{"id":20847,"date":"2019-10-10T17:09:25","date_gmt":"2019-10-10T15:09:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20847"},"modified":"2019-10-20T12:33:43","modified_gmt":"2019-10-20T10:33:43","slug":"linke-alternativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/linke-alternativen\/","title":{"rendered":"Linke Alternativen?"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_machtergreifen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20929 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_machtergreifen-213x300.jpg\" alt=\"\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_machtergreifen-213x300.jpg 213w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_machtergreifen-300x422.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_machtergreifen.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a>Es ist kaum ein Jahrzehnt her, da machten sich nicht wenige Menschen hierzulande Hoffnungen auf einen neuen weltweiten linken Aufbruch, der von Lateinamerika ausgeht. Schlie\u00dflich hatten sich dort Ende der 1990er Jahre Entwicklungen abgespielt, die unterschiedlichen Spektren der Linken Hoffnung machten. In Brasilien wurden die Sozialdemokrat*innen st\u00e4rkste Partei und mit Lula wurde ein Metallarbeitergewerkschaftler, der gegen die Milit\u00e4rherrschaft aktiv war, Pr\u00e4sident. Auch in Uruguay und Ecuador gab es scheinbar nach Massendemonstrationen progressive Regierungsb\u00fcndnisse.<\/p>\n<p align=\"justify\">In Venezuela schien die Regierung von Hugo Ch\u00e1vez sogar \u00fcber sozialdemokratische Krisenverwaltung hinauszugehen. Gro\u00dfbetriebe wurden vergesellschaftet und eine Massenbewegung verhinderte im Jahr 2001 einen Milit\u00e4rputsch. Ch\u00e1vez schien der Exponent eines Sozialismus, der aus den Erfahrungen des Stalinismus gelernt hatte. Starke Basisbewegungen aus der Bev\u00f6lkerung w\u00fcrden eine B\u00fcrokratisierung verhindern, so die Hoffnung von au\u00dferparlamentarischen Linken, die das chavistische Experiment in Venezuela vor allem seit 2001 mit mehr oder weniger kritischer Solidarit\u00e4t begleiteten.<\/p>\n<p align=\"justify\">In diesen Jahren geh\u00f6rt auch Raul Zebechi zu diesen kritischen Begleitern des bolivarischen Prozesses in Bolivien. Der Intellektuelle aus Uruguay geh\u00f6rte zu denen, die den Fokus seiner Aufmerksamkeit nicht auf Ch\u00e1vez, sondern auf linke Stadtteilbewegungen legten, die es schon seit Jahrzehnten gab, die aber unter Ch\u00e1vez erstmals seit Jahren nicht mehr kriminalisiert wurden. Zebechi geh\u00f6rte aber immer zu denen, die daran erinnerten, dass der Staat nicht der Ort sein kann, \u00fcber den grundlegende Ver\u00e4nderungen laufen k\u00f6nnen. Die aktuellen Krisen der Linksregierungen in Lateinamerika best\u00e4tigen diesen Befund.<\/p>\n<p align=\"justify\">Jetzt hat Raul Zebechi gemeinsam mit Decio Machado eine Bilanz der lateinamerikanischen Linksregierungen ver\u00f6ffentlicht, die von Raul Zelik \u00fcbersetzt im Verlag Bertz + Fischer ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es ist eine grundlegende Kritik, die manche, die sich zu viele Hoffnungen, in soziale Emanzipation durch den Staat gemacht haben, nicht gefallen wird. Sie sollten sie trotzdem lesen und diskutieren, denn nicht nur Zebechi hatte noch vor zehn Jahren den bolivarischen Prozess in Venezuela kritisch-solidarisch begleitet. Sein Koautor Machado war sogar zeitweilig Berater des ecuadorianischen Pr\u00e4sidenten Raffael Correa. Dessen Nachfolger f\u00fchrt das Land nun auch rhetorisch zur\u00fcck an die Seite der USA und will auch mit dem Kapitalismus nicht mehr brechen. Doch das wollte auch Correa nicht. Schlie\u00dflich zitieren die Autoren ihn im Buch: \u201eLetztlich machen wir die Dinge besser ohne das Akkumulationsmodell anzutasten. Denn wir wollen nicht den Reichen schaden, sondern eine gerechtere Gesellschaft mit gr\u00f6\u00dferer Chancengleichheit\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nun k\u00f6nnte man argumentieren, dass das Scheitern dieses Modells eine Best\u00e4tigung des alten linken Credos ist, dass ein Verlassen auf die Sozialdemokratie nur Illusionen sch\u00fcrt. Auch im Fall von Bolivien ist das Fazit der Autoren ern\u00fcchternd: \u201eDer Beitrag der fortschrittlichen Regierung bestand genau darin: er hat den Staat gest\u00e4rkt und einen Zyklus von K\u00e4mpfen unterbrochen.\u201c Sehr pr\u00e4zise zeichnen sie am Beispiel der Bergbaugenossenschaften nach, wie eine neue Bourgeoisie entsteht, wenn das kapitalistische Akkumulationsmodell nicht angetastet wird. Dabei setzten sich die Genossenschaften aus jenen Arbeiter*innen zusammen, die aus dem k\u00e4mpferischen Bergbausektor kommen.<\/p>\n<p align=\"justify\">1980 wurde dieser Bergbau von den neoliberalen Regierungen zerschlagen, man hoffte damit auch eine k\u00e4mpferische Arbeiter*innenklasse erledigt zu haben. Viele der erwerbslos gewordenen Bergleute sahen in den Genossenschaften nicht nur eine Jobalternative. Auch politisch stehen sie der Regierung des ehemaligen Coca-Bauern und Gewerkschaftlers Evo Morales nahe. Sie bekommen Privilegien, haben sich aber mittlerweile selber zu Kapitalist*innen entwickelt. Hier leisteten die beiden Autoren ein St\u00fcck materialistische Gesellschaftsanalyse.<\/p>\n<h5>Probleme sozialistischer Transformationsprozesse<\/h5>\n<p align=\"justify\">Nun kann man allerdings vom bolivarischen Prozess in Venezuela nicht behaupten, dass er nicht auch Strukturen der alten besitzenden Klassen angegriffen hat, die verk\u00fcrzt als die Reichen bezeichnet werden k\u00f6nnen. Deswegen wird Venezuela in dem Buch auch unter dem Kapitel \u201eProbleme sozialistischer Transformationsprozesse\u201c abgehandelt und historisch neben der Sowjetunion und Kuba eingeordnet. GWR-Leser*innen wird ihr Befund freuen: \u201eMan kann also festhalten, dass die Begr\u00fcnder des historischen Marxismus die Gefahren einer B\u00fcrokratisierung in postrevolution\u00e4ren Gesellschaften v\u00f6llig falsch einsch\u00e4tzten und die anarcho-kommunistischen Denker ein viel klareres Bewusstsein davon besa\u00dfen, dass eine Revolution zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie sich nicht des Staates entledigt\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Doch leider wird in dem Buch nicht auf die Debatten in der bolschewistischen Partei nach der Oktoberrevolution eingegangen, wo es lange massiven Widerstand gegen die Einf\u00fchrung fordistischer Arbeitsmethoden in der jungen Sowjetunion gab. Zudem w\u00e4re ein Hinweis angebracht gewesen, dass sich auch die Anarchosyndikalist*innen 1936 in Barcelona fordistischer Arbeitsmethoden bedienten, wie Michael Seidmann in dem im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch \u201eGegen die Arbeit. \u00dcber die Arbeiterk\u00e4mpfe in Barcelona und Paris 1936-38\u201c gut herausarbeitet hat.<\/p>\n<h5>Offene Fragen f\u00fcr die Diskussion<\/h5>\n<p align=\"justify\">Der Stellenwert der Basisbewegungen im bolivarischen Venezuela bleibt in dem Buch von Machado\/Zibechi offen. Sie erw\u00e4hnen die Arbeiten von Dario Azzellini, der in verschiedenen B\u00fcchern und Filmen eine starke Rolle dieser linken Basisbewegungen festgestellt hat. Da w\u00e4re eine genauere Analyse ebenso angebracht, wie bei dem Kapitel \u00fcber die Korruption in Brasilien. Dort zeichnen die Autoren \u00fcberzeugend nach, dass es sich bei den Korruptionsprozessen, die den Sozialdemokraten Lula ins Gef\u00e4ngnis brachten, um den Machtkampf von zwei Fraktionen der Bourgeoisie in Brasilien handelte. Doch unterbelichtet bleibt die Rolle des brasilianischen Korruptionsdiskurses bei der Faschisierung der Gesellschaft, der mit der Wahl des ultrarechten Pr\u00e4sidenten Jair Bolsanaro seinen H\u00f6hepunkt, nicht aber seinen Abschluss gefunden hat. Diese Faschisierung, die nicht nur in Brasilien zu beobachten ist, kommt in dem Buch nur am Rande vor, was einerseits ein Vorteil ist, da die nichtfaschistischen Kr\u00e4fte genauer kritisiert werden k\u00f6nnen. Doch diese Rechtsentwicklung, die s\u00e4mtliche Spektren der Linken betrifft, hat daf\u00fcr gesorgt, dass in Brasilien die Gegner*innen von Bolsonaro wieder mehr zusammenr\u00fccken. Schlie\u00dflich ist Lula jetzt kein Pr\u00e4sident mehr, sondern Gefangener. Da ist eine breite Solidarit\u00e4tsbewegung notwendig. Diskutiert werden sollte aber, wie verhindert werden kann, dass im Kampf gegen Rechts wieder reformistische Modelle als kleineres \u00dcbel gesehen werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Diskutiert werden sollte auch \u00fcber die linken Alternativen zu den staatssozialistischen Modellen, die im Buch nur am Rande vorkommen, wenn die zapatistische Bewegung erw\u00e4hnt wird. Wie es den Zapatistas gelang, in den letzten Jahren ihren Einflussbereich sogar auszuweiten, welche Erfolge aber auch welche Probleme es in den zapatistischen Gemeinden gibt, w\u00e4re ebenfalls ein Thema f\u00fcr eine Diskussion, die dieses empfehlenswerte Buch anregen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Peter Nowak<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kaum ein Jahrzehnt her, da machten sich nicht wenige Menschen hierzulande Hoffnungen auf einen neuen weltweiten linken Aufbruch, der von Lateinamerika ausgeht. Schlie\u00dflich hatten sich dort Ende der 1990er Jahre Entwicklungen abgespielt, die unterschiedlichen Spektren der Linken Hoffnung machten. 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