{"id":21034,"date":"2019-11-04T16:22:15","date_gmt":"2019-11-04T14:22:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21034"},"modified":"2019-12-04T00:53:41","modified_gmt":"2019-12-03T22:53:41","slug":"der-tuerkische-ueberfall-auf-rojava","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/der-tuerkische-ueberfall-auf-rojava\/","title":{"rendered":"Der t\u00fcrkische \u00dcberfall auf Rojava"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nicht erst seit Halle wissen wir, dass wir um das Leben und die Sicherheit der Juden in Deutschland f\u00fcrchten m\u00fcssen. Judenhass ist nur eine Form des Menschenhasses. J\u00fcdisches Leben ist erst dann sicher, wenn alle Demokratinnen und Demokraten begreifen, dass auch sie gemeint sind. Fast zeitgleich mit dem Anschlag in Halle haben t\u00fcrkische Truppen und ihre islamistischen Helfershelfer die Menschen in Nordsyrien \u00fcberfallen. Sie sind dabei, eines der sichersten Gebiete im B\u00fcrgerkriegsland Syrien blutig zu zerst\u00f6ren. In beiden F\u00e4llen geht es um einen Anschlag auf die Zivilgesellschaft. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Europa und Deutschland sind mitschuldig. Weil wir wollen, dass die T\u00fcrkei die Fl\u00fcchtlinge daran hindert, nach Europa zu kommen. Daf\u00fcr nehmen wir stillschweigend in Kauf, dass das t\u00fcrkische Regime einen weiteren Brand im Nahen Osten entfacht. Sein Anf\u00fchrer Erdo<\/span><span lang=\"de-DE\">\u011f<\/span><span lang=\"de-DE\">an steht innenpolitisch unter Druck. Er will die Fl\u00fcchtlinge loswerden und sie in Nordsyrien ansiedeln. Kurz vor dem lang angek\u00fcndigten t\u00fcrkischen \u00dcberfall war Bundesinnenminister Seehofer in der T\u00fcrkei. Hat er etwa gr\u00fcnes Licht f\u00fcr den Einmarsch gegeben, als Gegenleistung f\u00fcr die Einhaltung des Fl\u00fcchtlingsabkommens?<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich frage mich: Wie blind sind wir eigentlich? <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie blind ist unsere Regierung? Erkennt sie denn nicht, dass dieser Krieg auch unabsehbare Folgen f\u00fcr Europa, f\u00fcr uns haben wird? Ich spreche nicht nur von der neuen Fl\u00fcchtlingswelle, die in Gang gesetzt wird. Ich spreche von dem fundamentalistischen Terror, den die Kurden zusammen mit den syrisch demokratischen Kr\u00e4ften erfolgreich besiegt haben. Mit Unterst\u00fctzung der USA. Dabei haben 11.000 K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer, junge Frauen und M\u00e4nner, ihr Leben geopfert, auch f\u00fcr uns Menschen hier in Europa. Ich habe pers\u00f6nlich ihre Gr\u00e4ber besucht. Warum verschlie\u00dfen wir die Augen davor und wenden uns ab?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bisher haben die Kurden die Zehntausende islamistischen Terroristen und ihre Familien, darunter viele Europ\u00e4er, in Gefangenenlagern bewacht und uns vom Leib gehalten. Das k\u00f6nnen sie jetzt nicht mehr. Sie m\u00fcssen sich selbst verteidigen. Die Terroristen brechen zu Hunderten aus, mit fatalen Folgen f\u00fcr uns alle, auch in Europa und Deutschland. Wir wiederholen in unseren Medien die Behauptung, dass die T\u00fcrkei mit uns im Kampf gegen den islamistischen Terror verb\u00fcndet ist. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Gegenteil ist der Fall: Beim \u00dcberfall auf das kurdische Afrin Anfang 2018 im Westen Syriens kamen islamistische Fanatiker zum Einsatz. Sie \u00fcberziehen Afrin seitdem mit ihrem Terror unter dem Schutzmantel der T\u00fcrkei, und auch jetzt bilden sie wieder die Speerspitze, um Tote und Verletzte unter t\u00fcrkischen Soldaten zu vermeiden. Islamistische Milizen haben nach verlustreichen K\u00e4mpfen die Grenzstadt Ras al Ain eingenommen. Die t\u00fcrkische Armeef\u00fchrung erhoffte sich leichtes Spiel, da der Ort \u00fcberwiegend von Assyrern, Arabern, Armeniern und Tschetschenen bewohnt wird. Mit dem z\u00e4hen Widerstand der syrisch demokratischen Kr\u00e4fte (SDF oder QSD), dem milit\u00e4rischen B\u00fcndnis aller Bev\u00f6lkerungsgruppen Rojavas, hatte sie offenbar nicht gerechnet. Die t\u00fcrkische Armee wollte mit dem Angriff auf die beiden Grenzst\u00e4dte Tal Ayad und Ras al-Ain die von der autonomen Selbstverwaltung kontrollierten Gebiete in zwei Teile schneiden und die wichtigste Verbindungsstra\u00dfe zwischen Ost und West kappen.<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_img_2432.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21119 alignright\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_img_2432-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"339\" height=\"479\" \/><\/a> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dabei erledigten die Islamisten die Schmutzarbeit: Auf diesem internationalen Verkehrsweg wurde Havrin Khalaf, die Generalsekret\u00e4rin der Zukunftspartei Syriens, bei einem von der T\u00fcrkei logistisch unterst\u00fctzten Hinterhalt der Dschihadistenmiliz \u201eAhrar al-Sharqiya\u201c ermordet. T\u00fcrkische regierungsnahe Medien feierten die Hinrichtung als \u201egelungene Operation zur Neutralisierung einer Terroristin\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Bundesregierung hat schon bei dem \u00dcberfall auf Afrin weggeguckt. Die Einhaltung des Fl\u00fcchtlingsabkommens und der Verkauf von Panzern sind ihr wichtiger. Allein in den ersten acht Monaten diesen Jahres hat Deutschland Kriegswaffen im Wert von rund 250 Millionen Euro an die T\u00fcrkei geliefert.. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dabei findet in den kurdischen Gebieten im Norden Syriens eines der spannendsten Demokratie-Projekte \u00fcberhaupt statt. Seit sechs Jahren baut die Bev\u00f6lkerung eine basisdemokratische Selbstverwaltung auf, die in der gesamten Region ihresgleichen sucht. Kurden, Araber, Aram\u00e4er und Syrer leben friedlich zusammen, seien es Muslime, Jesiden oder Christen. Oberste Prinzipien sind autonome Selbstverwaltung, Frauenemanzipation, Schutz und Beteiligung von Minderheiten und religi\u00f6se Toleranz. Die Frauen sind an allen \u00f6ffentlichen \u00c4mtern zu 50 Prozent beteiligt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ich war zweimal f\u00fcr Filmaufnahmen vor Ort, zuletzt im Dezember 2018. Ich konnte in pers\u00f6nlichen Begegnungen erleben, was die Emanzipation der Frauen in einer traditionellen Stammesgesellschaft bedeutet. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das eigentliche Ziel der t\u00fcrkischen Invasion ist die komplette Ausl\u00f6schung dieser zukunftsweisenden Entwicklung. Sie wollen nicht, dass der Funke \u00fcberspringt. Wenigstens in diesem Punkt sind sie sich mit den anderen Machthabern in der Region einig. Basisdemokratie und Frauenemanzipation bedrohen unmittelbar die autorit\u00e4ren und patriarchalischen Machtstrukturen, die den Nahen Osten beherrschen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Jetzt ist die basisdemokratische Entwicklung nicht nur durch den t\u00fcrkischen Einmarsch, also von au\u00dfen, sondern auch von innen gef\u00e4hrdet: Der t\u00fcrkische Angriff f\u00fchrt dazu, dass die Entscheidungsgewalt sich vor allem auf das Milit\u00e4r (SDF) verlagert. Die milit\u00e4risch logischen, hierarchischen Kommandostrukturen haben einer zivilgesellschaftlichen Entwicklung noch nie gen\u00fctzt, sondern sie im Gegenteil behindert und zum Erliegen gebracht. Insofern ist der Einmarsch besonders t\u00fcckisch: Er bedroht nicht nur Leib und Leben der Bev\u00f6lkerung, sondern f\u00fchrt auch zu einer Schw\u00e4chung und Aush\u00f6hlung der basisdemokratischen Bewegung.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nach dem R\u00fcckzug der US-amerikanischen Soldaten hatte die autonome Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens ihre wohl letzte Karte gezogen: <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Wir (haben) mit der syrischen Regierung, die in der Pflicht steht, die Grenzen des Landes zu sch\u00fctzen und die Souver\u00e4nit\u00e4t Syriens zu wahren, eine Vereinbarung getroffen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die syrische Armee wird auf der Grundlage dieser Einigung ihre Streitkr\u00e4fte im Grenzstreifen zwischen Syrien und der T\u00fcrkei einsetzen. Die Regierungskr\u00e4fte werden die QSD dabei unterst\u00fctzen, die t\u00fcrkische Aggression abzuwehren und die von der t\u00fcrkischen Armee und ihren S\u00f6ldnern besetzten Gebiete zu befreien.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kurz danach trafen syrische Truppen im Grenzgebiet ein. Die Autonome Selbstverwaltung bezeichnete diesen Schritt als \u201eschmerzhaften Kompromiss\u201c angesichts der realistischen Gefahr eines Genozids an der kurdischen Bev\u00f6lkerung,- wohl wissend, dass sie damit das menschenverachtende Regime in Damaskus aufwertete. <\/span><span lang=\"de-DE\">Gegen\u00fcber der EU war ihr Kalk\u00fcl aufgegangen. Zum ersten Mal machte sich in den europ\u00e4ischen Regierungen Alarmstimmung breit. Die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen dem NATO-Mitglied T\u00fcrkei und der syrischen Armee ist f\u00fcr die EU eine gruselige Vorstellung. Der luxemburgische Au\u00dfenminister Asselborn bezeichnete die Situation als \u201eau\u00dferirdisch\u201c. Doch der Erfolg war nur von kurzer Dauer. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Offenbar hatte die Autonome Selbstverwaltung nicht damit gerechnet, in welchem Ausma\u00df die syrische Politik gegen\u00fcber der kurdischen Bev\u00f6lkerung inzwischen von Russland gesteuert wird. Mit dem neuen Abkommen zwischen Russland und der T\u00fcrkei werden die kurdischen Verteidigungskr\u00e4fte gezwungen, sich aus den Grenzgebieten zur\u00fcckzuziehen. Der Sprecher des Kreml warnte die SDF: Wenn sie sich nicht zur\u00fcckz\u00f6gen, w\u00fcrde sie die t\u00fcrkische Armee wie eine Dampfwalze \u00fcberrollen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das einzige Zugest\u00e4ndnis an die Kurden ist die Vereinbarung, dass Ankara \u201enur\u201c ein 120 Kilometer langes Teilst\u00fcck zwischen den St\u00e4dten Tal Abayad und Ras al-Ain drei\u00dfig Kilometer tief besetzen darf. Die T\u00fcrkei wollte bisher die gesamte 444 Kilometer lange Grenze unter ihre alleinige Kontrolle bringen. In den restlichen Grenzgebieten werden bis zu 10 Kilometer tief russische und t\u00fcrkische Soldaten gemeinsam patrouillieren. Jetzt ist klar, dass Syrien im Konflikt mit der T\u00fcrkei wie bisher eine untergeordnete Rolle spielen wird und Russland das Reglement bestimmt. Niemand wei\u00df zurzeit, wie sich Russland gegen\u00fcber der Absicht des t\u00fcrkischen Regimes verh\u00e4lt, zwei Millionen Fl\u00fcchtlinge in dem Grenzgebiet anzusiedeln.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Bev\u00f6lkerung Rojavas hat von der EU keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihr zivilgesellschaftliches Projekt zu erwarten. Der Vorsto\u00df von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer, europ\u00e4isches Milit\u00e4r in der Konfliktzone zu stationieren, geht nur vordergr\u00fcndig auf die Situation der dort lebenden Menschen ein. In den politischen Diskussionen, in den Radio- und Fernsehbeitr\u00e4gen, die ich in den letzten Tagen verfolgt habe, setzt sich ganz \u00fcberwiegend der eurozentrische Standpunkt durch, der alles unter der Pr\u00e4misse \u2013 was ist gut f\u00fcr uns Europ\u00e4er? \u2013 beurteilt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die zivilgesellschaftlichen Errungenschaften, die f\u00fcr die gesamte nah\u00f6stliche Region einen Vorbild-Charakter haben, stehen nicht im Fokus. Ebenso wenig die friedliche Perspektive, die das Modell Rojava f\u00fcr den Nahen und Mittleren Osten anbietet. <\/span><span lang=\"de-DE\">Damaskus hatte die autonome Selbstverwaltung Rojavas bisher weitgehend in Ruhe gelassen. Wird auch Russland sich daran halten? <\/span><span lang=\"de-DE\">Davon ist nicht auszugehen. Der Kreml hat keine Sympathien f\u00fcr unkontrollierbare und daher bedrohliche Prozesse wie Basisdemokratie und Frauenemanzipation. Putin ging es bisher darum, den milit\u00e4rischen Zugang zum Mittelmeer zu bewahren, den aus seiner geheimdienstlich gepr\u00e4gten Sicht allein ein diktatorisches und daher kontrollierbares Regime garantieren kann. Daf\u00fcr mussten die Menschen in Aleppo sterben. Mit dem US-amerikanischen R\u00fcckzug und der Ohnmacht Europas w\u00e4chst Putins Macht bedrohlich.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was k\u00f6nnen wir tun?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir k\u00f6nnen \u00d6ffentlichkeit herstellen und die europ\u00e4ischen Regierungen mit friedlichen Massenprotesten unter Druck setzen. Alle Waffenlieferungen an die T\u00fcrkei m\u00fcssen sofort gestoppt werden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Suad, eine Protagonistin aus unserem Film \u201eExperiment Rojava in Syrien \u2013 Eine Gesellschaft im Aufbruch\u201c [vgl. Editorial in GWR 439] hatte mir zu Beginn des t\u00fcrkischen \u00dcberfalls eine Botschaft geschickt: \u201eSie t\u00f6ten unsere Soldaten und zwingen die Menschen zur Flucht. Die Menschen fliehen, um ihre Kinder zu retten. Wir h\u00f6ren die Stimmen der Waffen rund um unser Land. Wir haben die Kraft und die Entschlossenheit, aber wer unterst\u00fctzt uns da drau\u00dfen?\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Robert Krieg, 24.10.2019<\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht erst seit Halle wissen wir, dass wir um das Leben und die Sicherheit der Juden in Deutschland f\u00fcrchten m\u00fcssen. Judenhass ist nur eine Form des Menschenhasses. J\u00fcdisches Leben ist erst dann sicher, wenn alle Demokratinnen und Demokraten begreifen, dass auch sie gemeint sind. 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