{"id":20572,"date":"2019-09-04T00:33:43","date_gmt":"2019-09-03T22:33:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20572"},"modified":"2019-09-04T00:37:17","modified_gmt":"2019-09-03T22:37:17","slug":"hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat\/","title":{"rendered":"Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat?"},"content":{"rendered":"<p>In den 1990er Jahren fanden sich im pf\u00e4lzischen Neustadt an der Weinstra\u00dfe viele Menschen zusammen, um in einem dezentralen Projekt gemeinschaftlich und selbstverwaltet zu leben. 1985 war das Buch \u201eDas Projekt A\u201c von Horst Stowasser erschienen, der auch in der Graswurzelrevolution dar\u00fcber berichtet hat. 2009 ist er sehr pl\u00f6tzlich und viel zu fr\u00fch gestorben.<\/p>\n<p>In seinem Buch beschrieb er, wie durch einen Zusammenschluss von selbstverwalteten wirtschaftlichen Betrieben, sozialen Einrichtungen und politischen Initiativen ein soziales Gebilde entstehen k\u00f6nnte, das die gro\u00dfe Utopie vom Leben in Solidarit\u00e4t und Freiheit erlebbar macht. Beginnend in einer westdeutschen Kleinstadt, k\u00f6nnten europaweit modellhaft immer mehr solcher Projekte angesto\u00dfen werden, und dieses Netzwerk k\u00f6nnte die Basis einer revolution\u00e4ren anarchistischen Bewegung werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Horst Stowasser und der Projektanarchismus<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_20575\" aria-describedby=\"caption-attachment-20575\" style=\"width: 443px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/20190626213559_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-20575\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/20190626213559_01-1024x664.jpg\" alt=\"\" width=\"443\" height=\"287\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/20190626213559_01-1024x664.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/20190626213559_01-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/20190626213559_01-600x389.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/20190626213559_01-768x498.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/20190626213559_01.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 443px) 100vw, 443px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20575\" class=\"wp-caption-text\">Projekt A in Neustadt an der Weinstra\u00dfe. Foto: Michael Werner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Kern des Projekt A sollten die Doppelprojekte sein: Ein Wirtschaftsbetrieb, der eng mit einem sozialen Projekt oder einer politischen Initiative verbunden ist, in dem am besten alle Kollektivist*innen in beiden Projekten arbeiten und dar\u00fcber hinaus auch noch zusammenleben. Der Betrieb sollte mit seinen Gewinnen das dazugeh\u00f6rige Projekt mitfinanzieren.<\/p>\n<p>In lokalen Netzwerken von Doppelprojekten k\u00f6nnten diese sich auch gegenseitig solidarisch unterst\u00fctzen, sowie mehrere solcher Netzwerke auch untereinander verbunden sein. Dieser Projektanarchismus sollte also an den konkreten Alltag ankn\u00fcpfen und diesen schon heute ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2019 ist das Projekt-A-Buch in einer zweiten Auflage mit erg\u00e4nzenden Artikeln im Verlag Edition AV erschienen, herausgegeben vom AnArchiv. Das ist das Archiv von Horst Stowasser, das nach seinem Tod von einer engagierten Gruppe in den Verein \u201eHorst-Stowasser-Institut\u201c \u00fcberf\u00fchrt wurde. Das AnArchiv befindet sich im \u00d6kohof, dem Projektzentrum der WESPE, wird Schritt f\u00fcr Schritt aus seinen Kisten befreit, und es gab auch schon Schenkungen von weiteren Materialien.<\/p>\n<p>Im Projekt-A-Buch ist bereits ein zweites Buch angek\u00fcndigt, das die Geschichte von WESPE erz\u00e4hlen soll. Das ist sehr erfreulich, denn es gibt bisher nur wenige Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber dieses Projekt. Zu den besten Zeiten der WESPE war das Internet noch nicht verbreitet, und die meisten, die dabei waren, haben eher im Praktischen angepackt, als irgendetwas aufzuschreiben. Immerhin handelte es sich um einen gr\u00f6\u00dferen Versuch alternativen Lebens, f\u00fcr den sich heute auch viele junge Leute interessieren.<\/p>\n<p>Im letzten Jahr gab es bereits ein paar thematische Treffen in Neustadt, wo sich einige Dabeigewesene nach langer Zeit \u00fcber ihre Erinnerungen und die Schlussfolgerungen daraus austauschten. An dieser Stelle sei \u2013 weil es h\u00e4ufig verwechselt wird \u2013 darauf hingewiesen, dass der Film \u201eProjekt A\u201c nichts mit dem Projekt WESPE zu tun hat.<\/p>\n<p>Nun zur\u00fcck zu den Anf\u00e4ngen. Nach jahrelangen Diskussionen in der bundesweiten anarchistischen Szene wurden drei Orte ausgew\u00e4hlt: Leer in Ostfriesland \u2013 das kam aber nicht richtig ins Laufen; Alsfeld in der N\u00e4he von Frankfurt am Main \u2013 das scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander; und Neustadt an der Weinstra\u00dfe \u2013 das galt fortan als geeigneter Ort f\u00fcr das Projekt A. Nach dem Scheitern von Alsfeld zog auch Horst Stowasser nach Neustadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum gerade Neustadt an der Weinstra\u00dfe?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dort gab es bereits eine politische Szene, die unter anderem im Volksz\u00e4hlungsboykott aktiv gewesen war, sowie einige Kollektivbetriebe. Die Neust\u00e4dter*innen bekundeten gro\u00dfes Interesse, Projekt-A-Standort zu werden.<\/p>\n<p>Der Verein \u201eWerk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen\u201c (WESPE) wurde gegr\u00fcndet und \u00fcbernahm Mitte 1989 eine ehemalige M\u00f6belfabrik zu g\u00fcnstigen Konditionen, mitten in der Stadt \u2013 anfangs zur Pacht, im Fr\u00fchjahr 1990 konnte sie gekauft werden. Sie wurde umgebaut zum Projektzentrum \u00d6kohof, das Platz bot f\u00fcr mehrere selbstverwaltete Betriebe, zwei Wohngemeinschaften und Vereinsr\u00e4ume. Weitere Kollektive siedelten sich in der Umgebung an.<\/p>\n<p>Im dezentralen Projekt WESPE fanden sich nach und nach \u00fcber 100 Menschen zusammen, und es gab zu guten Zeiten etwa zw\u00f6lf Kollektivbetriebe. Das Projekt A in Neustadt hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdr\u00fccklich in einer Offenheit f\u00fcr alle, die sich dazugeh\u00f6rig f\u00fchlten und mitmachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Arbeit im Kollektiv<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kollektivbetriebe erwirtschafteten jedoch keineswegs Gewinne, und so kam es auch nicht zu den angedachten Doppelprojekten. Hatte Horst Stowasser noch die Idee, dass die Betriebe ganz \u201enormale\u201c Firmen sein sollten, wie Superm\u00e4rkte oder Tankstellen, waren die Neust\u00e4dter Kollektive \u2013 ebenso wie in anderen St\u00e4dten \u2013 sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und \u00f6kologisch. Im Zuge des \u00d6kohof-Ausbaus haben sich selbstverwaltete Betriebe f\u00fcr\u00a0 Bauschreinerei und \u00f6kologische Haustechnik, sowie ein Bio-Baustoffhandel gegr\u00fcndet. Dar\u00fcber hinaus gab es bereits, bzw. es entstanden in Neustadt und Umgebung weitere Kollektivbetriebe wie M\u00f6belschreinerei, Restaurationsbetrieb f\u00fcr Antiquit\u00e4ten, Antiquit\u00e4tengesch\u00e4ft, Umweltlabor, Bioladen, Transportunternehmen f\u00fcr Biolebensmittel, Fahrradhandel, Buchladen, Verlags- und Werbeatelier, An- und Verkauf von Elektronik und Percussion, und sp\u00e4ter auch ein gastronomischer Betrieb.<\/p>\n<p>Die hohen \u00f6kologischen Anspr\u00fcche gingen vor allem zulasten der Kollektivist*innen.<\/p>\n<p>Ich bin 1993 nach Neustadt gezogen und habe im Wiese-Kollektiv f\u00fcr \u00f6kologische Haustechnik gearbeitet. Die hohen Materialkosten f\u00fcr umweltvertr\u00e4gliche Rohre oder Kabelummantelungen konnten wir nicht mit den branchen\u00fcblichen Aufschl\u00e4gen an die Kund*innen weitergeben. Hinzu kamen sicherlich auch die \u201eTransaktionskosten der Selbstverwaltung\u201c, also die Zeitverluste, die aus basisdemokratischer Zusammenarbeit resultieren, zumal die ja erst gelernt werden musste. In anderen Kollektiven war es \u00e4hnlich. Vor allem in den Anfangsjahren fehlte es mitunter auch an Professionalit\u00e4t. All dies wurde ausgeglichen durch Mehrarbeit und niedrige L\u00f6hne. Unsere eigenen hochwertigen Produkte und Leistungen konnten wir selbst uns von unseren schmalen Kollektivl\u00f6hnen kaum leisten.<\/p>\n<p>Trotz allem habe ich die Arbeit im Kollektiv als gro\u00dfartige Erfahrung in Erinnerung. Dass es keine Chefs und Vorgesetzten gab, keine*r mir Vorschriften machen konnte, und dieses tolle Gef\u00fchl, wenn ich jeden Monat den Lohn an alle \u00fcberweisen konnte. Ich habe im B\u00fcro gearbeitet, meine \u201eJungs\u201c waren auf der Baustelle \u2013 die klassische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Die Lohnzahlungen waren der regelm\u00e4\u00dfige Beweis, dass es m\u00f6glich ist, auch im Kapitalismus schon anzufangen, und trotz aller Kompromisse, die der Markt verlangt, auch davon leben zu k\u00f6nnen. Diese zumindest teilgemeinsame \u00d6konomie habe ich als uns miteinander sehr verbindend erlebt, als eine starke Beziehung jenseits von Freundschaft, aber mit gro\u00dfer Verl\u00e4sslichkeit. Mit dieser Erinnerung habe ich \u00fcber die Jahre fast vergessen, wie wir auch gestritten und uns gegenseitig verletzt haben. Als ich jetzt alte Unterlagen rausgeholt und die b\u00f6sen Briefe gelesen habe, die wir uns geschrieben haben, war ich richtig erschrocken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kooperation und Solidarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gab Versuche einer zumindest teilweisen Selbstversorgung auf der Basis von Gegenseitigkeit, indem sich die Betriebe untereinander Rabatte gew\u00e4hrten. Ich habe noch nie, und sp\u00e4ter auch nie wieder, so viel Geld f\u00fcr die Renovierung meiner Wohnung ausgegeben, wie damals in Neustadt. Einfach weil klar war, wir kaufen beieinander ein. Obwohl es auch im Bioladen WESPE-Rabatte gab, trafen sich mitunter Leute aus dem Projekt in der Kassenschlange beim Lidl, was immer ein wenig peinlich, aber auch erleichternd war, denn mensch f\u00fchlte sich dann nicht so allein mit diesem Widerspruch.<\/p>\n<p>Die Kollektive arbeiteten im RGW (Rat f\u00fcr gemeinsames Wirtschaften) zusammen und unterst\u00fctzten sich gegenseitig, beispielsweise bei Renovierungsarbeiten. Es gab einen Feuerwehrfonds f\u00fcr kurzfristige Finanzierungsbedarfe, in den jeder Betrieb monatlich einen Betrag ab 50 DM aufw\u00e4rts nach Selbsteinsch\u00e4tzung einzahlte. Die Kredite aus diesem Fonds, der ganz informell verwaltet wurde, waren eine gro\u00dfe Hilfe, wenn zum Beispiel Material f\u00fcr einen gr\u00f6\u00dferen Auftrag vorfinanziert werden musste, oder gr\u00f6\u00dfere Warenbest\u00e4nde eingekauft wurden. Auf regelm\u00e4\u00dfigen Treffen wurde sorgf\u00e4ltig \u00fcber jeden Kreditantrag beraten, meist wurde zugestimmt, und zumindest in dem Zeitraum, den ich \u00fcberblicke, wurde das Geld auch immer wieder zur\u00fcckgezahlt.<\/p>\n<p>Jeder Betrieb wirtschaftete autonom und legte seinen Einheitslohn nach eigenem Ermessen fest. Es gab jedoch eine gemeinsame, informelle Regelung, wonach diejenigen, die f\u00fcr Kinder verantwortlich waren \u2013 unabh\u00e4ngig von der biologischen Elternschaft \u2013 weniger arbeiteten als Kinderlose, und gleichzeitig mehr Geld bekamen. Wie das umgesetzt wurde, also ob es zwei Nachmittage frei gab oder Eltern nur halbtags arbeiteten, und ob es ein bescheidenes betriebliches Kindergeld gab oder ein doppeltes Gehalt, das legten die Kollektive wiederum jeweils selbst fest. Vielleicht war dies die gr\u00f6\u00dfte soziale Errungenschaft der WESPE, es f\u00fchrte jedoch dazu, dass auch schon mal leise zu h\u00f6ren war: Noch eine*n Kollektivist*in mit Kind k\u00f6nnen wir uns nun aber nicht leisten.<\/p>\n<p>\u00dcberlegungen im RGW, ob wir nicht weitergehende solidarische Regelungen treffen k\u00f6nnten, beispielsweise einen Ausgleich der unterschiedlichen Wohnungsmieten, schienen bei n\u00e4herer Betrachtung doch zu kompliziert. Die Wohnungen in der Innenstadt waren teuer, w\u00e4hrend die Kollektivist*innen, die au\u00dferhalb wohnten, viel geringere Mieten hatten.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr brauchten sie jedoch oft ein Auto, ein einfacher Ausgleich der Wohnkosten w\u00e4re also auch nicht gerecht gewesen. Im Grunde kamen wir da an Grenzen, wo mehr oder weniger gemeinsames Wirtschaften sich bei getrennter individueller \u00d6konomie nicht wirklich solidarisch gestalten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gut vernetzt<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>WESPE geh\u00f6rte damals auch zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen, und meistens nahm ich an den Kommuja-Treffen teil. Der Begriff \u201eKommune\u201c ist nicht so ganz eindeutig definiert, und auch andere Gruppen hatten nicht immer eine vollst\u00e4ndig gemeinsame \u00d6konomie. Wir waren ein Grenzfall, weil wir auch nicht alle zusammen wohnten, f\u00fchlten uns aber \u2013 zumindest teilweise \u2013 polit-kulturell dieser Projekte-Welt verbunden. Ein Versuch, mit dem Kauf eines Kasernengel\u00e4ndes am Stadtrand gemeinsamen Wohnraum und Platz f\u00fcr unsere Betriebe auf einem riesigen Grundst\u00fcck zu schaffen, scheiterte letztlich am Zwischenmenschlichen, wie so oft.<\/p>\n<p>Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt \u00fcber dezentrale anarchistische Projekte entstand, zu dem ich 1995 nach Neustadt eingeladen hatte. Wir trafen uns fortan sieben Jahre lang jedes Jahr um den 3. Oktober, reihum bei den verschiedenen beteiligten Gruppen. Teilgenommen hat aus Utrecht die VAKgroep (Vereinigte Arbeitskollektive), die sich sp\u00e4ter in Solidair umbenannte, und sich leider k\u00fcrzlich aufgel\u00f6st hat, sowie ein Ableger von ihnen in Frankreich namens Ganzennest.<\/p>\n<p>Aus Gro\u00dfbritannien geh\u00f6rte Radical Roots dazu, ein immer noch aktives Netzwerk aus Hausprojekten und Kollektiven.<\/p>\n<p>Das Westerw\u00e4lder Initiativen- und Betriebe-Netz WIBeN war dabei, deren Baufirmen uns beim Ausbau des \u00d6kohof solidarisch unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Aus Berlin kam der Kollektivezusammenschluss RGW, der immer mehr zu einem Beratungsb\u00fcro wurde, und aus Verden an der Aller (bei Bremen) das Projektenetzwerk um das \u00d6kozentrum auf einem ehemaligen Kasernengel\u00e4nde.<\/p>\n<p>Das waren keine EU-Mittel-gef\u00f6rderten Treffen mit formalen Vorgaben, sondern wir haben das alles selbst organisiert und die Kosten irgendwie getragen, weil wir so viel voneinander wissen wollten. Der Austausch war inspirierend. Ich habe beispielsweise nie vergessen, wie die Freund*innen aus den Niederlanden uns spiegelten, dass sie den Eindruck h\u00e4tten, wir aus den Kollektiven in Deutschland w\u00fcrden versuchen, irgendwelchen Anspr\u00fcchen gerecht zu werden, und wir w\u00fcrden so streng wirken, wenn wir versuchen, ein \u201erichtiges\u201c Kollektiv zu sein. Dabei ginge es doch um Bed\u00fcrfnisse, und sie w\u00fcrden sich einfach deshalb kollektiv zusammen tun, um ein besseres Leben zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Alles geh\u00f6rt allen?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In unserer meist monatlich erscheinenden Zeitung \u201eStichpunkte\u201c ver\u00f6ffentlichten wir wichtige WESPE-Infos, die auch Au\u00dfenstehende lesen durften. Trotzdem ging es da in Konfliktf\u00e4llen mitunter hoch her. Zum Beispiel wurde ein Streit um die Entlassung einer ausgeschiedenen Kollektivistin aus der pers\u00f6nlichen Bankb\u00fcrgschaft, die sie f\u00fcr den Betrieb unterschrieben hatte, mit harten Bandagen in Stichpunkte ausgetragen. Oder der \u00c4rger dar\u00fcber, dass ein Kollektiv pl\u00f6tzlich und ohne Ank\u00fcndigung nicht mehr erlaubte, seinen Kopierer zu nutzen, der bisher f\u00fcr alle WESPE-Zugeh\u00f6rigen zur Verf\u00fcgung gestanden hatte. Da ging es sicher nicht nur ums Kopieren, sondern viel mehr um die Art und Weise des Umgangs miteinander.<\/p>\n<p>Ohnehin war die Frage des Privateigentums nicht gel\u00f6st und meines Erachtens mitunter auch tabuisiert. Ich erinnere mich an eine Situation, als sich ein Handwerkskollektiv einen Firmentransporter gekauft hatte, und irgendwer meinte \u201etoll, jetzt haben wir hier endlich ein Auto\u201c. Die Kollektivist*innen drucksten rum, sagten dann, es t\u00e4te ihnen leid, aber das Auto br\u00e4uchten sie f\u00fcr ihre Firma und das k\u00f6nnte nicht einfach jede*r sich nehmen. Dieser Betrieb hatte anfangs auch darunter zu leiden, dass, wer ein Werkzeug brauchte, einfach in die Werkstatt ging und es sich nahm. Manches kam nie zur\u00fcck, anderes kaputt, oder es wurde an eine andere Stelle gelegt, so dass die Arbeit im Betrieb vom Suchen beeintr\u00e4chtigt war. \u201eAlles geh\u00f6rt allen\u201c ist vielleicht ein sch\u00f6ner Satz, aber im Zusammenleben und -arbeiten braucht er doch ein wenig Ausarbeitung und Pr\u00e4zisierung.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rte ja auch keineswegs alles allen. Jeder Betrieb hatte eine eigene Rechtsform und eigenes Eigentum \u2013 oder eigene Schulden. Die pers\u00f6nliche finanzielle Situation der Leute in WESPE war sehr unterschiedlich. Manche hatten geerbt, hatten Geldverm\u00f6gen oder Immobilien, andere hatten nichts. Manche waren auf staatliche Unterst\u00fctzung angewiesen, denn es arbeiteten nicht alle in den Kollektivbetrieben. Und selbst dort konnte es von Zeit zu Zeit n\u00f6tig sein, wenn das Geld nicht reichte, Kurzarbeit anzumelden, oder mal f\u00fcr eine Zeit Kollektivist*innen in die Arbeitslosigkeit zu schicken.<\/p>\n<p>Entsprechend der unterschiedlichen finanziellen Ausstattung waren auch die M\u00f6glichkeiten, Darlehen ins Projekt zu geben \u2013 entweder f\u00fcr den \u00d6kohof oder f\u00fcr einzelne Betriebe \u2013 ungleich verteilt. Manche wohnten auch in H\u00e4usern, die anderen aus dem Projekt geh\u00f6rten. Im Nachhinein denke ich, dass wir mit unserem ausgepr\u00e4gten Wunsch, alle sollten gleich sein, nicht sehen konnten oder wollten, wie ungleich wir waren. Ein Klassiker: Wunsch und Wirklichkeit &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es sind die Menschen &#8230; <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr die interne Transparenz und Diskussion hatten wir das Bl\u00e4ttchen \u201exyz\u201c. Auf jedes Heft schrieb einer den Namen der Person, f\u00fcr die es gedacht war, und steckte es in unsere Postf\u00e4cher im \u00d6kohof. Darin fanden sich Protokolle der verschiedenen Gremien, Diskussionsbeitr\u00e4ge zu strittigen Punkten,\u00a0 und manchmal auch Beschwerden, Anschuldigungen, Verteidigungen oder was sonst mitgeteilt werden sollte, wenn es so richtig Streit gab.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Streit, der den Niedergang des Projekts WESPE einl\u00e4utete, wurde sogar in der \u201eStichpunkte\u201c ausgetragen. Es ging um den Auftritt der Punkrock-Gruppe \u201eHeiter bis Wolkig\u201c, nachdem es gegen ein Bandmitglied einen Vergewaltigungsvorwurf gegeben hatte.<\/p>\n<p>Mehr dar\u00fcber, wie es dann weiterging, und was heute noch von WESPE \u00fcbrig ist, folgt in der n\u00e4chsten GWR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 1990er Jahren fanden sich im pf\u00e4lzischen Neustadt an der Weinstra\u00dfe viele Menschen zusammen, um in einem dezentralen Projekt gemeinschaftlich und selbstverwaltet zu leben. 1985 war das Buch \u201eDas Projekt A\u201c von Horst Stowasser erschienen, der auch in der Graswurzelrevolution dar\u00fcber berichtet hat. 2009 ist er sehr pl\u00f6tzlich und viel zu fr\u00fch gestorben. 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