{"id":21042,"date":"2019-11-04T20:12:10","date_gmt":"2019-11-04T18:12:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21042"},"modified":"2019-12-11T12:30:51","modified_gmt":"2019-12-11T10:30:51","slug":"zwischen-panik-und-utopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/zwischen-panik-und-utopien\/","title":{"rendered":"Zwischen Panik und Utopien"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Schon 1988 hatte ich begonnen, mit dem Verein \u201eInformationsdienst \u00d6kodorf\u201c regelm\u00e4\u00dfige Veranstaltungen zum Thema \u201eAnders leben \u2013 anders arbeiten\u201c in Berlin zu organisieren. Wir brachten auch den Rundbrief \u201e\u00d6kodorf-Informationen\u201c heraus und warben f\u00fcr ein einfaches Leben in Selbstversorgung. Initiator des Vereins war der Universit\u00e4tsdozent J\u00f6rg Sommer aus Heidelberg, der selbst mit einer Gruppe \u201eSelbstversorgung als Selbstbestimmung\u201c ein solches \u00d6kodorf vorbereitete. Die Veranstaltungen in Berlin fanden in einer Etage namens \u00d6kodorf in der Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe im Bezirk Tiergarten statt (die heute kein selbstverwalteter Veranstaltungsort mehr ist). Dort wurde \u00fcber viele Jahre die \u201eGiftgr\u00fcne Messe\u201c als Alternative zur \u201eGr\u00fcnen Woche\u201c in den Messehallen am Funkturm organisiert \u2013 heute gibt es zur Messezeit jedes Jahr die Demonstration \u201eWir haben Agrarindustrie satt\u201c. Vor dem \u00d6kodorf war dort die \u201eFabrik f\u00fcr Kultur, Sport und Handwerk\u201c ans\u00e4ssig, eine Gruppe, die 1979 das ungenutzte Gel\u00e4nde der Ufa-Filmstudios in Tempelhof \u201efriedlich in Betrieb nahm\u201c und dort seit 40 Jahren als Kommune lebt und ein internationales Kulturzentrum betreibt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nach dem legend\u00e4ren Tunix-Kongress Anfang 1978 in Westberlin, auf dem Alternativen zum Bestehenden diskutiert wurden, gab es im Sommer f\u00fcr sechs Wochen ein alternatives Umweltfestival \u201eUmdenken \u2013 Umschwenken\u201c am Funkturm. In diesem tempor\u00e4ren \u00d6kodorf wurde alternative Alltagspraxis mit biologischer Vollkornern\u00e4hrung, regenerativen Energien und Naturheilkunde gelebt. Auch die \u201eFabrik f\u00fcr Kultur, Sport und Handwerk\u201c war dabei, und entwickelte dort ihre Projektideen weiter. Der Forderung nach einer autofreien Stadt wurde mit Fahrraddemonstrationen Nachdruck verliehen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In den Zeiten vor der Digitalisierung organisierten wir Veranstaltungen, indem wir Flyer und Plakate mit der Schreibmaschine, oder einfach mit der Hand schrieben. Um bei \u00c4nderungen nicht alles neu schreiben zu m\u00fcssen, schnitten wir Texte auseinander, schrieben Teile neu und schoben all das mit Grafiken so lange herum, bis es gut aussah und wir alles zusammenklebten. Vervielf\u00e4ltigt wurde es im Copyshop, und dann in Kneipen, Biol\u00e4den etc. verteilt. Mein Wohnzimmer wurde manchmal tagelang zum B\u00fcro, der Boden voller Schnipsel, und am Ende halfen die Kinder mit, Hunderte Briefe mit Einladungsschreiben einzut\u00fcten und Briefmarken drauf zu kleben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im \u00d6kodorf organisierte ich beispielsweise die ersten Treffen der \u00d6koLeA-Kommunegruppe um den Berliner Politologieprofessor Fritz Vilmar (1929 \u2013 2015). Die Gruppe lebt seit 1993 in Klosterdorf bei Strausberg-Nord, nicht weit von Berlin. Zwei Kommunarden aus Niederkaufungen (bei Kassel) kamen nach Berlin und berichteten von ihrem Projekt. Zu den Veranstaltungen kamen auch einige von denen, die zehn Jahre zuvor das \u00d6kodorf am Funkturm organisiert hatten. Aus den Veranstaltungen entstand eine Gruppe, die zusammen ein \u00d6kodorf gr\u00fcnden wollte.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kritik der exterministischen Megamaschine<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gemeinsam mit den Leuten von \u201eSelbstversorgung als Selbstbestimmung\u201c besuchten wir Ende 1988 den DDR-Dissidenten Rudolf Bahro (1935 \u2013 1997) in seiner Gemeinschaft in Niederstadtfeld in der Eifel. F\u00fcr sein Buch \u201eDie Alternative\u201c war er in der DDR inhaftiert gewesen und wurde 1979 in den Westen abgeschoben. Bei den Gr\u00fcnen setzte er sich f\u00fcr einen radikal\u00f6kologischen Wandel ein. 1987 ver\u00f6ffentlichte er die \u201eLogik der Rettung\u201c, in der er den \u201eAusstieg aus der gro\u00dfen Megamaschine und aus dem kleinen Auto, die einseitige milit\u00e4rische und industrielle Abr\u00fcstung\u201c forderte, ebenso wie eine innere Umkehr, die er mit vielen Bez\u00fcgen auf Philosophie und spirituelle Denktraditionen begr\u00fcndete.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Buch widmete er Ulrike Meinhof, \u201edie ich bewundert habe und an deren Selbstmord ich nicht glaube\u201c. Zur Verhinderung der Apokalypse schreckte er auch nicht vor \u00f6kodiktatorischen Phantasien zur\u00fcck. So propagierte er einen \u201eF\u00fcrsten der \u00f6kologischen Rettung\u201c und sogar einen \u201egr\u00fcnen Adolf\u201c. In einem Seminar, das ich in Berlin mit ihm organisiert hatte, forderte er uns auf uns vorzustellen, wir k\u00f6nnten die Erde retten, wenn wir einen Menschen, der am alles vernichtenden Hebel s\u00e4\u00dfe, erschie\u00dfen w\u00fcrden \u2013 w\u00e4ren wir dazu bereit? Das blieb jedoch im Imagin\u00e4ren, ich habe Rudolf Bahro als einen sehr ruhigen, friedfertigen Menschen in Erinnerung, der sich jedoch sp\u00e4ter mit problematischen, auch rechten Personen umgab.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In Niederstadtfeld diskutierten wir erbittert, ob die Selbstversorgung schon zu Beginn hundertprozentig sein muss, und stritten um die Frage, ob wir auch Tiere halten wollen, damit wir Leder f\u00fcr unsere eigene Schuhproduktion haben. Ein Leben fern der Zivilisation, am besten ohne Strom, schien uns erstrebenswert \u2013 w\u00e4hrend wir weiterhin unseren komfortablen st\u00e4dtischen Alltag lebten. Zur\u00fcck in Berlin \u00fcberlegte ich, wie das wohl w\u00e4re, mit meinen beiden Kindern so ganz ohne Strom und ohne Waschmaschine. Die Radikalit\u00e4t f\u00fchlte sich zwar irgendwie toll an, aber sobald ich versuchte, mir das praktisch vorzustellen, fand ich es \u00fcberhaupt keine gute Idee mehr. Es dauerte eine Weile, bis ich mich traute, meine Zweifel den anderen mitzuteilen. Vielleicht hatten ja manche schon \u00e4hnlich gedacht, jedenfalls fielen sie nicht \u00fcber mich her, sondern signalisierten Verst\u00e4ndnis.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und pl\u00f6tzlich war die Grenze offen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit unseren Tr\u00e4umen vom Leben auf dem Land hatten wir uns ganz selbstverst\u00e4ndlich nach Westdeutschland orientiert. Gleich nach der Grenz\u00f6ffnung war klar, dass wir jetzt die sich neu auftuenden M\u00f6glichkeiten nutzen wollten. Au\u00dferdem wollten wir die DDR nicht dem Kapitalismus \u00fcberlassen. So gr\u00fcndeten wir den Verein Dachverband \u00d6ko-Dorf (sp\u00e4ter Netzwerk \u00d6ko-Dorf) und bekamen ein B\u00fcro in den R\u00e4umen des ostdeutschen Umweltverbandes Gr\u00fcne Liga in der Wilhelm-Pieck-Stra\u00dfe (heute Torstra\u00dfe) im Ostberliner Bezirk Mitte. Mit \u00f6ffentlichen F\u00f6rdermitteln richteten wir sogleich eine ABM-Stelle ein (ABM = Arbeits-Beschaffungs-Ma\u00dfnahme) und versuchten, unsere Ideen eines \u00f6kologischen und selbstverwalteten Lebens zu verbreiten, sowie entsprechende Projekte in der Noch-DDR zu initiieren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Unser Selbstverst\u00e4ndnis: \u201eWir sind eine Vereinigung von Menschen, die das Anliegen haben, der Industriegesellschaft mit ihren zerst\u00f6rerischen Folgen f\u00fcr Natur, Umwelt und Psyche der Menschen ein Modell einer verantwortungsbewu\u00dften, zukunftsorientierten, selbstbestimmten und humaneren Lebensweise entgegenzusetzen.\u201c Unser Ziel war es, \u201eSiedlungsgemeinschaften mit ann\u00e4hernd kreisl\u00e4ufiger Wirtschaft und weitgehender Selbstversorgung\u201c zu gr\u00fcnden. Wir setzten dabei auf den \u201eVerzicht auf Gewinnorientierung und Konsummentalit\u00e4t\u201c, strebten stattdessen gemeinschaftliches Wirtschaften mit biologischer Landwirtschaft und handwerklicher Produktion an.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es war eine Mischung aus Lust auf Utopie und Endzeitstimmung. Denn auch vor 30 Jahren schien die Zerst\u00f6rung der Erde und damit das Ende der Menschheit in greifbare N\u00e4he zu r\u00fccken \u2013 nicht zum ersten Mal in der Geschichte. <\/span><span lang=\"de-DE\">Manches unterschied sich kaum von dem, was heute von Extinction Rebellion zu h\u00f6ren ist. \u201eS.O.S. Erde stirbt!\u201c warnte der K\u00fcnstler Indiano (Hans-J\u00fcrgen Gro\u00dfe) zur Wendezeit mit seinen \u201elast minute paintings\u201c an der Mauer in Kreuzberg. Er forderte \u201eStop wasting earth\u201c und \u201eRettet die Erde\u201c.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In der DDR wurden alle Lebensbereiche grundlegend neu organisiert, viele Arbeitspl\u00e4tze gingen verloren, L\u00e4ndereien und Produktionsst\u00e4tten lagen brach, viele Menschen gingen nach Westdeutschland. Diesen Trend wollten wir umkehren. In der Wendezeit schien kurz die M\u00f6glichkeit auf, dass ausgehend von den Umbr\u00fcchen in Ostdeutschland im ganzen Land etwas anderes, Neues entstehen k\u00f6nnte \u2013 jenseits von Kapitalismus und Staatssozialismus, eine weitgehende selbstorganisierte Gesellschaft nach neuen, demokratisch zu findenden Regeln.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_21109\" aria-describedby=\"caption-attachment-21109\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_1990-rudolf-elis-waldemar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21109 size-medium\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_1990-rudolf-elis-waldemar-300x229.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_1990-rudolf-elis-waldemar-300x229.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_1990-rudolf-elis-waldemar-600x458.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_1990-rudolf-elis-waldemar-768x587.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_1990-rudolf-elis-waldemar.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21109\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Thomas Buschmann<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir waren eine kleine Gruppe, immer am Rand der \u00dcberforderung angesichts dessen, was wir uns vorgenommen hatten. Es war so viel zu tun, dass ich selbstverst\u00e4ndlich auch die Wege in der Stadt mit dem Auto zur\u00fccklegte (all meinen \u00f6kologischen Idealen zum Trotz) \u2013 f\u00fcr unsere Fahrten durchs Umland waren wir ohnehin auf Autos angewiesen, und als Alleinerziehende h\u00e4tte ich anders mein Leben nicht geregelt bekommen. Es war beeindruckend, wie wir von West- nach Ostberlin durch den Grenz\u00fcbergang fuhren und anfangs noch Personalausweise vorzeigen mussten, wenige Tage sp\u00e4ter von Grenzern freundlich durchgewunken wurden, diese irgendwann nur noch desinteressiert herumstanden und kurz darauf nur noch die verlassenen Grenzanlagen ohne Personal zu sehen waren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir lernten alternative Landprojekte in der DDR kennen und machten uns auf die Suche nach geeigneten Objekten f\u00fcr erste \u00d6kodorfer. Mitunter wurden wir mit offenen Armen empfangen, vor allem von B\u00fcrgermeister*innen, denen der drohende Siegeszug des Kapitalismus Sorge machte und die sehr offen waren f\u00fcr unsere Ideen. Es gab aber auch die Goldgr\u00e4berstimmung, vor allem von Wessis, die als Versicherungsvertreter oder Unternehmensberater richtiggehend in die DDR einfielen und den Leuten alles M\u00f6gliche andrehten. Wer ihnen auf den Leim ging und beispielsweise auf Edelhotels und Golfpl\u00e4tze, und die angeblich damit verbundenen vielen Arbeitspl\u00e4tze hoffte, sah uns als St\u00f6renfriede, die die Investoren vertreiben w\u00fcrden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir versuchten unsere \u00d6kodorf-Ideen der Politik nahezubringen, und wurden f\u00fcr einen Vortrag zum Bezirkstag Dresden eingeladen. Den haben wir gemeinsam mit Wissenschaftlern des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) ausgearbeitet, ich habe ihn vorgetragen. Am 8. M\u00e4rz 1990 stand ich vor Politikern in dunklen Anz\u00fcgen \u2013 an Politikerinnen kann ich mich nicht erinnern \u2013 und erz\u00e4hlte ihnen, dass es nicht n\u00f6tig sei, dass jede und jeder ein eigenes Auto hat, dass Waschmaschinen im Keller \u00f6kologischer seien, als wenn sich alle eine eigene kaufen, usw. Sie h\u00f6rten h\u00f6flich zu, die Irritation stand sp\u00fcrbar im Raum, manche lachten. Die Rede wurde im Radio \u00fcbertragen, Zeitungen berichteten.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ost-West-Begegnung Selbstorganisierte Lebensgemeinschaften<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Juni 1990 luden wir zu einer \u201eOst-West-Begegnung Selbstorganisierte Lebensgemeinschaften \u2013 Kommunen, \u00d6kod\u00f6rfer, spirituelle Gemeinschaften und andere alternative Lebensformen\u201c in eine ehemalige SED-Parteihochschule in Kleinmachnow (bei Berlin) ein. \u201eDer \u201areal existierende Sozialismus\u2018 ist tot \u2013 es lebe der Kapitalismus&#8230;.. Das kann doch nicht alles gewesen sein!\u201c hie\u00df es in der Einleitung. Der Glanz des Westens sei \u201ehohl und vor\u00fcbergehend\u201c, denn sein Reichtum beruhe auf der Ausbeutung der \u00fcbrigen Welt, Weltmarkt und Weltzerst\u00f6rung seien untrennbar verwoben. Beraubt w\u00fcrden auch kommende Generationen, die Natur w\u00fcrde \u201ezu einem Ausbeutungsobjekt degradiert\u201c und \u201edie Menschen zu Anh\u00e4ngseln einer unkontrollierbaren Maschinerie gemacht\u201c, was st\u00f6rt, w\u00fcrde diskriminiert. \u201eAus dem Wunsch, dieser besitzindividualistischen Leistungs- und Konsumgesellschaft mit dem eigenen Leben etwas entgegenzusetzen, haben sich Menschen zusammengeschlossen, um in Gemeinschaften selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten.\u201c Solche Alternativen sollten diskutiert werden, Erfahrungen ausgetauscht und nicht zuletzt Interessierte zusammengebracht werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zur Ost-West-Begegnung eingeladen hatte eine Vorbereitungsgruppe, der Leute aus verschiedenen Organisationen angeh\u00f6rten: Informationsdienst \u00d6kodorf (ID\u00d6F), Initiative \u00f6kologische Siedlung Ost-West, Netzwerk Zukunft (zu den drei Gruppen geh\u00f6rte auch ich damals), der Partei Die Gr\u00fcnen, der Kommune UfaFabrik und der Naturfreundejugend. Aus der Kommuneszene gab es auch kritische Stimmen, die meinten, wir sollten uns nicht aufdr\u00e4ngen, sondern abwarten, ob wir gefragt w\u00fcrden. Mir war es jedoch wichtig, die Erfahrungen, die aufgrund unserer privilegierten Situation in Westdeutschland und Westberlin m\u00f6glich waren, nun auch mit denen, die diese Privilegien nicht hatten, zu teilen. Denn die DDR hatte ja die Folgen des Zweiten Weltkriegs alleine zu tragen und musste Reparationszahlungen an die Sowjetunion leisten, w\u00e4hrend der Westen mit US-amerikanischer Finanzierung aus dem Marshallplan als \u201eSchaufenster der freien Welt\u201c gegen\u00fcber dem Osten aufgeh\u00fcbscht w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr vier Tage kamen in Kleinmachnow \u00fcber 400 Leute zusammen \u2013 teilweise auch diejenigen, die diese Veranstaltung kritisch gesehen hatten. Mitglieder von Projekten und Gr\u00fcndungsinitiativen stellten sich vor, diskutierten, tanzten, meditierten und verbrachten vier inspirierende Tage miteinander. Auch wenn unser Bem\u00fchen letztlich vergeblich war und die DDR aufgel\u00f6st, ausgepl\u00fcndert und dem westdeutschen kapitalistischen System einverleibt wurde, so wurden doch in Kleinmachnow Beziehungen gekn\u00fcpft und Verabredungen getroffen, die \u00fcber das Treffen hinauswirkten und sicher auch zur Entstehung konkreter Projekte beigetragen haben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch Rudolf Bahro war dabei, der nach der Wende an der Berliner Humboldt Universit\u00e4t ein \u201eInstitut f\u00fcr Sozial\u00f6kologie\u201c aufbaute. In seinem Vortrag \u201eDie Industriegesellschaft ist t\u00f6dlich \u2013 wollen wir leben?\u201c warnte er vor dem Exterminismus, der drohenden Ausl\u00f6schung allen Lebens auf der Erde. Er setzte gro\u00dfe Hoffnungen in die \u00d6kodorf-Bewegung, denn er war davon \u00fcberzeugt, dass viele wahre Kommunisten in der DDR auf Alternativen warten w\u00fcrden und leicht davon zu \u00fcberzeugen w\u00e4ren, weitgehend selbstversorgende Gemeinschaften aufzubauen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In einem Bericht \u00fcber das Gemeinschaftstreffen in CONTRASTE Nr. 90, Juli\/August 1990, habe ich zu meiner Motivation geschrieben, dass ich es unertr\u00e4glich finde, meine Kinder \u201ein einer Welt zu wissen, die ihnen vielleicht nicht mehr erlauben wird, selbst Kinder zu haben, ihre Zukunft zu ertr\u00e4umen, ihr Leben in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen. Manchmal wird mir apokalyptische Panikmache vorgeworfen. Ich frag\u2018 mich aber, ob nicht \u2013 auch in der Szene \u2013 eine permanente Verdr\u00e4ngung der ganz realen Bedrohung stattfindet, einfach weil es schmerzlich ist, ihr ins Auge zu sehen und auch den eigenen Anteil, die Mitverantwortung f\u00fcr die Zerst\u00f6rung unserer Lebensgrundlagen zu akzeptieren (als ersten Schritt zur Ver\u00e4nderung)\u201c.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u00d6kologische Siedlung Ost-West<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Unsere Siedlungsinitiative war auf der Suche nach einem Standort am Rande Berlins. Dar\u00fcber hinaus verstanden wir uns als politische Initiative, die sich f\u00fcr \u00d6kod\u00f6rfer in der ganzen DDR einsetzte. Ein Brief, mit dem wir Fachleute aus dem Bereich der \u00d6kotechnik um Unterst\u00fctzung baten, endete hoffnungsvoll: \u201eVielleicht k\u00f6nnen wir gemeinsam einen wichtigen Beitrag zum \u00f6kologischen Gesellschaftsumbau in der DDR leisten.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir baten \u201ePolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, VerwaltungsmitarbeiterInnen und interessierte B\u00fcrgerInnen, die Ausweisung gr\u00f6\u00dferer Gel\u00e4nde als \u00f6kologische Siedlungsgebiete im Rahmen der Fl\u00e4chennutzungsplanung der DDR zu unterst\u00fctzen\u201c. Prominente Unterst\u00fctzer*innen waren neben Rudolf Bahro und Fritz Vilmar auch die Gr\u00fcnen-Politiker*innen Petra Kelly (geb. 1947) und Gert Bastian (geb. 1926), die im Oktober 1992 erschossen aufgefunden wurden, sowie Isolde Br\u00e4uner von den Gr\u00fcnen Baden-Baden, Christoph Andres und Ekhart Hahn vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Eckart Klaffke vom BUND.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Uns war schon damals klar, dass die Zerst\u00f6rung der Erde nur aufgehalten werden kann, wenn sich die gesamte Lebensweise von Grund auf ver\u00e4ndert. In einer ersten Kurzkonzeption wiesen wir darauf hin, dass vermutlich \u201edie Orkane der letzten Wochen schon erste Anzeichen der drohenden Klimakatastrophe\u201c seien. Uns war ebenfalls klar, dass wir mit \u00d6kod\u00f6rfern nicht die Welt retten k\u00f6nnen, aber wir sahen in der DDR \u201edie historische Chance eines Neubeginns\u201c und wollten modellhaft zeigen, wie ein \u00f6kologischer Umbau der Gesellschaft aussehen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kernpunkte unserer konzeptionellen Ideen waren: Verzicht auf motorisierten Individualverkehr in den Siedlungen, dezentrale regenerative Energiegewinnung, Ma\u00dfnahmen zur Verringerung von Abfall und dezentrale Abwasserentsorgung, Alt- und Neubauten mit W\u00e4rmed\u00e4mmung und in gemeinschaftlichem Eigentum, sowie die planungsrechtliche Aufhebung der Trennung von Wohn- und Gewerbegebieten. Damit sollte die kleinteilige Produktion in die Lebensmittelpunkte hereingeholt werden, w\u00e4hrend wir die Gro\u00dfindustrie ablehnten. Mit den LPGen wollten wir kooperieren und sie gemeinsam mit den dort Arbeitenden auf biologischen Anbau umstellen. Das Leben auf dem Land sollte attraktiv werden durch die Versorgung mit sozialen und kulturellen Einrichtungen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir wollten keine Nischen errichten, darum war es uns wichtig, mit der von uns angestrebten umweltschonenden Lebensweise keinen Druck auf die eingesessene Bev\u00f6lkerung auszu\u00fcben, sondern sie in die erforderlichen demokratischen Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Wir w\u00fcnschten uns die F\u00f6rderung aus \u00f6ffentlichen Mitteln und wiesen darauf hin, dass angesichts der externen Folgekosten durch die Umweltbelastungen aus der industriellen Produktion die F\u00f6rderung \u00f6kologischer Siedlungen langfristig g\u00fcnstiger sei, und dass dies demnach nicht zuerst eine finanzielle Frage, sondern eine Frage des politischen Willens sei.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was wir vor 30 Jahren wollten, ist heute nach wie vor aktuell. Wie es damals weiterging, welche Projekte aus der \u00d6kodorf-Bewegung entstanden sind, und was wir heute daraus lernen k\u00f6nnen, wird Gegenstand weiterer Beitr\u00e4ge sein.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Elisabeth Vo\u00df<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"right\">\n<style>\n#Kasten {color: #ffffff; background-color: #007F4E; border-radius: .5em;}<\/style>\n<div id=\"Kasten\">\n<h3 align=\"center\"><span lang=\"de-DE\">\u00dcbereinstimmung oder Widerspruch zwischen Ziel und Weg?<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Unabh\u00e4ngig von den spezifischen Schwerpunkten der Initiativgruppen zur Bildung selbstorganisierter Lebensgemeinschaften wird in der Regel ein Mehr an Gemeinschaftlichkeit und ein Leben im Einklang mit der Natur angestrebt, mindestens als Ziel der jeweiligen Gruppe, als Hoffnung und Vision oft auch (langfristig) f\u00fcr die ganze Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Weg dorthin \u2013 die Initiierung solcher Projekte \u2013 scheint vieles zu erfordern, was dem, das erreicht werden soll, oft drastisch widerspricht: Berge von Papier (-M\u00fcll) werden produziert (Konzepte, Rundbriefe usw.), Autos sind n\u00f6tig, um all die Termine zu schaffen und m\u00f6gliche Standorte zu besuchen, es bleibt insgesamt wenig Zeit f\u00fcr eine \u00f6kologische Lebensgestaltung im Hier und Jetzt, der Einsatz von Computertechnologie schafft vielleicht kurzfristig Abhilfe, scheint aber auch immer mehr Arbeit an sich zu ziehen, Freundschaften werden m\u00f6glicherweise durch die Aktivit\u00e4ten eingeschr\u00e4nkt, Durchsetzungsf\u00e4higkeit und Einzelk\u00e4mpfertum sind gefragt.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Ist diese Form des alternativen Management als traurige Notwendigkeit ein Sachzwang, dem wir uns nicht entziehen k\u00f6nnen, wenn wir ernsthaft an einer Verwirklichung unserer Tr\u00e4ume arbeiten wollen? Oder zerst\u00f6rt gerade diese Herangehensweise unsere Substanz, verflacht die Ideen, bindet uns ein in die au\u00dfengeleitete, vom Denken in Quantit\u00e4t und Machbarkeit bestimmte Megamaschine? Ist also der Aufbau von Alternativen zum System nur m\u00f6glich, indem (vor\u00fcbergehend) die Mittel eben dieses Systems genutzt werden, oder ist das ein Widerspruch in sich, der wie eine Falle zuschnappt und das Entstehen echter Alternativen gerade verhindert? Und wenn es so w\u00e4re: welch andere Formen w\u00e4ren denkbar, die effektiv sind und in denen trotzdem \u2013 oder gerade deshalb \u2013 bei jedem Schritt schon ein kleines St\u00fcck von der gro\u00dfen Utopie enthalten ist?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">(<em>Elisabeth Vo\u00df im Vorbereitungsreader zur \u201eOst-West-Begegnung Selbstorganisierte Lebensgemeinschaften (Kommunen, \u00d6kod\u00f6rfer und andere alternative Lebensformen)\u201c, 14.-17. Juni 1990 in Kleinmachnow bei Berlin.<\/em>)<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon 1988 hatte ich begonnen, mit dem Verein \u201eInformationsdienst \u00d6kodorf\u201c regelm\u00e4\u00dfige Veranstaltungen zum Thema \u201eAnders leben \u2013 anders arbeiten\u201c in Berlin zu organisieren. Wir brachten auch den Rundbrief \u201e\u00d6kodorf-Informationen\u201c heraus und warben f\u00fcr ein einfaches Leben in Selbstversorgung. Initiator des Vereins war der Universit\u00e4tsdozent J\u00f6rg Sommer aus Heidelberg, der selbst mit einer Gruppe \u201eSelbstversorgung als &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/zwischen-panik-und-utopien\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":21166,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Zwischen Panik und Utopien - graswurzelrevolution","description":"Schon 1988 hatte ich begonnen, mit dem Verein \u201eInformationsdienst \u00d6kodorf\u201c regelm\u00e4\u00dfige Veranstaltungen zum Thema \u201eAnders leben \u2013 anders arbeiten\u201c in Berlin zu o"},"footnotes":""},"categories":[1059,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-21042","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-443-november-2019","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21042","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21042"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21042\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21166"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}