{"id":20942,"date":"2019-10-11T10:41:02","date_gmt":"2019-10-11T08:41:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=20942"},"modified":"2022-07-26T12:52:59","modified_gmt":"2022-07-26T10:52:59","slug":"das-grinsen-des-killers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/das-grinsen-des-killers\/","title":{"rendered":"Das Grinsen des Killers"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/ATT00002.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/ATT00002.png\" alt=\"\" width=\"391\" height=\"554\" \/><\/a>Unwahrscheinlich, dass Todd Phillips (\u201eHangover\u201c), der Regisseur des gestern in den deutschen Kinos angelaufenen Films \u201eJoker\u201c, Klaus Theweleit und\/oder sein Buch \u201eDas Lachen der T\u00e4ter\u201c kennt. Umso erstaunlicher, dass Phillips mit seinem filmischen Psychogramm eines lachenden, mordenden Mannes in mancher Hinsicht Theweleits \u201ePsychogramm der T\u00f6tungslust\u201c bebildert.<\/p>\n<p>Phillips hat also genau hineingeschaut in die Welt der M\u00f6rder und ihrer psychischen Deformationen. So wird an Philipps Protagonisten Arthur Fleck alias Joker (Joaquin Phoenix) das, was Theweleit \u201eFragmentk\u00f6rper\u201c oder \u201enicht zu Ende geboren\u201c nennt, gleichsam sichtbar: Irgendetwas stimmt mit dem nackten Oberk\u00f6rper dieses Mannes, den die Kamera in aller Genauigkeit untersucht, nicht, alles an ihm ist irgendwie verwachsen, nicht richtig, nicht \u201eheil\u201c, wie es bei Theweleit hei\u00dft. Erst nachdem er, der zum gro\u00dfen Weltschurken werden soll, seine ersten Morde begangen hat, richtet sich dieser K\u00f6rper, wird \u201egerade\u201c, erhebt sich, aus Fleck wird der Killer \u201eJoker\u201c. Diese \u201eVerwandlung\u201c zeigt Philipps in einer eindr\u00fccklichen Szene, in der er seinen Hauptdarsteller vor einem Spiegel eine Art Ausdruckstanz vollf\u00fchren l\u00e4sst, an dessen Ende der Joker als aufrechte, \u201eheile\u201c Figur mit ausgebreiteten Armen \u201egeboren\u201c ist. Diese Verwandlung ist sp\u00fcrbar, Phillilps und Phoenix machen die Befreiung des Mannes &#8222;mitf\u00fchlbar&#8220;. Der Killer tanzt und grinst.<\/p>\n<p>Auch sonst analysiert Phillips das \u201eso werden\u201c des Jokers ausf\u00fchrlich. Arthur Fleck ist zwar lange kein Jugendlicher mehr, ist aber auch nicht richtig \u201eerwachsen\u201c (Dass der Joker ein Mittvierziger mit Problemen eines Pubertierenden ist, l\u00e4sst das ganze Theater mitunter unfreiwillig komisch wirken). Er wohnt mit seiner siechen Mutter irgendwo in der niedergehenden Metropole Gotham City (bzw. dem 80er-Jahre-New York, wie mehrere Sequenzen nahelegen), kaum Sozialkontakte, kein z\u00e4rtlicher Kontakt zu Frauen, vollkommen talent- und erfolglos im Beruf (er verdingt sich als Mietclown) &#8211; einer der sich in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft nicht zurechtfindet, obgleich er sich doch zu H\u00f6herem berufen f\u00fchlt (Stand-Up-Comedian bzw. Talk-Show-Host). Theweleit schreibt: \u201eDagegen hilft nicht, die Jugendlichen auf die \u00b4Errungenschaften der westlichen Zivilisation\u00b4 einzuschw\u00f6ren; in dieser gesellschaftlichen Lebensform Fu\u00df zu fassen, misslingt ihnen aktuell ja gerade. Helfen w\u00fcrden nur Beziehungen, Liebschaften, gute, tragf\u00e4hige Gruppen oder Vereine und nat\u00fcrlich ein guter Arbeitsplatz. Sie geben Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Erst dann kann man wachsen. Wer nicht in dieser Form wachsen kann, w\u00e4chst in den Idiotismus der Gro\u00dfmacht. Das ist so etwas wie ein Gesetz.\u201c<\/p>\n<p>Und so geht es auch mit dem Joker. Seine Versuche als Comedian misslingen, von einem Vorbild, dem zynischen Late-Night-Talker Murray Franklin (Robert De Niro) wird er verlacht und die ersehnte und eingebildete Liebesgeschichte mit der alleinerziehenden Nachbarin entpuppt sich als Schim\u00e4re und aussichtslos.<\/p>\n<p>Sein erstes Mal als M\u00f6rder hat er schlie\u00dflich in einer U-Bahn, in der ihn drei junge Hipster, vermutlich Wall-Street-J\u00fcnglinge, bedrohen und er zwei von ihnen, gewisserma\u00dfen noch in Notwehr, erschie\u00dft.\u00a0 Den dritten hingegen \u201ejagt\u201c er und richtet ihn hin. Bereits hier, bei diesem \u201eersten Mal\u201c, t\u00f6tet er also \u201eaus Lust&#8220;.<\/p>\n<p>Theweleit zitiert in seinem Buch seitenlang aus der Rede des norwegischen Massenm\u00f6rders Anders Breivik, die dieser w\u00e4hrend des Mordprozesses vor Gericht gehalten hat. Darin findet sich ein weiterer wichtiger Aspekt, den auch Philipps sehr prominent in seinem Film ausstellt: Die Rolle, die \u201eSpa\u00dfmacher\u201c, Satiriker in der Weltsicht der mordenden M\u00e4nner spielen. Diese werden gewisserma\u00dfen als Speerspitze der \u201eKulturmarxisten\u201c, ein Wort, das Breivik als Zentralbegriff seiner Feinderkl\u00e4rung benutzt, wahrgenommen. Breivik sagte etwa, in all seiner \u00fcberbordenden Selbst\u00fcberh\u00f6hung ein \u201ewir\u201c halluzinierend, das ihn zu einem Teil einer weitgehend herbeifantasierten Armee von Nationalisten (\u201eTempelrittern\u201c) stilisiert: \u201eEs d\u00fcrfte bekannt sein, dass wir seit dem 2. Weltkrieg Friedensgespr\u00e4che mit Marxisten und Liberalen haben wollten, aber sie alle wollten den Dialog nicht, sie haben stattdessen Zensur, Spott und Verfolgung gew\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSpott\u201c ist f\u00fcr Breivik also eine ganz besondere S\u00fcnde, eine besondere Frechheit der \u201emarxistischen\u201c und \u201eliberalen\u201c Eliten. Ganz \u00e4hnlich der Joker. Sein misslingender Auftritt als Comedian, also der Versuch, endlich auf die Seite der Spottenden zu gelangen, endet darin, dass dieser Versuch in der Late-Night-Show seines Idols und \u201eErsatzvaters\u201c Franklin zu einem Witz, er selbst zur Witzfigur wird. Sein gro\u00dfes Attentat, der Moment, in dem er zur Ikone werden soll, ist schlie\u00dflich der Mord an dem Sp\u00f6tter. Der Auftritt war \u00fcbrigens auch deshalb schiefgegangen, weil er auf der B\u00fchne einen seiner Tourette-artigen, unkontrollierbaren Lachanf\u00e4lle bekommen hatte.<\/p>\n<p>Was \u201eJoker\u201c zu einem bedenklichen Produkt der Kulturindustrie macht, ist die Stellung des Kunstwerks selbst zu den dargestellten Vorg\u00e4ngen. Wo n\u00e4mlich Theweleit keinen Zweifel daran l\u00e4sst, dass der von ihm analysierte Typ Mann (\u201eder soldatische Mann\u201c, oder auch \u201eder Faschist\u201c) keinerlei Sympathie verdient, die Auseinandersetzung mit ihm nur den Zweck zu erf\u00fcllen hat, die Entstehung solcher M\u00e4nner zu verhindern, beziehungsweise sie an ihrem Tun zu hindern und es nicht genug Spott \u00fcber sie geben kann, wird der Joker zum nihilistischen Superschurken, zum (Anti-) Helden, der es sogar mit Batman aufnehmen kann und in Philipps Film zum Anf\u00fchrer eines mordenden Mobs wird, der ihn schlie\u00dflich auf H\u00e4nden tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Theweleit \u00fcber Breivik: \u201eEr ist ein Held, nicht wahr? (\u2026) Suchen wir schon mal den Marmor f\u00fcr sein Standbild. Und stellen es auf im Gef\u00e4ngnisinnenhof. In Uniform mit voller Ordensbrust, das automatische Schnellfeuergewehr in der Rechten. Im Sockel die Inschrift in Gold: \u00b4Dem Retter Europas!\u00b4 (als den er sich in seiner Rede stilisiert, N.H.) Das k\u00fchlt ihn vielleicht ab. Dazu einen Gro\u00dfmonitor in seiner Zelle mit TV-Zugang zu den gro\u00dfen Skiwettbewerben \u2026 Langlauf etc. wo \u00b4die Norweger\u00b4 immer gewinnen. (Im Langlauf werden die Multi-Kulti-Moslems noch ewig hinter Ole Bj\u00f6rnson herzuckeln.)(\u2026)\u201c Theweleit l\u00e4sst keinen Zweifel, weder an Breiviks totalem Deppentum, noch an seiner Arschlochhaftigkeit.<\/p>\n<p>Ganz anders Phillips\/Phoenix: Noch in der Schlussszene, in der der Killer endlich \u201eSoldat\u201c, \u201eFaschist\u201c geworden ist, schafft es Phoenix, in ihm einen Funken \u201eMann, der es doch eigentlich gut meint\u201c aufblitzen zu lassen. Der Joker bleibt in seinem Faschismus bis zum Ende eine \u201evon der Gesellschaft\u201c, \u201evon dem b\u00f6sen Spa\u00dfmacher\u201c gebrochene, \u201evon dem b\u00f6sen Kapitalismus gemarterte\u201c Figur, ein sinistrer, schauriger, mindestens Mitleid heischender Sympathietr\u00e4ger. Wo Breivik sich eine \u201eUmvolkung\u201c durch muslimische Horden zurechtfantasiert, ist Gotham City <em>wirklich<\/em> ein von Dekadenz, Dreck und Unmoral zersetzter Pfuhl, der nach \u201eOrdnung\u201c schreit, die der Joker herzustellen trachtet, indem er die Verursacher, die Korrupten, arroganten Sp\u00f6tter zur Strecke bringt. Seine Gegenspieler, die (Zufalls-)Opfer seiner Morde sind <em>wirklich<\/em> unmoralische Arschl\u00f6cher. Weder der arrogante (ebenfalls \u00fcber die Verlierer spottende) Million\u00e4r Thomas Wayne (Bruce Waynes, also Batmans Vater), noch der zynische Talkshow-Host Franklin sind Figuren, die dem Protagonisten in Sachen Identifikationsf\u00e4higkeit etwas entgegensetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Todd Phillips erz\u00e4hlt stringent aus der Perspektive seines Killers. Dass dieser ein unzuverl\u00e4ssiger Erz\u00e4hler ist, dass er eine Liebschaft mit der Nachbarin herbeifantasiert, ebenso wie einen Talkshow-Auftritt, \u201ewei\u00df\u201c der Film, er l\u00e4sst diese L\u00fcgen schlie\u00dflich auffliegen.<\/p>\n<p>Und hier wird der Film zur Katastrophe. Denn wo er sich sonst gut informiert zeigt \u00fcber die W\u00fcnsche und Zw\u00e4nge seines Protagonisten, best\u00e4tigt er bez\u00fcglich der Opfer dessen Sichtweise unreflektiert. W\u00e4hrend von Fleck jede menschliche Regung detailliert beobachtet wird, wo sein \u201eFragmentk\u00f6rper\u201c nach allen Richtungen ausgeleuchtet wird, bleiben die Opfer unmoralische Funktionstr\u00e4ger. Das wird von dem Film in keiner Weise relativiert oder zur\u00fcckgenommen. Auch die Szene, in der Batmans Eltern erschossen werden, ist eiskalt inszeniert. Es wird geschossen, Schnitt.<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/OyTeEXmM_Mc\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p>Trailer zum Film &#8211; Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OyTeEXmM_Mc\">Youtube<\/a><\/p>\n<p>So schaffen Phillips\/Phoenix eine Figur, die zwar unmoralisch ist, einen b\u00f6sen Killer, dessen Boshaftigkeit aber gut erkl\u00e4rt schon \u201ezu verstehen\u201c ist. Nachdem er von \u00b4der Gesellschaft\u00b4 zum potenziellen M\u00f6rder \u201egemacht\u201c wurde, schenkt ihm das Drehbuch die Chance, seinen ersten Mord sogar noch moralisch halbwegs abgesichert zu begehen, f\u00fcr den Notwehr-Mord h\u00e4tte er auch in der wirklichen Welt eventuell nicht einmal eine Strafe bekommen \u2013 womit die b\u00f6se, b\u00f6se \u201eGesellschaft\u201c nicht nur f\u00fcr die Zurichtung des Mannes verantwortlich ist, sondern ihn geradezu \u201ezwingt\u201c, M\u00f6rder zu werden.<\/p>\n<p>Absto\u00dfend an alldem ist weniger der \u201earme&#8220; Killer, sondern das politische Motiv des Films. Denn so sehr sich \u201eJoker\u201c inszenatorisch auf die Seite des zum Killer verf\u00fchrten Mannes schl\u00e4gt, eine wirkliche Identifikationsfigur f\u00fcr den gut situierten, b\u00fcrgerlichen Kinog\u00e4nger ist dieser kranke, ausgesto\u00dfene Trauerklo\u00df nicht. Wer noch halbwegs richtig tickt, wird ihn als bemitleidenswerten Verlierer erkennen und rezipieren, der sich in einer Welt, die eben ist, wie sie ist, mit Gewalt die Anerkennung nimmt, die er anders nicht bekommen kann. Trotz aller Inszenierungswut eine arme Sau, ein Faschist eben. Die Riots, die von seinen Anh\u00e4ngern ausgel\u00f6st werden, sind indes kaum missverst\u00e4ndlich als Aufstand der Armen inszeniert. Schlimmer: Indem die Riot-Szenen suggerieren, es handele sich bei den Anh\u00e4ngern des Faschisten um militante Arme, Ausgebeutete setzt er Faschismus und\u00a0 Klassenkampf in eins und denunziert damit letzteren als \u201egenauso schlimm\u201c bzw. seinem Wesen nach &#8222;gewaltt\u00e4tig&#8220;. Den armseligen Versuch wiederholte Regisseur Philipps dann auch im Interview mit dem Online-Portal The Wrap: \u201cWhat\u2019s outstanding to me in this discourse in this movie is how easily the far left can sound like the far right when it suits their agenda. It\u2019s really been eye-opening for me.\u201d<\/p>\n<p>&#8222;Joker&#8220; bietet kaum mehr als d\u00fcsteres Unterhaltungskino. Wer sich ernsthaft mit der Psyche von lachenden Killern auseinandersetzen will, lese Theweleit und wer gro\u00dfes oder auch nur interessantes Kino sucht, m\u00f6ge sich im Programmheft anderweitig umsehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unwahrscheinlich, dass Todd Phillips (\u201eHangover\u201c), der Regisseur des gestern in den deutschen Kinos angelaufenen Films \u201eJoker\u201c, Klaus Theweleit und\/oder sein Buch \u201eDas Lachen der T\u00e4ter\u201c kennt. Umso erstaunlicher, dass Phillips mit seinem filmischen Psychogramm eines lachenden, mordenden Mannes in mancher Hinsicht Theweleits \u201ePsychogramm der T\u00f6tungslust\u201c bebildert. 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