>GWR<\/strong>-Redaktionsr\u00e4ume und die Privatwohnung des offiziellen <strong>GWR<\/strong>-Verlagsvorsitzenden in Heidelberg von zwei Staatsanw\u00e4lten und vier Beamten der Heidelberger Staatsschutzabteilung durchsucht. ((40)) Anla\u00df f\u00fcr die Durchsuchungen war ein Artikel in der <strong>GWR<\/strong> Nr. 154 (M\u00e4rz 1991), die das zweite Golfkriegsflugblatt des Aktionsb\u00fcndnisses &#8222;Kein Krieg am Golf&#8220; beinhaltete, welches neben der 4 500er Auflage der <strong>GWR<\/strong> noch einmal 30 000mal extra gedruckt worden war, um der Antigolfkriegsbewegung bundesweit eine Orientierung auf Aktionen gegen Bundeswehr und Rekrutenz\u00fcge nahezulegen und um eine Aktionsperspektive \u00fcber den 2. Golfkrieg hinaus zu er\u00f6ffnen. ((41)) Beschlagnahmt wurden die Druckvorlagen der Flugschrift und verschiedene Zeitschriften und Flugbl\u00e4tter, die sich mit dem 2. Golfkrieg und Kriegsdienstverweigerung besch\u00e4ftigten, die Blockade von Rekrutenz\u00fcgen propagierten oder Bundeswehrsoldaten zur Desertion aufriefen.<\/p>\n<p>Auch dieses zweite \u00a7 111 StGB Ermittlungsverfahren wurde nach einigen Monaten eingestellt.<\/p>\n<p>Arbeitsschwerpunkte der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> waren und sind auch in den Bereichen \u00d6kologie, alternative Projekte, Anarchismus und Frauenbewegung auszumachen.<\/p>\n<p>Sonderhefte mit jeweils rund 100 DIN A4 Seiten Umfang und Auflagen von 6 000 bis 7 000 Exemplaren erschienen zum Thema &#8222;Alternative \u00d6konomie&#8220; (<strong>GWR<\/strong> Nr. 90\/91, Kassel, Winter 1984) und &#8222;Zur Kritik der parlamentarischen Demokratie. &#8218;Wer w\u00e4hlt, hat die eigene Stimme bereits abgegeben!'&#8220; (Nr. 146\/47\/48, Heidelberg, Herbst 1990).<\/p>\n<p>Zudem wurden zu bestimmten Anl\u00e4ssen Extraausgaben mit Auflagen von jeweils 40 000 Exemplaren publiziert: Zur Bundestagswahl 1994 erschien &#8222;Wenn Wahlen was ver\u00e4ndern w\u00fcrden, w\u00e4ren sie verboten &#8211; Eine Sonderver\u00f6ffentlichung der Zeitung <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> zum &#8218;Superqualjahr&#8216; 1994&#8243;; im April 1995 erreichte die &#8222;Aktionszeitung f\u00fcr die sofortige Stillegung aller Atomanlagen ATOMKONSENS IST NONSENS&#8220; viele Menschen auch au\u00dferhalb der anarchistischen Bewegung und trug zur Mobilisierung gegen Atomtransporte bei.<\/p>\n<p>In einer Selbstdarstellung etikettierte sich die <strong>GWR<\/strong> als &#8222;anarchistisch, gewaltfrei, antisexistisch&#8220; und skizzierte ihre Themen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Theorie und Praxis des gewaltfreien Anarchismus, soziale Bewegungen, Utopien und Projekte (&#8230;), Staat und Krieg, Befreiung im Alltag, \u00d6kologie, Widerstand mit Phantasie, anarchistischer Antifaschismus, gewaltfreie Bewegungen weltweit, anarchistische Kommentare zur aktuellen Politik, (&#8230;) Kampf gegen Rassismus und Sexismus, Portraits historischer Personen (&#8230;).&#8220; ((42))<\/p><\/blockquote>\n<p>Historisch bezogen sich die zahlreichen AutorInnen der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> einerseits auf bekannte und weniger bekannte AnarchistInnen, z.B. Emma Goldman, Michail Bakunin, Erich M\u00fchsam, Ernst Friedrich, Gustav Landauer und Rudolf Rocker. Andererseits aber auch auf Feministinnen wie Clara Wichmann und Pazifisten, wie den u.a. durch die Schriften von Tolstoi und Kropotkin beeinflu\u00dften indischen Politiker Mahatma Gandhi und den nicht anarchistisch orientierten afro-amerikanischen B\u00fcrgerrechtler und Christen Martin Luther King.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Gemeinsamer Nenner dieser Vielfalt, in der sich auch viele Nicht-Anarchisten wohl f\u00fchlen, ist das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit.&#8220; ((43))<\/p><\/blockquote>\n<p>Mehr als zwanzig Jahre nach Erscheinen der Nullnummer, zog die Redaktion der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> auf 92 DIN A4 Seiten der Sondernummer 171\/72\/73 (&#8222;Texte zu Anarchismus und Gewaltlose Revolution heute&#8220;) eine Bilanz und erl\u00e4uterte die gewaltfrei-anarchistischen Vorstellungen: Der Kampf um Befreiung m\u00fcsse immer ein Kampf gegen Gewalt sein.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Gewalt verstehen wir dabei nicht nur als direkte, personale Gewalt, die Menschen bedroht, foltert, verletzt oder t\u00f6tet. Es ging uns immer um die Gewalt der Strukturen, die oft so zivilisiert erscheint, so unmerklich und gewohnheitsm\u00e4\u00dfig auf Menschen lastet.&#8220; ((44))<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Leiden an Ungerechtigkeit, fehlenden M\u00f6glichkeiten freier Entfaltung, an Armut und Entw\u00fcrdigung sei ebenso Gewalt wie die offen bewaffnet auftretende.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir haben immer die Sicht zur\u00fcckgewiesen, die Gewalt der Strukturen pazifiere die Menschen und hindere sie so an blutiger direkter Gewalt. Und wir haben die Erwartung kritisiert, durch bewaffnete Gegengewalt (&#8230;) werde die strukturelle Gewalt von Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen wirksam bek\u00e4mpft.&#8220; ((45))<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Moral der Revolte schlie\u00dfe den Mord aus, und der Mord zerst\u00f6re die Moral der Revolte. Allzu h\u00e4ufig seien aus bewaffneten Befreiungsbewegungen neue Herrschaftsverh\u00e4ltnisse hervorgegangen; die Verkriegung der Revolution, die hierarchische Organisation, die allein effektive milit\u00e4rische Aktionen erm\u00f6gliche, beeintr\u00e4chtige die befreienden Ziele. In diesem Sinne habe Bart De Light recht, der seine gewaltfrei-anarchistische Haltung in dem Satz zusammenfasste: &#8222;Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution&#8220;. F\u00fcr Revolution\u00e4rInnen sei Gewalt nicht die L\u00f6sung, sondern Teil des Problems.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Das wird heute, nach dem Niedergang des Staats&#8217;sozialismus&#8216; und dem vorhersehbaren Ende vieler nationaler Befreiungsbewegungen im Nationalen, von mehr Menschen verstanden als vor zwanzig Jahren, als wir gegen den Strom der Begeisterung f\u00fcr antiimperialistische Revolutionen in der Dritten Welt und marxistisch-leninistische Konzeptionen schwimmen mu\u00dften.&#8220; ((46))<\/p><\/blockquote>\n<p>Allerdings w\u00fcrden heute weniger Menschen als damals die Kritik der staatlichen und kapitalistischen Gewalt nachvollziehen. Da\u00df Lohnarbeit ein Skandal sei, monopolisierte und legitimierte Gewalt der Staaten nichtsdestoweniger Gewalt, sogar eine industrialisierte und zu umfassender Vernichtung f\u00e4hige, das gelte heute als eine h\u00f6chst unpraktische Erkenntnis. Da ein Absterben des Staates nur wenigen noch vorstellbar sei und die B\u00fcrokratie alle Lebensbereiche durchdringe, ideologisiere man die bestehenden Strukturen lieber vor der Negativfolie von Milit\u00e4rdiktatur und Stalinismus zur &#8222;Zivilgesellschaft&#8220;. Da\u00df Demokratie in direkten Formen m\u00f6glich sei, da\u00df Parlamente die Verantwortlichkeit und direkte Entscheidung der Menschen gerade nicht zulassen, werde heute nur noch von wenigen Menschen so gesehen. Mit der Partei der Gr\u00fcnen h\u00e4tten &#8222;Lernprozesse&#8220; zur\u00fcck in die staatlichen Strukturen bei vielen Menschen stattgefunden, die eine radikale Kritik an den kapitalistisch-etatistischen Gesellschaften, an Kriegsvorbereitungen und Umweltzerst\u00f6rung ge\u00fcbt hatten. Aber die Hoffnung auf eine &#8222;Anti-Partei&#8220; sei ebenso praktisch widerlegt wie anderswo Erwartungen an eine &#8222;befreiende Gewalt&#8220;. Die Strukturen seien st\u00e4rker als gute Absichten und W\u00fcnsche. Statt der direkten Demokratie, der auch-parlamentarischen Vertretung von B\u00fcrgerinitiativen sei ein &#8222;ganz normaler Apparat&#8220; entstanden. Diesem Realismus habe sich die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> verweigert. Gerade in der Krise des \u00f6konomischen und politischen Systems, in der Krise der kapitalistischen Kultur sei eine Opposition notwendig, die nicht Teil herrschender Strukturen geworden ist und Gegenpole setze zu nationalistischen, rassistischen und frauenfeindlichen Diskursen. Der Kampf gegen Herrschaft, als Ziel und auf dem ganzen Weg, m\u00fcsse als Alternative zur &#8222;Rebarbarisierung der kapitalistisch-etatistischen Ordnungen \u00f6ffentlich sichtbar sein. &#8222;Weder befehlen, noch gehorchen&#8220; bleibe das Ziel, so die Redaktion der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong>.<\/p>\n<p>Im September 1995 feierte sie ein Jubil\u00e4um, die LeserInnen konnten die 200. Ausgabe erwerben. Nachdem dort in der vorherigen Ausgabe unter dem Titel &#8222;Klassische Schriften des gewaltfreien Anarchismus&#8220; schon Albert Camus&#8216; &#8222;Der Mensch in der Revolte&#8220; breit vorgestellt worden war, widmete die Jubil\u00e4umsnummer unter der Rubrik &#8222;Theorie&#8220; eine DIN A3 Seite &#8222;Leo Tolstois gewaltfreiem Anarchismus&#8220;. Das Schwergewicht aber legte die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> auch in dieser Ausgabe auf Hintergrundanalysen und Kommentare zu aktuellen politischen Ereignissen. Der Aufmacher &#8222;Boykottiert die Bundeswehr!&#8220;, galt dem Einsatz bundesdeutscher Kampfflugzeuge in Bosnien. Auf insgesamt sechs Seiten kritisierten die Gewaltfreien die Aufr\u00fcstung Kroatiens durch die Bundesrepublik, den Schulterschlu\u00df zwischen Joschka Fischer und Heiner Geissler in der Bosnienpolitik, berichteten \u00fcber Kriegsdienstverweigerung und Zwangsrekrutierung in Serbien.<\/p>\n<p>Die taz widmete dieser Jubil\u00e4umsausgabe der <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> einen Bericht:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8218;Was ist Befreiung?&#8216; (&#8230;) oder auch &#8218;Partner der Ausbeutung&#8216; &#8211; so lauten die Schlagzeilen der Monatszeitung, die da im ersten Stock der &#8218;Kurve&#8216; produziert wird. Die &#8218;Kurve&#8216; ist ein Fachwerkhaus im wendl\u00e4ndischen Wustrow, eine &#8218;Bildungs- und Begegnungsst\u00e4tte f\u00fcr gewaltfreie Aktion&#8216;, die so hei\u00dft, weil sie (&#8230;) in der Kurve, der Hauptstra\u00dfe von Wustrow liegt. Die Monatszeitung (&#8230;) wird dort seit Jahren in einem einzigen Raum hergestellt: ein PC, eine Menge Papierstapel und nat\u00fcrlich alle Ausgaben von Anfang an. (&#8230;) In einer Zeitung, die seit \u00fcber 20 Jahren &#8218;\u00fcber Theorie und Praxis des gewaltfreien Anarchismus&#8216; berichtet, darf nat\u00fcrlich (&#8230;) auch eine Seite &#8218;Kritik am Staat&#8216; nicht fehlen. &#8218;Die Regierung des Menschen \u00fcber den Menschen ist die Sklaverei&#8216;, wird darin der alte Proudhon zitiert.&#8220; ((47))<\/p><\/blockquote>\n<p>Kritik erntete die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> aus der anarchistischen Bewegung. Die Redaktion des <strong>Schwarzen Fadens<\/strong> kritisierte 1989, die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> w\u00fcrde oft &#8222;&#8218;Vorbilder&#8216; hochhalten.&#8220; ((48)) H\u00e4ufig wurde und wird den GraswurzlerInnen auch vorgeworfen, sie w\u00fcrden &#8222;dogmatisch gewaltfreie&#8220; Positionen vertreten. ((49)) Eine weitere Kritik zielte 1996 auf die fehlende Solidarit\u00e4tsarbeit der <strong>GWR<\/strong> zur kriminalisierten <strong>radikal<\/strong>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Obwohl sie selbst schon \u00c4rger mit der Staatsgewalt hatten, gingen die dogmatisch gewaltfreien GraswurzlerInnen mit keiner Zeile auf die 55 bundesweiten Razzien vom 13.6.1995 und die Kriminalisierung der <strong>radikal<\/strong> ein. Ein Armutszeugnis f\u00fcr die ansonsten f\u00fcr Anti-AKWlerInnen und AntimilitaristInnen wichtige <strong>GWR<\/strong>.&#8220; ((50))<\/p><\/blockquote>\n<p>Trotz dieser und anderer Kritik identifizieren sich mit dem Begriff Graswurzelrevolution bis heute zahlreiche Gruppen und Bewegungen, die die Gesellschaft von unten, also von der Basis &#8211; und nicht als Partei oder staatliche Organisation ver\u00e4ndern wollen.<\/p>\n<p><strong>GWR<\/strong>-Mitarbeiter Jochen Stay konstatierte 1995, da\u00df auf dem H\u00f6hepunkt der Proteste gegen die Nachr\u00fcstung in den achtziger Jahren in der Friedensbewegung noch genauso wie in der Anti- AKW-Bewegung heftig \u00fcber den Sinn gewaltfreier Sitzblockaden gestritten wurde. Da\u00df heute etwa bei den wendl\u00e4ndischen AtomkraftgegnerInnen die gewaltfreie Blockade der Castor-Transporte selbstverst\u00e4ndliche Protestform ist, wertete er als &#8222;Erfolg der Ideen der Graswurzelrevolution.&#8220; ((51))<\/p>\n<p>Die <strong>taz<\/strong> bescheinigte dem anarchistischen Projekt 1995:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die <strong>Graswurzelrevolution<\/strong> hat einen langen Atem bewiesen. (&#8230;) Wie der Anarchismus hat sie die Chance, in Ehren alt zu werden.&#8220; ((52))<\/p><\/blockquote>\n<p>Die <strong>GWR<\/strong> war und ist neben dem internen, seit 1979 erscheinenden <strong>F\u00f6GA-Rundbrief<\/strong> und dem j\u00e4hrlichen <strong>Graswurzelkalender<\/strong> das wichtigste Periodikum der dezentralen Basisbewegungen an den &#8222;Wurzeln&#8220; der Gesellschaft. Abgesehen von der 1948 in M\u00fclheim gegr\u00fcndeten und 1978 in K\u00f6ln eingestellten <strong>Befreiung<\/strong> ist sie das langlebigste Sprachrohr des deutschen Nachkriegsanarchismus. Sie geh\u00f6rt neben dem 1980 gegr\u00fcndeten <strong>Schwarzen Faden<\/strong> und der seit 1977 erscheinenden anarcho- syndikalistischen <strong>direkten aktion<\/strong> zu den drei bekanntesten explizit anarchistischen Bl\u00e4ttern in Deutschland. (53) Gemessen an der Akzeptanz innerhalb breiter Kreise der Gesellschaft und gemessen am Einflu\u00df auf die sozialen Bewegungen ist sie die wohl einflu\u00dfreichste anarchistische Zeitschrift im deutschsprachigen Raum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am n\u00e4chsten kommt, ist die &#8218;Gewaltfreie Aktion&#8216;. 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