{"id":20845,"date":"2019-10-10T17:07:57","date_gmt":"2019-10-10T15:07:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20845"},"modified":"2019-10-11T18:57:42","modified_gmt":"2019-10-11T16:57:42","slug":"alternative-verwirrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/alternative-verwirrung\/","title":{"rendered":"Alternative Verwirrung"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_145_wolf_alternative-oekonomie_presse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20926 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_145_wolf_alternative-oekonomie_presse-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_145_wolf_alternative-oekonomie_presse-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_145_wolf_alternative-oekonomie_presse-300x491.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_145_wolf_alternative-oekonomie_presse-600x982.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_145_wolf_alternative-oekonomie_presse.jpg 611w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>Es gibt B\u00fccher, mit denen man zu k\u00e4mpfen hat, ob man sie weiter lesen will oder weglegen soll. So brauchte ich eine Woche f\u00fcr ein 90-Seiten-B\u00fcchlein und noch mal so lange, um mich durchzuringen, dar\u00fcber zu schreiben. So erging es mir mit Merlin Wolfs \u201eAlternative \u00d6konomie\u201c, dessen Titel mit \u201eKritik an der Alternativen \u00d6konomie\u201c besser gew\u00e4hlt w\u00e4re und mir im Vorfeld einigen Lese\u00e4rger erspart h\u00e4tte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es ist nicht einfach, B\u00fccher mit Einf\u00fchrungen oder Themen\u00fcbersichten zu schreiben, da sich als erstes ein Fachpublikum dar\u00fcber hermacht \u2013 f\u00fcr das solche B\u00fccher ja eigentlich nicht geschrieben sind \u2013, um dann neunmalklug dar\u00fcber herzuziehen. Vielleicht w\u00e4re die Lekt\u00fcre f\u00fcr mich einfacher gewesen, wenn ich mir nicht als erstes die \u201aweiterf\u00fchrende Literatur\u2018 am Ende des Buches angesehen h\u00e4tte. Und so habe ich vermutlich gleich die Einf\u00fchrung \u201ain den falschen Hals bekommen\u2018. Sicher mag die Alternative \u00d6konomie auch unter einer \u201everk\u00fcrzten Kapitalismuskritik\u201c leiden, im Anschluss zu dieser Feststellung kommt jedoch ein \u201eLob\u201c der Experimentierfreude unter den Alternativesuchenden wie von einem schwadronierenden M\u00e4rchenonkel des Typs FDP-Lindner. Auch die Einordnung, sich in diesem Buch nur auf Deutschland beziehen zu wollen, aber dann mit einem nigerianischen Sprichwort, irgendwelchen Vergleichszahlen aus den USA, den Roten Khmer oder Pflegerobotern in Japan und S\u00fcdkorea zu kommen, steigerte meinen Unwillen (von Zitaten internationaler Autor*innen mal abgesehen).<\/p>\n<p align=\"justify\">Es wird ein Konglomerat derzeitiger \u201eAlternativen\u201c zusammengestellt, ohne zuvor gekl\u00e4rt zu haben, was denn an den Alternativen auch anti-kapitalistisch bzw. wo denn die emanzipativen Ans\u00e4tze w\u00e4ren. Zwischen einem alternativen Wohnen und Airbnb w\u00fcrde ich zwei unterschiedliche Ans\u00e4tze erkennen und zwischen Trampen (v\u00f6llig veraltet) und UBER liegen Welten. Auch wenn der Autor, etwa bei der Beschreibung des Mietsh\u00e4usersyndikats, auf zwei Seiten das juristische Konstrukt darlegt, ist mir das als neugieriger Leser zu wenig. Da erhalte ich, wie bei den anderen Themen auch, \u00fcber das Internet vermutlich bessere und ausf\u00fchrlichere Ausk\u00fcnfte. Auch bei dem \u2013 f\u00fcr den Autor scheinbar so wichtigen \u2013 Hinweis, dass Hausbesetzungen illegale Handlungen seien, kann ich nur den Kopf sch\u00fctteln. Als in West-Berlin 1981 \u00fcber 162 H\u00e4user besetzt waren, ein Besetzer*innenrat existierte und ein eigenes 14t\u00e4gig erscheinendes Infoblatt, wurde die Frage der Illegalit\u00e4t zu einer bewusst gestellten Machtfrage, auch das ist ein politischer Akt. Legal \u2013 Illegal \u2013 Schei\u00dfegal!<\/p>\n<p align=\"justify\">Beim Thema Genossenschaften f\u00e4llt dem Autor nur Franz Oppenheimer ein, der trotz seiner rassistischen Ausf\u00e4lle gegen die arabische Bev\u00f6lkerung \u00fcber anderthalb Seiten dargelegt wird. Von Gustav Landauer und anderen kein Wort. Zum Thema Konsens wird als Beispiel die Online-Zeitung \u201eZwischenzeit &#8211; Medium f\u00fcr Unbequemes\u201c, von der ich bisher noch nichts geh\u00f6rt hatte, angef\u00fchrt, dagegen hat der Autor anscheinend von der nunmehr seit \u00fcber 47 Jahren (!) existierenden Papierzeitschrift Graswurzelrevolution, wo dieses Verfahren gang und g\u00e4be ist, noch nie etwas geh\u00f6rt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die einzelnen Darstellungen werden immer mit Kritik begleitet, ob es um Demeter oder verpackungsfreie Produkte geht, so dass eigentlich nur noch der Hinweis fehlte, dass Umweltschutz \u201edeutsche Arbeitspl\u00e4tze\u201c kosten w\u00fcrde. Zum Thema Tauschringe f\u00e4llt sofort wieder der Name Silvio Gesell. B\u00f6se, b\u00f6se. Kein Wort \u00fcber die DDR-Tauschkultur, oder wie meine Erfahrungen da eher waren, dass Tauschen in erster Linie ein sozialer Kontakt unter Menschen mit wenigen finanziellen Mitteln war. Aber hier kommen die weiterf\u00fchrenden Lesetipps wieder ins Spiel, wie etwa zwei B\u00fccher (von acht) des wirtschaftsweisen Paranoikers Peter Bierl, der sich an dem Thema wie kein Zweiter abgearbeitet hat. Ich selbst habe keinen Tauschring-Beteiligten kennengelernt, der sich in der Tradition eines Silvio Gesell gesehen h\u00e4tte. Ehrlich gesagt bin ich auch etwas entt\u00e4uscht vom Unrast-Verlag, der etwa einen Satz durchgehen l\u00e4sst wie: \u201eEr [Silvio Gesell] war zu seinen Lebzeiten im Umfeld linker Anarchisten und rechter Lebensreformer unterwegs.\u201c Diese st\u00e4ndige Denunziation nach Bierlscher Manier hat Methode, die hier weiter gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das i-T\u00fcpfelchen kommt dann im \u201eAusblick\u201c des Autors, wo er auf die AfD hinweist, die jetzt dem Begriff Alternativ eine \u201eSchlagseite\u201c verpasst habe, als habe es nicht schon vor 20 Jahren etwa Nazis gegeben, die Che-Guevara-T-Shirts getragen oder sich linker Begriffe bedient h\u00e4tten. Ein Grund mehr, dem Begriff \u2018Alternativ\u2019 wieder einen k\u00e4mpferischen, positiven und emanzipatorischen Sinn zu geben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es bleibt die Frage, f\u00fcr wen das Buch geschrieben wurde. Wenn ich mit meinem Leben in den kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen unzufrieden bin und nicht auf die marxistische Weltrevolution warten m\u00f6chte, werde ich mir Gleichgesinnte suchen, auf bestehende Projekte zugehen und das Problem angehen. Wir haben gen\u00fcgend Erfahrungen gesammelt in den 1970er und 80er Jahren, die hier gar nicht erst erw\u00e4hnt werden, und ansonsten m\u00fcssen die Jungen ihre eigenen machen. Hauptsache, sie legen nicht die H\u00e4nde in den Scho\u00df und warten auf bessere Zeiten, und zum Gl\u00fcck sieht es im Moment nicht so aus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auf die Rubrik \u201eZum Weiterlesen\u201c muss ich jetzt aber doch noch mal eingehen: Nicht vorhanden ist hier etwa die \u201eContraste \u2013 Zeitung f\u00fcr Selbstorganisation\u201c, die seit 35 Jahren existiert! Kein Hinweis auf Horst Stowasser und das Projekt A, kein Hinweis auf Rolf Schwendter und seine vielf\u00e4ltige Literatur zum Thema. Es fehlen generell Publikationen, die Erfahrungen in den unterschiedlichen Alternativ-Projekten reflektieren. Ferner fehlen B\u00fccher von P.M. und\/oder den zur Zeit wohl spannendsten Genossenschaftsprojekten in der Schweiz wie KraftWerk und NENA1, die nicht nur weitumspannende Ans\u00e4tze bieten, sondern auch in Deutschland zu Erfahrungsberichten eingeladen werden und denen es nicht nur um den Gedanken der Genossenschaft geht, sondern auch darum, wie derzeitige, etwas schnarchige Genossenschaftsverb\u00e4nde wieder politisiert werden k\u00f6nnen. Wohngenossenschaften sind eben nicht nur f\u00fcr billigen Wohnraum zust\u00e4ndig, sondern f\u00fcr eine vielf\u00e4ltige politische und \u00f6kologische Haltung.<\/p>\n<p align=\"justify\">O.k., aber daf\u00fcr habe ich ein neues Fremdwort gelernt: \u201ereziprokes (= wechselseitiges) Verh\u00e4ltnis\u201c. Das ist doch was, selbst wenn es f\u00fcr diesen Preis etwas zu teuer war.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Jochen Knoblauch<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt B\u00fccher, mit denen man zu k\u00e4mpfen hat, ob man sie weiter lesen will oder weglegen soll. So brauchte ich eine Woche f\u00fcr ein 90-Seiten-B\u00fcchlein und noch mal so lange, um mich durchzuringen, dar\u00fcber zu schreiben. 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