{"id":20849,"date":"2019-10-08T16:54:18","date_gmt":"2019-10-08T14:54:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20849"},"modified":"2019-10-12T11:09:29","modified_gmt":"2019-10-12T09:09:29","slug":"100-jahre-foederative-ungarische-sozialistische-raeterepublik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/100-jahre-foederative-ungarische-sozialistische-raeterepublik\/","title":{"rendered":"100 Jahre F\u00f6derative Ungarische Sozialistische R\u00e4terepublik"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"de-DE\">Vor hundert Jahren, am 21. M\u00e4rz 1919, wurde die \u201eF\u00f6derative Ungarische Sozialistische R\u00e4terepublik\u201c ausgerufen. Sie war f\u00fcr kurze Zeit das Bindeglied euphorischer Hoffnungen auf einen sozialistischen Fl\u00e4chenbrand Sowjetunion-Ungarn-Bayrische R\u00e4terepublik. Trotzdem bleibt sie auch bei den Ver\u00f6ffentlichungen zur Erinnerung an hundert Jahre Kriegsende, russische, \u00f6sterreichische und deutsche Revolution, dazu der bayrischen R\u00e4terepublik im April 1919 immer ein wenig im Abseits der Betrachtungen oder gar vergessen. Umso verdienstvoller ist es, dass Gerhard Senft mit diesem Band an die Ungarische R\u00e4terepublik erinnert. Sie dauerte 133 Tage. Erst am 1. August 1919 erkl\u00e4rte der Kommunist B\u00e9la Kun sie f\u00fcr beendet. Es folgte eine grausame Phase des \u201eWei\u00dfen Terrors\u201c unter dem faschistischen General Horthy mit stark antisemitischem Einschlag. 5.000 Menschen wurden dabei hingerichtet, 70.000 ins Gef\u00e4ngnis geworfen und 100.000 Menschen ins Exil getrieben (S. 62-65).<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ein anarchistisches Milieu mit zahlreichen gewaltfreien Anarchisten<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Senft beschreibt erst die Sozialstruktur Ungarns vor der Revolution mit ihrem feudalen Gepr\u00e4ge und der Dominanz des Gro\u00dfgrundbesitzes auf dem Lande. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ungarische Arbeiterparteien. Senft erinnert in einem eigenen Kapitel an wichtige \u201eAnarchisten und Sozialrevolution\u00e4re\u201c (S. 14-17), zun\u00e4chst Josef Peukert, dann an die zahlreichen gewaltfreien Anarchisten wie Eugen Heinrich Schmitt sowie den Anarchosyndikalisten Ervin Szab\u00f3, der eng mit dem Tolstoianer Ervin Batthy\u00e1ny zusammen arbeitete. Interessant war auch der seit 1908 bestehende \u201eGalilei-Zirkel\u201c mit seinen \u201epazifistischen, kosmopolitischen und antiklerikalen Positionen\u201c (S. 17). Mitglieder dieses Zirkels waren der junge Gy\u00f6rgy Luk\u00e1cs sowie der sp\u00e4ter bekannt gewordene \u00d6konom Karl Polanyi, ein Cousin von Ervin Szab\u00f3.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Direkt auf die Krise der ungarischen Sozialdemokratie von 1907 bis 1913, verbunden mit einem R\u00fcckgang ihrer Mitgliederzahl, folgte die Aushebung von 3,4 Millionen Ungarn f\u00fcr den Ersten Weltkrieg. 670.000 ungarische Soldaten wurden auf dem Felde get\u00f6tet, 743.000 Verwundete kamen zur\u00fcck, oft am Kriegsende bereits begeistert von der Revolution in der jungen Sowjetunion. Aufgrund des geringen Organisationsgrades des ungarischen Proletariats bildeten sich die R\u00e4te mehr oder weniger spontan: Die Polizei schoss auf einen Generalstreik am 31. Oktober 1918, die Soldaten verlie\u00dfen die Kasernen und bildeten Soldatenr\u00e4te. Die aus Russland heimgekehrten Kriegsgefangenen hatten die Organisationsform der R\u00e4te kennengelernt und die ungarischen Arbeiter*innen \u00fcbernahmen sie. Im November 1918 etablierte sich kurzzeitig eine b\u00fcrgerliche Republik unter Mih\u00e1ly K\u00e1rolyi. Sie wurde auch \u201eAstern-Revolution\u201c genannt, weil sich die Soldaten Astern in die Gewehrl\u00e4ufe steckten, um den relativ friedlichen Sturz des ungarischen K\u00f6nigs zu symbolisieren. Unmittelbar spielten Nationalbewegungen der Slowenen, Serben, Kroaten, Rum\u00e4nen, Siebenb\u00fcrgen eine Rolle und l\u00f6sten sich vom Vielv\u00f6lker-K\u00f6nigreich Ungarn. Die b\u00fcrgerliche Regierung musste den Verlust eines Drittels des Territoriums verantworten und wirkte geschw\u00e4cht. Es ist K\u00e1rolyi hoch anzurechnen, dass er am 19. M\u00e4rz in dieser Situation einfach seinen R\u00fccktritt erkl\u00e4rte und die Macht quasi kampflos den R\u00e4ten \u00fcberlie\u00df. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die milit\u00e4rische Machtbasis der Kommunisten<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die inhaftierten Kommunist*innen kamen frei und fusionierten mit den Sozialdemokrat*innen zur \u201eUngarl\u00e4ndischen Sozialistischen Partei\u201c, die am 21. M\u00e4rz die R\u00e4terepublik errichtete. In der Folge bildeten die nach Autonomie strebenden R\u00e4te und die sie nach Leninschem Vorbild kontrollieren wollende Partei ein Spannungsgeflecht. Einerseits hatte die \u201eLandesversammlung der R\u00e4te\u201c einen aus 150 Personen bestehenden unabh\u00e4ngigen Ausschuss; andererseits gab es einen \u201eRevolution\u00e4ren Regierenden Rat\u201c, der immer mehr Entscheidungsbefugnis an sich riss und vom Volkskommissar f\u00fcr ausw\u00e4rtige Angelegenheiten, dem Kommunisten B\u00e9la Kun, dominiert wurde. Er \u00fcbernahm dann strategische Parolen Lenins, z.B. die Rede von der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nach Senft suchten die Kommunist*innen \u201eihre Machtbasis in milit\u00e4rischen Formationen. Dabei konnten sie sich besonders auf die Roten Garden st\u00fctzen, die bereits vor Jahreswende 1918\/19 gegr\u00fcndet worden waren\u201c (S. 35). So kam es zum Paradox \u201emartialischer Auftritte\u201c der bewaffneten Formationen, obwohl doch die \u00dcbergabe der Macht von K\u00e1rolyi an die R\u00e4te ganz unblutig verlaufen war. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anfangs wurden fast alle Wirtschaftssektoren und Betriebe sozialisiert, was in Wirklichkeit jedoch Verstaatlichung bedeutete, oft mit der \u00dcbernahme fr\u00fcherer Eigent\u00fcmer als Leitungsspezialisten. Es gab eine Bodenreform mit der Enteignung von Gro\u00dfgrundbesitz \u00fcber 57 Hektar pro Person. Auch die nationalen Banken wurden verstaatlicht, das ausl\u00e4ndische Kapital jedoch nicht. Immerhin gab es zahlreiche fortschrittliche Sozialreformen: Die 48-Stunden-Woche sowie eine Kranken- und Unfallversicherung wurden eingef\u00fchrt; es gab Anstrengungen zur Angleichung des Lohnniveaus sowie gleiche L\u00f6hne f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner. 1919 wurde das \u201eSelbstbestimmungsrecht der Frau\u201c niedergeschrieben, vorangetrieben durch Aktivistinnen wie etwa Helene Marie Duczynska (genannt \u201eIlona\u201d). Sie ging sp\u00e4ter ins Wiener Exil, kam zur\u00fcck, um auch den Aufstand von 1956 in Ungarn mitzumachen. In hohem Alter hatte sie Kontakte zum deutschen Anarchisten Peter Paul Zahl (S. 40).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Tschechische, franz\u00f6sische und s\u00fcdslawische Truppen r\u00fcckten 1919 jedoch bald gegen die R\u00e4terepublik vor. Ohne Wehrpflicht wurde eine auf 200.000 Mann gesteigerte Rote Armee aufgebaut, die zwar anf\u00e4nglich milit\u00e4rische Erfolge hatte, ab Juni 1919 jedoch unausgesetzt R\u00fcckschl\u00e4ge erlitt. So wurde im Juli 1919 doch noch die Allgemeine Kriegsdienstpflicht eingef\u00fchrt und damit der Dynamik jeder Militarisierung Rechnung getragen. An den st\u00e4ndigen R\u00fcckschl\u00e4gen \u00e4nderte jedoch auch dies nichts (S. 42).<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Galoppierende Inflation als Vorbote des Niedergangs<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das gr\u00f6\u00dfte \u00f6konomische Problem f\u00fcr die R\u00e4teregierung war die galoppierende Inflation, die die angeglichenen L\u00f6hne sofort wieder entwertete. Auch die Einf\u00fchrung eigener Quittungen f\u00fcr geleistete Arbeitsstunden und auch eigene Geldscheine (\u201ewei\u00dfes Geld\u201c) \u00e4nderten daran nichts. Die Inflation war noch eine Folge der Kriegsausgaben des Habsburger-Reiches im Ersten Weltkrieg. Die Milit\u00e4rausgaben waren astronomisch hoch, die Mittel f\u00fcr Waffen nur noch durch die Bet\u00e4tigung der Notenpresse aufzubringen. Zwischen 1914 und 1918 dehnte sich der Geldumlauf im Habsburger-Reich von zwei auf 31 Milliarden Kronen aus; die Golddeckung der Krone brach zusammen und unmittelbar nach dem Krieg wurde die Geldentwertung im Alltag dramatisch sp\u00fcrbar (S. 49). <\/span><span lang=\"de-DE\">Senft meint, dass die R\u00e4terepublik diese Inflation nie in den Griff bekam und dadurch die anf\u00e4ngliche Begeisterung unter den Massen schnell schwand.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Hinzu kam der sp\u00e4testens nach einem gescheiterten Putschversuch von Budapester Offizieren im Juni 1919 einsetzende \u201eRote Terror\u201c der Kommunisten. Federf\u00fchrend hierbei war J\u00f3szef Cserny, der in Russland bereits durch die Tscheka-Schule gegangen war und nun in Ungarn Massenverhaftungen durchf\u00fchrte sowie f\u00fcr Geiselnahmen, Liquidierungen und Folter verantwortlich war. Der Terror dr\u00fcckte sich oft auch durch Verrohung aus, f\u00fcr die die vier Kriegsjahre vorher gesorgt hatten. Die \u201eLenin-Jungen\u201c unter Tibor Sz\u00e1muely \u201ezogen mit einem transportablen Galgen von Dorf zu Dorf, requirierten Lebensmittel\u201c (S. 61) und reagierten auf Proteste der Bauern mit sofortiger Vollstreckung der Todesstrafe am Galgen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Abschlie\u00dfend weist Senft im Buch auf zeitgen\u00f6ssische, die Niederlage analysierende Schriften hin, etwa Karl Kautskys \u201eTerrorismus und Kommunismus\u201c, f\u00fcr den die R\u00e4terepublik zu fr\u00fch, \u201ezur Unzeit\u201c kam und die die nicht reif gewesenen sozial\u00f6konomischen Bedingungen dann durch Gewalt und Terror ersetzen habe wollen. <\/span><span lang=\"de-DE\">\u00c4hnlich, nur nicht aus der reformistischen, sondern aus der entgegen gesetzten, gewaltfrei-anarchistischen Richtung analysierte Pierre Ramus bereits im April 1919 mit klarem Blick, dass \u201eauf dem von den ungarischen \u201aproletarischen\u2019 Machthabern eingeschlagenen Weg der Diktaturherrschaft, der Gewalt und des Krieges niemals das Heil des Sozialismus ersprie\u00dfen kann\u201c (S. 69). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieser spannende Band \u00fcber Ungarn 1919 wird abgeschlossen durch einen Anhang mit zeitgen\u00f6ssischen Dokumenten, u.a. einen lebendigen Reisebericht der Schweizer Sozialistin Annaliese R\u00fcegg, die 1919 Sowjet-Ungarn besuchte und ihren Bericht direkt nach ihrer R\u00fcckkehr in die Schweiz als Brosch\u00fcre ver\u00f6ffentlichte (S. 90-112).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Lou Marin<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Univers Condensed, sans-serif;\"><span style=\"font-size: x-large;\">\u00a0<\/span><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor hundert Jahren, am 21. 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