{"id":20636,"date":"2019-09-13T13:10:04","date_gmt":"2019-09-13T11:10:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20636"},"modified":"2019-09-14T22:24:27","modified_gmt":"2019-09-14T20:24:27","slug":"savrina-yannatou-keine-schoene-folklore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/savrina-yannatou-keine-schoene-folklore\/","title":{"rendered":"Savrina Yannatou: Keine \u201esch\u00f6ne Folklore\u201c!"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Denn eigenwillig und au\u00dferhalb des Mainstreams erkundet sie zusammen mit dem akustischen Musikensemble \u201ePrimavera en Salonico\u201c nicht nur die facettenreiche Musik Griechenlands, sondern singt ebenfalls die Lieder der Nachbarn auf dem Balkan, in der Mittelmeerregion und im Nahen Osten. Ihr Schwerpunkt sind die sephardischen Lieder der J\u00fcdInnen, die nach ihrer Vertreibung aus Spanien im Jahre 1492 in Thessaloniki unter der Herrschaft der Osmanen eine neue Heimat gefunden hatten, bis 46.000 von ihnen 1943 von deutschen Faschisten nach Auschwitz deportiert und fast alle umgebracht wurden.<\/p>\n<h5>J\u00fcdische Vergangenheit<\/h5>\n<p align=\"justify\">Mit der Ermordung der spanisch sprechenden J\u00fcdInnen Thessalonikis geriet in Griechenland nicht nur ihre Kultur in Vergessenheit, sondern auch der rege Austausch mit den Nachbarv\u00f6lkern kam zugunsten nationalistischer Selbstbespiegelung zum Erliegen. Sp\u00e4testens nachdem im Jahr 1912 griechische Truppen in Thessaloniki einmarschiert sind und die jahrhundertelange osmanische Herrschaft \u00fcber die Stadt beendet war, gerieten hier die Minderheiten und die J\u00fcdInnen staatlicherseits unter Druck. Von daher ist es ein deutliches politisches Statement, wenn Yannatou auch die Lieder der slavo-makedonischen, bulgarischen, albanischen und t\u00fcrkischen NachbarInnen singt, denen heute in Griechenland oft mit Mi\u00dftrauen und Feindseligkeit begegnet wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das mehrheitlich nationalistisch orientierte und religi\u00f6s-orthodox gepr\u00e4gte Griechenland weigerte sich jahrzehntelang, der j\u00fcdischen Opfer des Holocausts zu gedenken. Denn hierdurch w\u00fcrde die eigene Unt\u00e4tigkeit, die Kollaboration von Teilen der Bev\u00f6lkerung mit den Nazis und ihre Vorteilsnahme bei der Aneignung des zur\u00fcckgelassenen j\u00fcdischen Besitzes verst\u00e4rkt zum Thema gemacht (2). Erst als 1992 weltweit der 500. Jahrestag der Vertreibung der J\u00fcdInnen aus Spanien gedacht wurde, machten sich in Griechenland kleinere intellektuelle Gruppen auf die Suche nach den historischen und kulturellen Wurzeln der ehemaligen Judenstadt Saloniki (3).<\/p>\n<p align=\"justify\">Als Yannatou eine Sammlung sephardischer Lieder f\u00fcr eine CD einspielen wollte, hatte sie zun\u00e4chst mit Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen. \u201eUm Gottes willen, damit gehen wir pleite\u201c, t\u00f6nte es aus Griechenlands bekanntester Plattenfirma Lyra abwehrend (4). Erst 1994 konnte die CD erscheinen und schrittweise wurde die sephardische Vergangenheit Salonikis st\u00e4rker wahrgenommen. Ein H\u00f6hepunkt der Rezeption wurde die Ver\u00f6ffentlichung weiterer sephardischer Lieder im Jahr 2012 bei dem renommierten deutschen Jazzlabel ECM. In den nun einsetzenden Lobeshymnen wurde in den Medien ein romantisierendes und verkl\u00e4rendes Bild vom multikulturellen Thessaloniki vor 1943 gezeichnet, das so nicht der Realit\u00e4t entsprach.<\/p>\n<h5>Keine Harmonie<\/h5>\n<p align=\"justify\">Das \u201eharmonische Miteinander\u201c (5) der Volksgruppen und Religionen wurde nach dieser gerne erz\u00e4hlten Legende erst in j\u00fcngerer Zeit mit dem Einmarsch der Wehrmacht zerst\u00f6rt, vorher mischten sich angeblich \u201eeinem Paradies gleich\u201c (6) Religionen und Kulturen. Lebte die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung bis etwa 1850 in \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen, partizipierte sie danach f\u00fcr einige Jahrzehnte von der sich verbessernden wirtschaftlichen Lage, was das Aufkommen von Antisemitismus beg\u00fcnstigte und zu Streitereien zwischen j\u00fcdischen und griechischen H\u00e4ndlern f\u00fchrte. Die antisemitischen Gewalttaten nahmen so stark zu, dass 1908 ein j\u00fcdisches Widerstandszentrum gegen \u201egriechische Angriffslust\u201c (7) gegr\u00fcndet wurde. Bemerkenswert ist, dass die heftigen Gewalttaten in Thessaloniki von den ca. 15.000 GriechInnen ausgingen und sich gegen die Mehrheit der 80.000 J\u00fcdInnen (8) richteten. Als 1912 die griechische Armee in Thessaloniki einmarschierte, kam es zur Pl\u00fcnderung von 700 j\u00fcdischen Gesch\u00e4ften und H\u00e4usern, zu Vergewaltigungen und Morden (9). Die im Zuge des gro\u00dfen Bev\u00f6lkerungsaustausches hinzugezogenen 117.000 GriechInnen aus Kleinasien machten die J\u00fcdInnen 1922 zur Minderheit und ihre Lage wurde noch prek\u00e4rer.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Gegensatz zur patriotisch orientierten kulturellen Haupttendenz entwickelte Yannatou eine andere, offene politisch-k\u00fcnstlerische Praxis. Zu Beginn ihrer musikalischen Laufbahn sang sie alte Musik aus Renaissance und Barock, um sich dann in Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Kontrabassisten Peter Kowald radikal experimenteller Musik und dem Freejazz zuzuwenden. Ihre Neugier auf das Unbekannte, ihre Experimentierlust und Offenheit f\u00fcr lebendige Formenvielfalt stellten einen kulturellen Gegenpol zur vorherrschenden Fokussierung auf griechische Volksmusiken dar.<\/p>\n<h5>\u201eDirty Sounds\u201c<\/h5>\n<p align=\"justify\">Das vielen volkst\u00fcmlichen Liedern innewohnende Pathos wird von Yannatou durch dissonante Wortschnipsel und ausgefallene Lautmalereien dekonstruiert. In einigen F\u00e4llen bleiben die Grundstrukturen der urspr\u00fcnglichen Lieder erhalten, ein anderes Mal nehmen sie durch avantgardistische Improvisationen eine neue musikalische Gestalt an. Diese kreativ ver\u00e4nderten Passagen verlangen von den Zuh\u00f6rerInnen eine Offenheit f\u00fcr neue Impulse und Toleranz. Ihre Musik gilt in Griechenland manchen als \u201eschwierig\u201c. Sie verzichtet bei ihren Auftritten auf aufw\u00e4ndige Showelemente, sodass sich die ZuschauerInnen ganz auf ihren disziplinierten Auftritt und ihre wandlungsf\u00e4hige Stimme konzentrieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"justify\">In einem Interview erkl\u00e4rte Yannatou, dass sie bewusst \u201edirty sounds\u201c bei ihrem Gesang einsetzt: \u201eManchmal mache ich meine Stimme absichtlich \u201aschmutzig\u2018, mit vielen Sounds dazwischen. Ich liebe freie Musik und all diese Situationen \u2013 nicht nur als Resultat, sondern den ganzen Prozess: die vielen Farben, die man erzeugen kann; es hat alles mit Timbres [Klangfarben, H. B.] der Sounds zu tun, und nat\u00fcrlich mit Emotionen.\u201c (10)<\/p>\n<p align=\"justify\">Ihre Musik klingt bei ihrem R\u00fcckgriff auf die Sph\u00e4re der Alten Musik einerseits archaisch, andererseits gelingt ihr manchmal in einer einzigen Komposition die Verbindung zur Free Musik. Zusammengehalten wird dieses disparate musikalische Material durch die Arrangements von Kostas Vomvolos und die avancierten Spielpraktiken des sechsk\u00f6pfigen Ensembles \u201ePrimavera en Salonico\u201c mit dem Yannatou zusammenarbeitet. In die abwechslungsreiche akustische Instrumentierung flie\u00dfen haupts\u00e4chlich orientalische Einfl\u00fcsse ein, was man an einem Teil der gespielten Instrumente erkennen kann: Nay (Rohrfl\u00f6te), Oud (Laute), Violine, Kanun (Kastenzitter), Kontrabass, Schlagwerk, Akkordeon.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sephardisch wird als Alltagssprache auch in Thessaloniki nur noch selten gesprochen, da fast alle J\u00fcdInnen ermordet wurden. Es ist das Verdienst von Yannatou, dass sie diese durch die Shoa fast ausgel\u00f6schte Sprache aus ihrem Nischendasein herausgeholt hat und in die gro\u00dfen Konzerts\u00e4le dieser Welt bringt. Als Interpretin sephardischer Lieder aus Saloniki taugt sie allerdings nicht f\u00fcr identit\u00e4re Zuschreibungen, weil sie selbst in Athen lebt und keine J\u00fcdin ist. Da sich die orientalischen und balkanischen Musiken in der Vergangenheit gegenseitig beeinflusst haben, werden bei ihr die einzelnen Strophen eines Liedes schon mal in drei verschiedenen Sprachen gesungen und damit k\u00fcnstlich geschaffene Grenzen aufgehoben. Die Musik der ebenfalls von einem V\u00f6lkermord betroffenen und meist diasporitisch lebenden ArmenierInnen hat einen Ehrenplatz im Repertoire Yannatous.<\/p>\n<h5>Kommeno<\/h5>\n<p align=\"justify\">Ein weiteres Projekt mit dem Freejazz-Schlagzeuger G\u00fcnter Baby Sommer aus Dresden und verschiedenen griechischen Musikern erinnert am Beispiel von Kommeno an die 200 D\u00f6rfer, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges durch die Wehrmacht als \u201eVergeltungsma\u00dfnahme\u201c gegen Partisanenaktivit\u00e4ten vernichtet wurden. Alle dort vorgefundenen Menschen wurden von der Wehrmacht ermordet. Als Sommer im Jahr 2008 in Kommeno bei einem Konzert auftrat, sprach der dortige B\u00fcrgermeister Sommer an, der bis dahin von der Ermordung von 317 DorfbewohnerInnen am 16. August 1943 nichts wusste. In der Folgezeit setzte er sich intensiv inhaltlich und musikalisch mit den ersch\u00fctternden Vorkommnissen auseinander und komponierte zusammen mit mehreren griechischen Musikern ein ber\u00fchrendes Werk, das die damaligen Geschehnisse musikalisch verarbeitet. Der Klagegesang einer \u00dcberlebenden des Massakers wurde in die Musik integriert. Da es keiner weiteren Worte f\u00fcr das Unaussprechliche bedurfte, sang Yannatou ihre Melodielinien ohne Text, stimmliche Klangmodulationen kamen hinzu.<\/p>\n<h5>\u201eGastarbeiter\u201c<\/h5>\n<p align=\"justify\">Nachdem diese Komposition 2012 zusammen mit einem informativen 150seitigen Booklet (11) erschienen ist, wurde es in dem griechischen Dorf und in der BRD mehrmals aufgef\u00fchrt und in den Medien stark beachtet. In dem Booklet wird der Blick auf den besch\u00e4menden Fortgang der bundesdeutschen Verdr\u00e4ngungsmechanismen geworfen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die sch\u00e4ndliche Behandlung der griechischen \u201eGastarbeiter\u201c, die ab dem Anwerbeabkommen im Jahr 1961 in der BRD gearbeitet haben. Hier kommen Betroffene zu Wort, die inzwischen seit Jahrzehnten in Deutschland wohnen:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWer sich beim Anwerbeb\u00fcro in Saloniki gemeldet hatte, fuhr von dort aus mit einem Sonderzug nach M\u00fcnchen. Diese Z\u00fcge waren meist v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt. Oftmals waren \u00fcber Tausend Menschen darin eingepfercht. Diese Reisen, die bis zum Jahr 1972 durchgef\u00fchrt wurden, nannten die Deutschen \u201aTransporte\u2019. Unm\u00f6glich das zu vergessen.\u201c (12)<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein 80j\u00e4hriger ehemaliger BMW-Arbeiter schildert seine Ankunft in M\u00fcnchen im Jahr 1963: \u201eVon Gleis 11 aus wurden wir in den ehemaligen Luftschutzkeller unter dem Bahnhof gef\u00fchrt: Ein Labyrinth der Unterwelt \u2013 ein Gewirr aus G\u00e4ngen und zu Wartes\u00e4len ausgebauten R\u00e4umen. Dort wurden dann mit einem blechern klingenden Megafon die Nummern unserer Arbeitsvertr\u00e4ge aufgerufen: \u201aArbeitsvertr\u00e4ge Nummer 1 bis 15 in die Wartes\u00e4le drei bis sieben! Arbeitsvertr\u00e4ge 16 bis 30 in die Wartes\u00e4le acht bis zw\u00f6lf\u2019 und so weiter. Als ich dieses Geschrei h\u00f6rte, kam es mir so vor, als sei die Besatzungszeit zur\u00fcckgekehrt. Auch damals riefen die Deutschen uns nur mit Nummern. Und zum Teufel, diese Stimmen waren genau die gleichen, die ich noch von damals kannte: RECHTS! LINKS! VORSICHT! NEIN! RAUS! VERBOTEN! NICHTS DA! KAPUTT! An dieses Stakkatogebell, das kaum noch etwas mit einer menschlichen Stimme zu tun hatte, erinnerte ich mich nur zu gut, und mir lief es kalt \u00fcber den R\u00fccken.\u201c (13)<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Vergangene ist nicht vergangen. Es wirkt bis heute. In Zeiten, in denen selbst der ehemalige linke Komponist Mikis Theodorakis immer wieder durch nationalistische Ausf\u00e4lle von sich Reden macht, ist es wohltuend, dass K\u00fcnstlerInnen wie Savrina Yannatou sich diesem Ungeist auf \u00e4sthetischer und politischer Ebene widersetzen.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Horst Blume<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denn eigenwillig und au\u00dferhalb des Mainstreams erkundet sie zusammen mit dem akustischen Musikensemble \u201ePrimavera en Salonico\u201c nicht nur die facettenreiche Musik Griechenlands, sondern singt ebenfalls die Lieder der Nachbarn auf dem Balkan, in der Mittelmeerregion und im Nahen Osten. 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