{"id":21046,"date":"2019-11-04T20:17:45","date_gmt":"2019-11-04T18:17:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21046"},"modified":"2020-01-21T20:34:58","modified_gmt":"2020-01-21T18:34:58","slug":"das-schicksal-ist-ein-ungeheuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/das-schicksal-ist-ein-ungeheuer\/","title":{"rendered":"Das Schicksal ist ein Ungeheuer"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es sah Bert gar nicht \u00e4hnlich, auf E-Mails nicht zu antworten. Wir waren nach seinem (durchaus freudigen) Ausscheiden aus dem Hochschuldienst an der Erasmus-Universit\u00e4t Rotterdam in losem Kontakt geblieben, hatten Aufs\u00e4tze und Ideen hin- und hergeschickt, und ich hatte versucht, ihn einer organisatorischen Lappalie wegen zu erreichen. Zur\u00fcck kam nur Schweigen. Gemeinsame Bekannte konnten mir nicht helfen: Auch sie hatten seit langem nichts von Bert geh\u00f6rt. Weder Gutes noch Schlechtes. Am Ende entschloss ich mich, mir keine Sorgen mehr zu machen, nicht st\u00e4ndig alles schwarz zu sehen, und legte mit letztg\u00fcltiger Bestimmtheit fest, dass Bert Altena seinen Ruhestand gesund, fr\u00f6hlich und arbeitsfreudig wie immer w\u00fcrde verbringen d\u00fcrfen. Ich stopfte mir innerlich die Finger in die Ohren und h\u00f6rte nicht l\u00e4nger auf die Stimme meines Herzens. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das war im Fr\u00fchjahr 2019. In Wirklichkeit war l\u00e4ngst niemand mehr da, der h\u00e4tte antworten k\u00f6nnen. Bert Altena war nach schwerer Krankheit am 3. Oktober 2018 gestorben. Ich erfuhr es ein Jahr (!) sp\u00e4ter.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u00dcber den wissenschaftlichen Rang Altenas gibt es auf der Welt keine zwei Meinungen. Er war einer der international anerkanntesten und renommiertesten Sozialhistoriker und Anarchismusforscher, die es gab. Sein gemeinsam mit Dick van Lente verfasstes Werk \u201eGesellschaftsgeschichte der Neuzeit 1750-1989\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">(2003, seither mehrfach wiederaufgelegt), das auch in Deutschland beim UTB-Verlag erschien und bis heute in der Lehre Verwendung findet, ist ein Klassiker der Sozialgeschichtsschreibung. Die Sammelb\u00e4nde, die er gemeinsam mit Constance Bantman herausbrachte \u201eNew Perspectives on Anarchism. Labour and Syndicalism\u201c (2010) und \u201eReassessing the Transnational Turn. Scales of Analysis in Anarchist and Syndicalist Studies\u201c (2015) sind wesentliche Beitr\u00e4ge zur internationalen Anarchismusforschung, die die wissenschaftliche Entwicklung in diesem Feld beeinflusst haben. Wer freilich die wichtigsten Arbeiten aus Altenas Feder lesen will, muss Niederl\u00e4ndisch k\u00f6nnen. Sein Hauptaugenmerk galt dem eigenen Land, er liebte seine Muttersprache, sprach aber auch hervorragend Englisch und Deutsch <\/span><span lang=\"de-DE\">und erreichte in seinen Studien zur niederl\u00e4ndischen Gesellschaftsgeschichte oft einen Grad an Genauigkeit und Detailkenntnis, der staunen macht. Mit leisem Grimm denke ich beim Durchbl\u00e4ttern seiner Texte heute an all jene (vorrangig US-amerikanischen) Kollegen, die mit ein paar schwachen \u00dcbersetzungen ins Englische unterm Arm immer wieder meinen, \u201aGlobalgeschichten des Anarchismus\u2018 oder \u00e4hnliches auf den Markt schleudern zu m\u00fcssen. Altenas Arbeiten sind ein Beweis daf\u00fcr, dass niemand, der ernsthaft Wissenschaft betreiben will, auf nationalsprachige Forschungsergebnisse verzichten kann. Er war zum Beispiel ein herausragender Kenner von Leben und Werk des gro\u00dfen niederl\u00e4ndischen Syndikalisten Ferdinand Domela Nieuwenhuis, hatte seit 1986 als Sekret\u00e4r der Domela Nieuwenhuis Foundation gearbeitet, einen Teil von dessen privater Korrespondenz herausgebracht und war immer wieder in die Arena gestiegen, um sich mit Leuten herumzubalgen, die an Domelas Geschichte herumzuklittern versuchten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er mir einmal zur Ansicht, denn er brauchte meinen Rat wahrhaftig nicht, seine Erwiderung auf die launige Rezension eines niederl\u00e4ndischen Parteikommunisten zugesandt hatte, der schlampig mit dem Faktenmaterial zu Domela Nieuwenhuis umgesprungen war. Bert zerriss den armen Kerl in aller \u00d6ffentlichkeit wie ein Blatt Papier.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch auf weniger sichtbare Weise hat Altena die Entwicklung seines Fachs beeinflusst: Von 1978 bis 1983 war er verantwortlicher Redakteur der vom Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam herausgegebenen Zeitschrift \u201eInternational Review of Social History\u201c, und damit des wohl wichtigsten wissenschaftlichen Forums zur Sozialgeschichte weltweit. Er konnte wundervolle Geschichten \u00fcber diverse Beitr\u00e4ge und ihre Verfasserinnen und Verfasser aus dieser Zeit erz\u00e4hlen. Etwa \u00fcber jenen Engl\u00e4nder, der ihm einen ellenlangen Aufsatz \u00fcber die fr\u00fche Arbeiterbewegung in Vietnam, Thailand und Korea anbot. Niemand im Team der \u201eInternational Review\u201c mochte glauben, dass jemand aus Europa ernsthaft alle drei Sprachen beherrschen k\u00f6nne, schon gar nicht gut genug, um ein derartiges Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Bert bohrte h\u00f6flich nach, und es stellte sich heraus, dass der bis dahin kaum bekannte Autor nicht nur die genannten Sprachen, sondern auch noch vier weitere aus dem asiatischen Raum flie\u00dfend beherrschte. Bert griff sofort zu und ver\u00f6ffentlichte den Aufsatz. F\u00fcr das IISG organisierte er au\u00dferdem immer wieder Panels zum Anarchismus f\u00fcr die \u201eEuropean Social Science History Conference\u201c. Und hier war es auch, wo wir uns kennenlernten. Ich war damals ein Neuling auf internationalem Parkett, inhaltlich trotzdem geh\u00f6rig auf Krawall geb\u00fcrstet, und mit entsprechend zittrigen Knien nach Glasgow geflogen. Bert nahm mir jede Angst, f\u00fchrte mich in die Gruppe der Anarchismusforscherinnen und Anarchismusforscher ein, die aus aller Herren L\u00e4nder herbeigekommen war, und sorgte, nachdem ich meine wissenschaftliche Bombe geworfen hatte, gemeinsam mit Constance Bantman daf\u00fcr, dass mein Beitrag in der bestm\u00f6glichen Form ver\u00f6ffentlicht wurde. Glasgow wurde zum Beginn meiner internationalen Laufbahn als Anarchismusforscher, und, weit wichtiger noch, eines wunderbar herzlichen, kollegialen Verh\u00e4ltnisses zu Bert Altena. Ich sollte auch sp\u00e4ter noch feststellen, dass seine Sektionen (1) zum Besten und Produktivsten geh\u00f6rten, was ich auf internationalen Tagungen erleben durfte. Stets waren sie wunderbar zielgerichtet, schl\u00fcssig strukturiert, gro\u00dfartig organisiert, und Berts wissenschaftlicher Rang sowie sein umwerfend freundlicher Umgang motivierten alle G\u00e4ste, ihr Bestes zu geben. Etwas, dass sich beileibe nicht von allen Tagungen behaupten l\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So tief ich mich aber auch vor seiner wissenschaftlichen Leistung verneige: Ich werde vor allem den Menschen Bert Altena vermissen. Diese wunderbar leuchtenden Augen in seinem freundlichen Mondgesicht, um das, solange ich ihn kannte, immer ein fusseliger, grauer Vollbart stand; diese unersch\u00fctterliche Freude an den Dingen des Lebens (von der Korrektur schlechter Hausarbeiten vielleicht einmal abgesehen&#8230;), die ihn, wie ich h\u00f6re, selbst in seinen letzten Momenten nie verlassen hat; seine schier grenzenlose Freundlichkeit und ebenso gro\u00dfe Freude am Erz\u00e4hlen; sein hintersinniger, verschmitzter Humor, und nicht zuletzt der wundervolle niederl\u00e4ndische Singsang in seiner Stimme, den man sich bei allem, was ich w\u00f6rtlich von ihm wiedergeben werde, immer dazudenken muss. Hinzu kam sein uneitles Verh\u00e4ltnis zu seinem Rang und Status. In dieser Hinsicht war er der niederl\u00e4ndischste Niederl\u00e4nder, den ich je kennengelernt habe. Denn in unserem Nachbarland gelten grelle Pfauen, Einspreizer und Wichtigtuer mehrheitlich noch immer als das, was sie sind: Spinner, die Nerven kosten und einem die Zeit stehlen. Im Grunde tat Bert seine Arbeit aus dem besten Grund, aus dem ein Mensch \u00fcberhaupt eine Arbeit tun kann: Weil es ihm und anderen Freude machte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich habe viele wundersch\u00f6ne Erinnerungen an unser Beisammensein, die ich im Herzen bewahre. Eine der sch\u00f6nsten ist vielleicht die an eine Begegnung in Valencia: Wir waren damals mit der gesamten Sektion aufgebrochen, um in Valencias Szeneviertel in einem recht au\u00dfergew\u00f6hnlichen Restaurant zu speisen, an das sich unser junger Kollege Florian Eitel, ein gro\u00dfartiger Anarchismusforscher aus der Schweiz [vgl. Rezension zu \u201eAnarchistische Uhrmacher in der Schweiz\u201c in GWR 442\/Libert\u00e4re Buchseiten], der heute als Historiker am Museum Biehl arbeitet, noch aus seiner Studienzeit erinnerte. Nun ist es in Spanien un\u00fcblich, sich zu einer, wie es neudeutsch hei\u00dft, besonderen location aufzumachen, wenn man etwas essen oder trinken will. Man zieht einfach los, und die erste Bar, auf die man trifft, ist gerade gut genug. Dies ist auch der Grund daf\u00fcr, warum sich an den Hauptstra\u00dfen spanischer St\u00e4dte mehr Bars aneinanderreihen als B\u00e4ume im Wald stehen. Hinzu kommt, dass Gro\u00dfstadtspanierinnen und -spanier oft lauffaul sind. Und so erhob sich schon nach 50, 60 Metern ein jammervolles Wehklagen: \u201eWo wollt ihr denn noch hin, ihr Verr\u00fcckten? Wir sind doch bestimmt schon an drei Bars vorbeigelaufen! Ich kann nicht mehr! Mir tun schon die F\u00fc\u00dfe weh!\u201c Um keine internationalen Verwicklungen zu riskieren, einigten wir uns, in der n\u00e4chsten Bar, auf die wir sto\u00dfen w\u00fcrden, Station zu machen, um uns mit Tapas und Bier zu st\u00e4rken. Wer dann noch Kraft genug in sich f\u00fchlte, konnte gerne den Rest des Weges mitgehen. Tats\u00e4chlich trafen wir am Ende nahezu vollz\u00e4hlig am Ziel ein. Bert und ich landeten am Kopf eines langen Tisches, und innerhalb von Minuten st\u00fcrzten wir uns in eine immer lautere, immer leidenschaftlichere und ma\u00dflos ausufernde Diskussion \u00fcber den niederl\u00e4ndischen Fu\u00dfball. Ich werde nie den fassungslosen Ausdruck auf Florian Eitels Gesicht vergessen, als er erleben musste, wie sich zwei gestandene Anarchisten und Wissenschaftler strahlend, fuchtelnd und mit den F\u00fc\u00dfen herumtretend \u00fcber Johan Cruyffs Torschusstricks austauschten und sich dabei zu immer gr\u00f6\u00dferen H\u00f6hen der Begeisterung aufschaukelten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mein pers\u00f6nlicher H\u00f6hepunkt jedoch kam, als Bert, der in Amsterdam studiert hatte, offenbarte, er sei damals gar nicht zu Cruyffs Ajax, das alle Rekorde brach, ins Stadion gegangen, sondern zu einem winzigen Vorortclub, bei dem selbst Einheimische erst einmal nachdenken mussten. \u201eDie haben immer verloren\u201c, erz\u00e4hlte er strahlend vor Gl\u00fcck: \u201eAber das waren ganz nette Leute!\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So war f\u00fcr mich Bert Altena: Ein Mensch, dem nette Gesellschaft und ein buntes, fr\u00f6hliches Spektakel unendlich viel wichtiger waren als Fanatismus oder die ewige Besessenheit, zu gewinnen &#8211; und sei es nur stellvertretend. Er, der Sohn eines protestantischen Pfarrers, hatte sich von aller Religion losgesagt. Das aber machte ihn mitnichten zu einem intoleranten Dogmatiker der Gegenseite. Sogar einer seiner Doktorv\u00e4ter hatte eine tiefe theologische Pr\u00e4gung. Er stellte sich als \u00fcberzeugter Anti-Militarist gegen jeden milit\u00e4rischen Einsatz und pochte regelm\u00e4\u00dfig bei Freunden und Kollegen an, ob sie nicht mittun wollten. Konnten die sich allerdings nicht dazu durchringen, begann er nicht, vor ihnen auszuspucken und die Stra\u00dfenseite zu wechseln, wenn er sie wiedersah. So gnadenlos er als Wissenschaftler war, so tolerant war er den Menschen gegen\u00fcber. Dabei war er ohne allen Zweifel ein \u00fcberzeugter Anarchist und in hundert Demos gest\u00e4hlter Aktivist, der an nahezu allen politischen K\u00e4mpfen der niederl\u00e4ndischen Geschichte der letzten 50 Jahre auf die ein- oder andere Weise teilgenommen hatte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bert Altena war ein gro\u00dfer und einflussreicher Wissenschaftler, der sein Forschungsfeld gepr\u00e4gt hat. Vor allem aber war er ein wunderbarer Mensch. Ein Mensch, mit dem man gerne Zeit verbrachte. Sein Tod rei\u00dft eine L\u00fccke, die kaum zu schlie\u00dfen sein wird. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Schicksal ist ein Ungeheuer, das h\u00e4ufig gerade jenen einen ruhigen Lebensabend verweigert, die ihn am meisten verdient h\u00e4tten. Ich w\u00fcnschte, es h\u00e4tte f\u00fcr dieses mal ein Einsehen gehabt und uns Bert Altena noch auf viele erf\u00fcllte Jahre hinaus gelassen. Es sollte nicht sein. Tot ziens, Genosse! Nicht nur mir wirst Du f\u00fcrchterlich fehlen.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Martin Baxmeyer<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"right\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sah Bert gar nicht \u00e4hnlich, auf E-Mails nicht zu antworten. Wir waren nach seinem (durchaus freudigen) Ausscheiden aus dem Hochschuldienst an der Erasmus-Universit\u00e4t Rotterdam in losem Kontakt geblieben, hatten Aufs\u00e4tze und Ideen hin- und hergeschickt, und ich hatte versucht, ihn einer organisatorischen Lappalie wegen zu erreichen. Zur\u00fcck kam nur Schweigen. 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