{"id":20836,"date":"2019-10-08T14:36:24","date_gmt":"2019-10-08T12:36:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20836"},"modified":"2019-11-27T18:56:28","modified_gmt":"2019-11-27T16:56:28","slug":"von-muenchen-nach-mexiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/von-muenchen-nach-mexiko\/","title":{"rendered":"Von M\u00fcnchen nach Mexiko"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20920 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl-300x462.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl-600x924.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl-768x1182.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl-665x1024.jpg 665w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_Cover_Traven_Der-Feuerstuhl.jpg 1039w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>\u201eKein Bild von mir\u201c: Das machte der Autor, soeben erst entdeckt, zur Bedingung. Seine Texte sollten f\u00fcr ihn sprechen, \u00c4u\u00dferlichkeiten nicht vom Inhalt ablenken. Das Gegenteil war der Fall. Von Beginn an schien die Biografie wichtiger zu sein als das Werk. An den Themen lag es nicht. Schon sein zweiter Roman, \u201eDas Totenschiff\u201c behandelt eine immer noch aktuelle Frage: Wie kommen Menschen, in der Heimat verfolgt, ohne Papiere in ihr Wunschland? Gar nicht, lautet, damals wie heute, die Antwort; oft endet die Reise vor einem Grenzzaun oder auf dem Meeresgrund. Die Geschichte tr\u00e4gt, auch ohne allen Wirbel um ihren Urheber.<\/p>\n<p align=\"justify\">B. Traven nannte sich der Autor. Es war nicht sein richtiger Name und nicht einmal sein erstes Pseudonym, wie sich sp\u00e4ter herausstellte. Doch so genau wollte es niemand wissen. Ein kapitalistischen Prinzipien verpflichteter Literaturbetrieb, st\u00e4rker am Kommerz als an der Kunst orientiert, wie Traven argw\u00f6hnte, brauchte konsumfreudige Leser. Gerne half er, sie zu manipulieren, indem er bestenfalls Halbwahrheiten \u00fcber seine Herkunft und sein Umfeld verbreitete. Buch- und Zeitungsverlage strickten flei\u00dfig an der Legende mit, lie\u00dfen sich doch von ihnen selber geweckte Kundenbed\u00fcrfnisse, etwa dasjenige nach Sensationen, in der Folge umso leichter befriedigen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zun\u00e4chst hatte Traven seinen Erstling \u201eDie Baumwollpfl\u00fccker\u201c dem \u201eVorw\u00e4rts\u201c angeboten. Das Manuskript schickte er aus seinem mexikanischen Exil, als Adresse gab er ein Postfach in der Hafenstadt Tampico an. Die Leser*innen des SPD-Blatts, so sein Kalk\u00fcl, w\u00fcrden mit seiner Romankundschaft eine Schnittmenge bilden und die im Buch ge\u00fcbte Kritik am ausbeuterischen Gewinnstreben internationaler Konzerne wie an der Verelendung entrechteter Arbeiter teilen. Dieser Meinung war auch Redakteur John Schikowski.<\/p>\n<p align=\"justify\">Doch statt an das soziale Gewissen seiner Klientel appellierte er lieber an oberfl\u00e4chliche Instinkte. \u201eDer Verfasser\u201c, k\u00fcndigte er den Vorabdruck im \u201eVorw\u00e4rts\u201c an, \u201ekennt das Proletarierleben in Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als \u00d6lmann, als Farmarbeiter, als Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpfl\u00fccker, Urwaldroder, Maultiertreiber, J\u00e4ger, Handelsmann unter den wilden Indianerst\u00e4mmen der Sierra Madre, wo die \u201aWilden\u2018 noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er t\u00e4tig gewesen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">An Schikowskis Aussagen war kaum etwas Wahres dran. Immerhin erreichten sie ihren Zweck, die Leserschaft biss an. \u00dcberdies schien sie sich exakt so zu verhalten, wie Traven in seinem fr\u00fcheren Leben, als er bereits publizistisch t\u00e4tig war, vermutet hatte: \u201eeine Million Vorw\u00e4rts-Leser\u201c mit ihrem konsumistisch-unkritischen Verhalten bildeten \u201ekeine Macht, sondern eine Masse\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Einer von ihnen war Ernst Preczang. Der Cheflektor der ein Jahr zuvor gegr\u00fcndeten und im gewerkschaftlichen Milieu angesiedelten B\u00fcchergilde Gutenberg luchste Schikowski die Adresse Travens ab und schrieb ihm am 13. Juli 1925: \u201eSoweit es mich betrifft, sp\u00fcre ich in Ihrem Roman verwandten Geist und w\u00fcrde Sie darum als Mitarbeiter bei uns mit Freude begr\u00fc\u00dfen.\u201c Preczang schloss in \u201eder Hoffnung, da\u00df Sie bereit sind, uns zu helfen, ein wenig frische Luft und fr\u00f6hliches Weltgef\u00fchl in die deutsche Literatur zu bringen\u201c. Es war der Beginn einer f\u00fcr beide Seiten \u00e4u\u00dferst lukrativen Zusammenarbeit.<\/p>\n<p align=\"justify\">500 Mark hatte Traven vom Vorw\u00e4rts bekommen und war damit recht zufrieden gewesen. Von der B\u00fcchergilde konnte er f\u00fcr den kompletten Roman das Siebenfache erwarten. Bald stiegen die Auflagen ins M\u00e4rchenhafte: Allein \u201eDas Totenschiff\u201c erreichte in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren die 100.000er Marke. Sp\u00e4ter wurden seine Werke in 40 Sprachen \u00fcbersetzt, mit einer gesch\u00e4tzten Gesamtauflage von 30 Millionen Exemplaren. Die Anerkennung setzte sich in anderen Bereichen fort: \u201eDer Schatz der Sierra Madre\u201c, von John Huston verfilmt, gewann drei Oscars und spielte vier Millionen Dollar ein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch nach all diesen Erfolgen blieb die Person Travens ein R\u00e4tsel. Mit ein wenig gutem Willen seitens Schikowskis und Preczangs h\u00e4tte es l\u00e4ngst entschl\u00fcsselt sein k\u00f6nnen. Der L\u00f6sung ziemlich nahe war unterdessen Erich M\u00fchsam gekommen. Er hatte \u201eDas Totenschiff\u201c einem Vergleich mit Texten eines Mitstreiters aus der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik unterzogen und war zu dem Schluss gekommen, dass jener mit B. Traven identisch war: \u201eRet Marut, Genosse, Freund, Kampfgef\u00e4hrte, Mensch, melde dich\u201c, forderte M\u00fchsam, nachdem er sprachliche und stilistische \u00dcbereinstimmungen festgestellt hatte. Der Enttarnte zog es vor, dazu zu schweigen; selbst dann noch, als Oskar Maria Graf in seiner Sprach- und Stilanalyse zum gleichen Ergebnis gekommen war.<\/p>\n<p align=\"justify\">Einige Gr\u00fcnde sprachen f\u00fcr Travens Geheimniskr\u00e4merei. Als er sich noch Ret Marut nannte, hatte er die anarchistische Zeitschrift \u201eDer Ziegelbrenner\u201c fast im Alleingang betrieben und aus einer linken Position die SPD kritisiert. Deren Anf\u00fchrern, allen voran Reichspr\u00e4sident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske, gab er eine Mitschuld am Scheitern der R\u00e4terepublik und ihrer blutigen Niederschlagung mit mehr als tausend Toten. Das Werk eines Ret Marut, der den Ideen Max Stirners anhing, \u201ein jeder Partei-Zugeh\u00f6rigkeit eine Beschr\u00e4nkung meiner pers\u00f6nlichen Freiheit\u201c sah und zur Zerst\u00f6rung der kapitalistischen Produktion samt ihres staatlichen Garanten aufrief, h\u00e4tte kaum in ein sozialdemokratisches Blatt oder einen gewerkschaftsnahen Verlag gepasst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zudem wurde Marut nach seiner Flucht aus M\u00fcnchen, als er in letzter Sekunde einem Erschie\u00dfungskommando entkam, steckbrieflich gesucht. Seine fast f\u00fcnf Jahre dauernde Flucht f\u00fchrte ihn \u00fcber K\u00f6ln, Antwerpen, Amsterdam, Kopenhagen und London (da wollte jemand alle Spuren verwischen) nach Mexiko, wo er sich zwei weitere Pseudonyme zulegte: Als Traven Torsvan meldete er sich bei den Beh\u00f6rden an, f\u00fcr Regisseur Huston war er Hal Croves, der den angeblich erkrankten Autor Traven bei den Dreharbeiten zum Sierra Madre-Film vertrat.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWarum Mexiko?\u201c, lie\u00dfe sich abschlie\u00dfend fragen. Eine m\u00f6gliche Antwort liefert ein neuer Sammelband anl\u00e4sslich Travens 50. Todestag. \u201eDer Feuerstuhl\u201c lautet sein Titel, nach einem angeblich indigenen Ritual, das Traven im Roman \u201eRegierung\u201c beschreibt: K\u00fcnftig Herrschende m\u00fcssen vor Antritt \u00fcber gl\u00fchenden Kohlen sitzen, um sich in Demut zu \u00fcben und mit diesem Bewusstsein auch sp\u00e4ter ihr Amt auszu\u00fcben. Mexiko, macht der Band klar, war f\u00fcr Traven kein vor\u00fcbergehendes Ziel, kein Fluchtpunkt, sondern dauerhafte Bleibe. Das Land lieferte ihm anschauliche Beispiele f\u00fcr seine im Ziegelbrenner vorgebrachten Theorien. Nicht alle waren negativer Art. Travens Ziel, den Kapitalismus zu vernichten, war dasselbe geblieben, doch gab es positive Ans\u00e4tze einer gerechteren Gesellschaft, die zu verfolgen sich eventuell lohnte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch in Mexiko hatte es, wie in Bayern und im Deutschen Reich, eine Revolution gegeben \u2013 mit anscheinend gl\u00fccklicherem Ausgang. Als Traven in Tampico eintraf, \u00fcbernahm mit Plutarco El\u00edas Calles ein Pr\u00e4sident, der den Einfluss der katholischen Kirche ebenso wie den der internationalen \u00d6lgesellschaften zur\u00fcckdr\u00e4ngte, interventionistischen Bestrebungen der USA eine Absage erteilte und die Bewegung indigener Landloser gegen Gro\u00dfgrundbesitzer ebenso unterst\u00fctzte wie die Industriearbeiter in ihrem Kampf um betriebliche Mitbestimmung. Klar, Traven w\u00e4re nicht Marut gewesen, h\u00e4tte nicht bald die Kritik an den Zust\u00e4nden und Verh\u00e4ltnissen \u00fcberwogen.<\/p>\n<p align=\"justify\">In Mexiko war die Revolution im Jahr nach Travens Ankunft offiziell beendet. Leider verschwanden auch die meisten Errungenschaften: Bald bildeten sich wieder Eliten heraus, die Produktionsverh\u00e4ltnisse blieben im Wesentlichen unangetastet, die Beteiligung der indigenen Bev\u00f6lkerung an politischen Prozessen ersch\u00f6pfte sich in der Rolle des Aush\u00e4ngeschilds einer nur auf dem Papier existierenden Emanzipation. Um mit Traven zu sprechen: Die Regierenden der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution, bis ins Jahr 2000 ununterbrochen am Ruder) h\u00e4tten niemals eine Probe auf dem Feuerstuhl bestanden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dennoch schien sich Traven in der neuen Heimat wohler zu f\u00fchlen als in der alten, die er nur noch einmal, zehn Jahre vor seinem Tod, kurz besuchte. Als er am 26. M\u00e4rz 1969 starb, hatte Traven zwei Drittel seines Lebens in Mexiko verbracht. Es ist ein Verdienst des Sammelbands, diesen Weg aufzuzeichnen und ihn in Beziehung zu aktuellen Entwicklungen zu setzen, nicht nur in Mexiko, denn der Kapitalismus ist ein globales \u00dcbel.<\/p>\n<p align=\"justify\">Travens Werke sucht man heute in den Buchl\u00e4den vergeblich. Warum eigentlich? \u201eDas Totenschiff\u201c oder \u201eRegierung\u201c verdienen eine Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Ralf H\u00f6ller<\/strong><\/p>\n<p align=\"right\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKein Bild von mir\u201c: Das machte der Autor, soeben erst entdeckt, zur Bedingung. Seine Texte sollten f\u00fcr ihn sprechen, \u00c4u\u00dferlichkeiten nicht vom Inhalt ablenken. Das Gegenteil war der Fall. Von Beginn an schien die Biografie wichtiger zu sein als das Werk. An den Themen lag es nicht. 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