{"id":20834,"date":"2019-10-10T16:47:29","date_gmt":"2019-10-10T14:47:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20834"},"modified":"2019-10-11T18:58:04","modified_gmt":"2019-10-11T16:58:04","slug":"leihmutterschaft-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/leihmutterschaft-fuer-alle\/","title":{"rendered":"Leihmutterschaft f\u00fcr alle!"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_full-surrogacy-now-1050-ffe414175cf05f3596e441f24e08eca5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20918 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_full-surrogacy-now-1050-ffe414175cf05f3596e441f24e08eca5-167x300.jpg\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_full-surrogacy-now-1050-ffe414175cf05f3596e441f24e08eca5-167x300.jpg 167w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_full-surrogacy-now-1050-ffe414175cf05f3596e441f24e08eca5-300x538.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_full-surrogacy-now-1050-ffe414175cf05f3596e441f24e08eca5-571x1024.jpg 571w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_full-surrogacy-now-1050-ffe414175cf05f3596e441f24e08eca5.jpg 586w\" sizes=\"auto, (max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/><\/a>Die Lage auf dem globalen Markt f\u00fcr bezahlte Schwangerschaften ist inzwischen maximal un\u00fcbersichtlich. Die Rechtslage wandelt sich genauso permanent wie die Praxis. Aber obwohl sich das Thema direkt an der Schnittstelle zwischen Geschlechterdiskursen, sozialen Ungleichheiten, Rassismus und Globalisierung bewegt, spielt es bislang keine gro\u00dfe Rolle, weder in der Linken noch im Feminismus. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr Deutschland stimmt das noch einmal ganz besonders, weil hier die Gesetzeslage im internationalen Vergleich sehr restriktiv ist: Leihmutterschaft ist verboten, technologisch assistierte Befruchtung au\u00dferhalb des K\u00f6rpers nur mit \u201eeigenen\u201c Eizellen und Spermien des Paares erlaubt, was faktisch bedeutet, dass diese Art der Zeugung nur f\u00fcr heterosexuelle Paare m\u00f6glich ist. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Alle anderen k\u00f6nnen aber im Ausland Hilfe finden, denn in vielen anderen L\u00e4ndern ist die Gesetzeslage weniger restriktiv: In den USA ist Leihmutterschaft in manchen Bundesstaaten erlaubt und in anderen verboten, und viele Prominente gehen inzwischen offen damit um, dass sie Schwangerschaften gegen Bezahlung \u201eoutsourcen\u201c. Wenn der Familienzuwachs dann da ist, wird in den gl\u00fccklichen Instagram-Posts immer auch ausdr\u00fccklich der \u201eSurrogate\u201c, der Tragemutter, gedankt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Manche L\u00e4nder wie Indien, Thailand oder Mexiko hatten sich zu einem regelrechten Eldorado f\u00fcr reproduktionstechnologische Dienstleistungen entwickelt, inzwischen rudern die Regierungen allerding wieder zur\u00fcck. Ausl\u00e4ndische Auftraggeber*innen werden entweder gar nicht mehr bedient, oder die Regeln werden wieder normativer, zum Beispiel indem homosexuelle Kunden ausgeschlossen werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In den 1980er und 1990er Jahren, als das Thema der k\u00fcnstlichen Befruchtung noch neu war, positionierte sich die Frauenbewegung gr\u00f6\u00dftenteils kritisch. Die meisten Feministinnen sahen darin eine Ausbeutung von Frauen, zumal damals die gesundheitlichen Risiken einer Eizellentnahme auch noch deutlich gravierender waren als heute.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Inzwischen ist die Haltung nicht mehr so eindeutig. Analog zu Debatten um Sexarbeit wird auch beim Thema bezahlter Schwangerschaften die Tatsache ber\u00fccksichtigt, dass Frauen, die die Dienstleistung \u201eSchwangersein und Geb\u00e4ren\u201c verkaufen, rationale Akteurinnen sind, f\u00fcr die diese Art, zu Geld zu kommen, auch Vorteile hat. Zumal In-Vitro-Fertilisationen heute weit verbreitet sind. Zehntausende Kinder werden in Deutschland jedes Jahr auf diese Weise gezeugt. Gleichzeitig bleibt nat\u00fcrlich die Kritik an der kapitalistischen Verwertung der Geb\u00e4rf\u00e4higkeit bestehen, wird auf die Gefahren einer zunehmenden Kommodifizierung von (weiblichen) K\u00f6rpern verwiesen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In dieses Patt sto\u00dfen seit einiger Zeit materialistische Feministinnen mit einem neuen Vorschlag vor: Sie wollen bezahlte Schwangerschaften als Arbeit verstehen und anerkannt wissen, damit die betreffenden Dienstleisterinnen sich organisieren und f\u00fcr ihre Rechte streiten k\u00f6nnen. Erst wenn \u00fcber das Thema offen gesprochen und es auch in seiner \u00f6konomischen Bedeutung erkannt ist, so ihr Argument, k\u00f6nnen die Fakten auf den Tisch kommen und feministische und linke Forderungen erhoben und durchgesetzt werden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vor einigen Jahren hat das Kollektiv \u201eKitchen Politics\u201c dazu den Sammelband \u201eSie nennen es Leben, wir nennen es Arbeit. Biotechnologie, Reproduktion und Familie im 21. Jahrhundert\u201c herausgegeben (Edition Nautilus), jetzt geht die marxistisch-queerfeministische Autorin Sophie Lewis noch einen Schritt weiter. In ihrem aktuellen gleichnamigen Buch fordert sie: \u201eFull Surrogacy Now\u201c, also Leihmutterschaft f\u00fcr alle.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lewis sieht in den technologischen reproduktiven Fortschritten eine potenzielle Befreiung von Frauen \u2013 beziehungsweise von Menschen mit Uterus \u2013 aus der klassischen Familie mit ihren patriarchalen Engf\u00fchrungen. Wenn Schwangerschaften nicht mehr im Rahmen einer heteronormativen symbolischen Ordnung interpretiert werden, also als angeblich \u201enat\u00fcrliche\u201c Bestimmung bestimmter Menschen, dann k\u00f6nne Kinderkriegen, auch technologisch assistiert, zur Grundlage freier Gemeinschaften werden, argumentiert Lewis. Nicht nur w\u00fcrden Reproduktion und Sex voneinander getrennt, auch Reproduktion und Familiengr\u00fcndung m\u00fcssten dann nicht mehr in eins fallen: Wer sagt eigentlich, dass jemand sich um Kinder k\u00fcmmern muss, nur weil sie im eigenen Uterus herangewachsen sind? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Leihmutterschaft, so ihre These, k\u00f6nnte den Weg zur Zerst\u00f6rung der b\u00fcrgerlichen heteronormativen Familie ebnen, wenn sie der kapitalistischen Logik entzogen und die Rechte und Bed\u00fcrfnisse der Tragem\u00fctter ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen gestellt w\u00fcrde. Eine steile These, aber ein lesenswertes Buch, allein schon deshalb, weil Lewis ihren Aufschlag unterf\u00fcttert mit einem detaillierten Einblick in die aktuelle Praxis bezahlter Schwangerschaften und die Art und Weise ihrer Kommerzialisierung im globalen Markt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lewis setzt sich vor allem kritisch mit der prinzipiellen feministischen Ablehnung von Leihmutterschaften der Bewegung \u201eStop Surrogacy Now\u201c, die derzeit vor allem in den USA sehr aktiv ist. Dann nimmt sie aber ebenso kritisch die andere Seite unter die Lupe. Am Beispiel der indischen \u00c4rztin Nayna Patel, die ihre Klinik als feministisches Eldorado bewirbt (<\/span><span lang=\"de-DE\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tv9KnJIV_dU<\/span><span lang=\"de-DE\">). Lewis zeigt, dass bezahlte Schwangerschaften unter kapitalistischen Bedingungen keineswegs ein Weg der Befreiung sind. Aber den Frauen, die auf diese Weise Geld verdienen, ist eben nicht mit moralischer Pauschalabwehr geholfen, sondern es m\u00fcsste darum gehen, die Rahmenbedingungen ihrer T\u00e4tigkeit zu verbessern: K\u00f6rperliche Autonomie auch w\u00e4hrend der Schwangerschaft, Bewegungsfreiheit und freie Wahl von \u00e4rztlicher Betreuung und Ma\u00dfnahmen, und so weiter.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Schlie\u00dflich geht es in dem Buch um die Frage, inwiefern \u201eKinder geb\u00e4ren f\u00fcr andere\u201c im Kontext einer queerfeministischen Utopie helfen kann, freie Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu bef\u00f6rdern. Damit kn\u00fcpft Lewis an alte feministische Theorien an, etwa an Shulamith Firestone, die sich schon 1970 in ihrem Buch \u201eThe Dialectic of Sex: The Case for Feminist Revolution\u201c (auf Deutsch: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution) von technologisch assistierten Reproduktion eine Befreiung von Frauen aus patriarchalen Verh\u00e4ltnissen erhofft hat. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ihre Intervention ist wichtig, da die radikalfeministische Kritik an Reproduktionstechnologien h\u00e4ufig Gefahr l\u00e4uft, das Schwangersein und Geb\u00e4ren zu etwas Weiblich-Sakralem zu verkl\u00e4ren, das irgendwie kontaminiert wird, wenn es mit Profitinteressen oder auch nur rationalen, auch materiellen Abw\u00e4gungen in Kontakt kommt. Andererseits hat aber bisher die Entwicklung von Reproduktionsdienstleistungen faktisch eher zur Best\u00e4rkung heteronormativer Familienbilder beigetragen: Sie hilft dabei, dass heute anders als fr\u00fcher fast jedes heterosexuelle Paar \u201eeigene\u201c Kinder haben kann. Ob vom derzeitigen Boom der Leihmutterschaft noch etwas \u00fcbrig bliebe, wenn man das Kommerzielle daraus abzieht, ist doch mehr als fraglich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was bleibt ist jedenfalls die Erkenntnis, dass eine Beurteilung von Reproduktionstechnologie nicht unabh\u00e4ngig von einer gr\u00f6\u00dferen Einbettung in \u00f6konomische und soziale Verh\u00e4ltnisse m\u00f6glich ist. Die Frage ist nicht, ob wir \u201edaf\u00fcr oder dagegen\u201c sind, sondern nach welchen Kategorien wir das beurteilen, unter welchen Voraussetzungen wir daf\u00fcr und unter welchen wir dagegen sind. Die Besch\u00e4ftigung mit Leihmutterschaft und der Versuch, sie anders und freiheitlicher als heute zu gestalten, k\u00f6nnte ein Weg zu neuen Vorstellungen von Elternschaft und einer kollektiven Verantwortlichkeit f\u00fcr Kinder zu kommen, anstatt wie heute Elternschaft an die genetische DNA zu binden. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Antje Schrupp<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lage auf dem globalen Markt f\u00fcr bezahlte Schwangerschaften ist inzwischen maximal un\u00fcbersichtlich. Die Rechtslage wandelt sich genauso permanent wie die Praxis. Aber obwohl sich das Thema direkt an der Schnittstelle zwischen Geschlechterdiskursen, sozialen Ungleichheiten, Rassismus und Globalisierung bewegt, spielt es bislang keine gro\u00dfe Rolle, weder in der Linken noch im Feminismus. 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