{"id":20832,"date":"2019-10-08T14:29:56","date_gmt":"2019-10-08T12:29:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20832"},"modified":"2019-10-10T16:45:05","modified_gmt":"2019-10-10T14:45:05","slug":"ueber-den-tag-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/ueber-den-tag-hinaus\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Tag hinaus"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_krippendorff_theater.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20915 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_krippendorff_theater-197x300.png\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_krippendorff_theater-197x300.png 197w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_krippendorff_theater-300x456.png 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_krippendorff_theater.png 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>Ich bin keine Theaterkritikerin. Ich habe auch noch nie eine Rezension geschrieben. Ich bin Schauspielerin. Ich bin Regisseurin. Nun bin ich aber eingeladen worden eine Kritik zu dem 2019 erschienenen Buch \u201e\u00dcber den Tag hinaus\u201c zu schreiben. Es enth\u00e4lt eine Sammlung exemplarischer Theaterkritiken im herrschaftsfreien Diskurs (so der Untertitel) \u00fcber Auff\u00fchrungen in Berliner Theatern zwischen 1995 und 2001, verfasst von dem 2018 verstorbenen Ekkehart Krippendorff. Er war u.a. Politikwissenschaftler und, wie ich w\u00e4hrend der mitrei\u00dfenden Lekt\u00fcre schnell feststellen konnte, leidenschaftlicher Theaterg\u00e4nger und Theaterkritiker &#8211; Kritiker. Vor allem war Krippendorff auch ein Liebhaber der gro\u00dfen genuinen Wunder, die gerade die kleinen Theater hervorzubringen in der Lage sind: \u201eHier sind die Graswurzeln, aus denen das Theater &#8211; auch und gerade in d\u00fcrftigen Zeiten &#8211; sich immer wieder reproduziert; hier und nur hier beweist sich die Vitalit\u00e4t einer Gesellschaft einer Gesellschaft und ihrer theatralischen Kultur, nicht aber in jenen aufw\u00e4ndigen Produktionen, von denen jede mehr kostet als das Jahresbudget einer der kleinen B\u00fchnen und von denen die Feuilletons dann am Tag danach modisch voll sind.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Dieses Bekenntnis findet sich auf den ersten Seiten, nimmt mich sofort ein und ermutigt mich weiterzulesen und letztlich \u00fcber dieses wegweisende Buch zu schreiben. Wandle ich doch selbst zwischen dem subventionierten, hierarchisch strukturierten institutionellen Theater und der freien Szene, den kleinen B\u00fchnen hin und her. V\u00f6llig unterbezahlt steckt mein Herzblut doch gerade in diesen \u201eGraswurzeln\u201c, den freien Arbeiten an kleinen B\u00fchnen, da sich dort au\u00dferhalb der hierarchischen Theaterinstitutionen, auf Augenh\u00f6he, nicht entfremdete, leidenschaftsvolle Arbeiten mit Gleichgesinnten \u201eim herrschaftsfreien Diskurs\u201c realisieren lassen.<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr mich ist die Aufgabe der Theaterkritik eine Auff\u00fchrung nicht nur in meistliterarisierendem Vokabular zu belobigen, zu zerrei\u00dfen oder schlichtweg zu bewerben, sondern nachhaltig, unverbl\u00fcmt und vielfarbig festzuhalten, was nach einer Auff\u00fchrungsserie f\u00fcr immer verschwunden ist. Dazu braucht es die Augen und Ohren eines kenntnisreichen, interessierten Betrachters, einer Betrachterin, die sich respektvoll und subjektiv der Materie n\u00e4hern (es stehen schlie\u00dflich Menschen auf der B\u00fchne) und niemals objektivierend \u00fcber das Gesehene hinweg schreiben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Denn woran misst sich Kunst? F\u00fcr mich ist Kunst nicht objektivierbar und ich freue mich, wenn in einer Kritik kenntlich gemacht ist, dass es sich um eine subjektive Sicht auf eine Arbeit handelt, denn es ist schlie\u00dflich nur eine Stimme aus vielen ungeh\u00f6rten. Eine Theaterkritik hat Macht, dessen muss sich der Schreiber immer bewusst sein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sie steht da, schwarz auf wei\u00df, monumental, lange nachdem der Vorhang sich geschlossen hat. Vor allem ist sie monumental und brachial wirksam gerade f\u00fcr die kleinen B\u00fchnen und Auff\u00fchrungen, zu denen oftmals, wenn \u00fcberhaupt, nur ein Schreiber kommt. Dann kann sie wahrhaft vernichten. Dessen ist Krippendorff sich bewusst und er n\u00e4hert sich jenen Arbeiten genauso wertsch\u00e4tzend und kritisch wie Auff\u00fchrungen der gro\u00dfen B\u00fchnen. Ferner erweitert er meine Auffassung, was Theaterkritik leisten sollte, ungemein: Krippendorff sieht die Theaterkritik als theatergeschichtliche Chronik, die zu vermitteln hat zwischen St\u00fcck, dem St\u00fcckeschreiber, der B\u00fchnenverwirklichung und dem Publikum, \u201edem prospektiven, so gut wie dem, das aus der Ferne zeitungslesend daran Anteil nehmen m\u00f6chte, was sich woanders auf dem Theater tut\u201c. Er setzt voraus, dass der Schreiber etwas \u00fcber den Autor wei\u00df, umf\u00e4nglich die Umst\u00e4nde kennt, unter denen ein St\u00fcck entstanden ist, und dazu auch die Auff\u00fchrungsgeschichte mit in den Blick nimmt. Hier sieht er die aktuelle Theaterkritik \u201eschm\u00e4hlich\u201c versagen. F\u00fcr ihn gibt sie haupts\u00e4chlich Impressionen, Meinungen, Eindr\u00fccke in selbstgef\u00e4lliger Formulierungsartistik wieder. Lediglich erf\u00fchre man mehr oder weniger, ob dem Rezensenten der Abend gefallen habe oder nicht. Sich selbst stellt er folgende Maxime, welche ich bei der Lekt\u00fcre seiner Kritiken vollst\u00e4ndig erf\u00fcllt sehe und welche seine Texte so greifbar machen, dass ich die Auff\u00fchrungen lebendig vor mir sehe und w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit sie selber nochmal zu sehen: \u201eDas ist es, worum es in diesem St\u00fcck geht, das scheint der Autor gewollt zu haben, auf diese Probleme und Themen, Fragen und Antworten l\u00e4sst Du, Publikum Dich ein, dieses sind die Anstrengungen, die Du wirst machen m\u00fcssen, dies die Vergn\u00fcgungen, die Dich erwarten, dies die Herausforderungen, denen Du Dich stellen musst, wenn Du in dieses Theater gehst\u2026\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Neben Krippendorffs plastischer Schilderung und Reflexion des Gesehenen auf vielerlei Ebenen versteht er die politische Wirksamkeit und Kraft des Theaters zu beschw\u00f6ren. Es wird deutlich, dass Theater notwendig ist als politisches Korrektiv, als \u201elebensnotwendiger Luxus\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Krippendorff erinnert eindr\u00fccklich an die \u201eUr-Verwandtschaft\u201c zwischen Politik und Theater, wurzelnd in der griechischen Trag\u00f6die des 5. Jahrhunderts, in der im Gewande mythologischer Stoffe die eigenen Angelegenheiten bewusst gemacht wurden und zu selbstbestimmten Handeln anleiten sollten, nachdem die B\u00fcrger ihre K\u00f6nige verjagt hatten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die fr\u00fcheste Selbstbewusstwerdung des Menschen, seine Weltwahrnehmung zeichnete sich aus durch die Suche nach dem Sinn unserer Existenz, letztlich aufgefangen und begriffen durch Spiritualit\u00e4t und Religiosit\u00e4t. Hierzu zitiert Krippendorff Vaclav Havel: \u201edass gerade dieses Bewusstsein auch der Ausgangspunkt oder die urspr\u00fcngliche Grundlage des Theaters ist (\u2026) jedes auch nur zwei Stunden lange St\u00fcck vergegenw\u00e4rtigt doch die gesamte Welt.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Abschlie\u00dfend muss ich sagen, dass der Auftrag diese Zeilen zu schreiben, nachdem ich dieses theatergeschichtenreiche Buch habe lesen d\u00fcrfen, mich wieder an den Ursprung erinnert, warum ich diesen oftmals brotlosen Beruf ergriffen habe und welche Maxime meiner Theaterarbeit zugrunde liegen sollte. Ferner denke ich, dass \u201e\u00dcber den Tag hinaus\u201c eine Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jeden Theaterkritiker, nicht nur in der sogenannten Provinz, sein sollte, denn auch die namhaften Schreiber, die in namhaften Druckwerken, \u00fcber namhafte Auff\u00fchrungen berichten, verschont Krippendorff nicht.<\/p>\n<p align=\"right\">Carola v. Seckendorff<\/p>\n<p>Carola v. Seckendorff ist seit 1996 Schauspielerin im Ensemble des Theater M\u00fcnster. Gleichzeitig ist sie k\u00fcnstlerische Leiterin des freien Theaterlabels FreiFrau und des \u201e24h Stadtensembles\u201c, welches sich zur Aufgabe gesetzt hat Label- und Institutionsunabh\u00e4ngig in kollektiver, unhierarchischer Arbeitsweise in wechselnden Besetzungen, st\u00e4ndig wachsender Synergien und Kooperationen zu brennenden Fragen, nicht nur unserer Stadt, k\u00fcnstlerisch Stellung zu beziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin keine Theaterkritikerin. Ich habe auch noch nie eine Rezension geschrieben. Ich bin Schauspielerin. Ich bin Regisseurin. Nun bin ich aber eingeladen worden eine Kritik zu dem 2019 erschienenen Buch \u201e\u00dcber den Tag hinaus\u201c zu schreiben. 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