{"id":20855,"date":"2019-10-08T17:03:10","date_gmt":"2019-10-08T15:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20855"},"modified":"2019-10-10T02:27:38","modified_gmt":"2019-10-10T00:27:38","slug":"gandhis-ethische-normen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/gandhis-ethische-normen\/","title":{"rendered":"Gandhis ethische Normen"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Norwegen war Anfang der 1950er-Jahre eines der ersten europ\u00e4ischen L\u00e4nder, das mit dem 1947 unabh\u00e4ngig gewordenen Indien in eine Entwicklungszusammenarbeit trat. Dadurch wurde die Aufmerksamkeit des norwegischen Mathematikers und Soziologen Johan Galtung (geb. 1930), damals zugleich junger Kriegsdienstverweigerer, sowie des Philosophen Arne N\u00e6ss (1912-2009) auf Gandhi gelenkt. 1955 ver\u00f6ffentlichten sie ein Buch auf Norwegisch \u00fcber Gandhis politische Ethik, die sie aus den ihnen damals zug\u00e4nglichen Schriften Gandhis herausdestillierten und als Normensystem philosophisch aufarbeiteten. In deutscher Sprache ist das norwegische Werk von 320 Seiten nie komplett ver\u00f6ffentlicht worden. Andreas Buro hatte 1983, zur Hochzeit der europ\u00e4ischen Friedensbewegung, eine deutsche Kurzversion von vier Seiten der 15 Satyagraha-Normen von Galtung\/N\u00e6ss ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die nun von Reiner Steinweg herausgegebene und eingeleitete Ausgabe ist noch immer keine Gesamt\u00fcbersetzung, aber doch eine vollst\u00e4ndige \u00dcbersetzung des wesentlichen Kapitels IV mit den 15 Satyagraha-Normen plus ihrer intensiven Kommentierung und Pr\u00e4zisierung durch Galtung\/N\u00e6ss, sowie zus\u00e4tzlicher Ausz\u00fcge aus anderen Kapiteln des Ausgangswerkes. Da das Original in Norwegisch erschien, mussten die vielen Gandhi-Zitate f\u00fcr diese umfassende deutsche Erstausgabe erst wieder im englischen Original gesucht und dann im Deutschen wiedergegeben werden, wodurch die drei \u00dcbersetzerInnen Christine von B\u00fclow, Christian Bartolf und Xaver Remsing zusammen mit Reiner Steinweg eine enorme \u00dcbersetzungsarbeit leisteten, f\u00fcr die ihnen gro\u00dfe Anerkennung geb\u00fchrt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Reiner Steinweg geht in seiner Einleitung auch auf interessante begriffliche \u00dcbersetzungsprobleme ein: So wurde der im Englischen von Gandhi benutzte Begriff \u201esuffering\u201c, der auf eine hinduistische gepr\u00e4gte Kultur zur\u00fcckgeht, in der Satyagraha-Norm Nr. 10 mit \u201eSei hingabebereit!\u201c \u00fcbersetzt, pr\u00e4zisiert im Sinne von \u201esich energisch f\u00fcr etwas einsetzen\u201c oder \u201esich stark auf etwas konzentrieren\u201c (S. 134), und wird so nicht mit einem passiv hingenommenen, christlichen Leidensverst\u00e4ndnis verwechselt. F\u00fcr solche wohl \u00fcberlegten \u00dcbersetzungen kann man nur dankbar sein, geht es Galtung\/N\u00e6ss doch um eine universale Darstellung der politischen Ethiknormen Gandhis und um ihre Nutzanwendung f\u00fcr europ\u00e4ische Rezipient*innen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Buch ist gleichwohl nicht ganz einfach zu lesen. Das liegt vor allem am Mathematiker Galtung, dessen tabellenartige Anordnungen ethischer Normen sich nicht immer auf den ersten Blick erschlie\u00dfen. Seine signaturhaften R\u00fcckverweise auf bereits besprochene Ethiknormen erschweren den Lese- und Verst\u00e4ndnisfluss oder gehen gar in mathematische Formeln \u00fcber: P1: N1 \u2013 N7 \u2013 N11 \u2013 N13 (S. 168ff.).<\/p>\n<p align=\"justify\">Hilfreich ist, dass alle Signaturen auf der hinteren Bucheinband-Klappe aufgelistet sind. Wer die Anstrengung auf sich nimmt, wird mit intelligenten und bedenkenswerten Darstellungen zu den ethischen Prinzipien Gandhis belohnt, selbst wenn man einmal einer bestimmten Norm nicht selbst folgen mag oder aber auch als Gandhi-Kenner meint, diese oder jene von den Autoren herausdestillierte Norm Gandhis anders zu sehen. Auf Seite 167 ahnen die Autoren schon selbst, dass vor allem die Norm, Kampagnenaktionen beim erfolgreichen Entstehen einer Massenbewegung nicht auszuweiten oder auch die von ihnen genannte Norm, Gandhi h\u00e4tte auf Sabotage verzichtet, zu \u201eUneinigkeit\u201c f\u00fchrt. So bin ich der Meinung, dass Gandhi beim Salzmarsch die Aktionsbereiche st\u00e4ndig ausgeweitet hat und auch der Ansicht \u2013 im Gegensatz zu den Autoren (S. 156) \u2013, dass das \u201eVerbrennen englischer Stoffe\u201c, die ja britischer Herstellung und importiert waren, sehr wohl Sabotage \u2013 oder besser: gewaltfreie Sachbesch\u00e4digung \u2013 war. Galtung\/N\u00e6ss negieren hier auch die Symbolkraft des Feuers bei diesen Sachbesch\u00e4digungen, die ja auf die britischen Herrschenden bedrohlich wirkten und damit gleich eine Reihe zuvor aufgestellter Normen durchbrachen. So kann man sich trefflich \u00fcber die herausdestillierten Normen streiten, immer aber auf anregende Weise.<\/p>\n<p align=\"justify\">Seit dieser fr\u00fchen Schrift der westeurop\u00e4ischen Gandhi-Interpretation sind ganze Str\u00f6mungen der Gandhi-Interpretation entstanden, eine nationalistische, eine westlich-pazifistische (vgl. zu beiden etwa: Beate Jahn), eine marxistisch-pro-gandhianische (die Subaltern-Studies, Partha Chatterjee, B. Bhattacharyya) und, vor allem im englischsprachigen Raum, eine inzwischen un\u00fcberschaubar mannigfaltige Str\u00f6mung der anarchistischen Gandhi-Interpretation (George Woodcock, Peter Marshall, Geoffrey Ostergaard, Ashis Nandy, Maia Ramnath), an die auch das neue Gandhi-Buch im Verlag Graswurzelrevolution ankn\u00fcpft.<\/p>\n<p align=\"justify\">Obwohl Galtung\/N\u00e6ss eher der rein westlich-pazifistischen Interpretation zuzuordnen sind, kommen die anarchistischen Aspekte Gandhis doch zum Vorschein, bis dahin, dass die Autoren am Ende selbst konstatieren m\u00fcssen, dass Gandhis politische Ethik sich anstatt f\u00fcr die westliche Demokratie \u201ebesser f\u00fcr eher anarchistisch gepr\u00e4gte Gesellschaftsformen\u201c (S. 159) eigne.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich habe gleichwohl einen methodischen Einwand: Auf Seite 47 meinen die Autoren, dass \u201eman Gandhis Lehre anno 1910 und 1940 nicht voneinander abgrenzen m\u00fcsste\u201c. Doch, der Meinung bin ich schon: Das gleich g\u00fcltige Herausdestillieren der ethischen Normen aus Gandhis Schriften aus allen Phasen seines Lebens verleiht dem Normenkatalog etwas zu Statisches, ganz so, als w\u00e4re der Gandhi zu Beginn in S\u00fcdafrika 1893 derselbe wie 1948. War er nicht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Verloren geht bei Galtung\/N\u00e6ss ein Verst\u00e4ndnis der Evolution der Ansichten und Normen Gandhis, die in zunehmend emanzipative Richtung zeigte. Dass Gandhi etwa in S\u00fcdafrika und im Ersten Weltkrieg Rot-Kreuz-Korps im Krieg bef\u00fcrwortet und ja selbst geleitet hat, hat er sp\u00e4ter als Fehler selbstkritisch hinterfragt und konnte dann 1928 \u00fcberzeugt behaupten: \u201eIch mache keinen Unterschied zwischen jenen, die Zerst\u00f6rungswaffen benutzen und jenen, die Rotkreuzarbeit verrichten\u201c (S. 99). F\u00fcr die statische Auslegung von Galtung\/N\u00e6ss ist das ein klassischer Normenkonflikt. F\u00fcr evolution\u00e4re oder auch dynamische Gandhi-Auslegungen, wie sie etwa B. Bhattacharyya in seinem wichtigen Buch \u201eEvolution of the Political Philosophy of Gandhi\u201c pr\u00e4sentiert, wird auf Grund von Gandhis zunehmender Evolution und Radikalisierung die Aussage von 1928 zur g\u00fcltigen ethischen Norm und die wie immer geartete Kriegsbeteiligung im Zeitraum vorher als \u00fcberwunden, d.h. ethisch-normativ nicht mehr g\u00fcltig angesehen.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Lou Marin<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norwegen war Anfang der 1950er-Jahre eines der ersten europ\u00e4ischen L\u00e4nder, das mit dem 1947 unabh\u00e4ngig gewordenen Indien in eine Entwicklungszusammenarbeit trat. 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