{"id":20840,"date":"2019-10-10T17:03:23","date_gmt":"2019-10-10T15:03:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20840"},"modified":"2019-10-11T18:57:54","modified_gmt":"2019-10-11T16:57:54","slug":"der-anfang-des-anarchismus-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/der-anfang-des-anarchismus-2\/","title":{"rendered":"Der Anfang des Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20924 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw-197x300.jpg 197w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw-300x456.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw-600x913.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw-768x1168.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw-673x1024.jpg 673w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_9783837639315PBeNqeR5wDcTw.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>Wo liegt der Anfang des Anarchismus? H\u00e4ufig beginnt diese Antwort auf diese mit einem gro\u00dfen Namen: Bakunin. Oder Proudhon. Florian Eitel hingegen w\u00e4hlt einen anderen Ansatz: Er schl\u00e4gt vor, die Anf\u00e4nge des Anarchismus in einer kollektiven Bewegung zu suchen, n\u00e4mlich bei den Uhrmachern des Schweizer Jura, die dem antiautorit\u00e4ren Fl\u00fcgel der Ersten Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) angeh\u00f6rten. Kristallisationspunkt seiner Erz\u00e4hlung ist der internationale Kongress, der im Herbst 1872 in dem St\u00e4dtchen Saint Imier stattfand. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dort kamen damals diejenigen Sektionen und Gruppen der Internationale zusammen, die sich von den zentralistischen Politiken der Marxisten distanzierten. Marx und Engels, man muss es so deutlich sagen, haben damals gezielt die Strukturen der internationalen Arbeiterbewegung zerst\u00f6rt. Marx glaubte, dass nur eine autorit\u00e4r und zentralistisch ausgerichtete Arbeiterbewegung etwas bewirken k\u00f6nne. Die Mehrheit der IAA-Mitglieder und Sektionen wollte aber eine internationale Vernetzung bei gleichzeitiger Autonomie der lokalen und regionalen Initiativen, also eine dezentrale Struktur und eine breite politische Agenda, die nicht nur \u00f6konomische, sondern auch kulturelle, soziale, familien- und bildungspolitische Themen verfolgt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Da Marx und Engels einsehen mussten, dass sie in der Minderheit waren, beschlossen sie, die Internationale abzuwickeln. Sie sorgten daf\u00fcr, dass der Jahreskongress 1872 in Den Haag stattfand, also an einem Ort, zu dem die \u00fcberwiegend marxistisch orientierten deutschen Delegierten eine kurze Anreise hatten, w\u00e4hrend viele Delegierte aus romanischen L\u00e4ndern nicht teilnehmen konnten. Die Anreise aus Spanien oder Italien war weit und teuer, politisch Verfolgte riskierten bei der Reise durch Deutschland oder Belgien zudem die Verhaftung. Bakunin zum Beispiel konnte deshalb in Den Haag nicht dabei sein, und auch vielen Aktivisten, die nach der Niederschlagung der Pariser Kommune in die Schweiz geflohen waren, war die Teilnahme unm\u00f6glich. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit ihrer k\u00fcnstlich fabrizierten Mehrheit lenkten Marx und Engels die Beschl\u00fcsse dann in ihrem Sinne. Missliebige Personen wurden aus der Internationale ausgeschlossen \u2013 neben Michael Bakunin und dem Jurassier James Guillaume auch die US-amerikanische Feministin Victoria Woodhull. Der Generalrat wurde von London nach New York (!) verlegt, was de facto einer Zerschlagung gleichkam. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die wenigen Delegierten aus Italien, Spanien und der franz\u00f6sischen Schweiz, die es nach Den Haag geschafft hatten, waren vom Ausgang des Kongresses verst\u00e4ndlicherweise frustriert. Florian Eitel beschreibt unter anderem, wie sie gemeinsam im Zug zur\u00fcck nach Basel fuhren, in einem Abteil, das sie ganz f\u00fcr sich allein hatten. So konnten sie Pl\u00e4ne schmieden. Und sie beschlossen, sich nicht geschlagen zu geben, sondern direkt im Anschluss einen eigenen Internationale-Kongress abzuhalten \u2013 eben jenen in Saint Imier. Diese detailreiche und sachkundige Verkn\u00fcpfung von Alltagskultur und gro\u00dfer Weltpolitik zeichnet das Buch aus. Wie waren Z\u00fcge damals gebaut? Wie lange dauerte die Reise aus den Niederlanden in die Schweiz? Eitel macht anschaulich, wie aktivistische Politik damals praktisch funktionierte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dass als Austragungsort Saint Imier gew\u00e4hlt wurde, lag nahe. Die Schweiz lag f\u00fcr die Delegierten aus Italien und Spanien quasi auf der Durchreise, im Jura gab es aktive und lebendige Internationale-Sektionen, und die Arbeiter der dortigen Uhrenindustrie waren ohnehin schon lange anarchistisch orientiert. Das hatte verschiedene Gr\u00fcnde \u2013 die Rahmenbedingungen in der Schweizer Uhrenindustrie, die zunehmend unter Globalisierungsdruck geriet (was in dem Buch sehr ausf\u00fchrlich geschildert wird), das Engagement einzelner Anarchisten wie James Guillaume und Adh\u00e9mar Schwitzguebel, die Propagandat\u00e4tigkeit von Bakunin, der einige Jahre zuvor die Jura-D\u00f6rfer mit einer Vortragsreihe besucht hatte, und schlie\u00dflich brandneue Technologien wie Telegrafen und Zugverbindungen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">43 Teilnehmer*innen des zweit\u00e4gigen Kongresses am 16. und 17. September sind namentlich bekannt, es werden aber deutlich mehr gewesen sein. Darunter waren einige Frauen, allesamt Russinnen, die mit Bakunin anreisten. Je vier Delegierte waren Spanier und Italiener, die gro\u00dfe Mehrheit aber Schweizer. Die hier verabschiedeten vier Resolutionen formulierten programmatische Inhalte, die Eitel zu Recht als ersten Abriss einer anarchistischen politischen Strategie versteht. Innerhalb von nur wenigen Tagen verbreiteten sich diese Resolutionen anschlie\u00dfend in ganz Europa. Die \u201eJurassier\u201c und \u201eSaint Imier\u201c wurden zu Synonymen f\u00fcr eine Internationale der Arbeiterbewegung, die anarchistisch tickt. Bis heute ist \u201eSaint Imier\u201c ein Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr anarchistische Bewegungen, so kamen im Jahr 2012 Tausende Menschen aus ganz Europa zu einem anarchistischen Treffen in den Ort.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie es bei einer Dissertation zu erwarten ist, enth\u00e4lt Eitels 630 Seiten starkes Buch auch eine F\u00fclle von Details, von denen manche vielleicht verzichtbar gewesen w\u00e4ren und bei denen man den eigentlichen Plot manchmal aus den Augen verliert. Aber es ist reich illustriert, mit Quellendokumenten und Fotos, und sehr sch\u00f6n gestaltet. Besonders interessant ist die Aufmerksamkeit, die Eitel den praktischen Aspekten des politische Aktivismus widmet: Mobilit\u00e4t, Kommunikation, Lieder und Fotografien, Feste, Vereinsleben \u2013 hier wird anschaulich, wie politische Arbeit in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts aussah. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Schade ist allerdings, dass sich auch dieses Buch wieder fast g\u00e4nzlich mit einer m\u00e4nnlichen Perspektive begn\u00fcgt und das \u201eFrauenthema\u201c auf wenigen Seiten nur kurz abhandelt. Das ist merkw\u00fcrdig, wenn man bedenkt, dass ein Drittel der in der Uhrenindustrie Besch\u00e4ftigten Frauen waren, und dass die Debatte \u00fcber Familienformen und Geschlechterverh\u00e4ltnisse auf den ersten beiden Kongressen der IAA 1866 und 1867 jeweils eines der Hauptthemen gewesen war. Wie haben sich die Jurassier bei dem Streit zwischen frauenfeindlichen franz\u00f6sischen Proudhonisten und industrieorientierten englischen Gewerkschaftern, die Frauen als Proletarierinnen organisieren wollten, positioniert? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das h\u00e4tte man gerne gewusst, zumal sich laut Kongressprotokollen Pierre Coullery, ein b\u00fcrgerlicher Freigeist aus der n\u00e4chstgelegenen Gro\u00dfstadt La Chaux-de-Fonds und Begr\u00fcnder der ersten IAA-Sektionen im Jura, mehrfach zu diesem Thema ge\u00e4u\u00dfert hat. Es ist schwer zu entscheiden, ob Eitel bei seinem gr\u00fcndlichen Quellenstudium nichts dazu finden konnte, oder ob er nicht danach gesucht hat. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wobei allerdings der ideengeschichtliche Anteil des Buches generell nicht stark ausgepr\u00e4gt ist. Eine Spur zu h\u00e4ufig spricht Eitel pauschal von \u201eden Anarchisten\u201c, so als w\u00e4re das eine homogene Gruppe gewesen. Gerade die Haltung zur Frauenemanzipation war aber zum Beispiel ein Streitpunkt, man denke etwa an die Auseinandersetzungen von anarchistischen Kommunardinnen wie Louise Michel oder Andr\u00e9 L\u00e9o mit den extrem antifeministischen Anh\u00e4ngern Proudhons, oder auch an den spanischen Anarchismus, wo freiheitliche geschlechterpolitsche Ideen und patriarchaler Machismo noch im 20. Jahrhundert miteinander konkurrierten. Aber auch bei anderen Themen waren \u201edie Anarchisten\u201c sich keineswegs immer so einig, wie es hier den Anschein hat.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Stark sind hingegen Eitels soziologische Analysen, vor allem dort, wo er die Trans-Nationalit\u00e4t der damaligen anarchistischen Bewegung schildert. Die lokale Verbundenheit bei gleichzeitig enormer Mobilit\u00e4t (auch etwa in Bezug auf Arbeitsmigration), der konkrete Aktivismus vor Ort, der eingebunden war in eine \u00fcbernationale Perspektive, die bis hin zu erheblicher Solidarit\u00e4t reichte \u2013 etwa wenn bei Festen f\u00fcr Streikende in einem anderen Land gesammelt wurde \u2013 all das wird im Detail geschildert. Dadurch entsteht ein Bild von einer Bewegung, die tats\u00e4chlich auch praktisch eine Alternative bot zu nationalistischen Erz\u00e4hlungen. Unterm Strich ist diese Studie also eine wertvolle und lesenswerte Erg\u00e4nzung f\u00fcr die Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong>A<span lang=\"de-DE\">ntje Schrupp<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo liegt der Anfang des Anarchismus? 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