{"id":20813,"date":"2019-10-08T14:23:01","date_gmt":"2019-10-08T12:23:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20813"},"modified":"2019-10-10T16:30:10","modified_gmt":"2019-10-10T14:30:10","slug":"frauen-in-der-spanischen-revolution-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/frauen-in-der-spanischen-revolution-2\/","title":{"rendered":"Frauen in der Spanischen Revolution"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke (GWR): Vera, du hast am 4. September 2019 auf Einladung von Graswurzelrevolution-Redaktion und AStA-Frauenreferat in der ESG M\u00fcnster zum Thema \u201eMujeres Libres\u201c eine Veranstaltung gemacht. Du arbeitest in Hamburg an einer historischen Dissertation zum Thema \u201eAnarchosyndikalistinnen. Die Mujeres Libres in Spanien und der Syndikalistische Frauenbund in Deutschland\u201c und hast B\u00fccher \u00fcber Frauen in der Spanischen Revolution publiziert: \u201eFeministinnen in der Revolution\u201c 2003 im Unrast Verlag und \u201eMujeres Libres. Libert\u00e4re K\u00e4mpferinnen\u201c als Herausgeberin im Mai 2019 im Verlag Edition AV. Was sind die Mujeres Libres?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera Bianchi: Mujeres Libres hei\u00dft \u201efreie Frauen\u201c. Das ist spanisch und es handelt sich dabei um eine anarchosyndikalistische Frauengruppe, die sich kurz vor dem Ausbruch des Spanischen B\u00fcrgerkriegs gegr\u00fcndet hat, im April 1936. Der Spanische B\u00fcrgerkrieg ist am 18. Juli 1936 dadurch ausgebrochen, dass es einen rechten Putsch gab, den sogenannten franquistischen Putsch durch General Francisco Franco und seine Anh\u00e4nger, die eine Milit\u00e4rdiktatur errichten wollten und in vielen Kasernen rebelliert haben, mit Hilfe des Deutschen Reichs. Der Spanische B\u00fcrgerkrieg sah dann so aus, dass sich in den n\u00e4chsten zweidreiviertel Jahren Spanien in eine republikanische und eine sogenannte franquistische Zone unterteilt hat. In der republikanischen Zone begann sofort am 18. Juli 1936 eine Soziale Revolution, das hei\u00dft die Menschen haben sich nicht nur gewehrt gegen diesen rechtsradikalen Putsch, sondern auch festgestellt, dass die kapitalistischen oder auch noch restlichen feudalistischen gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr dem entsprechen, wie sie gerne frei leben m\u00f6chten. Sie haben dann den Kampf gegen diesen rechten Putsch damit verbunden, dass sie gesagt haben, wir nehmen jetzt unser Leben und die Arbeitsbedingungen selber in die Hand. Sie haben ihre Betriebe kollektiviert. In diesem Rahmen haben auch diese anarchosyndikalistischen Frauen gro\u00dfen Zulauf bekommen. Sie haben aktiv gegen den Putsch gek\u00e4mpft.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd: Hans Magnus Enzensberger hat die Spanische Revolution 1936 treffend als \u201eKurzen Sommer der Anarchie\u201c beschrieben und auch ein bewegendes Buch unter diesem Titel publiziert. Was ist aus deiner Sicht Anarchie, was ist Anarchismus, was sind die Hintergr\u00fcnde des spanischen Anarchosyndikalismus?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: Lustigerweise ist es genau dieses Buch, das mich als Teenager dazu bewogen hat, Geschichte zu studieren. <\/span><span lang=\"de-DE\">Mir war da auch schon klar, dass ich eine Arbeit schreiben m\u00f6chte zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg, weil dieses Buch einfach so brillant und mitrei\u00dfend ist: \u201eDer kurze Sommer der Anarchie\u201c. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anarchie wird oft missverstanden als Chaos oder etwas Schlechtes, in dem keine Regeln gelten. Manche verbinden das auch mit dem Thema Gewalt. Das hat aber beides \u00fcberhaupt nichts damit zu tun. Anarchie ist griechisch und hei\u00dft \u201eohne Herrschaft\u201c. Es geht einfach um ein herrschaftsloses Miteinander. Oft, wenn ich \u00fcber die Mujeres Libres spreche, hei\u00dft es: \u201eJa, die waren ja total gut organisiert, wie passt das denn, das sind doch Anarchistinnen?!\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es stimmt nicht, dass Anarchismus etwas mit Organisationsfeindlichkeit zu tun hat. Die Anarchisten und Anarchistinnen sind oft sehr gut organisiert, aber eben herrschaftsfrei, also gleichberechtigt, basisdemokratisch. Und in dem Fall ist es so, dass die Arbeiterbewegungen in Spanien seit den 1860er Jahren nicht marxistisch oder sozialdemokratisch waren, so wie wir das aus Deutschland kennen, sondern die waren seit dieser Zeit anarchistisch dominiert. Das hei\u00dft, sie haben nicht an einen \u201esozialistischen\u201c Staatsapparat geglaubt oder darauf hin gearbeitet. Sie sind auch nicht davon ausgegangen, dass man staatliche Strukturen zu etwas Positivem wenden kann, sondern haben von Anfang an gesagt: \u201eWir arbeiten basisdemokratisch, also von unten herauf. Die Menschen selber entscheiden, wie sie leben wollen, daf\u00fcr brauchen wir keinen Chef, der uns verr\u00e4t, wie das besser geht.\u201c Und in diesem Rahmen gibt es die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT. Das ist die Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo, die sich 1910 gegr\u00fcndet hat. Viele Mitglieder der Mujeres Libres und auch die Gr\u00fcnderinnen waren in dieser Gewerkschaft aktiv.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd: Die CNT war 1936 mit bis zu zwei Millionen Mitgliedern bei einer Bev\u00f6lkerungszahl von 23 Millionen die gr\u00f6\u00dfte Gewerkschaft Spaniens und die weltweit gr\u00f6\u00dfte anarchistische Organisation. Fast zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung waren damals in der CNT organisiert. Der Anarchosyndikalismus war also 1936 in Spanien eine sehr starke gesellschaftliche Kraft. Das kommt in der herrschenden Geschichtsschreibung kaum vor, und wenn doch, dann werden die Anarchist*innen oft einfach als \u201eKommunisten\u201c bezeichnet. Die wenigsten wissen, dass es in Spanien 1936 eine Soziale Revolution gab, dass viele Spanier fast drei Jahre gegen den Faschismus gek\u00e4mpft haben, der sich dann letztlich doch durchgesetzt [und bis Francos Tod 1975 gehalten] hat, mit Unterst\u00fctzung von Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien. Anarchie und Anarchismus sind keine Themen, die in den Mainstream-Zeitungen vorkommen. Wenn doch, dann wird Anarchie meist als Zerrbild dargestellt, als Chaos und Terror. Wie bist du trotzdem auf das Thema gesto\u00dfen? Wie bist du mit anarchistischen Ideen und den Themen Mujeres Libres und Spanische Revolution in Ber\u00fchrung gekommen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: Ich hatte vorher auch nicht \u00fcber Anarchismus nachgedacht. Bei mir kam das im Geschichtsunterricht \u00fcberhaupt nicht vor, den Spanischen B\u00fcrgerkrieg gab es einfach nicht. Ich bin dann zuf\u00e4llig auf diesen sch\u00f6nen Band von Hans Magnus Enzensberger \u201eDer kurze Sommer der Anarchie\u201c gesto\u00dfen. Danach war ich angefixt vom Spanischen B\u00fcrgerkrieg und hatte das Gef\u00fchl, das ist die historische Situation, die nach einer freien Gesellschaft aussieht, in der alle Menschen gl\u00fccklich und zufrieden leben k\u00f6nnen und wo es nicht darum geht, sich nur hoch zu arbeiten, andere zu unterdr\u00fccken und dann sch\u00f6n zu leben, sondern dass wir gemeinsam mit den anderen Menschen zusammen in einer guten Gesellschaft leben. Mein Menschenbild ist positiv. Ich gehe davon aus, dass erstmal alle Menschen in Ruhe, friedlich mit den anderen Menschen leben wollen. Das liegt dem Anarchismus auch zu Grunde. <\/span><span lang=\"de-DE\">Thomas Hobbes sagt: \u201eDer Mensch ist dem Menschen ein Wolf\u201c, als w\u00e4ren wir alle nur auf den Kampf aus und m\u00f6chten die anderen erniedrigen oder selber gewinnen. Das sehe ich nicht so. Anarchismus ist eine gesellschaftliche Idee, die davon ausgeht, dass die Menschen gut sind und etwas Gutes wollen, in Gemeinschaft leben wollen. Das kam mir sehr entgegen. Ich habe dann von George Orwell \u201eMein Katalonien\u201c gelesen. Das stand verr\u00fcckterweise im Buchladen in Freiburg, in dem ich das als Teenager gekauft habe, unter \u201eReiseberichte\u201c. Ich nehme an, da hat nie jemand in dem Buchladen mal reingeschaut.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd: Obwohl das ja vielleicht nicht ganz so unpassend war. Es war ja f\u00fcr Orwell schon auch eine Reise.<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: Aber Leute, die in den 1990ern reisen wollten, wollten wahrscheinlich nicht von George Orwell etwas \u00fcber den Spanischen B\u00fcrgerkrieg lesen. Das war das zweite Buch, das mich sehr fasziniert hat. Dann war mir klar, du musst nach dem Abi Geschichte studieren und eine Arbeit zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg schreiben. Ich hatte immer noch gedacht, mein Interesse w\u00e4re das wirtschaftliche Projekt. Also, wie kann man diese Kollektivierungen hinkriegen? Es wurde ja in der Landwirtschaft kollektiviert, auch die Stra\u00dfenbahnen von Barcelona wurden sofort 1936 von der CNT kollektiviert. Wie hat das funktioniert? Also, dass es niemanden mehr gibt, der bestimmt, sondern einfach die Menschen, die die Stra\u00dfenbahnen fahren, haben auch dar\u00fcber bestimmt, wann sie fahren, wer wann was macht. Wie kann sowas funktionieren? Wo wir doch alle gewohnt sind, dass es immer irgendjemanden gibt, der alleine die Entscheidung trifft. Als ich dann gegen Ende meines Magisterstudiums der Geschichte nach Madrid gefahren war, um dort in der Nationalbibliothek zu forschen, um die Ereignisse auf mich wirken zu lassen und zu gucken, wie ich \u00fcber die Wirtschaftsform im Spanischen B\u00fcrgerkrieg etwas Gutes schreiben k\u00f6nnte, kam eine Freundin meiner Mitbewohnerin zu Besuch nach Madrid. Sie wollte unbedingt einen Frauenbuchladen aufsuchen. So habe ich einen rausgesucht, in dem wir rumst\u00f6berten. Und pl\u00f6tzlich hielt sie das Buch hoch von Mary Nash, einer US-Amerikanerin, die jetzt in Barcelona Professorin f\u00fcr Geschichte ist. In deren Buch ging es um Frauen in der Revolution. Sie hatte alle republikanischen Frauenorganisationen untersucht und stellte das Ergebnis in diesem Buch vor. Da meinte dann die Freundin meiner Mitbewohnerin: \u201eDu, das ist doch etwas f\u00fcr deine Magisterarbeit\u201c. Zuerst habe ich nein gesagt, denn ich wollte ja etwas zur Wirtschaft schreiben. Ich bin dann ins Bett gegangen und lag die ganze Nacht wach. Am n\u00e4chsten Morgen ging ich sofort in den Frauenbuchladen und habe das Buch gekauft, und auch das Erinnerungsbuch der Mujeres Libres \u201eLuchadoras Libertarias\u201c, was ich jetzt \u00fcbersetzt und herausgegeben habe.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Bernd: In Spanien gab es 1936 massiven Widerstand gegen den faschistischen Putsch. Gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung haben sich gegen die Putschisten gestemmt. In Barcelona wurden zum Beispiel Kasernen von der Bev\u00f6lkerung belagert, es gab Barrikaden, eine Umw\u00e4lzung von unten, den kurzen Sommer der Anarchie, den Enzensberger in seinem Roman beschreibt oder eben auch Abel Paz in seiner in der Edition Nautilus erschienenen Durruti-Biographie. Das sind Geschehnisse, die in der deutschen Gesellschaft kaum bekannt sind und in der Geschichtsschreibung selten vorkommen. Dabei war die Spanische Revolution auch eine gro\u00dfe kulturelle Revolution. Vor 1936 waren die meisten Menschen in Spanien Analphabeten, durch die Revolution gab es pl\u00f6tzlich viele freie Schulen, wo Erwachsene und Kinder gelernt haben, nicht nur Lesen und Schreiben. Das waren kulturelle Errungenschaften. Du hast in deinem Vortrag auch erz\u00e4hlt, was die Mujeres Libres an kultureller Arbeit geleistet und welche Strukturen sie vorgefunden haben. Da war einerseits eine anarchistische Bewegung, die auf ihre Fahnen geschrieben hat, dass sie eine herrschaftsfreie, libert\u00e4r-sozialistische Gesellschaft schaffen will, die auf gegenseitiger Hilfe und freier Assoziation beruht, auf der anderen Seite diese machistischen, patriarchalischen Strukturen, wo die M\u00e4nner das Sagen haben und die Frauen stark unterdr\u00fcckt sind. Du hast die Entwicklung anschaulich dargestellt, z.B. auch anhand der Fahrschulen. Kannst du dazu etwas erz\u00e4hlen? Also, was die emanzipatorische Arbeit der Mujeres Libres kulturell bedeutet und wie sie die soziale Revolution mitgepr\u00e4gt hat.<\/strong><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_20909\" aria-describedby=\"caption-attachment-20909\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_2.-2018-550x793.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-20909 size-full\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_2.-2018-550x793.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"793\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_2.-2018-550x793.jpg 550w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_2.-2018-550x793-300x433.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_2.-2018-550x793-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20909\" class=\"wp-caption-text\">Die Anarchistinnen Mercedes Comaposada Guill\u00e9n, Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil und Amparo Poch y Gasc\u00f3n geh\u00f6rten zu den Gr\u00fcnderinnen der Mujeres Libres. Bildquelle: Plakat der anarchosyndikalistischen, spanischen Gewerkschaft Confederaci\u00f3n General del Trabajo (CGT) zum 80. Jahrestag der Gr\u00fcndung der Federaci\u00f3n Nacional de Mujeres Libres, Madrid, September 2017. Montage: Bernd Dr\u00fccke (GWR)<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: Kultur war ein wichtiger Begriff f\u00fcr die Mujeres Libres. Oft ist das mit Bildung auch gut \u00fcbersetzt. Es ist eine Mischung, nicht wie heute, wenn wir denken: \u201eIch gehe ins Theater, das ist Kultur.\u201c Das war nicht gemeint bei den Mujeres Libres. Sondern, wie sie es nennen, \u201eKultur, um sich selber zu \u00fcberwinden\u201c. Also einfach, um mehr aus sich machen zu k\u00f6nnen. Die Zeitschrift \u201eMujeres Libres\u201c, von der sie 13 Ausgaben zwischen 1936 und 1939 herausgegeben haben, hatte den Untertitel \u201eKultur und soziale Dokumentation\u201c. Das war f\u00fcr sie auch ein Mittel, diese Zeitschrift diente der Bildung, Weiterbildung und dem Austausch untereinander. Sie hatten vor allem in Madrid, Barcelona und Valencia, wo ihre Kernpunkte waren, Institute Mujeres Libres, in denen Frauen jederzeit willkommen waren. Das mussten keine Anarchistinnen sein, das waren oft Arbeiterinnen, die vielleicht nur sechs Jahre zur Schule gegangen waren und dann ab dem Alter von zw\u00f6lf Jahren im Betrieb gearbeitet hatten. In den Instituten konnten sie quasi nachholen, was ihnen durch die kurze Schulzeit verschlossen geblieben war. Eine Mujer Libre hat mal beschrieben: \u201eAls wir aus der Schule rausgingen, konnten wir die vier Grundrechenarten und ein bisschen lesen und ein bisschen schreiben.\u201c Da konnten die Frauen sich also gegenseitig viel beibringen. Die Mujeres Libres haben, wie du angesprochen hast, auch Fahrschulen organisiert. Es gab vorher nur sehr wenige Frauen, die einen F\u00fchrerschein hatten. Dann haben sie in Madrid die erste Fahrschule nur f\u00fcr Frauen gegr\u00fcndet, in Barcelona gab es dann auch eine. Dort hatten sie Theorie- und Praxisunterricht und in einem der Texte in dem Buch \u201eMujeres Libres. Libert\u00e4re K\u00e4mpferinnen\u201c, das ich zusammen mit Ren\u00e9e Steenbock \u00fcbersetzt habe, ist beschrieben, wie die Fahrg\u00e4ste reagierten, als sie beim Einsteigen in die kollektivierte Stra\u00dfenbahn sahen, dass eine Frau am Steuer der Stra\u00dfenbahn sa\u00df. Manche reagierten mit Verwunderung und andere reagierten mit Panik, weil sie davon ausgingen: \u201eFrau am Steuer, das kann nicht gut gehen!\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So konnten sie also durch ihre kulturellen Angebote, Bildungs- und auch Ausbildungsangebote, das patriarchale Rollenbild ersch\u00fcttern und den Frauen neue M\u00f6glichkeiten geben. Die Gr\u00fcnderinnen der Mujeres Libres fanden ja innerhalb der anarchistischen Bewegung schon Sexismus vor, dann k\u00f6nnen wir uns vorstellen, wie au\u00dferhalb der anarchistischen Bewegung in der spanischen Gesellschaft noch viel mehr Sexismus, patriarchales Verhalten und Strukturen existierten. Die Idee der Mujeres Libres war ja zu keinem Zeitpunkt, eine immerw\u00e4hrende Frauenorganisation zu gr\u00fcnden, sondern sie wollten tempor\u00e4r, also f\u00fcr einen kurzen Zeitraum, einfach eine Frauenorganisation haben, um gegen diesen Sexismus ank\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd: Wie haben die CNT und die anderen anarchistischen Organisationen auf die Frauenorganisation Mujeres Libres reagiert?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: Das war gespalten. Einerseits waren eigentlich alle Mujeres Libres auch in anderen anarchistischen Organisationen aktiv, also in der CNT oder in den Jugendorganisationen, den Juventudes Libertarias. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das hei\u00dft, es gab schon personelle Zusammenarbeit. Es war auch so, dass die Mujeres Libres kein Geld hatten. Sie wurden also immer wieder von der CNT auch finanziell unterst\u00fctzt. Es gab sogar mal einen halben Sekretariatsposten, der von der CNT bezahlt wurde. Sie konnten auch CNT-R\u00e4ume nutzen, wenn sie selber keine eigenen R\u00e4ume hatten f\u00fcr ein eigenes Gewerkschaftslokal. Es gab vor Ort auf einer geringen Basis schon Zusammenarbeit und Unterst\u00fctzung. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber was den Mujeres Libres sehr gefehlt hat, war die Anerkennung. Sie wollten der vierte Zweig der libert\u00e4ren Bewegung Spaniens sein. <\/span><span lang=\"de-DE\">Sie wollten anerkannt werden als eigenst\u00e4ndige und gleichwertige Gruppe, neben der Gewerkschaft CNT, der Jugendorganisation und der Anarchistischen Iberischen F\u00f6deration, der FAI. <\/span><span lang=\"de-DE\">Diese Anerkennung wurde ihnen immer verweigert und als sie die offizielle Anerkennung dann auf einem Plenum der libert\u00e4ren Bewegung im Herbst 1938 beantragten, durften sie nicht einmal w\u00e4hrend der ganzen f\u00fcnf Tage des Treffens anwesend sein. Nur an einem Tag durften sie ihre Bitte vorstellen und da hie\u00df es dann: \u201eNein, ihr seid nicht genug vorbereitet und so schlecht organisiert, wie ihr seid, schadet ihr der libert\u00e4ren Bewegung.\u201c Das hat die Frauen getroffen, dass sie behandelt wurden, als seien sie Kleinkinder, die nur st\u00f6ren, das war sehr entt\u00e4uschend.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd: Du hast im Vortrag auch die Positionen der Mujeres Libres zum Beispiel zur Prostitution beschrieben. Das ist auch heute interessant f\u00fcr die aktuelle Diskussion. Kannst du das bitte skizzieren?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: In Spanien gab es seit 1931 ein Gesetz, wonach Prostituierte etwas Kriminelles und auch Unmoralisches machten und daf\u00fcr bestraft werden konnten, w\u00e4hrend das Verhalten der Freier als einwandfrei und moralisch in Ordnung gesehen wurde. Die Mujeres Libres haben sich gegen diese gesellschaftliche Doppelmoral gewandt. In den 1920ern und 1930er Jahren waren viele spanische Arbeiterinnen so verarmt, dass sie zur Aufbesserung des Familienhaushalts gegen Ende des Monats Gelegenheitsprostitution nachgingen. Also aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden dazu gezwungen wurden, sich zu prostituieren. Die Mujeres Libres haben das nie verurteilt, dass Frauen der Prostitution nachgehen, aber sie wollten daf\u00fcr sorgen, dass nie wieder jemand aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden dazu gezwungen wird. Deshalb haben sie im Sommer 1936 in Barcelona und Madrid das Projekt der Liberatorios de Prostituci\u00f3n gegr\u00fcndet, also Befreiungsh\u00e4user. Da konnten Prostituierte hinkommen und medizinische Versorgung bekommen, dann auch finanzielle Unterst\u00fctzung. Es wurden aber auch beratende Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, falls eine Frau gesagt hat, ich m\u00f6chte das lieber nicht mehr machen und w\u00fcrde gerne eine andere T\u00e4tigkeit aus\u00fcben, um das Familieneinkommen aufzubessern. Dann wurde ihr das erm\u00f6glicht, und es gab auch die M\u00f6glichkeit, dort zu \u00fcbernachten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd: Erz\u00e4hle bitte, wie die B\u00fccher entstanden sind?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: \u201eFeministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen B\u00fcrgerkrieg\u201c ist die Magisterarbeit, die ich 2001 an der TU Dresden eingereicht und 2003 im Unrast Verlag M\u00fcnster ver\u00f6ffentlicht habe. Ich habe diese Arbeit extra lesbar geschrieben, das hei\u00dft, man muss keine Historikerin sein, um das Buch zu verstehen. Nachdem ich 2005 eine Mujer Libre, Sara Berenguer, kennengelernt habe, die in S\u00fcdfrankreich gelebt hat, haben wir beschlossen, dass ich das Erinnerungsbuch, das sie mit 13 anderen Frauen 1999 in Spanien ver\u00f6ffentlicht hat, auf Deutsch herausgebe. Das hat etwas gedauert, dann haben Ren\u00e9e Steenbock und ich zusammen das Buch \u00fcbersetzt. Es ist nun im Verlag Edition AV erschienen und hei\u00dft \u201eMujeres Libres. Libert\u00e4re K\u00e4mpferinnen\u201c, das ist die direkte \u00dcbersetzung des Buches \u201eMujeres Libres. Luchadoras Libertarias\u201c. In meiner Magisterarbeit erf\u00e4hrt man mehr \u00fcber das Drumherum, aber in diesem \u00fcbersetzten Buch hat man die Originaltexte, sowohl Texte aus dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg als auch sp\u00e4tere Erinnerungen der Frauen. Das hei\u00dft, ihr k\u00f6nnt euch das als Zweierpack in der Buchhandlung eurer Wahl bestellen und lesen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd: In deinen B\u00fcchern finden sich viele Informationen, die auch heute f\u00fcr emanzipatorisch orientierte Menschen, insbesondere f\u00fcr Feminist*innen und Anarchist*innen, Anregungen sein k\u00f6nnen. Was k\u00f6nnen wir aus der Geschichte der Mujeres Libres lernen, was uns Richtung Emanzipation weiter bringt?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vera: Manchmal wenden sich Leute an mich und fragen: \u201eIn meiner Gruppe sind \u00fcberhaupt keine Frauen, was kann ich denn besser machen?\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Ich finde, da sind die Mujeres Libres ein super Beispiel daf\u00fcr, dass es darum geht, die Bed\u00fcrfnisse von Frauen auch ernst zu nehmen. Es kann nicht darum gehen, wie es bei den anderen Frauenorganisationen im Spanischen B\u00fcrgerkrieg war, dass man Frauen einfach nur als Mitglieder registriert oder dass man mehr Frauen hat, die die M\u00e4nnerw\u00fcnsche unterst\u00fctzen. Das ist nicht sinnvoll. Die Mujeres Libres zeigen, dass viele Frauen sich engagieren, wenn auch ihre W\u00fcnsche ber\u00fccksichtigt werden. Und da denke ich, dass wir oft immer noch in traditionellen Rollen drinstecken. Oft ist es so, egal wie partnerschaftlich Beziehungen sind, sobald Kinder kommen, ist es schon so, die Frau arbeitet Teilzeit, sie k\u00fcmmert sich um die Kinder, guckt, dass Essen da ist. Und wenn das Kind krank ist, aha, die Frau kriegt weniger Lohnausfall durch die Krankenkasse, dann bleibt nat\u00fcrlich die Frau zu Hause und der Mann bringt den Schotter ran. Ich finde, da ist es wichtig, dass auch auf diese Lebensbedingungen von Frauen heute eingegangen wird. Dann haben Frauen auch Lust, sich zu engagieren und kommen auch in alternative Bewegungen. Das finde ich, zeigen sie deutlich. Es geht darum, dass wir gleichberechtigt zusammenarbeiten und f\u00fcr eine freie Gesellschaft eintreten. Und Bildung ist \u00fcberhaupt das Allerwichtigste. Da kann ich ja sogar jetzt noch bez\u00fcglich der AfD-Wahlergebnisse in Sachsen und Brandenburg sagen: \u201eLeute, geht euch bilden, dann kommt ihr nicht auf die Idee, dass Gefl\u00fcchtete an eurem Elend schuld sind, sondern dann seht ihr, wo wirklich jemand ist, der ein freies, gl\u00fcckliches, erf\u00fclltes Miteinander verhindert.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Interview: Bernd Dr\u00fccke<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Transkription: Julian Richter\/Bernd Dr\u00fccke<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span lang=\"de-DE\">Mujeres Libres (Freie Frauen)<\/span><\/h2>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Gruppe Mujeres Libres unterst\u00fctzte im Spanischen B\u00fcrgerkrieg (18.7.1936 \u2013 1.4.1939) sowohl die republikanische Seite an der Front und im Hinterland als auch die Soziale Revolution gegen den Putsch der Franco-Faschisten. <\/span><span lang=\"de-DE\">In der revolution\u00e4ren Situation in den republikanischen Gebieten schlossen sich seit Juli 1936 \u00fcber 20.000 Frauen in mehr als 160 Ortsgruppen der Mujeres Libres zusammen. Neben der Herausgabe einer Zeitschrift arbeiteten sie in Bildungs- und Ausbildungskursen f\u00fcr Analphabetinnen und ungelernte Frauen und schufen Zentren zur Abschaffung der Prostitution. Die Mujeres Libres begriffen sich als eigenst\u00e4ndige Gruppe innerhalb der libert\u00e4ren Bewegung, wurden jedoch von den anderen drei anarchistischen Organisationen Spaniens, der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT (Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo), der FAI (Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica) und der Jugendorganisation FIJL (Juventudes Libertarias), nicht als gleichberechtigte Organisation anerkannt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bei dem 2019 von Vera Bianchi im Verlag Edition AV herausgegebenen Buch \u201eMujeres Libres. Libert\u00e4re K\u00e4mpferinnen\u201c handelt es sich um die \u00dcbersetzung eines 1999 auf Spanisch von ehemaligen Mujeres Libres-Mitgliedern herausgegebenen Sammelbandes.<\/span><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke (GWR): Vera, du hast am 4. September 2019 auf Einladung von Graswurzelrevolution-Redaktion und AStA-Frauenreferat in der ESG M\u00fcnster zum Thema \u201eMujeres Libres\u201c eine Veranstaltung gemacht. Du arbeitest in Hamburg an einer historischen Dissertation zum Thema \u201eAnarchosyndikalistinnen. Die Mujeres Libres in Spanien und der Syndikalistische Frauenbund in Deutschland\u201c und hast B\u00fccher \u00fcber Frauen in &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/frauen-in-der-spanischen-revolution-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":20908,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Frauen in der Spanischen Revolution - graswurzelrevolution","description":"Bernd Dr\u00fccke (GWR): Vera, du hast am 4. 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