{"id":20654,"date":"2019-09-14T22:13:53","date_gmt":"2019-09-14T20:13:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20654"},"modified":"2019-10-03T12:50:04","modified_gmt":"2019-10-03T10:50:04","slug":"ungehorsam-gegen-das-aussterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/ungehorsam-gegen-das-aussterben\/","title":{"rendered":"Ungehorsam gegen das Aussterben"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Die \u201eJunge Union\u201c Rhein-Erft, Organisation der Nachwuchskarrierist*innen der CDU, \u00e4u\u00dferte sich \u00fcber Thunbergs Besuch \u201efassungslos\u201c. Die jungen Konservativen hatten die Schwedin zuvor erfolglos zu etwas eingeladen, was sie wohl \u201eDialog\u201c genannt h\u00e4tten. Dass Thunberg sich lieber mit Klimasch\u00fctzer*innen vernetzt als mit den Business-as-usual-Jugendlichen, passt nicht in deren Weltbild. Und dass unter den Gespr\u00e4chspartner*innen der Nobelpreis-Aspirantin im Hambi auch eine vermummte Person war, hat bei den Jungunionist*innen vollends Schnappatmung hervorgerufen. Merkw\u00fcrdigerweise wurde dieser Punkt auch in der Klimabewegung selbst kontrovers diskutiert. Allen ist klar, dass es f\u00fcr Menschen, die sich durch eine Baumbesetzung mit dem Kohlekonzern RWE anlegen, sehr gute Gr\u00fcnde gibt, ihre Identit\u00e4t nicht preiszugeben. Aber die Symbolik der Bilder, bei denen Teile der Bewegung ebenso unerkannt bleiben, wie es die Polizei bei ihren gewaltsamen Eins\u00e4tzen prinzipiell ist, st\u00f6\u00dft Manchen unangenehm auf.<\/p>\n<p align=\"justify\">Mir geht es da anders. Auch ich erkenne gerne das Gesicht meines Gegen\u00fcbers, die in der Mimik ablesbaren Gef\u00fchle und Interaktionen. Aber ich wei\u00df, dass der Klimakampf kein Ponyhof ist. Und solange auch nur ein Staatsb\u00fcttel anonym agieren darf, m\u00fcssen wir moralisch \u00fcber die Vermummung beim Protest nicht diskutieren. Die Facebook-Threads, in denen das bewegungsintern diskutiert wurde, zeichnen sich \u00fcbrigens durch eine bemerkenswert konstruktive Diskussionskultur aus. Anders die Trollosph\u00e4re. Selbst die ziemlich RWE-nahen Aachener Lokalzeitungen mussten ein \u201eerschreckendes Ausma\u00df an Hass\u201c konstatieren, das sich in ihrem Internet-Auftritt \u00fcber Thunberg nach deren Hambi-Besuch ergoss. Diese w\u00fctenden Menschen, die ihre Gewaltphantasien \u00fcbrigens ihrerseits \u00fcberwiegend im Schutz der digitalen Anonymit\u00e4t ausgie\u00dfen, sind offenbar besonders in Rage wegen der manifesten Einheit der b\u00fcrgerlichen und der radikalen Klimaschutzbewegung. Thunberg hatte im M\u00e4rz 2019 die \u201eGoldene Kamera\u201c des Funke-Medienkonzerns verliehen bekommen und diesen Preis den Aktivisti im Hambacher Wald gewidmet. Es ist dieser Br\u00fcckenschlag zwischen b\u00fcrgerlich und radikal, der die Klimaschutzbewegung im Rheinland schon im letztj\u00e4hrigen Kampf gegen die Rodung des Hambi so interessant und so erfolgreich machte und der zugleich nicht nur die Online-Trolle, sondern auch die Lokalpresse und den Aachener Polizeipr\u00e4sidenten jede Contenance verlieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Damit erst einmal genug zu Greta. Man muss sie bewundern, weil sie die Bewegung der Sch\u00fcler*innen angesto\u00dfen hat, und weil das allermeiste, was sie in die ihr reichlich dargebotenen Mikrophone spricht, von Weisheit gepr\u00e4gt ist \u2013 nicht zuletzt das Bekenntnis zum zivilen Ungehorsam. Noch wertvoller ist aber, dass die Fridays-for-Future-Bewegung keinen Personenkult um Thunberg betreibt. Sie braucht keine individuellen Held*innen, um Freitag f\u00fcr Freitag massenhaft auf den Stra\u00dfen pr\u00e4sent zu sein und ihren Anspruch auf Zukunft zu manifestieren. Es ist eine gro\u00dfartige, dezentrale Bewegung, die sich von den ganzen Politprofis weder einsch\u00fcchtern noch einlullen l\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Aachener Polizei hatte im Vorfeld der internationalen Fridays-for-Future-Demonstration in Aachen am 21. Juni 2019 einen mit Falschinformationen gespickten Brief an Sch\u00fcler*innen, Studierende und Eltern ver\u00f6ffentlicht. Darin versuchten die Ordnungsh\u00fcter*innen mal wieder, einen Keil in die Klimabewegung zu treiben. Die jungen Leute von \u201eFridays for Future\u201c sollten, hie\u00df es, nicht in die \u201eStrafbarkeitsfalle\u201c tappen, indem sie sich an Aktionen von \u201eEnde Gel\u00e4nde\u201c beteiligten, die zur selben Zeit im Tagebaugebiet Garzweiler stattfanden. \u201eFridays for Future\u201c Aachen distanzierte sich von diesem Polizeischreiben und forderte eine Entschuldigung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Sch\u00fcler*innen solidarisierten sich ausdr\u00fccklich mit \u201eEnde Gel\u00e4nde\u201c und mit der ebenfalls Taktiken des zivilen Ungehorsams praktizierenden \u201eExtinction Rebellion\u201c [siehe Artikel in dieser GWR-Aktionszeitung]. Von den 36.000 Teilneh-mer*innen der Aachener Demo sah man am darauffolgenden Tag viele Tausende an der Grubenkante des Garzweiler Loches die Ende-Gel\u00e4nde-Aktivisti unterst\u00fctzen, und nicht wenige von den \u00e4lteren Sch\u00fcler*innen wagten auch den Weg in die Grube. Wie sollte es denn auch anders sein? Die jungen Leute haben erkannt, dass das bestehende Wirtschaftssystem ihre Zukunft zerst\u00f6rt. Sie blieben freitags dem Unterricht fern und riskierten damit Disziplinarma\u00dfnahmen. \u201eWarum sollen wir f\u00fcr eine Zukunft lernen, die wir vielleicht gar nicht haben?\u201c, lautet eine wichtige Devise. Die l\u00e4sst sich verallgemeinern: Warum sollten wir uns an Gesetze halten, die ganz eindeutig dazu beitragen, unsere Zukunft zu zerst\u00f6ren?<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Vernetzung von \u201eEnde Gel\u00e4nde\u201c, \u201eExtinction Rebellion\u201c und \u201eFridays for Future\u201c stellt eine Entwicklung dar, die Hoffnung sch\u00f6pfen l\u00e4sst. Vielleicht haben wir hier ein Samenkorn der systemsprengenden Rebellion, die n\u00f6tig ist, um die Katastrophe des globalen Klimas wenigstens noch in Grenzen zu halten. Dass die offiziellen politischen Verantwortungstr\u00e4ger*innen dazu nicht imstande sind, haben sie im laufenden Jahr erneut bewiesen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Klimathema eroberte dank der Sch\u00fcler*innen-Proteste die TV-Talkshows und Zeitungs-Schlagzeilen, und das bewirkte bei unseren Berufspolitiker*innen \u2026 sehr viele Lippenbekenntnisse, und sehr wenig Entscheidungen angesichts des lichterloh brennenden gemeinsamen Hauses. Der Landtag von NRW beschloss im Juli 2019 mal eben einen neuen \u201eLandesentwicklungsplan\u201c, der au\u00dfer einer hemmungslosen Bodenversiegelung ein massives Ausbremsen des Ausbaus der sauberen Windenergie beinhaltet. Die Einfl\u00fcsterungen der Kohle-Lobby klingen in den Staatskanzleien, Ministerien und Fraktionen eben noch immer lauter als der existenzielle Problemdruck, und lauter als das bisherige Ausma\u00df an zivilem Ungehorsam. Letzteres k\u00f6nnen wir steigern! Vor ein paar Tagen konstatierten die Aachener Tageszeitungen in besorgtem Ton: \u201eDas Bundesamt vom Verfassungsschutz spricht bei Ende Gel\u00e4nde von einer linksextremistisch beeinflussten Kampagne.\u201c Ja freilich! Was denn sonst? Der Kapitalismus hat uns an den Rand der Zerst\u00f6rung des menschlichen Lebens auf der Erde gebracht.<\/p>\n<h5>Das Haus brennt!<\/h5>\n<p align=\"justify\">Welchen Politikansatz sollten wir denn da verfolgen, wenn keinen linksradikalen? Und was ist so schlecht an radikaler Demokratie, an der Gleichheit der Chancen, und \u2013 ja, am \u00dcberleben? Jedes menschliche Wesen k\u00e4mpfe gewaltfrei mit dem Mut, den es jeweils hat \u2013 auf angemeldeten Demos, mit Leser*innenbriefen und Petitionen, mit Flyern, Transparenten, Swarmings und Die-ins, mit Stra\u00dfen- und Flughafenblockaden oder mit Baggerbesetzungen im Tagebau; wenn\u2019s geht, mit offenem Visier, wenn\u2019s sein muss, vermummt \u2013 alles zusammen ergibt die notwendige Bewegung, und am wichtigsten ist, diese Bewegung nicht spalten zu lassen. Dass die Spaltungsversuche der Polizei, der b\u00fcrgerlichen Presse und der Berufspolitiker*innen bisher alle ins Leere liefen, das ist eine der Mut machenden Beobachtungen der letzten zw\u00f6lf Monate.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>R\u00fcdiger Haude<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201eJunge Union\u201c Rhein-Erft, Organisation der Nachwuchskarrierist*innen der CDU, \u00e4u\u00dferte sich \u00fcber Thunbergs Besuch \u201efassungslos\u201c. 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