{"id":20644,"date":"2019-09-13T12:51:28","date_gmt":"2019-09-13T10:51:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20644"},"modified":"2019-09-14T22:25:27","modified_gmt":"2019-09-14T20:25:27","slug":"gandhi-und-seine-juedischen-mitstreiterinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/gandhi-und-seine-juedischen-mitstreiterinnen\/","title":{"rendered":"Gandhi und seine j\u00fcdischen MitstreiterInnen"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Gandhi und seine gewaltfrei-revolution\u00e4ren Massenkampagnen in Indien gegen die britische Kolonialmacht sind noch immer eine weltweite Inspirationsquelle und ein emanzipatorischer Gegenpol zu gewaltverherrlichenden und kriegstreiberischen Tendenzen. In diesem Buch werden staatskritische und pro-anarchistische Stellungnahmen Gandhis in Texten aus drei Jahrzehnten dokumentiert. Auf dieser inhaltlichen Grundlage wird auch auf die Vorw\u00fcrfe eingegangen, Gandhi sei angeblich \u201eRassist\u201c oder \u201eVerteidiger des Kastensystems\u201c gewesen. Dass diese Vorw\u00fcrfe haltlos sind, wird durch die hier vorliegenden Texte deutlich. Sie zeigen, wie sich Gandhis Positionen entwickelten und radikalisierten: bereits ab 1908 in S\u00fcdafrika im Kollektiv mit j\u00fcdischen Gewaltfreien, ganz besonders aber w\u00e4hrend der drei Jahrzehnte des anti-kolonialen Kampfes in Indien. Abschlie\u00dfend wird anhand der aktuellen sozialen Bewegung f\u00fcr Landrechte am Beispiel von Ekta Parishad gezeigt, dass sich diese auf den Salzmarsch Gandhis bezieht und die gewaltfrei-libert\u00e4re Tradition noch immer relevant f\u00fcr die K\u00e4mpfe von unten im heutigen Indien ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der aggressivste Kern vieler Rassismen ist der Antisemitismus. Zwar erstrecken sich die heutigen Vorw\u00fcrfe Gandhis f\u00fcr seine Zeit in S\u00fcdafrika nicht auf den Bereich Antisemitismus. Doch auch ein Weglassen fr\u00fcher Verdienste in S\u00fcdafrika kann dazu beitragen, ein bestimmtes Gandhi-Bild dieser Zeit zu erzeugen. Gandhi hatte nicht nur von Anfang an wichtige j\u00fcdische Mitstreiter, wie Hermann Kallenbach, sondern f\u00fchrte auch bedeutende internationale Diskussionen \u2013 oft unter erschwerten Bedingungen \u2013, die bewirkten, dass auch etwa Martin Buber von Gandhi inspiriert wurde und seine Ideen aufgriff. Gandhi hatte in S\u00fcdafrika zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt Juden und J\u00fcdinnen in seine Ashrams aufgenommen und sp\u00e4ter, Ende der Drei\u00dfigerjahre, zusammen mit Nehru, vom Nationalsozialismus verfolgte Juden und J\u00fcdinnen nach Indien einreisen lassen \u2013 all das sind politische Positionen eines Bewusstseins f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Antisemitismus, den die Kritiker*innen Gandhis in ihrem undifferenzierten Rassismus-Vorwurf allzu leicht \u00fcbergehen.<\/p>\n<h5>Hermann Kallenbach, der \u201eBaugewerksmeister\u201c<\/h5>\n<p align=\"justify\">Christian Bartolf hat zusammen mit der Israelin Isa Sarid eine Biographie \u00fcber Hermann Kallenbach (1871-1945) ver\u00f6ffentlicht (1). Hermann Kallenbach stammte aus einer russischst\u00e4mmigen j\u00fcdischen Familie, wurde aber in Ostpreu\u00dfen geboren. Er lernte \u201eBaugewerksmeister\u201c, eine Verbindung von Maurer, Zimmermann und Architekt. 1896 fuhr er zu seinem Onkel nach S\u00fcdafrika. Gandhi traf er dort zuf\u00e4llig beim indisch-islamischen Rechtsanwalt Khan, f\u00fcr den Gandhi damals arbeitete. Schnell wurden sie Freunde.<\/p>\n<p align=\"justify\">Kallenbach \u00e4nderte sein Leben radikal. Zusammen mit Gandhi nahm er 1910 Kontakt mit Tolstoi auf. Nun gr\u00fcndeten beide zusammen die Tolstoi-Farm in der N\u00e4he von Johannesburg, eine der ersten Gandhi-Kommunen oder Ashrams, wie sie sp\u00e4ter in Indien hei\u00dfen sollten. Gandhi und Kallenbach wollten dort ihr Ideal einfacher und gleichberechtigter Arbeit in die Praxis umsetzen und zugleich eine soziale Basis f\u00fcr die Emanzipationsbewegung der Inder*innen in S\u00fcdafrika aufbauen. In einem Gef\u00e4ngnisbrief Kallenbachs wird deutlich, dass er nicht nur als Handwerker und Architekt, sondern auch als Aktivist und Organisator unsch\u00e4tzbare Dienste bei den Streiks und Aktionen der indischen Bewegung in S\u00fcdafrika leistete.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nach einem Aufenthalt in London w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs war es Kallenbach als offiziell Deutschem nicht erlaubt, zusammen mit Gandhi in Indien einzureisen. Kallenbach ging dann in den Zwanzigerjahren wieder nach S\u00fcdafrika und machte sich als Architekt \u00f6ffentlicher Geb\u00e4ude einen Namen. In den Drei\u00dfigerjahren hatte er dort Kontakt mit dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius.<\/p>\n<p align=\"justify\">In den sp\u00e4ten Drei\u00dfigerjahren fuhr Kallenbach nach Pal\u00e4stina und unterst\u00fctzte die zionistische Bewegung. Allerdings schwebte ihm eine Ackerbau-Gemeinschaft ohne Staat, Armee und Industrie vor. Nach dem Vorbild des zionistischen Sozialisten und Pionier der Kibbuz-Bewegung A.D. Gordon wollte auch Kallenbach bei zionistischen Siedlungen Kolonialismus, Rassismus und Imperialismus \u00fcberwinden. Mit dem Auftrag, die zionistischen Inhalte Gandhi besser zu vermitteln, besuchte Kallenbach Gandhi 1937 in Indien und sah ihn damit nach 23 Jahren erstmals wieder. Gandhi sprach sich gegen eine Durchsetzung der zionistischen Interessen in Pal\u00e4stina mit Waffengewalt aus. Zusammen mit Kallenbach versuchte Gandhi, die 70 Millionen Muslime in Indien auf die Seite einer Gespr\u00e4chsl\u00f6sung zwischen arabischen und j\u00fcdischen Anspr\u00fcchen in Pal\u00e4stina zu bringen. Nach einer Malaria-Erkrankung starb Kallenbach 1945. Seine Urne liegt im Kibbuz Degania in Israel \u2013 einem jener Kibbuzim, die auf eine lange Tradition anarchistischer Einflusse innerhalb der Kibbuz-Bewegung zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen (2).<\/p>\n<h5>Sonja Schlesin: Flucht vor zaristischen Pogromen<\/h5>\n<p align=\"justify\">Auf zeitgen\u00f6ssischen Fotos und auch bei Festnahmen Gandhis durch die britische Polizei sind oft zwei Mitstreiter*innen zu sehen, neben Kallenbach auch die j\u00fcdische Sekret\u00e4rin Gandhis, Sonja Schlesin (1888-1956). Sie wurde in Moskau geboren und lebte mit ihrer Familie in Neustadt, damals Russland, heute Litauen. Aufgrund der anti-j\u00fcdischen Pogrome und der antisemitischen Politik des Zaren Alexander III. emigrierte die Familie in den Jahren 1891 und 1892 bis nach S\u00fcdafrika. Als Siebzehnj\u00e4hrige lernte Sonja Schlesin 1905 Gandhi kennen. Gandhi meinte sp\u00e4ter \u00fcber seine Zeit in S\u00fcdafrika, dort sei er \u201evon Juden umgeben\u201c gewesen. Neben Kallenbach und Schlesin waren wichtige strategische Mitk\u00e4mpfer in seinen Kampagnen des Weiteren die Juden Lewis W. Ritch, der f\u00fcr Gandhi den Kontakt zu Tolstoi herstellte, woraus ein Briefwechsel entstand, sowie Henry Polak, der Gandhi auf John Ruskins Buch \u201eUnto This Last\u201c aufmerksam machte, das Gandhis industriezivilisatorische Kritik stark beeinflusste. Weil Sonja Schlesin in Russland antisemitische, das hei\u00dft auch rassistische Verfolgung am eigenen Leib erlebt hatte, war sie sensibel f\u00fcr die rassistische Diskriminierung der Inder*innen in S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die indischen H\u00e4ndlerfamilien und Arbeiter*innen waren zudem wie sie selbst Immigrant*innen. Es war Hermann Kallenbach, der sie als Sekret\u00e4rin f\u00fcr Gandhi vorschlug, und als solche war sie bei allen Kampagnen des passiven Widerstands, bald Satyagraha genannt, ab 1906 und der Mobilisierungsrede Gandhis in Johannesburg gegen den diskriminierenden Black Act dabei. Der Einfluss von Kallenbach und Schlesin f\u00fchrte dazu, dass Gandhi in dieser Zeit mehrfach Synagogen besuchte und alle drei f\u00fcr eine pluralistische und die Glaubensrichtungen \u00fcbergreifende Religionskonzeption eintraten. In der Kampagnenpraxis war Schlesin vor allem organisatorisch t\u00e4tig, vermied Festnahmen und war bei den zahlreichen Gef\u00e4ngnisaufenthalten Gandhis eine Garantin daf\u00fcr, dass die Aktionen weiter gingen. Sonja Schlesin war die erste ausgebildete weibliche Juristin in S\u00fcdafrika. Gleichzeitig war sie von der britischen Suffragettenbewegung stark beeinflusst. Sie und Gandhi hatten damals direkte Kontakte zu Emilie Pankhurst und die fr\u00fche, nicht-gewaltsame Aktionsphase der Suffragettenbewegung hatte gro\u00dfen Einfluss auf die Entwicklung der Satyagraha-Konzeption.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sonja Schlesin war somit auch daf\u00fcr verantwortlich, dass schon bei den s\u00fcdafrikanischen Satyagraha-Kampagnen Frauen immer wieder aktiv beteiligt waren (ca. 130 etwa beim Newcastle- und Charleston-Marsch 1913). Dar\u00fcber hinaus war sie f\u00fcr die Geldbeschaffung der Bewegung aktiv, machte redaktionelle Arbeit f\u00fcr die Zeitung Indian Opinion und besuchte gefangene Satyagrahis im Gef\u00e4ngnis. In den Zeiten, in denen Gandhi in London weilte, hielt sie die Organisierung aufrecht und informierte ihn \u00fcber die laufenden Entwicklungen. Von 1911 bis 1912 war Sonja Schlesin zugleich Sekret\u00e4rin der \u201eTransvaal Indian\u2019s Women Association\u201c (Vereinigung Indischer Frauen des Staates Transvaal) und als solche wurde sie juristisch verfolgt, als sie sich auf Aufforderung der Wei\u00dfen weigerte, ein Dritte-Klasse-Abteil eines Zuges zu verlassen \u2013 Gandhi und sie hatten sich angewohnt, nur noch Dritte Klasse, d.h. unter Schwarzen zu reisen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Gericht wurde sie von Gandhi verteidigt und konnte eine Gef\u00e4ngnisstrafe vermeiden. Beim Newcastle-Marsch und beim direkt darauf folgenden Charleston-Marsch, als Gandhi, Polak und Kallenbach im Gef\u00e4ngnis waren, organisierte Schlesin die Solidarit\u00e4tsarbeit und k\u00fcmmerte sich um die Frauen, Kinder und \u00c4ltesten der Bergarbeiterfamilien. Nachdem Gandhi 1914, nach dieser von relativem Erfolg gekr\u00f6nten Bewegung, S\u00fcdafrika verlie\u00df, ergriff Sonja Schlesin den Beruf der Lehrerin, den sie bis 1943 ausf\u00fchrte. Sie blieb in S\u00fcdafrika und setzte sich bis zu ihrem Tod f\u00fcr die freie Immigration von Juden und J\u00fcdinnen ins Land ein. Sie starb 1956 (3).<\/p>\n<h5>Die gegenseitige Beeinflussung von Gandhi und Martin Buber<\/h5>\n<p align=\"justify\">Kurz nach Kallenbachs Besuch 1937 ver\u00f6ffentlichte Gandhi 1938 zwei Aufs\u00e4tze im Anschluss an die Nazi-Besatzung der Tschechoslowakei und an das November-Pogrom in Nazi-Deutschland 1938. Dort rief Gandhi die Verfolgten des NS-Regimes zum gewaltfreien Widerstand auf. Dies l\u00f6ste eine Kontroverse zwischen Gandhi und Martin Buber aus, die seither immer wieder, etwa in der Berliner \u201etageszeitung\u201c im Vorfeld des Golfkrieges von 1991, dazu benutzt wurde, in Vorkriegszeiten antimilitaristische Bewegungen zu denunzieren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zu dieser Kontroverse zwischen Gandhi und Buber hat Christian Bartolf in seinem Buch \u201eWir wollen die Gewalt nicht\u201c alle Briefe und Dokumente ver\u00f6ffentlicht und in einer Einleitung wichtige Zusatzinformationen geliefert. Es wird dabei deutlich, dass Buber seine Antwort auf Gandhis Aufruf zum gewaltfreien Widerstand erst nach Aufforderung verfasst hat. Zusammen mit dem Brief Bubers, der Gandhis Widerstandsvorschlag angesichts des monstr\u00f6sen Gegners kritisierte, wurde gleichzeitig noch ein Brief von Judah Leon Magnes, dem damaligen Kanzler der Berliner Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t, an Gandhi in Indien versandt, in dem Mages Gandhi um konkrete Aktionsvorschl\u00e4ge bat. Beide Briefe haben Gandhi leider nie erreicht, sodass Gandhi auf Buber nicht antworten und an Magnes keine konkretisierenden Vorschl\u00e4ge richten konnte. Der beabsichtigte Dialog kam also im eigentlichen Sinne gar nicht erst zustande, was sicherlich den damals noch manchmal un\u00fcberwindbaren Entfernungen geschuldet war. Die von Bartolf zusammen getragenen Dokumente zu den beiden Briefen von Buber und Magnes machen jedoch deutlich, dass Gandhi einerseits die Monstr\u00f6sit\u00e4t der NS-Diktatur keineswegs untersch\u00e4tzt hat und Buber sich trotz seiner situativen Gewaltbef\u00fcrwortung immer gro\u00dfen Respekt vor Gandhis Gewaltlosigkeit bewahrt hat, sogar sp\u00e4ter darauf zur\u00fcckkam und angesichts der atomaren Bedrohung eine \u201eplanetarische Front\u201c des zivilen Ungehorsams forderte (4).<\/p>\n<p align=\"justify\">Aus diesem Zusammenhang darf geschlussfolgert werden, dass Gandhi zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, was den bewaffneten Widerstand von Juden\/J\u00fcdinnen gegen die nazistische Vernichtungspolitik anbetrifft, wohl zu einer \u00e4hnlichen Charakterisierung von \u201efast gewaltfrei\u201c gekommen w\u00e4re, wie er sie angesichts des polnischen Widerstands von 1939 im hier abgedruckten dritten Text Gandhis vom August 1940 ge\u00e4u\u00dfert hat.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Lou Marin<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-size: smaller;\">Auszug aus: Lou Marin und Horst Blume: Gandhi \u201eIch selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art\u201d, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2019, 140 Seiten, mit aktuellen Fotos und historischen Abbildungen, 13,90 Euro, ISBN 978-3-939045-38-0, erscheint voraussichtlich Ende September 2019<\/p>\n<table border=\"3\" width=\"100%\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Internationales Gandhi-Symposium: 27.-29. September 2019 in Linz\/\u00d6sterreich<\/h4>\n<p align=\"justify\">Anl\u00e4sslich des 150. Geburtstags Gandhis am 2. Oktober 2019 (Geburtsjahr 1869) findet vom 27.-29. September 2019 ein umfangreiches Internationales Gandhi-Symposium in Linz\/\u00d6sterreich statt. Das Symposium steht unter dem Titel: \u201eEtwas tun! Aber wie?\u201d und umfasst eine Reihe von Vortr\u00e4gen, Filmen, Diskussionen und mehrere Aktionstrainings zu Konsensfindung, gewaltfreier Aktion und Umgang mit direkter Gewalt. Im Internet findet ihr das Programm unter dem Link: www.gandhi-symposium.info\/<br \/>\nEs kann auch ein Papierheft mit dem Programm bestellt werden. Anmeldung bis zum 20.9. m\u00f6glich unter: www.vhs.linz.at, Telefon: 0043 732 70700 Mail: wissenssturm@mag.linz.at<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gandhi und seine gewaltfrei-revolution\u00e4ren Massenkampagnen in Indien gegen die britische Kolonialmacht sind noch immer eine weltweite Inspirationsquelle und ein emanzipatorischer Gegenpol zu gewaltverherrlichenden und kriegstreiberischen Tendenzen. In diesem Buch werden staatskritische und pro-anarchistische Stellungnahmen Gandhis in Texten aus drei Jahrzehnten dokumentiert. 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