{"id":20634,"date":"2019-09-13T13:19:39","date_gmt":"2019-09-13T11:19:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20634"},"modified":"2019-10-11T19:04:48","modified_gmt":"2019-10-11T17:04:48","slug":"des-kaisers-liebster-bundeswehr-standort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/des-kaisers-liebster-bundeswehr-standort\/","title":{"rendered":"Des Kaisers liebster Bundeswehr-Standort"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_20741\" aria-describedby=\"caption-attachment-20741\" style=\"width: 711px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Flyer_Kaiser_1_Seite_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-20741\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Flyer_Kaiser_1_Seite_1-1024x514.jpg\" alt=\"\" width=\"711\" height=\"357\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Flyer_Kaiser_1_Seite_1-1024x514.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Flyer_Kaiser_1_Seite_1-300x151.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Flyer_Kaiser_1_Seite_1-600x301.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Flyer_Kaiser_1_Seite_1-768x386.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Flyer_Kaiser_1_Seite_1.jpg 1512w\" sizes=\"auto, (max-width: 711px) 100vw, 711px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20741\" class=\"wp-caption-text\">Kampagnen-Flyer &#8222;F\u00fcr ein rebellisches, solidarisches, anderes Wilhelmshaven&#8220;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vorweg aber: Wilhelmshaven ist ein lebenswerter Ort. Die Stadt liegt am Jadebusen, also an der Nordsee. Sie ist weitl\u00e4ufig, gr\u00fcn und noch nicht so durch\u00f6konomisiert. Wilhelmshaven fungiert als \u201eOberzentrum\u201c der Region und hat sogar ein gr\u00f6\u00dferes Theater. Die Mieten sind vergleichsweise niedrig. Hier gibt es noch Diskotheken, aber auch, wie \u00fcberall, \u201ebesondere\u201c Burger-Imbisse. Wer gern an der frischen Luft ist, kann hier sch\u00f6n \u00fcber den Deich radeln oder einfach am Meer abh\u00e4ngen. Ist das nicht da, dann gluckert das Watt freundlich vor sich hin. Es gibt jede Menge V\u00f6gel, darunter solche, die \u201eder Knutt\u201c hei\u00dfen und imstande sind, 5000 Kilometer nonstop zu fliegen. Im Sommer hocken bei Ebbe die Strandkrabben in der Deichb\u00f6schung, und wenn der Wind nicht so pfeift, dann kann mensch ihr blubberndes Atemger\u00e4usch h\u00f6ren. Im Winter sonnt sich schon mal eine Robbe auf dem Radweg. Ein Idyll also? Oh Wilhelmshaven! &#8211; ja wenn Du nur dieses Militarismusproblem nicht h\u00e4ttest.<\/p>\n<p>Auf dem heutigen Stadtgebiet wohnten schon im Mittelalter Leute. Damals begann das Hin und her von Deichbau und Meereseinbr\u00fcchen bei Sturmfluten. Auch dadurch ist das Friesische eine alte Kulturlandschaft, mit Traditionen der Selbstverwaltung und einem gewissen Sinn f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit. Im Jahr 1853 kaufte Preu\u00dfen ein Eckchen Land am Jadebusen vom Herzogtum Oldenburg &#8211; einen Kriegshafen an der Nordsee wollte man haben. Mit Schippe und Schubkarre wurde am ersten Hafen gewerkelt. Mancher Arbeiter erkrankte dabei an Malaria. Im Zuge der \u201eFlottenpolitik\u201c Wilhelms II. wurden Hafen und Marinewerftanlagen sp\u00e4ter massiv erweitert. Wilhelmshaven war damals eigentlich keine Stadt, sondern Milit\u00e4rmaschinerie. Mit dem Ausbau Wilhelmshavens wuchs aus den friesischen Ortschaften drumherum die ArbeiterInnenstadt R\u00fcstringen, die formal zu Oldenburg geh\u00f6rte. R\u00fcstringen hatte ein mehrfaches an Fl\u00e4che und EinwohnerInnen als Wilhelmshaven und war sozialdemokratisch gepr\u00e4gt. W\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges war Wilhelmshaven \u201eFestung\u201c. Trotzdem gab es hier 1917 und 1918 Matrosenrevolten, letztere war die Keimzelle der Kieler Revolte und damit der Novemberrevolution. In der Zeit der Nazidiktatur wurden Hafen und Marinewerften nochmal massiv erweitert, und 1937 wurde Wilhelmshaven mit R\u00fcstringen vereinigt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stadt ca. 90.000 EinwohnerInnen, 1940 sogar 130.000. Um nach dem \u201eEndsieg\u201c die Welt bequem per Schiff beherrschen zu k\u00f6nnen, planten die Nazis die Ausweitung der Stadt auf rund 500.000 EinwohnerInnen. Sie sollte bis hoch nach Schillig reichen, 30 Kilometer weit nach Norden, alles voll mit Milit\u00e4r und Werften. Dann kamen die alliierten Bomber. Nach 1945 hat die britische Besatzungsbeh\u00f6rde hier einiges an Demilitarisierung geleistet, bis sich im Zuge der \u201eWiederbewaffnung\u201c der BRD die Bundeswehr breitmachte. Aktuell ist Wilhelmshaven mit ca. 10.000 Besch\u00e4ftigten (Soldaten und Zivilbesch\u00e4ftigte) der gr\u00f6\u00dfte Bundeswehrstandort \u00fcberhaupt. Die Bundeswehr hat hier zwei gro\u00dfe Areale (Marinearsenal und St\u00fctzpunkt Heppenser Groden), dazu viele kleine. Seit den 70er Jahren ist die Stadt von 100.000 auf ca. 75.000 EinwohnerInnen geschrumpft. Da viele Soldaten auch nach ihrer Dienstzeit hier bleiben, Familien gr\u00fcnden usw., wird gesch\u00e4tzt, dass etwa die H\u00e4lfte der EinwohnerInnen einen direkten oder indirekten Bezug zur Bundeswehr hat.<\/p>\n<p>In so einer Stadt zu leben bedeutet, dass mensch nicht mal Br\u00f6tchen holen kann, ohne Soldaten in Uniform zu begegnen. \u00dcberall Bundeswehr-Fahrzeuge auf den Stra\u00dfen. Kaum ein Mietshaus, in dem nicht Soldaten wohnen. Zwar gibt es im Bundeswehr-St\u00fctzpunkt Wohnh\u00e4user f\u00fcr die Soldaten, aber viele wohnen doch in der Stadt. Es gibt sogar einen Erlass, nach dem die Soldaten nicht mehr auf den Schiffen n\u00e4chtigen d\u00fcrfen. Die Wohnungswirtschaft wird es freuen. In der Nachbarschaft kann es auch eine Bundeswehr-Sporthalle geben oder ein G\u00e4stehaus. Die ganze Nachbarschaft kann f\u00fcr Soldaten gebaut sein, wie etwa der Stadtteil Wiesenhof. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Soldaten auch im Sportverein sein, in Elterngremien, auch der Handwerker kann ein ehemaliger Soldat sein. Speditionen werben hier damit, dass sie f\u00fcr die Bundeswehr arbeiten, in einer Pizzeria gibt\u2019s f\u00fcr Soldaten Rabatt, Zimmer werden bevorzugt an \u201eSoldat oder Student\u201c vermietet. Wie mit Nachbarn umgehen, deren Beruf es ist, auf Befehl (und f\u00fcr Sold) andere Leute umzubringen? Der Verfasser dieses Textes hat auch nach knapp zwei Jahren Wilhelmshaven f\u00fcr dieses Problem noch keine L\u00f6sung gefunden. Ein anderes Problem: Indem die Stadtgesellschaft von Soldaten durchsetzt ist, wird das Thema Militarismus zum Tabu. Wer will sich schon st\u00e4ndig mit Nachbarn, Kollegen, Verwandten und Bekannten anlegen? (1)<\/p>\n<h5>Zustimmung ist gefordert, Kritik ist unerw\u00fcnscht.<\/h5>\n<p>Das gilt auch auf (stadt-) politischer Ebene. Es hei\u00dft: Die Bundeswehr bringt Geld in die Stadt. Vielleicht, aber in wessen Taschen landet es? Lie\u00dfe sich das Geld nicht sinnvoller aus dem Fenster werfen? Dann k\u00e4me es ja auch irgendwo an&#8230; Aber das h\u00f6rt hier niemand gern. Und es wird ja auch tats\u00e4chlich profitiert, in der Bauwirtschaft zum Beispiel. Neue Werkhallen und ein neues Dock im Marinearsenal, der Ausbau des Marinest\u00fctzpunkts: im Laufe der n\u00e4chsten zehn Jahre wird hier ein Milliardenbetrag verbaut. Das freut auch die hiesige Bundestagsabgeordnete Siemtje M\u00f6ller von der SPD. Die Bundestagsabgeordneten von hier sitzen traditionell im Verteidigungsausschuss. Frau M\u00f6ller h\u00e4lt im Bundestag Reden, die sie genauso gut f\u00fcr die CDU halten k\u00f6nnte. Auf Frau M\u00f6llers Homepage sind Fotos zu sehen, die sie in einem Eurofighter zeigen oder gar im Kreise der Admiralit\u00e4ten. Wenn Frau M\u00f6ller sich nicht gerade auf einem Kriegsschiff befindet, dann ist zumindest im Bildhintergrund eines zu sehen.<\/p>\n<p>Immer auf Seiten des Milit\u00e4rs ist die \u201eBrune-Mettcker Druck- und Verlagsgesellschaft\u201c mit ihrem Flaggschiff (!) \u201eWilhelmshavener Zeitung\u201c (WZ) und anderen Bl\u00e4ttern. Die WZ ist ein b\u00fcrgerlich-rechtsgewickeltes Bl\u00e4ttchen und verf\u00fcgt \u00fcber eine eigene Rubrik \u201eHafen &amp; Marine\u201c. Dort erscheinen Artikel, in denen jedes neue Beiboot der Bundesmarine gefeiert wird. Oder es wird \u00fcber die \u201eErhabenheit\u201c der wilhelminischen Milit\u00e4rarchitektur schwadroniert, auf den aktuell besonders dringlichen Bedarf an Milit\u00e4rkapellen hingewiesen, usw. Kritische Distanz? Nicht bei der WZ.<\/p>\n<p>Der vielleicht wichtigste Propagandist ist das angeblich private \u201eDeutsche Marinemuseum\u201c. Es ist so privat, dass der Staat das Gel\u00e4nde stellt und die Bundeswehr einen Teil der Exponate, darunter gro\u00dfe Schiffe. Deren Instandhaltung macht das Marinearsenal, und es ist nicht bekannt, dass daf\u00fcr Rechnungen gestellt werden. Vorstand und Kuratorium der Tr\u00e4gerstiftung bilden Seeoffiziere, die ihrem Rang nach aufgez\u00e4hlt werden. Dazu kommen Bundeswehr-Wissenschaftler sowie seltsamerweise Leute von verschiedenen Sparkassen. Schlie\u00dflich der Oberb\u00fcrgermeister Wagner von der CDU. Dieser ist Kriegs-Kapit\u00e4n, wenngleich nur der Reserve, und ebenfalls bei der Sparkasse t\u00e4tig. Zu den F\u00f6rderern des Museums geh\u00f6ren (neben Kirchen und Sparkassen) die Baufirma Nietiedt, der Uniformenhersteller Erich Fritzsch KG sowie die R\u00fcstungsfirma Thales. Der naheliegende Verdacht, dass hier Gelder aus dem Verteidigungshaushalt in das private Museum geleitet werden, entbehrt jeder Grundlage. Schlie\u00dflich hat der Bund dem Marinemuseum gerade knapp zw\u00f6lf Millionen Euro spendiert, f\u00fcr den weiteren Ausbau, und das ganz offen und nat\u00fcrlich zum Jubel der Abgeordneten M\u00f6ller. Aber wozu eigentlich eine private Tr\u00e4gerschaft? Nun, zahlen darf der Staat, aber das Sagen im Museum haben doch besser Offiziere und Lobbyisten \u2013 und eben nicht demokratische Institutionen. (2)<\/p>\n<p>Das Marinemuseum m\u00f6chte laut Homepage \u201edas Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die historische Rolle der deutschen Marinen entwickeln, f\u00f6rdern und erhalten\u201c, um \u201eauf die maritimen Abh\u00e4ngigkeiten Deutschlands hinzuweisen und die Notwendigkeit von demokratisch kontrollierten Seestreitkr\u00e4ften zur Verteidigung und zur Wahrnehmung von Aufgaben im Rahmen internationaler B\u00fcndnisse zu vermitteln\u201c. Zu diesem Zweck bietet es \u201egezielt Angebote f\u00fcr Schulen und die Bundeswehr\u201c an. Daneben wendet man sich an ein allgemeines, technik-affines oder ereignisgeschichtlich interessiertes Publikum. Hatte das Museum auf eine historische Einordnung im Sinne einer Periodisierung zun\u00e4chst verzichten wollen (mangels angenommener Unreife der BesucherInnen) und dem \u201eBelehren\u201c die \u201eUnterhaltung\u201c entgegen setzen wollen (3), so hat sich seitdem einiges getan. Heute gibt es sehrwohl historische Kontextualisierungen, und zwar vorrangig in Form von \u201eruhigen Bilderfolgen\u201c. (4) Die Periodisierung selbst hat es in sich. So gibt es nur drei Zeitr\u00e4ume: das \u201eZeitalter der Weltkriege 1914 \u2013 1945\u201c und eben jeweils den Zeitraum davor und danach. Mit dieser eleganten Einteilung sind NS und Zweiter Weltkrieg, die ja durchaus gewisse milit\u00e4rgeschichtliche Besonderheiten aufweisen, in einer gr\u00f6\u00dferen Epoche von Chaos und Gewalt aufgegangen. Na bitte. Und der Erste Weltkrieg ist einfach mal von dem Regime getrennt worden, das ihn ma\u00dfgeblich (mit-)verantwortet hat: dem Deutschen Kaiserreich. Dieses kann denn auch sepia-mild in \u201ePracht\u201c und \u201eErhabenheit\u201c aufscheinen. Chapeau!<\/p>\n<p>Und weil sich die Zeiten ge\u00e4ndert haben, kann auch mal einem liberalen Air Raum gegeben werden. So macht das Marinemuseum in diesem Sommer eine Ausstellung mit dem DDR-Punk-Popart-K\u00fcnstler Moritz G\u00f6tze. Dieser wird sein Werk (\u201eScapa Flow\u201c) zweifellos als subversiv ansehen &#8211; aber wird es nicht doch instrumentalisiert? Gerade das (Schein-)Liberale des Museums und seines Leiters Dr. Huck qualifiziert es n\u00e4mlich dazu, bei allem anderen, was in Wilhelmshaven so an Historischem veranstaltet wird, eine Art wissenschaftliche Oberaufsicht auszu\u00fcben. Wenn also die Landesb\u00fchne anl\u00e4sslich des 100. Jahrestags der Novemberrevolution ein St\u00fcck auff\u00fchrt, das auf antimilitaristischen Texten von Ernst Toller und Theodor Plivier basiert, dann sorgt Dr. Huck daf\u00fcr, dass sich auch die Perspektiven der Offiziere in der Auff\u00fchrung wiederfinden. Und wenn die Stadt Informationsstelen zur Novemberrevolution in Wilhelmshaven hinstellt, dann schreibt Dr. Huck die Texte. Und selbstverst\u00e4ndlich ist das Marinemuseum auch Vermarktungs-Partner der st\u00e4dtischen \u201eWilhelmshaven Touristik &amp; Freizeit GmbH\u201c (WTF), z.B. als Teil der \u201eMaritimen Meile\u201c. (5)<\/p>\n<h5>Immer an Bord<\/h5>\n<p>Die Bundeswehr ist in Wilhelmshaven immer mit an Bord, egal, ob es um das j\u00e4hrliche Gedenken an den November-Pogrom von 1938 geht oder um das \u201eGr\u00f6\u00dfte Labskaus-Essen der Welt\u201c, wo das \u201eMarinest\u00fctzpunktkommando\u201c unter Mitwirkung eines \u201eMarine-Portepee-Unteroffizier-Korps Wilhelmshaven\u201c j\u00e4hrlich eine \u201eTruppenk\u00fcche\u201c \u00f6ffnet, am besten Platz nat\u00fcrlich. Also durfte sie bei den Feierlichkeiten zu \u201e150 Jahre\u201c auch nicht fehlen. Geboten wird hier allerhand: Als erster H\u00f6hepunkt wurde im M\u00e4rz mit dem Event \u201eWilhelmshaven leuchtet\u201c der Kaisergeburtstag begangen. Es laufen auch immer noch Veranstaltungen, aber die Hauptfeiern fanden in Form eines \u201eVolksfestes\u201c statt, unmittelbar vor dem \u201eFestakt\u201c am 17. Juni. Und damit auch ja genug Leute kommen und als mampfende Kulisse einen w\u00fcrdevollen Rahmen bieten, wurde das j\u00e4hrlich veranstaltete \u201eWochenende an der Jade\u201c mit dem \u201eTag der Niedersachsen\u201c fusioniert, der alle zwei Jahre in einer anderen Stadt stattfindet. Wie immer beim \u201eWochenende\u201c waren Gro\u00dfsegler da (Romantik!) und gleich daneben eine Fregatte der Bundesmarine. Dazu weitere Kriegsschiffe, auch Zoll und Bundespolizei, und Shanty-Ch\u00f6re. Und wie immer beim \u201eTag der Niedersachsen\u201c hatten Landes- und Bundesbeh\u00f6rden ihre Informationsst\u00e4nde. Der Hit war die \u201eBlaulichtzone\u201c, mit altem Zoll-Bully und Reiterstaffel (ohne Blaulicht). Gleich daneben der Rekrutierungs-Stand des Reservisten-Verbandes. Dazu der \u00fcbliche \u201ekonfektionierte Kommerz-Rummel\u201c, wie es in einem Protest-Flyer hie\u00df, und Trachtengruppen. Es kamen 300.000 Leute, und alle haben sie das Stadtjubil\u00e4um gefeiert, unter dem allgegenw\u00e4rtigen Emoji-Logo vom lustigen Kriegstreiber Wilhelm. Happy Kaiserreich allerorten, stolze Preu\u00dfen, schicke Uniformen. Wilhelmshaven hat n\u00e4mlich noch ein anderes Problem, es m\u00f6chte Marke sein. Die Tourismus- und Event-Wirtschaft braucht das. \u201eEmotionalisierung\u201c ist das Schlagwort der Stunde. Historische Narrative (\u201eneue Traditionen\u201c) sollen in die Zukunft weisen. Auch die Immobilienwirtschaft der geschrumpften Stadt freut sich \u00fcber jede Art von \u201eAufwertung\u201c. Und was f\u00e4llt den Kreativen ein? Kaiserkitsch. Welcher Kaiser, was war mit dem, was hat der gemacht? Ach so, Militarist, Gewaltherrscher, Anti-Demokrat? (6) Egal, Hauptsache Kaiser. Und so gibt es hier alles in Kaiser, also Geb\u00e4ck, Schnaps, Tee, Schokolade. Es gibt einen Kaiser-Wilhelm-Schnickschnack-Laden und eine Kaiser-Wilhelm-Pizzeria, die eigentlich ein D\u00f6ner-Laden ist, das vermutlich einzige \u201eKaiser Wilhelm der Gro\u00dfe\u201c-Denkmal der Welt (frisch nachgegossen in den 1990er Jahren). Es sollte sogar ein \u201eWilhelm\u201c-Outlet-Center gebaut werden. Auch hier waren die \u201eKreativen\u201c auf ein Bart-Logo verfallen, und als besondere Eigenschaften des Kaiser wurden \u201eEtikette\u201c und \u201eH\u00f6flichkeit\u201c behauptet. (7) Die gleiche Agentur bewirbt nun auch \u201eW-Spritz Bio Apfelschorle\u201c. Produkteigenschaften: \u201eheiter und W&#8230;spritzig\u201c. (8)<\/p>\n<p>Die interessantere Party fand \u00fcbrigens am Mittag des 17. Juni auf dem Marinest\u00fctzpunkt statt, vor Festakt und Zapfenstreich. Die neue Fregatte \u201eBaden-W\u00fcrttemberg\u201c wurde der Marine \u00fcbergeben, als erstes von vier Schiffen dieser Klasse, mit denen laut Pressetext eine \u201eneue \u00c4ra\u201c der Bundesmarine beginne. Den Sektflaschenwurf f\u00fchrte Taufpatin Gerlinde Kretschmann aus, die \u201egr\u00fcne\u201c First Lady des namensgebenden Bundeslandes. (9) Zum Aufgabenspektrum des angeblichen Super-Schiffes geh\u00f6ren \u201eEins\u00e4tze in der B\u00fcndnisverteidigung und Krisenpr\u00e4vention sowie humanit\u00e4re Rettungsmissionen, Terrorismusbek\u00e4mpfung und die Abwehr asymmetrischer Bedrohungen wie unter anderem Piraten\u201c. (10)<\/p>\n<figure id=\"attachment_20744\" aria-describedby=\"caption-attachment-20744\" style=\"width: 593px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Pickelhaubenkitsch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-20744\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Pickelhaubenkitsch-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"593\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Pickelhaubenkitsch-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Pickelhaubenkitsch-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Pickelhaubenkitsch-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Pickelhaubenkitsch-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Pickelhaubenkitsch.jpg 1066w\" sizes=\"auto, (max-width: 593px) 100vw, 593px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20744\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Heiko Schmidt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Wirtschaftsjournalist Hermannus Pfeiffer hat in seinem gleichnamigen Buch der \u201eSeemacht Deutschland\u201c (2009) nachgesp\u00fcrt, von der Hanse \u00fcber Wilhelm bis zur rot-gr\u00fcnen Bundesregierung. \u201eSeemacht\u201c bedeutet laut Pfeiffer die Kontrolle \u00fcber einen Teil der Warenstr\u00f6me und sowie des Personenverkehrs, aber auch die M\u00f6glichkeit, mit milit\u00e4rischen Mitteln Druck auszu\u00fcben (\u201eKanonenboot-Politik\u201c), bis hin zu tats\u00e4chlichen Angriffen &#8211; lebt doch ein Gro\u00dfteil der Menschheit in N\u00e4he von K\u00fcsten oder schiffbaren Fl\u00fcssen. (11) Zwar hat sich seit dem British Empire manches ge\u00e4ndert, dennoch bedeute Seemacht auch heute noch politische Macht, und, in den Zeiten der Globalisierung, nat\u00fcrlich \u00f6konomische. Pfeiffers These ist, dass die Regierung Schr\u00f6der \/ Fischer mit gro\u00dfem Engagement die Herausbildung eines \u201eMaritimen Komplexes\u201c gef\u00f6rdert hat, in dem milit\u00e4rische, politische und \u00f6konomische Interessen koordiniert werden, unter Mitwirkung von Bundeswehr, R\u00fcstungsindustrie, Werften, Reedereien, Handelsunternehmen, Banken, Versicherungen, Wissenschaft, Parteien, Gewerkschaften, usw. Mittel und Ausdruck dieser Vernetzung seien u.a. die \u201eNationalen Maritimen Konferenzen\u201c, die seit dem Jahr 2000 stattfinden. (12) Pfeiffer hat einen links-evangelisch-alternativen Hintergrund und verweist in diesem Buch und auch in anderen Texten auf unfaire Nord-S\u00fcd-Handelsbeziehungen, auf wachsende Kriegsgefahr durch \u201eSeemachtbestrebungen\u201c, und auf die Zusammenh\u00e4nge von \u201eSeemacht\u201c mit den Fluchten \u00fcber das Mittelmeer. (13) Diese Fragen spielen in der Wilhelmshavener \u00d6ffentlichkeit leider kaum keine Rolle. Dabei ist hier alles da: Die Bundesmarine, ein Containerhafen, \u00d6l- und Chemiehafen, R\u00fcstungsindustrie, und Gefl\u00fcchtete auch. Rund 40 Hochbunker aus dem letzten Krieg sind auch noch da, teils mitten in Wohngebieten. (14) Und wer es wei\u00df, kann sehen, dass einzelne Stadtteile w\u00e4hrend desr NS-Zeit schon auf die einkalkulierte Bombardierung hin gebaut worden sind. (15)<\/p>\n<p>Das Milit\u00e4r ist in Deutschland wieder Normalit\u00e4t geworden. Militarismus im Sinne einer \u201eDominanz milit\u00e4rischer Wertvorstellungen und Interessen in der Politik und im gesellschaftlichen Leben\u201c (16) ist Alltag, und gerade die (Schein-) Normalit\u00e4t ist Teil des Problems. Zur Durchsetzung militaristischer Ideologie tragen Propaganda und Ausblenden gleicherma\u00dfen bei. An wenigen Orten wird das so deutlich wie in Wilhelmshaven.<\/p>\n<p>Bis in die 1990er Jahre hinein gab es in Wilhelmshaven eine lebhafte links-alternative Szenerie. Die Zeitschrift \u201eGegenwind\u201c ist hierf\u00fcr eine spannende Quelle. Es gab vielf\u00e4ltige pazifistische und antimilitaristische Aktivit\u00e4ten, von ganz links bis hin zu Leuten aus der SPD oder auch engagierten Pfarrern. Das \u201eklare konfrontative Verh\u00e4ltnis\u201c zwischen Gegnern und Bef\u00fcrwortern der Bundeswehr habe sich dann in den 90ern aufgel\u00f6st, so ein Aktivist, wie anderswo auch. Aktivismus ist hier inzwischen keine leichte Sache, aus den beschriebenen Gr\u00fcnden. Es gibt keine Uni, und viele j\u00fcngere gehen weg. An Ostern gibt es noch immer einen \u201eFriedensmarsch\u201c, der Altersschnitt ist hoch. Aber es gibt dort auch j\u00fcngere Leute, manche von ihnen tragen auch die Orga-Arbeit mit. Nachdem 2018 ausgerechnet die Abgeordnete M\u00f6ller beim Friedensmarsch reden durfte, war das in diesem Jahr nicht mehr der Fall, nach entsprechenden Diskussionen. Anl\u00e4sslich des diesj\u00e4hrigen \u201eStadtjubil\u00e4ums\u201c gab es ein kleines, von einem diversen B\u00fcndnis getragenes und basisdemokratisch organisiertes Gegen-Jubil\u00e4um, unter den Motto: \u201eF\u00fcr ein rebellisches, solidarisches, anderes Wilhelmshaven\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Heiko Schmidt<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg aber: Wilhelmshaven ist ein lebenswerter Ort. Die Stadt liegt am Jadebusen, also an der Nordsee. Sie ist weitl\u00e4ufig, gr\u00fcn und noch nicht so durch\u00f6konomisiert. Wilhelmshaven fungiert als \u201eOberzentrum\u201c der Region und hat sogar ein gr\u00f6\u00dferes Theater. Die Mieten sind vergleichsweise niedrig. Hier gibt es noch Diskotheken, aber auch, wie \u00fcberall, \u201ebesondere\u201c Burger-Imbisse. Wer gern &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/des-kaisers-liebster-bundeswehr-standort\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":20743,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Des Kaisers liebster Bundeswehr-Standort - graswurzelrevolution","description":"Kampagnen-Flyer \"F\u00fcr ein rebellisches, solidarisches, anderes Wilhelmshaven\" Vorweg aber: Wilhelmshaven ist ein lebenswerter Ort. 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