{"id":21030,"date":"2019-11-04T16:14:47","date_gmt":"2019-11-04T14:14:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21030"},"modified":"2019-12-09T20:24:41","modified_gmt":"2019-12-09T18:24:41","slug":"rheinmetalls-visionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/rheinmetalls-visionen\/","title":{"rendered":"Rheinmetalls Visionen"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auf der letzten Aktion\u00e4rsversammlung der Rheinmetall AG am 28. Mai 2019 im Hotel MARITIM in Berlin, aber auch schon vorher im Rahmen der Berichterstattung \u00fcber den Gesch\u00e4ftsentwicklung der Aktiengesellschaft, hat der Vorstandsvorsitzende Armin Papperger eine \u201eVision f\u00fcr Rheinmetall\u201c entwickelt, die er f\u00fcr die kommenden Jahre am Beginn eines \u201eSuper Cycle\u201c f\u00fcr die Kriegsindustrie sieht.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Defence Markets at the Beginning of a Super Cycle\u201c ist das Dokument \u00fcberschrieben, das leicht auf der Rheinmetallwebsite zu finden ist. Der Begriff \u201eSuper Cycle\u201c ist eigentlich aus der Bergbauindustrie bekannt; dort werden die seit vielen Jahrzehnten feststellbaren langj\u00e4hrigen und extrem profitablen Aufschw\u00fcnge der Rohstoffnachfrage \u2013 immer nach fast ebenso langen Abw\u00e4rtstendenzen \u2013 als \u201eSuper Cycle\u201c bezeichnet. Sie sind meistens mit erheblichen Preissteigerungen der nachgefragten Rohstoffe verbunden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Hintergrund dieser \u2013 nicht nur auf die Firma Rheinmetall beschr\u00e4nkten \u2013 Hoffnungen der Kriegsindustrie ist ihre Analyse, dass es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 eine lange Phase des relativen (im Bezug zum BSP des jeweiligen Landes) wie auch in einigen F\u00e4llen absoluten R\u00fcckgangs der Ausgaben f\u00fcr Kriege und Kriegsvorbereitungen gab, unter den Bezeichnungen \u201eFriedensdividende\u201c, Zur\u00fcckfahren der konventionellen Kriegsf\u00fchrung und Ersatz durch \u201eOut of area missions\u201c. Dieser Trend kehrte sich mit der Besetzung der Krim-Halbinsel durch Russland im Jahr 2014 um: kurz darauf wurde das 2%-Ziel der NATO zumindest ins Auge gefasst (einen offiziellen gemeinsamen Beschluss gibt es dazu nicht), es wurde die Notwendigkeit der Entwicklung eines neuen Konzepts der \u201eterritorialen Verteidigung\u201c propagiert, wozu die umfassende personelle und technische Aufr\u00fcstung aller Armeen der NATO-Mitgliedsl\u00e4nder f\u00fcr die n\u00e4chsten zehn bis zw\u00f6lf Jahre geh\u00f6rt. Auch au\u00dferhalb der NATO steigen die Budgets f\u00fcr Kriegsf\u00fchrung in den meisten L\u00e4ndern seit Jahren kontinuierlich und weltweit \u00fcberproportional an. Fast scheint es, als bereiteten sich die meisten Regierungen nach der Weltfinanzkrise 2008 \/ 2009 darauf vor, die dadurch entstandenen Verwerfungen und Konkurrenzversch\u00e4rfungen auf den Waren- und Handelsm\u00e4rkten durch kriegerisches Eingreifen in ihrem Sinne l\u00f6sen zu wollen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr die Bundeswehr allein ergibt sich dieser neue \u201eBedarf\u201c durch den Beschluss der Regierung zur Neuaufstellung weiterer Brigaden bis hin zu einer ganzen neuen 4. Division, der Neuanschaffung von \u00fcber 40.000 leichten und schweren Fahrzeugen bis 2031 und anderer Systeme, inklusive all der neuen Panzer- und Sch\u00fctzenpanzerprogramme. Dazu \u00fcber 5,5 Mrd Euro f\u00fcr den sofortigen Start des \u201eSchwerlast-Hubschrauber\u201c Programms, so dass schon im Jahr 2023 der deutsche Kriegsetat auf ca. 60 bis 65 Mrd. Euro gestiegen sein wird, im Vergleich zu 39 Mrd. Euro im Jahr 2018. Das entspricht aber immer noch \u201enur\u201c ca. 1,5% des dann zu erwartenden deutschen Bruttosozialprodukts (BSP), so dass noch ein gewaltiger Spielraum von \u00fcber 20 Mrd. Euro vorhanden ist, um das Ziel von 2% zu erreichen. Alle Nato-Programme und -Systeme sollen standardisiert und angeglichen werden, so dass sich \u00e4hnliche personelle und technische Aufr\u00fcstungsprogramme f\u00fcr alle NATO-Mitgliedsl\u00e4nder ergeben. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Diese Entwicklung und die zugrundeliegenden Pr\u00e4missen gelten aber nicht nur f\u00fcr die NATO, sondern auch f\u00fcr andere Kernm\u00e4rkte Rheinmetalls, vor allem auch f\u00fcr Australien und S\u00fcdostasien. Allein in Australien liegt ein Auftragsvolumen von \u00fcber 9 Mrd. Euro f\u00fcr schwere LKW sowie Boxer- und Lynx-Panzerfahrzeuge im n\u00e4chsten Jahrzehnt vor; daf\u00fcr errichtet Rheinmetall dort gerade eine eigene Fabrik mit hohen Subventionen durch den australischen Staat. Interessant ist hierbei, dass der Anteil f\u00fcr Munition nur ca. 1% des Auftragsvolumens betr\u00e4gt. \u00c4hnliche Pl\u00e4ne existieren u.a. f\u00fcr die s\u00fcdostasiatischen L\u00e4nder Malaysia, Indonesien, Philippinen, aber auch f\u00fcr einige Golfanrainerstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u00dcber Australien und dortige eigene Produktionsst\u00e4tten will Rheinmetall auch den gr\u00f6\u00dften Markt f\u00fcr Kriegsger\u00e4t weltweit, die USA, f\u00fcr sich weiter \u00f6ffnen. Denn Australien hat spezielle Zoll- und andere Pr\u00e4ferenzen im Handel mit den USA. Dort spezialisiert sich die Firma auf Kampffahrzeuge, Munition mittleren Kalibers, aktive Schutz- sowie Feuerleit- und Kontrollsysteme. Vor allem sollen alle M\u00f6glichkeiten der Digitalisierung von Kampf- und Logistikplattformen, Aufkl\u00e4rungssystemen und Befehlsstrukturen f\u00fcr jeden m\u00f6glichen Kriegsschauplatz weiterentwickelt werden. Hier ist dann auch die gr\u00f6\u00dfte Schnittstelle mit dem sog. \u201ezivilen\u201c Produktionsbereich von Rheinmetall, genannt \u201eAutomotive\u201c, vorhanden, deren Entwicklungen z.B. f\u00fcr selbstfahrende zivile KfZ-Plattformen und andere automatisierte und digitalisierte Anwendungen immer wichtiger auch f\u00fcr den milit\u00e4rischen Bereich werden. <\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_21122\" aria-describedby=\"caption-attachment-21122\" style=\"width: 468px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_DSC_3148.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21122\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_DSC_3148.jpg\" alt=\"\" width=\"468\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_DSC_3148.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_DSC_3148-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_DSC_3148-600x398.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_DSC_3148-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 468px) 100vw, 468px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21122\" class=\"wp-caption-text\">Protest gegen die Jahreshauptversammlung von Rheinmetall in Unterl\u00fc\u00df 2018. Foto: C\u00e9cile Lecomte<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieser \u201eSuper-Cycle\u201c verspricht Rheinmetall also ein langlebiges, \u00fcber mehr als ein Jahrzehnt prognostiziertes Wachstum mit dem entsprechenden Wachstum der Profite, alles verb\u00fcrgt durch Garantie der Zahlung jeder ihrer Rechnungen durch die Steuerzahlerin. Daf\u00fcr sorgt vor allem die politische Entscheidung der NATO, innerhalb ihrer Mitgliedsl\u00e4nder das Ziel einer milit\u00e4rischen Aufr\u00fcstung in H\u00f6he von mindestens 2% des jeweiligen BSP durchzusetzen. Das zeigt auch der H\u00f6chststand der Aktie im September 2019 an der B\u00f6rse mit 118 Euro, ca. 20% h\u00f6her als noch w\u00e4hrend der Hauptversammlung im Mai.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der jahrelange Kampf f\u00fcr die Pl\u00fcnderung der \u00f6ffentlichen Kassen durch die R\u00fcstungsindustrie erfreut den Rheinmetall-Vorstandsvorsitzenden. Endlich habe man wohl eine Situation \u00fcberwunden, die er in einem Interview mit der FAZ im September 2019 so beschreibt: \u201eIn Deutschland sei eine Generation gro\u00df geworden, die sage: \u201aWir sind doch sicher, investieren wir lieber in andere Dinge.\u2018\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber er muss im selben Interview auch konstatieren: \u201e\u2026in Deutschland \u2026 gibt man uns nicht mal die Hand, weil sie sagen: \u201aDas ist Defense-Industrie, das ist gef\u00e4hrlich.\u2018 Dabei produzieren wir G\u00fcter f\u00fcr die Sicherheit dieses Landes.\u201c Er beklagt eine \u201e\u00f6ffentliche Hetzkampagne\u201c gegen seine Branche. \u201eIch w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass die Politik mal ganz klar sagt, dass wir die R\u00fcstungsindustrie in Deutschland brauchen.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sicher ist er sich also nicht, dass er die profitablen Visionen seiner Firma von Aufr\u00fcstung und Kriegsvorbereitung in die Wirklichkeit umsetzen kann. Eine breite gesellschaftliche Diskussion \u00fcber die Notwendigkeiten einer sozial gerechten, \u00f6kologischen und friedfertigen Transformation kann ihm und anderen R\u00fcstungs- und Kriegsoligarchen, nicht nur in Deutschland, die Suppe versalzen und die Verschwendung von menschlichen und nat\u00fcrlichen Ressourcen in diesem Bereich beenden.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Thomas Siepelmeyer<\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der letzten Aktion\u00e4rsversammlung der Rheinmetall AG am 28. 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