{"id":20857,"date":"2019-10-08T17:05:42","date_gmt":"2019-10-08T15:05:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20857"},"modified":"2019-10-10T17:18:19","modified_gmt":"2019-10-10T15:18:19","slug":"schlechte-aufloesungen-vermeiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/schlechte-aufloesungen-vermeiden\/","title":{"rendered":"Schlechte Aufl\u00f6sungen vermeiden"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20935 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse-186x300.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse-186x300.jpg 186w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse-300x485.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse-600x970.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse-768x1241.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse-634x1024.jpg 634w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gwr442_829_blechschmidt_gewalt_presse.jpg 990w\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/><\/a>In seiner \u201eG20 \u2013 Streitschrift um die Mittel zum Zweck\u201c kritisiert Andreas Blechschmidt die Aufstands- oder Riot-Romantik nach den Protesten gegen den G20-Gipfel 2017 in Hamburg unter radikalen Linken. In \u201eGewalt. Macht. Widerstand\u201c, so der Haupttitel seines Buches, verortet er die militanten Aktivit\u00e4ten nicht nur theoretisch, sondern auch in der lokalen Widerstandsgeschichte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Autor Andreas Blechschmidt ist als Aktivist im autonomen Zentrum Rote Flora und Anmelder zahlreicher Demonstrationen der radikalen Linken Hamburgs stadtbekannt und exponiert. Er war Sprecher des \u201eWelcome-To-Hell\u201c-B\u00fcndnisses, welches f\u00fcr den Vorabend des G20-Gipfels eine Demo der autonomen Szene organisiert und angemeldet hatte, die schon bei der Aufstellung mit gnadenloser Brutalit\u00e4t von der hochger\u00fcsteten Polizei auseinander gehauen wurde.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Andreas Blechschmidt erkl\u00e4rte Medienvertreter*innen in der angespannten Situation vor Ort geduldig, warum dies eine massive Verletzung des Demonstrationsrechtes war. Der \u201eschwarze Block\u201c an der Spitze der Demo von 12.000 Leuten hatte zuvor die Vermummung abgelegt, weil die Polizei dies mit der Demoleitung vereinbart hatte. Es n\u00fctzte nichts. Nur der Standhaftigkeit der Demospitze, die sich von Hundertschaften in Kampfmontur zusammenschlagen lie\u00df, ist es zu verdanken, dass die meisten Teilnehmenden weglaufen konnten, ohne an der Flutschutzmauer zum Fluss Elbe hin eingequetscht zu werden. Blechschmidt schildert im Kapitel \u201ePolizeistaatsgewalt \u2013 die Welcome-To-Hell-Demonstration\u201c kenntnisreich, wie es dazu kam.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am n\u00e4chsten Morgen zogen drei kleine Spontandemos durch Einkaufstra\u00dfen im noblen Othmarschen, in Eimsb\u00fcttel und \u00fcber die Elbchaussee. Am Rande wurden zahlreiche Schaufensterscheiben eingeworfen. Nur am Rande der dritten Demo auf der Elbchaussee wurden 19 Autos in Brand gesetzt, Feuer in einem Maklerb\u00fcro in einem Wohnhaus gelegt \u2013 und offensichtlich eine Scheibe von einem Linienbus eingeworfen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Autor hinterfragt differenziert die militanten Aktionen, hierzu schreibt er etwa: \u201eAber offensichtlich kam es dann doch zu einem einzelnen Wurf, der eine Scheibe des Busses zerst\u00f6rte. Diese unbedachte Aktion zeigt, dass die Bestimmung und Praxis militanter Aktionsformen keinen Fehler verzeiht, denn damit wurde der Denunziation der Proteste unfreiwillig Stoff gegeben.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Obwohl die allein auf Eskalation, Unterdr\u00fcckung und St\u00e4rke setzende Polizeif\u00fchrung \u00fcber 31.000 Einsatzkr\u00e4fte und 40 Wasserwerfer unter ihrem Kommando hatte, forderte sie wegen der Demo auf der Elbchaussee auch noch die bundesweite Polizeireserve an. Blechschmidt analysiert in zwei Kapiteln die Strategie der Polizeif\u00fchrung faktenreich als \u201eChronik einer angek\u00fcndigten Eskalation\u201c.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Statt Dialog gab es in den f\u00fcnf Tagen davor bestenfalls Ansagen, wenn nicht gleich Pfefferspray, Tonfas und Wasserwerfer. <\/span><span lang=\"de-DE\">Am folgenden Abend konzentrierte sich die Polizei auf die Abschottung des Festaktes f\u00fcr die G20-Gipfel-Teilnehmenden in der Elbphilharmonie. Im Schanzenviertel kam es zu einer \u201edreist\u00fcndigen polizeifreien Zone\u201c, wie Andreas Blechschmidt es nennt: S\u00fcddeutsche Polizeieinheiten gingen nicht in das Viertel hinein: Sie waren irritiert, weil die Menschen dort auf der Stra\u00dfe nicht \u2013 wie sie es gewohnt sind \u2013 vor ihnen weg liefen, sondern stehen blieben und sich teilweise wehrten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In zwei detaillierten Kapiteln analysiert Andreas Blechschmidt die Ereignisse am Freitag, den 7. Juli, tags\u00fcber und in der Nacht. Er verliert sich dabei nicht in einer langatmigen Chronik, sondern gibt einen guten, kompakten \u00dcberblick, den er mit wenigen aussagekr\u00e4ftigen Details unterf\u00fcttert. In einigen Fu\u00dfnoten werden knapp wichtige Hintergrundinformationen erw\u00e4hnt. Mit dem Wissen um die Auseinandersetzungen im Schanzenviertel seit der Besetzung der Roten Flora 1989 kritisiert Blechschmidt, dass die Militanz in der polizeifreien Zone alles andere als herrschaftsfrei war und es keinen gewaltfreien Umgang untereinander gab: Die hohen Feuer der Barrikaden drohten auf Wohnh\u00e4user \u00fcberzugreifen, Anwohnende, die l\u00f6schten, wurden zum Teil angegriffen. Blechschmidt beschreibt dies als \u201ef\u00fcr die zu Statist*innen degradierten Bewohner*innen des Stadtteils\u201c Erfahrung einer \u201edoppelten Ausgrenzung\u201c: \u201eSo wie in den Tagen unmittelbar vor dem Gipfel die sich als Besatzermacht gerierenden Polizeihundertschaften die Interessen der dort lebenden Menschen nicht interessiert haben, so wenig haben solche Interessenlagen f\u00fcr die Riots der militanten Linken einen Belang. Und das in einem Quartier, in dem die Bewohner*innen im Vorfeld mehrheitlich mit der Haltung der radikalen Linken \u00fcbereinstimmten, dass niemand diesen Gipfel haben will und es keinerlei Sympathie f\u00fcr diesen Event gab.\u201c Durch die Gemengelage einer Militanz verschiedenster Akteur*innen, nicht nur aktiver Linker, wurde die Gewaltf\u00f6rmigkeit kapitalistischer, in der M\u00e4nnerdominanz auch ungebrochen patriarchaler Verh\u00e4ltnisse eher reproduziert als durchbrochen: \u201eDer ironisch-abf\u00e4llige Hinweis des Autor*innen Kollektivs Komitee 17, dass es im Schanzenviertel Linke g\u00e4be, die die Riots \u201asogar an der Vertr\u00e4glichkeit f\u00fcr Kinder messen wollen\u2018, entspricht der Herablassung gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung\u201c, so Andreas Blechschmidt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im zweiten Teil des Buches entwickelt der Autor einen theoretischen Br\u00fcckenschlag \u201eVon der Gewaltfrage \u2026 zur Machtfrage\u201c. Sein Militanzbegriff ist dabei aus der klassischen autonomen Bewegung heraus entwickelt, aber mit einem klaren Vorbehalt gegen\u00fcber Gewalt gegen Menschen. Wobei sich Andreas Blechschmidt hier nicht festlegt. Aus Sicht einer radikal linken Gewaltfreiheit fehlt dem Buch leider eine Bezugnahme auf die fundierte Kritik, die ausf\u00fchrlich in der Graswurzelrevolution Nr. 421 vom September 2017 dargelegt wurde. Aber die Streitschrift von Andreas Blechschmidt ist ein Angebot zur Diskussion um linke, antistaatliche Radikalit\u00e4t im Deutschland der Gegenwart, ein guter Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr eine Debatte auf Augenh\u00f6he um Militanz, die auch selbstkritisch ist und ohne Mackerattit\u00fcde auskommt. N\u00f6tig w\u00e4re, so Blechschmidt, ein Eingest\u00e4ndnis der eigenen Schw\u00e4che, ohne deshalb aufzugeben: \u201eEs stellt sich daher die Frage, ob nicht die authentischste revolution\u00e4re Haltung darin besteht, durch eine souver\u00e4ne Absch\u00e4tzung der Ohnmacht und der Verstricktheit in das neoliberale Regime sich vom Hintergrund der gegenw\u00e4rtigen Verblendung zu l\u00f6sen. Das Eingest\u00e4ndnis einer solchen Ohnmacht bedeutet nicht, den Verh\u00e4ltnissen handlungsunf\u00e4hig ausgeliefert zu sein. Sie w\u00e4re in ihrer politischen Artikulation \u201asouver\u00e4n\u2018, weil sich damit ein Bewusstsein \u00fcber die aktuellen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ausdr\u00fccken w\u00fcrde.\u201c Der Autor argumentiert mit Hannah Ahrendt daf\u00fcr, dass sich eine Revolution nicht durch Gewalt erzwingen l\u00e4sst, Geschichte unberechenbar ist. <\/span><span lang=\"de-DE\">Es komme darauf an, vorbereitet zu sein, damit eine Rebellion sich nicht schlecht aufl\u00f6st, sondern sich in eine emanzipatorische Perspektive entwickelt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Blechschmidt bewertet zwar gut begr\u00fcndet den G20-Protest insgesamt als \u201ebedeutende und ermutigende Erfahrung\u201c, aber die Riots h\u00e4tten nichts vorangebracht. Er endet mit einem Zitat des von ihm sehr gesch\u00e4tzten Jean Am\u00e9ry: \u201erevolution\u00e4re Gewaltaus\u00fcbung ist das schwierigste und riskanteste Unternehmen\u201c. Aber sie kann sowohl als Katastrophe als auch als gl\u00fcckliche Ankunft enden. Und Brandstiftungen in bewohnten H\u00e4usern gehen f\u00fcr Andreas Blechschmidt eindeutig in Richtung Katastrophe. Auch wenn das Riot-Romantiker*innen bagatellisieren.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><span lang=\"de-DE\"><strong>Gaston Kirsche<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner \u201eG20 \u2013 Streitschrift um die Mittel zum Zweck\u201c kritisiert Andreas Blechschmidt die Aufstands- oder Riot-Romantik nach den Protesten gegen den G20-Gipfel 2017 in Hamburg unter radikalen Linken. In \u201eGewalt. Macht. Widerstand\u201c, so der Haupttitel seines Buches, verortet er die militanten Aktivit\u00e4ten nicht nur theoretisch, sondern auch in der lokalen Widerstandsgeschichte. 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