{"id":20630,"date":"2019-09-13T13:23:37","date_gmt":"2019-09-13T11:23:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20630"},"modified":"2019-09-14T22:23:37","modified_gmt":"2019-09-14T20:23:37","slug":"hausbesetzungen-als-kuehne-hypothese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/hausbesetzungen-als-kuehne-hypothese\/","title":{"rendered":"Hausbesetzungen als k\u00fchne Hypothese"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Hausbesetzungen stehen an der Schnittstelle zwischen Alltagsleben im kapitalistischen Normalzustand und der M\u00f6glichkeit eines subversiven und ausgreifenden Handelns. Diese Gesellschaft \u2013 trotz aller realen Privilegien, die sie uns noch in unseren Breitengraden gew\u00e4hrt \u2013 bringt ein Leben als Unannehmlichkeit hervor. Das vor allem deshalb, weil alle Subjekte, alle Beziehungen alle Handlungen, aber auch die Weisen, diese Welt wahrzunehmen und \u00fcber sie zu reden, ihre Gestalt vom Grundgesetz der kapitalistischen Abstraktion unter Verwertungszwang gewinnen. Es ist dieses Gesetz, das alles in unserer Welt besetzt. Das hei\u00dft aber: Alles ist einer irrationalen und unmenschlichen Regel untergeordnet, die, w\u00e4hrend sie uns ziemlich sicher in Richtung Katastrophe reitet, allerlei Ausschluss, Angst, Scheinbefriedigungen, Verarmung des Lebens, Gewalt, Trennung beschert. Zu allem Hohn pr\u00e4sentiert sich die daraus entstehende Ordnung als unver\u00e4nderbar, nat\u00fcrlich, notwendig. Unser Alltag ist dadurch voller scheu\u00dflicher Selbstverst\u00e4ndlichkeiten: rassistische, sexistische, heteronormative, LGBTQI*-feindliche, antisemitische Kackschei\u00dfe eben.<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr uns aber hei\u00dft das, dass wir uns oft in einer Zwickm\u00fchle finden. Diese Verh\u00e4ltnisse versauen unser Leben, wir merken es nicht mehr oder zumindest kommen wir nur schwer auf die Idee, dass diese Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnten. Eben alles ist von diesen Verh\u00e4ltnissen besetzt, auch wir. Gerade wir Menschen reproduzieren in unserem Alltag \u2013 als Produzent*innen und Konsument*innen, aber auch als W\u00e4hler*innen und Menschen mit \u201eFreizeit\u201c \u2013 diese Verh\u00e4ltnisse. Es ergibt sich dabei immer wieder eine gewaltsame Trennung von unseren \u201eradikalen Bed\u00fcrfnissen\u201c (1), wie sie bei Marx und dann bei den Situationisten hei\u00dfen, von dem, was Menschen menschlich leben l\u00e4sst und eine Gew\u00f6hnung an dieses Unmenschliche. Diese Trennung scheint uns selber selbstverst\u00e4ndlich und geht so weit, dass das, was wir als unsere Bed\u00fcrfnisse wahrnehmen, all zu oft schon Funktion der Verwertung ist. Was wir als unsere Bed\u00fcrfnisse wahrnehmen, ist schon kapitalistisch kolonisiert.<\/p>\n<h5>Was aber sind unsere radikalen Bed\u00fcrfnisse, die uns zum Protest gegen diese Zust\u00e4nde anleiten?<\/h5>\n<p align=\"justify\">Diese haben damit zu tun, dass wir unsere Bed\u00fcrfnisse in einem gewissen Grad selbst bestimmen k\u00f6nnen und das gegebene \u201eSystem der Bed\u00fcrfnisse\u201c (Hegel) umw\u00e4lzen k\u00f6nnen (2); dass wir kreativ und frei uns selber gestalten k\u00f6nnen, befreit von Identit\u00e4tszw\u00e4ngen (3); dass wir befreit in Beziehungen eingehen k\u00f6nnen, die nicht einer Norm und einem Zweck untergeordnet sind. Wenn hier von einer Befreiung der Bed\u00fcrfnisse, der Beziehungen und sogar der Sinne die Rede ist, dann ist weder eine R\u00fcckkehr in einem vor-zivilisierten, primitiven Naturzustand gemeint und noch weniger eine Huldigung eines Urspr\u00fcnglichen. Dann ist erstens die Befreiung der Individuen zur F\u00e4higkeit, selbstbestimmt und selbstorganisiert Gesellschaft zu gestalten, zugunsten der individuellen Freiheit aller, gemeint. Eben jene Assoziation freier Menschen, in der \u201edie freie Entfaltung des Einzelnen die Bedingung der freien Entfaltung aller ist\u201c (und nicht umgekehrt!), das ist eine Gesellschaft, die nicht auf eine zum Sachzwang erhobene Gewalt und Unterdr\u00fcckung gr\u00fcndet. Und es ist die Erm\u00e4chtigung gemeint dazu zu wissen, dass Geschichte m\u00f6glich ist \u2013 und nicht nur die ewige Reproduktion des herrschaftsgeladenen kapitalistischen Elends und seiner Traurigkeit.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Ver\u00e4nderung, die man braucht ist eine ums Ganze. Sie betrifft alle Bereiche und muss bei uns anfangen. Die Besetzung und Bewohnung eines Hauses bedeutet vor allem das: Einen Raum zu schaffen, um sich von dem etatistisch-kapitalistischen Alltag zu befreien und neue Wahrnehmungs- und Handlungsm\u00f6glichkeiten zu er\u00f6ffnen. Vor diesem Hintergrund ist eine Hausbesetzung ein Akt der Subversion, mit dem die gegebenen Regeln f\u00fcr eine kurze Zeit und in einem begrenzten Raum au\u00dfer Kraft gesetzt werden und gezeigt wird, dass sie weder ewig noch sakrosankt sind. Innerhalb dieser Verh\u00e4ltnisse setzen Akte der Subversion etwas entgegen, in und mit den Mitteln, die im Bestehenden gegeben sind. Das hat die \u201eZentrale\u201c in M\u00fcnster auf unterschiedliche Weisen \u2013 wenn auch f\u00fcr kurze Zeit \u2013 getan:<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Zentrale ist eine Art Forschungsst\u00e4tte und Experiment gewesen. Hier haben Menschen versucht zu sehen, was m\u00f6glich sein kann, wenn nicht der kapitalistische und patriarchale Normalzustand waltet. Hier haben auch Menschen erfahren, wie sehr dieser Normalzustand auf sie lastet, wie sehr sie darin verwickelt sind. Gerade nach einer Woche, wurde das \u2013 vor allem in Bezug auf die Frage nach der Reproduktion von Geschlechterrollen \u2013 zum Thema. Aber eben: Um \u00fcberhaupt daran arbeiten zu k\u00f6nnen, muss man sich vom Druck des Normalzustands ein befreien. In der Zentrale wurde also eine Situation konstruiert, in der f\u00fcr eine kurze Dauer und an einem kleinen Ort, eine \u201ek\u00fchne Hypothese\u201c erprobt wurde. Diese Hypothese musste und konnte st\u00e4ndig durch die gesammelten Erfahrungen korrigiert werden. (4)<\/p>\n<p align=\"justify\">Dabei war es von Anfang an ein Handeln unter Ungewissheit: ein Handeln, dessen Wahrheit eine Zukunft aufzeigen wird, in der sich das versuchte als wahr erwiesen haben wird, wie es der Fall f\u00fcr jedes \u00fcber den status quo ausgreifende Handelns ist. (5) Die \u201eZentrale\u201c war ein befreiter Raum, in dem anderes ausprobiert werden und Form gewinnen konnte und in dem Menschen sich erholen konnten von dieser Gesellschaft. Nicht nur, weil man hier gechillt abh\u00e4ngen konnte (auch das: Befreite Gesellschaft hei\u00dft auch Freiheit zur Faulheit!), sondern weil die Alltagst\u00e4tigkeiten hier anders aussehen konnten. Die \u201eZentrale\u201c ist ein Raum f\u00fcr Ausgeschlossene und f\u00fcr eine \u00dcberwindung der unsichtbaren Grenzziehungen, die auch in dieser Stadt (gewaltt\u00e4tig) aufrechterhalten werden. Die Zentrale hat n\u00e4mlich auch einige Menschen angezogen, die diese Gesellschaft auf die Stra\u00dfe geworfen hat, denen diese Gesellschaft permanent sagt: Du hast hier nichts zu suchen, zeig dich am besten nicht. Schlie\u00dflich hat die Zentrale etwas in diesem Stadtviertel erweckt. Bei einem Vernetzungstreffen kamen mehr als 50 Menschen aus dem Stadtviertel, aus der Kultur- und K\u00fcnstler*innenszene, aus \u00f6kologischen Zusammenh\u00e4ngen, aus dem sozialen Bereich, aus der Lokalpolitik zusammen. Alle konnten mit der Besetzung und mit den Sorgen um die Entwicklungen im Viertel ihre Anliegen verbinden. Es hat sich gezeigt: Die Besetzung der Zentrale ist ein Ereignis gewesen, das Neues pr\u00e4sentiert und M\u00f6glichkeiten, die vorher unm\u00f6glich schienen, er\u00f6ffnet hat; ein Ereignis, das Menschen gesammelt und K\u00e4mpfe verbunden hat. So ein Ereignis endet nicht bei sich, sondern geht mit uns, die wir es weitertragen weiter.<\/p>\n<p align=\"justify\">Gerade weil so eine Besetzung nicht nur ein Spa\u00df ist, sondern ein Akt mit politischem Potential, erfuhr sie nun Repression. Einem Raum, der Freiheit von Angst und Zwang schaffen wollte, wird Angstdrohung und Gewalt entgegengesetzt. Schon am Anfang der Besetzung wurden Menschen vom Staatsschutz verh\u00f6rt. W\u00e4hrend rechtsextreme Netzwerke Todeslisten f\u00fchren, k\u00fcmmern sich die Beh\u00f6rden um Hausbesetzer*innen und solidarische Menschen. Aber irgendwie passt das. Denn ja, so eine Besetzung setzt diese gesellschaftliche Ordnung in Frage. Oder genauer: Sie schafft einen Raum, um diese Ordnung in Frage stellen zu k\u00f6nnen. Sie demaskiert, dass es in unserer Gesellschaft nicht ernsthaft um Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit geht. Hier und dort schon, aber immer als Mittel zum letzten Zweck dieser Gesellschaft: Die (zutiefst irrationale und unmenschliche) Verwertung. Dass der Staatsschutz eingeschaltet wurde, passt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Denn der b\u00fcrgerliche Staat ist schon immer auch gewaltbereite Instanz, die diese Gesellschaftsform sch\u00fctzt. Er sorgt daf\u00fcr, dass Hierarchien und Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse, Elend und Trostlosigkeit, M\u00fche und Angst als normal und rechtm\u00e4\u00dfig gelten. Er sorgt daf\u00fcr, dass diese Normalit\u00e4t nicht in Frage gestellt werden kann, dass nichts hervorw\u00e4chst, was nicht schon in die vorgegebenen Bahnen passt oder diese durchkreuzt. Der Staat hei\u00dft: Diesen Status Quo, die Alternativlosigkeit, die Begrenztheit von M\u00f6glichkeiten sch\u00fctzen und als absolut erkl\u00e4ren. (6)<\/p>\n<p align=\"justify\">Am Ende dieser Besetzung stand die Polizei. Sie hat die Menschen aus dem Haus getrieben und dann die T\u00fcren verriegelt. Dadurch hat sie daf\u00fcr gesorgt, dass es dort eben nichts mehr zu sehen gibt. Das ist die normale Funktion der Polizei: Eine bestimmte \u201eAufteilung des Sinnlichen\u201c (7) aufrecht zu erhalten. Damit ist mehreres gemeint. Dass diese Welt nach einer Regel aufgeteilt ist, nach der nicht alles allen zug\u00e4nglich ist. Das \u00fcbersetzt sich auch in eine Zuteilung von Rollen, die nicht ohne weiteres gebrochen werden kann. (8)<\/p>\n<p align=\"justify\">Schlie\u00dflich \u00fcbersetzt sich diese Aufteilung in eine bestimmte Weise, Dinge wahrzunehmen und zu erfahren. Ja, die Form dieser Gesellschaft bestimmt die Gestalt unseres Alltagslebens und damit auch dessen, was wir erfahren und erleben k\u00f6nnen. Wenn sich doch etwas ereignet, dass diese Aufteilung aufbricht, was neue Erfahrungen, neue Beziehungen und damit neue Fragen und Praxisformen erm\u00f6glichen k\u00f6nnte, dann muss das verhindert werden. Dann steht die Polizei da und sagt: \u201eEs gibt nichts zu sehen, geht weiter\u201c. Wenn sich aber doch eine subversive Erfahrung etabliert und sich ein \u201e\u00dcberschuss\u201c an einer leeren Stelle des Systems ergibt, wenn sich Subjekte, die vorher nicht reinpassten (nicht sein durften, nicht sein konnten) sich von selbst pr\u00e4sentieren, dann sorgt die Polizei daf\u00fcr, dass es all das einfach nicht mehr gibt. Was sich in den Tagen der Besetzung der \u201eZentrale\u201c er\u00f6ffnet hat, wurde gewaltsam geschlossen. Dabei gilt es in Erinnerung zu behalten: Geschichte ist machbar, die Zukunft ist ungeschrieben. Das Kontinuum des notwendigen Elends kann unterbrochen werden (9) und jeder Augenblick hat seine Chance in sich (10).<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Eklat<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hausbesetzungen stehen an der Schnittstelle zwischen Alltagsleben im kapitalistischen Normalzustand und der M\u00f6glichkeit eines subversiven und ausgreifenden Handelns. 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