{"id":20807,"date":"2019-10-08T13:17:59","date_gmt":"2019-10-08T11:17:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20807"},"modified":"2019-11-14T12:47:40","modified_gmt":"2019-11-14T10:47:40","slug":"hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2\/","title":{"rendered":"Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"de-DE\">Im Zentrum des Projekt A in Neustadt\/Weinstra\u00dfe standen etwa zw\u00f6lf Kollektivbetriebe, die teilweise im Projektzentrum \u00d6kohof, einer ehemaligen M\u00f6belfabrik, ans\u00e4ssig waren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Name des Vereins \u201eWerk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen\u201c (WESPE) deutet auf Eigenst\u00e4ndigkeit hin. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es ging nie darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch von Horst Stowasser (1951-2009) eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst, der ab 1990 selbst in Neustadt lebte, nie erwartet. Als Standort f\u00fcr das Projekt A hatten sich jedoch die Neust\u00e4dter*innen erfolgreich \u201ebeworben\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat f\u00fcr gemeinsames Wirtschaften, siehe Teil 1). <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Gesamtprojekt WESPE, dem Mitte der 1990er Jahre weitaus mehr als 100 Leute angeh\u00f6rten, koordinierte sich \u00fcber ein monatliches Plenum, das Entscheidungen im Konsens traf. Es war offen f\u00fcr alle, die sich als Beteiligte verstanden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine formale Mitgliedschaft im Verein war in den ersten Jahren ausdr\u00fccklich nicht erforderlich, solche B\u00fcrokratie wurde abgelehnt. Wer als Vorstand fungierte, das sollte egal sein und war wohl auch den meisten nicht bekannt.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Wir-Gef\u00fchl ging verloren<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit dem schnellen Wachsen des Projektes ging allerdings das Wir-Gef\u00fchl der urspr\u00fcnglichen Gruppe nach und nach verloren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es gab nicht mehr die gro\u00dfe WESPE-Familie, sondern die Einheimischen und die Zugereisten, verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben drau\u00dfen oder rutschten durchs soziale Netz. Mitunter kamen auch Leute mit erheblichen psychischen Problemen oder Sucht-Erkrankungen dazu \u2013 es gab ja kein Aufnahme-Prozedere, und manche waren als Jobber auf der \u00d6kohof-Baustelle auch gern gesehen, fanden aber sozial keinen Anschluss. Wie wohl in den meisten Projekten dieser Art erforderte auch die Zugeh\u00f6rigkeit zur WESPE ein gewisses Ma\u00df an Selbstvertrauen, Durchsetzungsf\u00e4higkeit und sozialer Kompetenz.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zeitweilig wurde unter dem Motto \u201eWie geht\u2018s uns denn?\u201c versucht, an dem Wir-Gef\u00fchl zu arbeiten, und soziale, gruppendynamische und politische Fragen auf einem \u201eD\u00e4mmerschoppen\u201c zu besprechen. Auf diesen abendlichen Treffen in lockerer Runde wurde nichts entschieden, sondern einfach miteinander geredet. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine Zeit lang gab es ein sonnt\u00e4gliches WESPE-Fr\u00fchst\u00fcck, und ein paar Mal versuchten wir auch, den Plenums-Sonntag angenehmer zu gestalten, indem wir im Anschluss noch zusammen sa\u00dfen und gesungen haben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Kulturverein Wespennest organisierte Konzerte und Literaturveranstaltungen. Trotz der vielen Arbeit in den Kollektiven, gab es auch immer wieder politische Aktionen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder gegen das Atomkraftwerk Philippsburg, das in Sichtweite von Neustadt liegt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Unser baubiologischer Fachhandel machte f\u00fcr einen Tag dicht und h\u00e4ngte ein Schild in die T\u00fcr, dass wegen Castor-Blockade heute geschlossen sei. Mein Haustechnik-Kollektiv konnte sich einen solchen Verdienstausfall nicht leisten, so dass ich delegiert wurde, mich stellvertretend f\u00fcr alle auf die Gleise zu setzen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zum Castor-Transport tauchten \u00fcber Nacht Schreiben der Stadtverwaltung auf, die dazu aufriefen, sich Jodtabletten zum Schutz vor Radioaktivit\u00e4t im Rathaus abzuholen. Fl\u00fcchtlinge wurden unterst\u00fctzt, indem ihnen Fahrr\u00e4der zur Verf\u00fcgung gestellt wurden. Es gab Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe f\u00fcr Frauen, die von der Versch\u00e4rfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sexismus-Konflikt und Krise<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Sommer 1994 kam es zur Krise, deren Ausl\u00f6ser ein Sexismus-Konflikt war, der sich an der K\u00f6lner Polit-Punk-Kabarett Gruppe \u201eHeiter bis Wolkig\u201c (HbW) entz\u00fcndete. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Band war vom Kulturverein Wespennest zu einem Stra\u00dfentheater-Festival auf dem Hambacher Schloss eingeladen worden. Von autonomen Frauengruppen wurde die Band wegen sexistischer Szenen bei ihren Auftritten kritisiert. Hinzu kam, dass es einen aktuellen Vorwurf gab, ein Mitglied der Gruppe habe eine Frau vergewaltigt, weswegen in anderen St\u00e4dten bis zur Kl\u00e4rung alle Auftritte abgesagt wurden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In den Auseinandersetzungen um die Frage, ob der Auftritt von HbW in Neustadt trotzdem stattfinden soll oder nicht, wurde deutlich, dass in der WESPE unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen und Weltbildern versuchten, etwas Gemeinsames aufzubauen. Pl\u00f6tzlich l\u00f6ste sich das unausgesprochene \u201ewir wollen doch alle das Gleiche\u201c in Luft auf. Bis weit nach Mitternacht diskutierten wir auf einem au\u00dferordentlichen Plenum. Schlussendlich entschieden einige wenige, die bis zum Schluss durchgehalten hatten, dass HbW trotz allem auftreten solle. Es gab Proteste, auch w\u00e4hrend der Veranstaltung, die von den Beteiligten sehr unterschiedlich erlebt wurden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Abend wurde f\u00fcr den Kulturverein zum finanziellen Desaster, denn es regnete, und so kamen viel weniger G\u00e4ste als erwartet. Die finanzielle Solidarit\u00e4t hielt sich nach diesem Streit in Grenzen. Eine kleine Gruppe bem\u00fchte sich nach Kr\u00e4ften, die Zerstrittenen an einen Tisch zu holen f\u00fcr kl\u00e4rende Gespr\u00e4che, aber es war wohl zu sp\u00e4t. Zu tief sa\u00dfen die Verletzungen, es gab Vorw\u00fcrfe, manche redeten nicht mehr miteinander und gr\u00fc\u00dften sich nicht mehr. Offensichtlich waren die Grundlagen des gemeinsamen Projekts WESPE von den Beteiligten sehr unterschiedlich verstanden worden. In diesem harten Konfliktfall schien das Gegengewicht von etwas Tragf\u00e4higem, Verbindendem zu fehlen. H\u00e4tte es nicht diesen Anlass gegeben, w\u00e4re es vielleicht etwas anderes gewesen, an dem sich die fehlenden Gemeinsamkeiten gezeigt h\u00e4tten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Kulturverein Wespennest kam der Idee der Doppelprojekte aus dem Projekt-A-Buch vielleicht am n\u00e4chsten. Neben der ehrenamtlichen Kulturarbeit plante der Verein auch den Betrieb einer Kneipe auf dem \u00d6kohof. Allerdings arbeitete nur die H\u00e4lfte der Gruppe in der Kneipe, von denen nur wenige in der Kulturarbeit engagiert waren, und sie wohnten auch nicht zusammen, so wie Horst sich das in seinem Projekt-A-Buch vorgestellt hatte. Die Kneipe war das lange ersehnte Ziel der m\u00fchsamen, jahrelangen Umbauarbeiten an unserem Projektzentrum. Nun war es endlich so weit, und ausgerechnet an dem Wochenende, das auf das desastr\u00f6se Konzert folgte, er\u00f6ffnete die Kneipe Wespennest. Zur Er\u00f6ffnungsparty kamen viele gar nicht mehr. Einige Leute verlie\u00dfen entt\u00e4uscht die WESPE, oder zogen sich zur\u00fcck, vor allem Frauen. Sie f\u00fchlten sich nicht mehr sicher und zweifelten daran, ob ihnen geglaubt w\u00fcrde, wenn sie einen sexualisierten \u00dcbergriff erleiden w\u00fcrden.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vergebliche Re-Organisation und Selbstbeschr\u00e4nkung<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir merkten erst in diesem Moment, was wir mit der Kneipener\u00f6ffnung verloren hatten. Bis dahin hatten wir RGW-Betriebe eine Person daf\u00fcr bezahlt, uns t\u00e4glich wochentags zu bekochen. So trafen sich zwar nicht alle, aber viele Kollektivist*innen im \u00d6kohof zum Essen, in einem informellen, gesch\u00fctzten Rahmen. Da lie\u00df sich schnell mal etwas besprechen oder verabreden. Und ausgerechnet in der gro\u00dfen Krise, wo wir ihn vielleicht am meisten gebraucht h\u00e4tten, war dieser gesch\u00fctzte Raum weg. Unser Koch arbeitete nun in der Kneipe, wir bekamen eine Zeit lang noch verbilligtes Mittagessen, sa\u00dfen aber zwischen Verk\u00e4uferinnen und Finanzbeamten in einem \u00f6ffentlichen Raum. Das Kneipenkollektiv l\u00f6ste sich nach einem Jahr wieder auf und die Kneipe wurde von verschiedenen Leuten aus dem WESPE-Zusammenhang privatwirtschaftlich weitergef\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Um wenigstens mit den verbliebenen Aktiven auf eine bessere Weise weiterzumachen, engagierten wir eine Moderation f\u00fcr unser Plenum und versuchten, die informelle soziale Realit\u00e4t und die formalen Notwendigkeiten zusammen zu bringen. Jetzt sollte die Mitgliedschaft im WESPE-Verein eine Bedeutung bekommen. Ich habe eine Liste gefunden, auf der akribisch erfasst wurde, wer wann am Plenum teilgenommen oder entschuldigt gefehlt hatte. Dreimal unentschuldigtes Fehlen sollte zum Ausschluss f\u00fchren. Zur Mitgliedschaft geh\u00f6rte neben der Zahlung eines Mitgliedsbeitrags auch das Ableisten einer festgelegten Anzahl von Stunden f\u00fcr das Projekt, auf dem \u00d6kohof gab es genug zu tun. Aber das Gemeinsame war verloren gegangen, und so stand irgendwann der Beschluss auf der Tagesordnung, dass der Verein auf eigene Aktivit\u00e4ten verzichtet und sich auf die Verwaltung des \u00d6kohofs beschr\u00e4nkt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mir ging das zu schnell, dieses schrittweise Absterben aller Hoffnungen zu erleben und dann formal einen Strich drunter und fertig, das wollte ich nicht, es war aber eine rein emotionale Reaktion. Der Vorschlag schien mir an sich ganz vern\u00fcnftig \u2013 was h\u00e4tte ich dem auch entgegensetzen k\u00f6nnen? Ein Veto mochte ich nicht einlegen, denn ich f\u00fcrchtete den sozialen Druck \u2013 manchmal w\u00e4ren mir Mehrheitsentscheidungen lieber gewesen, wo ich einfach gegen etwas h\u00e4tte stimmen k\u00f6nnen. Mein Dilemma habe ich in Stichpunkte \u00f6ffentlich gemacht, mit dem Hinweis, dass ich mich anschlie\u00dfen w\u00fcrde, wenn noch wer ein Veto einlegt. Ich glaube, das passierte dann auch, es konnte aber den Prozess nicht mehr aufhalten, nur verlangsamen. Im Sommer 1996 bin ich dann mit meinen Kindern zur\u00fcck nach Berlin gegangen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vom Scheitern \u2013 und was trotzdem bleibt<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Einige Jahre sp\u00e4ter begann eine Gruppe um Horst Stowasser, in Neustadt ein gr\u00f6\u00dferes gemeinschaftliches Wohnprojekt unter dem Dach des Mietsh\u00e4user Syndikat aufzubauen. Sie kauften eine leerstehende Villa mit Garten, begannen mit der Sanierung, einige zogen bereits auf die Baustelle. \u00dcber diesen Eilhardshof berichtete Horst in zwei Interviews mit der GWR (Nr. 304, Dez. 2005: \u201eProjekt A \/ Plan B\u201c und Nr. 329, Mai 2008: \u201eEilhardshof\u201c \u2013 eine Utopie wird aufgebaut\u201c). Er setzte gro\u00dfe Hoffnungen in dieses Projekt, auch f\u00fcr seine pers\u00f6nliche Wohnsituation, und verbreitete unerm\u00fcdlich die Vision eines Lebensprojekts in Wahlverwandtschaft, wo alle etwas beitragen und sich gegenseitig unterst\u00fctzen. Nicht lange nach Horsts pl\u00f6tzlichem Tod \u2013 aber davon unabh\u00e4ngig \u2013 scheiterte der Eilhardshof. Es ist bislang das einzige Syndikats-Projekt, das pleite ging, einige Leute verloren dabei viel Geld. Der Architekt hatte sich bei der Berechnung der Sanierungskosten der alten Villa vertan, aber die Gruppe hatte auch nicht die erforderliche Sorgfalt walten lassen. Dieses Scheitern zeigt daher auch, dass Begeisterung und guter Wille nicht ausreichen, und wie wichtig es ist, als selbstorganisierte Gruppe Verantwortung zu \u00fcbernehmen, gerade auch f\u00fcr komplizierte bauliche und finanzielle Sachverhalte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als Projektverbund und sozialer Zusammenhang war WESPE einer von vielen Versuchen, den Traum vom besseren Leben schon jetzt umzusetzen, nicht erst nach der Revolution. Ich denke, dass wir an einer Mischung aus unreflektierter Gleichheitsideologie, Konfliktunf\u00e4higkeit und wirtschaftlichen Problemen gescheitert sind. Hierarchiefreiheit zu wollen ist wichtig, aber nicht genug. Die Leute kommen als Verschiedene ins Projekt, das l\u00e4sst sich auch beim besten Wollen nicht vollst\u00e4ndig nivellieren. Wenn nicht immer wieder aktiv damit umgegangen wird, dann sind schnell die gesellschaftlich \u00fcblichen Machtverh\u00e4ltnisse entlang unterschiedlicher finanzieller und Bildungsvoraussetzungen, verschiedener sozialer und geografischer Herkunft, Geschlecht, Leistungsf\u00e4higkeit etc. auch in so einer egalit\u00e4ren Gruppe wieder da. Vielleicht sind sie als informelle Hierarchien sogar wirksamer, als wenn es formale Rollen und gew\u00e4hlte Funktionen g\u00e4be, die transparent, benennbar und potenziell ver\u00e4nderbar sind.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber die WESPE ist nicht tot. Geblieben ist der \u00d6kohof, der zwar kein Ort kollektiver Projekte mehr ist, aber einige der Bewohner*innen und Kleinbetriebe sind WESPE noch verbunden. Dort hat der Kulturverein Wespennest seine R\u00e4ume und organisiert nach wie vor Veranstaltungen. Externe betreiben das Restaurant, das heute Konfetti hei\u00dft. Das von Horst Stowasser gegr\u00fcndete AnArchiv hat im \u00d6kohof ein neues Zuhause gefunden. Nach wie vor gibt es auf dem Gel\u00e4nde auch die in den 1990ern gegr\u00fcndete Herberge f\u00fcr reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus sch\u00f6n zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die meisten Kollektivbetriebe mussten aus finanziellen Gr\u00fcnden schlie\u00dfen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspl\u00e4ne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergef\u00fchrt. In Neustadt gibt es noch den Bioladen Abraxas und den Buchladen Quodlibet, mit jeweils einem dreik\u00f6pfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Tr\u00e4ume und Sehns\u00fcchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erf\u00fcllt haben, teils aber auch bitter entt\u00e4uscht wurden. Jedoch haben die Feierlichkeiten zum 30. Geburtstag gezeigt, dass auch viele, die gegangen sind, sich noch gerne an ihre Zeit in WESPE erinnern, und dass sie sich ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl erhalten haben. Viele freuen sich schon auf ein n\u00e4chstes Treffen, vielleicht zum 35. Geburtstag, vielleicht auch fr\u00fcher, mal sehen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit solidarischem Wirtschaften die Welt ver\u00e4ndern?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Chef*innen-Kollektive wie Abraxas oder Quodlibet entsprechen nicht der reinen Form einer produktivgenossenschaftlichen Organisation, in der alle, die im Betrieb arbeiten, auch Mitglied sind, und alle Mitglieder im Betrieb arbeiten. Aber das ist Theorie, in der Praxis sieht es oft anders aus. Meist nicht deswegen, weil die einen die anderen ausbeuten, also sich den Mehrwert aus deren Arbeit aneignen wollen, sondern weil gar nicht alle unbedingt Kollektivmitglied werden m\u00f6chten. Denn das bedeutet Mehrbelastung: Oft ist eine finanzielle Beteiligung am gemeinsamen Betrieb erforderlich, Kollektivsitzungen finden mitunter au\u00dferhalb der Arbeitszeit statt, und die Arbeitszeiten richten sich eher nach der Auftragslage als nach gewerkschaftlichen Vorstellungen. Wenn es finanziell eng wird, dann stecken eher die Kollektivist*innen zur\u00fcck, und sie tragen auch das unternehmerische Risiko. Wenn es schief geht, dann verlieren sie ihr eingebrachtes Geld und m\u00fcssen vielleicht auch noch f\u00fcr Schulden des Betriebs pers\u00f6nlich haften. Nicht untersch\u00e4tzt werden sollte auch die Bereitschaft oder F\u00e4higkeit, Verantwortung im Sinne von Mitdenken und Eigeninitiative zu \u00fcbernehmen, die ungleich zwischen den Menschen verteilt ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Insofern ist die sch\u00f6ne Utopie vom selbstverwalteten Leben in allen Bereichen, von der Arbeit \u00fcber das Wohnen bis zum politischen Engagement und der Freizeitgestaltung, nicht unbedingt etwas, das f\u00fcr gesellschaftliche Mehrheiten attraktiv ist. Viele schreckt es eher ab, und auch die sich einmal darauf eingelassen haben, ziehen sich oft nach einiger Zeit zur\u00fcck. Sich um alles selbst k\u00fcmmern zu m\u00fcssen ist anstrengend, das kann bis zum Selbstverwaltungs-Burnout gehen. In den 1980ern gab es weitgehende \u00dcbereinstimmung in der Bewegung, dass der Mindeststandard sei, dass alle Mitarbeitenden, die dies m\u00f6chten, auch Mitglied, also Mitunternehmer*in werden k\u00f6nnen. Aber viele freuen sich stattdessen \u00fcber einen angenehmen Arbeitsplatz mit freundlichen Vorgesetzten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wenn Selbstverwaltungswirtschaft mehr als ein Nischenph\u00e4nomen sein soll, dann wird es neben den 100-Prozent-Kollektiven auch verst\u00e4rkt hybride Betriebs-Formen geben m\u00fcssen, in denen Betreiber*innenkollektive gute Arbeitspl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung stellen f\u00fcr Leute, die nicht an der Selbstverwaltung teilhaben m\u00f6chten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Fr\u00fcher nannten wir es Alternativ\u00f6konomie, heute ist beispielsweise von solidarischem Wirtschaften oder Sozial-Solidarischer \u00d6konomie die Rede. Kollektivbetriebe sind eine unter verschiedenen Unternehmensformen dieser anderen Wirtschaft, neben Kommunen, Hausprojekten, SoLaWis (Solidarische Landwirtschaft) und Einkaufsgemeinschaften, Kinderl\u00e4den, Soziokulturellen Zentren und Tagungsh\u00e4usern, Repair-Cafes, FabLabs, Umsonstl\u00e4den usw. Neben dieser unmittelbaren wirtschaftlichen Selbsthilfe in kleineren oder gr\u00f6\u00dferen genossenschaftlichen Unternehmungen wird auch eine zuk\u00fcnftige \u00d6konomie jenseits des Kapitalismus Infrastrukturen der Grundversorgung f\u00fcr Alle ben\u00f6tigen, die als \u00f6ffentliche Unternehmen mit demokratischer Beteiligung betrieben werde. Auch daf\u00fcr gibt es heute schon erste Ans\u00e4tze, die oft aus Antiprivatisierungsbewegungen entstehen. Die herrschende Wirtschaftsweise ist dabei, den Planeten an die Wand zu fahren, und Wirtschaft selber machen liegt wieder im Trend. Das ist kein Sonntagsspaziergang, sondern untrennbar mit Konflikten und Auseinandersetzungen um Macht und Eigentum verbunden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine solche andere, zukunftsweisende Wirtschaft ist nur global vorstellbar. Um die Vielfalt dieser transformatorischen \u00d6konomien sichtbar zu machen, die schon heute als Keimformen \u00fcber das Bestehende hinaus weisen, ist f\u00fcr den Juni 2020 in Barcelona ein Weltsozialforum Transformatorische \u00d6konomien geplant. Der Austausch von wirtschaftlich Aktiven aus aller Welt soll der Beginn einer globalen Zusammenarbeit sein, um dem herrschenden kapitalistischen Diskurs eine alternative Erz\u00e4hlung entgegenzusetzen (siehe Beitrag in der GWR 441).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Elisabeth Vo\u00df<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Hier sammelt die Autorin Infos zur WESPE: <\/span><a href=\"http:\/\/www.wespe.solioeko.de\/\"><span lang=\"de-DE\">www.wespe.solioeko.de<\/span><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zentrum des Projekt A in Neustadt\/Weinstra\u00dfe standen etwa zw\u00f6lf Kollektivbetriebe, die teilweise im Projektzentrum \u00d6kohof, einer ehemaligen M\u00f6belfabrik, ans\u00e4ssig waren. Der Name des Vereins \u201eWerk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen\u201c (WESPE) deutet auf Eigenst\u00e4ndigkeit hin. 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