{"id":21049,"date":"2019-11-04T20:29:44","date_gmt":"2019-11-04T18:29:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21049"},"modified":"2019-11-25T18:45:26","modified_gmt":"2019-11-25T16:45:26","slug":"das-anarchistische-motiv-im-herzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/das-anarchistische-motiv-im-herzen\/","title":{"rendered":"\u201eDas anarchistische Motiv im Herzen\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit diesem Wunsch, oder sollte ich besser sagen \u201eAuftrag\u201c, ist Wolf-Dieter Narr im Mai 2014 im Garten des selbstverwalteten Wohnprojekts Breul-Tibus M\u00fcnster an mich herangetreten, einen Tag nachdem ich eine Trauerrede auf unsere gemeinsame Freundin Ute Sigrist auf einer Gedenkfeier gehalten hatte. <\/span><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr Menschen, die nicht das Gl\u00fcck hatten, den Politikwissenschaftler zu seinen Lebzeiten kennengelernt zu haben, h\u00f6rt sich das vielleicht makaber an, aber tats\u00e4chlich kommt in dieser Aufforderung auch Wolf-Dieters umwerfend trockener schwarz-roter Humor zum Vorschein. <\/span><span lang=\"de-DE\">Selbstironie und die F\u00e4higkeit \u00fcber sich lachen zu k\u00f6nnen, waren Eigenschaften, die ihm immer wieder die Kraft gaben, f\u00fcr die Menschenw\u00fcrde und gegen Ungerechtigkeit, Herrschaft und seine Krankheit zu k\u00e4mpfen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Nat\u00fcrlich war ihm bewusst, dass die Redaktion der Graswurzelrevolution mit dem \u00dcberarbeiten und K\u00fcrzen seiner Rezension zu Thomas Wagners Dissertation \u201eIrokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation\u201c mehr Arbeit hatte als er. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Seine unbearbeitete Rezension hatte einen Umfang von 78.000 Zeichen (!) und h\u00e4tte somit auch als B\u00fcchlein erscheinen k\u00f6nnen. Wir haben sie auf 20.000 Zeichen (zwei GWR-Seiten) gek\u00fcrzt und im Sommer 2007 unter dem Titel \u201eVon den Indianern lernen. Ein Irokesenschnitt weltweiter Verfassungen \u2013 eine dringende Lektion am Beginn des 21. Jahrhunderts\u201c in der GWR 320 ver\u00f6ffentlicht. (1) <\/span><span lang=\"de-DE\">Und das war nur einer von vielen Artikeln, die der \u201en\u00e4rrische\u201c Universalgelehrte in den letzten 20 Jahren f\u00fcr die Graswurzelrevolution geschrieben hat. (2) <\/span><span lang=\"de-DE\">Wolf-Dieter hat sich eher selten an Zeichenabsprachen gehalten und es war f\u00fcr mich als Redakteur immer auch eine Herausforderung, seine Manuskripte zu lektorieren. Sie zeichneten sich nicht zuletzt auch durch Wortneusch\u00f6pfungen und eine einmalige, eigenwillig-kreative bis seltsame Schreibweise aus. Aber es hat sich immer gelohnt! Wolf-Dieter war intellektuell brillant und so charmant, dass es schwierig war ihm einen Wunsch abzuschlagen. Er geh\u00f6rt zu den gro\u00dfartigsten Pers\u00f6nlichkeiten und warmherzigsten Menschen, die ich bisher in meinem Leben kennenlernen durfte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Obwohl er sehr gut mit meinem Doktorvater Christian Sigrist (1935 \u2013 2015) befreundet war, habe ich ihn, laut taz einer \u201eder wichtigsten kritischen Intellektuellen des Nachkriegsdeutschlands\u201c (3), erst nach meiner Promotion pers\u00f6nlich kennengelernt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dabei hatte ich ab 1986 w\u00e4hrend meines Politik-, P\u00e4dagogik- und Soziologiestudiums in M\u00fcnster und auch als Aktivist in den sozialen Bewegungen viel von diesem legend\u00e4ren Wissenschaftler und Aktivisten geh\u00f6rt. Wolf-Dieter war Mitherausgeber unter anderem von \u201eB\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\u201c. 1978 war er Mitinitiator des 3. Russell-Tribunals \u00fcber die Situation der Menschenrechte in der Bundesrepublik. 1980 hat er das \u201eKomitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie\u201c mit gegr\u00fcndet und danach jahrzehntelang gepr\u00e4gt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Narr war als Kind noch Zeitzeuge der Nazi-Diktatur, politisch sozialisiert im Studentenkongress gegen Atomr\u00fcstung sowie im Sozialistischen B\u00fcro. Das \u201aSB\u2018 war ein kampagnenstarkes Sammelbecken undogmatischer Linker. Die Anti-Parteien-Partei, in der neben ihm Gleichaltrige wie Oskar Negt, Ursula Schmiederer, Andreas Buro, Elmar Altvater und Klaus Vack den Ton angaben, war eine Art linkes Akademikerparlament, offen f\u00fcr die Vielzahl der in den 1960er Jahren entstandenen sozialen Bewegungen\u201c, schreibt Claus Leggewie in seinem Nachruf auf Wolf-Dieter in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 14.10.2019. (4)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An meiner Uni in M\u00fcnster waren nicht so sehr die Schriften von Wolf-Dieter in der Diskussion, sondern vor allem seine emanzipatorischen Aktionen, die f\u00fcr profeministische Studis und Anarchisten \u2013 wie auch mich \u2013 wegweisend waren. Dass die beiden linken Professoren Wolf-Dieter Narr und Peter Grottian 1985 auf ein Drittel ihres Gehalts am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universit\u00e4t Berlin verzichteten, um dort eine Professur f\u00fcr Frauenforschung zu finanzieren, sorgte jahrelang bundesweit f\u00fcr Diskussionen und Hochachtung. Bis auf eine Ausnahme gab es aber keine Professoren, die es den beiden Selbstlosen gleichtaten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wolf-Dieter war ein solidarischer Mensch. Als mein Lehrauftrag am Institut f\u00fcr Soziologie (IfS) in M\u00fcnster nach dem Sommersemester 2003 aus politischen Gr\u00fcnden (\u201eDer linksextreme Sumpf am Institut muss endlich trocken gelegt werden\u201c) nicht mehr verl\u00e4ngert wurde, bot er mir an, nach Berlin zu kommen und bei ihm zu habilitieren. Da mir aber nicht zuletzt die GWR und das Wohnprojekt in M\u00fcnster, in dem ich mit meinen Liebsten seit 1991 lebe und in dem auch Wolf-Dieter immer wieder gerne \u00fcbernachtete, am Herzen lagen und liegen, habe ich dieses Angebot nicht angenommen. <\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_21097\" aria-describedby=\"caption-attachment-21097\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_narr04.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-21097\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_narr04-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_narr04-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_narr04-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_narr04-600x800.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_narr04.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21097\" class=\"wp-caption-text\">Wolf-Dieter Narr (1937-2019)Foto: www.wolfdieternarr.de<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wolf-Dieter war \u2013 nicht nur laut Tageszeitung junge Welt \u2013 \u201eeiner der wichtigsten kritischen Sozialwissenschaftler der BRD\u201c. Er lehrte seit 1971 am OSI. Der Herrschaftskritiker und Humanist erlebte eine Zeit, in der die \u201eMarxisten-Leninisten mit Knarre\u201c bzw. RAF-Guerilleros auf Fahndungsplakaten unter dem Titel \u201eVorsicht Anarchisten\u201c gesucht wurden und \u201eAnarchist\u201c permanent als Schm\u00e4hbegriff und Synonym f\u00fcr \u201eTerrorist\u201c verwendet wurde. Wolf-Dieters Kollege Peter Br\u00fcckner wurde 1977 Opfer dieser \u201eTerroristenhysterie\u201c. Wegen der Mitherausgabe und Dokumentation des zuvor inkriminierten \u201eBuback-Nachrufs\u201c, in dem ein anonymer G\u00f6ttinger Mescalero sowohl den Staat als auch die RAF aus anarchistischer Sicht kritisiert, wurde der kritische Sozialpsychologe und Hochschullehrer suspendiert. Es folgten eine Reihe von Gerichtsverfahren, Berufsverbot und eine Pressehetzkampagne von BILD und Co. gegen den linken \u201eTerror-Professor Br\u00fcckner\u201c. Die Graswurzelrevolution und zig andere linke Zeitschriften, die sich trauten den Nachruf zu dokumentierten, wurden mit Ermittlungsverfahren und Prozessen \u00fcberzogen. Undogmatische Linke wurden durch Rufmordkampagnen, Razzien und Drohbriefe eingesch\u00fcchtert. <\/span><span lang=\"de-DE\">Vielleicht liegt es an den traumatischen Erfahrungen, die auch Wolf-Dieter im \u201eDeutschen Herbst\u201c 1977 gemacht hat? So oder so, zum Anarchismus bekannte er sich jedenfalls erst nach seiner Emeritierung.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Er tat es \u201eunauff\u00e4llig\u201c in seiner im Juni 2003 in der Graswurzelrevolution Nr. 280 erschienenen Rezension zu Peter A. Kropotkins \u201eMemoiren eines Revolution\u00e4rs\u201c. In seiner Auseinandersetzung mit Kropotkins Werk reiht er sich unter dem Titel \u201eAnarchistische Anmerkungen anl\u00e4sslich einer Neuauflage\u201c in die anarchistische Tradition ein, quasi nebenbei: \u201e\u2026 schlie\u00dflich regen sie [die \u201aMemoiren eines Revolution\u00e4rs\u2018] dazu an, und geben manche Nahrung daf\u00fcr, \u00fcber die \u201aSpr\u00fcche\u2018, sprich die \u201aWirklichkeitskraft\u2018 und die Widerspr\u00fcche seinerzeitigen und, soweit davon gesprochen werden kann, heutigem Anarchismus sich Rechenschaft abzulegen \u2013 so man sich, wie dies f\u00fcr den Verfasser gilt, selbst \u2013 lose und verbindlich zugleich, also anarchistisch \u2013 in die anarchistische Tradition einreiht.\u201c (5) <\/span><span lang=\"de-DE\">So sch\u00f6n wie Wolf-Dieter hat wohl noch kein Mensch sein sp\u00e4tes Comingout als Anarchist formuliert!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In einem langen Interview, das Muriel Schiller und ich im Juli 2012 mit Wolf-Dieter im Studio des medienforum m\u00fcnster gef\u00fchrt haben, beschreibt er auch, wie es dazu kam, dass er sich so intensiv mit dem Anarchismus besch\u00e4ftigt hat: <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Mir ist es erst sp\u00e4t bewusst geworden, dass das anarchistische Motiv schon immer in meinem Herzen gewirkt hat. An der Ordinarienuniversit\u00e4t war ich von Anfang an kritisch.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Er habe niemanden mit \u201eProfessor\u201c angeredet und diesen Titel sp\u00e4ter auch nicht gef\u00fchrt. WDN: \u201eEin herrschaftskritisches Element war seit dem ersten Semester bei mir vorhanden, aber erst sp\u00e4ter ist mir klar geworden, dass die anarchistische Idee demokratisch-menschenrechtlich nur konsequent ist. Die anarchistische Konzeption ist radikaldemokratisch, l\u00e4sst Kritik zu, nimmt das Gegen\u00fcber immer ernst und stellt jede Form von Hierarchie in Frage.\u201c (6) <\/span><span lang=\"de-DE\">Keine Organisation werde davon leben k\u00f6nnen, dass alles spontan geschieht. Alle Organisationen haben laut WDN die Tendenz, ein St\u00fcck Ungleichheit hervorzubringen. Wenn man sich das vor Augen halte, helfe es, die Organisation von einer rigiden Form fernzuhalten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">WDN: \u201eF\u00fcr mich und mein Fach, also die politische Soziologie, die politische Wissenschaft und Soziologie, hat sich eine anarchistische Herangehensweise gebildet. Dies geschah vor allem vor der Frage: Wie kann man denn eine Gesellschaft nicht-staatlich organisieren, ohne zu denken, dass pl\u00f6tzlich alle Menschen fr\u00f6hliche S\u00e4uglinge w\u00e4ren? Wie kann man eine gro\u00dfe problembehaftete Gesellschaft organisieren, ohne dass es ein Monopol der physischen Gewalt gibt? Insofern steht im Anarchismus f\u00fcr mich die Gewaltfreiheit ganz zentral.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bakunin aus heutiger Sicht zu kritisieren sei unsinnig. Bakunin habe Gutes geleistet, es komme mehr darauf an, die zentralen Prinzipien ins Heute zu \u00fcbertragen, als fr\u00fchere Jahrhunderte zu kritisieren. Kropotkins \u201eGegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt\u201c sei zwar teilweise naiv, aber wunderbar. Diese Naivit\u00e4t sei nicht blind, sondern zeige, was generell von Natur aus m\u00f6glich ist. Wolf-Dieters eigene Konzeption von Menschenrechten war schon die, dass es keine Ontologie von guten Menschen gebe, sondern dass man das vor dem sozialen Hintergrund sehen m\u00fcsse. \u201eDas kann man vom Nationalsozialismus lernen: Dass meine Eltern Nazis geworden sind, lag nicht in ihrer Natur. Dazu kenne ich sie zu gut.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Menschen seien hochgradig von ihren \u00e4u\u00dferen Bedingungen abh\u00e4ngig. Es sei wichtig das Bild einer Gesellschaft auch vor diesem Hintergrund zu sehen und zeitgem\u00e4\u00dfe Ver\u00e4nderungen zu installieren. Den aufrechten Gang m\u00fcsse man lernen und t\u00e4glich \u00fcben, er sei nicht selbstverst\u00e4ndlich. <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Wenn fast alle Menschen ihn beherrschen, besteht die Chance, dass auch diejenigen, die ihn nicht beherrschen, so behandelt werden k\u00f6nnen, dass sie nicht in Gef\u00e4ngnisse geworfen werden\u201c, so Wolf-Dieter.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Pers\u00f6nliche Begegnungen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend meiner Zeit als Lehrbeauftragter am IfS hatte ich WDN, wie er von vielen genannt wurde, mehrmals als Gastdozent in meine Uni-Seminare zu \u201eNeue Soziale Bewegungen\u201c, \u201eAnarchismus\u201c und \u201eTerror, Krieg und Medien\u201c eingeladen. Auch f\u00fcr die Kongresse \u201e30 Jahre Graswurzelrevolution\u201c im Juni 2002 und \u201e40 Jahre Graswurzelrevolution\u201c im September 2012 konnte er als Referent gewonnen werden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Und es hat mich gefreut, dass er mich 2010 als Referent zum 30. Geburtstagskongress des Grundrechtekomitees nach Berlin eingeladen hat.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_21099\" aria-describedby=\"caption-attachment-21099\" style=\"width: 652px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_wolf-dieternarr_bernddrcke_2002.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21099\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_wolf-dieternarr_bernddrcke_2002-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"652\" height=\"486\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_wolf-dieternarr_bernddrcke_2002-300x224.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_wolf-dieternarr_bernddrcke_2002-600x447.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_wolf-dieternarr_bernddrcke_2002-768x572.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_wolf-dieternarr_bernddrcke_2002-1024x763.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/gwr443_wolf-dieternarr_bernddrcke_2002.jpg 1051w\" sizes=\"auto, (max-width: 652px) 100vw, 652px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21099\" class=\"wp-caption-text\">Wolf-Dieter Narr und GWR-Redakteur Bernd Dr\u00fccke beim 30-Jahre-Graswurzelrevolution-Kongress im Juni 2002 in der ESG-Aula M\u00fcnster. Fotos: GWR-Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ihm hat es gefallen, wenn ich als \u201esein Koordinationsredakteur\u201c angesichts seiner oft chaotischen und ausufernden Manuskripte die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammengeschlagen, aber dann doch alles gr\u00fcndlich und zu seiner Zufriedenheit lektoriert habe. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die dicken Kropotkin-B\u00e4nde hatte ich ihm zur Rezension in die Hand gedr\u00fcckt, nachdem wir zuvor \u00fcber Kropotkins \u201eGegenseitige Hilfe\u201c diskutiert und er sich dabei als Kropotkin-Kenner geoutet hatte. Nat\u00fcrlich sprengte auch seine gro\u00dfartige Rezension zu den \u201eMemoiren eines Revolution\u00e4rs\u201c jeglichen Rahmen: 57.750 Zeichen!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend des NATO-Angriffskriegs gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien ver\u00f6ffentlichte die Graswurzelrevolution mit jeweils 35.000er Auflage unter dem Titel \u201eNein zu Bomben, Krieg, Vertreibung\u201c vierseitige GWR-Extrabl\u00e4tter, die im April und Mai 1999 bei Demos und Aktionen unter die Leute gebracht wurden. Gegen mich als presserechtlich verantwortlichen Redakteur wurde damals aufgrund von dort ver\u00f6ffentlichten Blockade- und Desertionsaufrufen ein Ermittlungsverfahren nach \u00a7111 StGB (\u201e\u00d6ffentliche Aufforderung zu Straftaten\u201c) eingeleitet.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der \u201eKosovokrieg\u201c war der erste Angriffskrieg, an dem sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit Bombern beteiligt hat. Das Verfahren gegen mich war das erste, das gegen einen Journalisten aufgrund eines Desertionsaufrufs eingeleitet wurde. Ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch gegen Wolf-Dieter und mindestens drei\u00dfig andere Kriegsgegner*innen wurde 1999 ermittelt und teilweise prozessiert, weil sie den \u201eAufruf an alle Soldaten: Verweigern Sie Ihre Beteiligung an diesem Krieg!\u201c (GWR 239, Mai 1999) unterzeichnet hatten. Anders als f\u00fcr gewendete Gr\u00fcnenpolitiker war Krieg f\u00fcr Wolf-Dieter immer ein Verbrechen an der Menschheit, gegen das wir mit gewaltfreien, aber entschiedenen Aktionen vorgehen m\u00fcssen. <\/span><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr ihn waren die l\u00e4stigen Ermittlungsverfahren und Prozesse in den vielen Jahrzehnten seines Engagements f\u00fcr die Menschenrechte und gegen Ausbeutung, Abschiebungen, Aufr\u00fcstung, Atomstaatspolitik, Rassismus und Neofaschismus an der Tagesordnung. Aber er lie\u00df sich von diesen Einsch\u00fcchterungsversuchen nicht verunsichern. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Unsere Freundschaft war von gro\u00dfer Herzlichkeit gepr\u00e4gt<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trotz zunehmender k\u00f6rperlicher Hinf\u00e4lligkeit und Schwerh\u00f6rigkeit, lie\u00df es Wolf-Dieter sich nicht nehmen, im November 2012 an einem Treffen des GWR-Herausgeber*innenkreises in Berlin teilzunehmen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Von unserer gemeinsamen lieben Freundin Ute Sigrist verabschiedete er sich nach ihrem Tod auf der Gedenkfeier f\u00fcr sie im Mai 2014 in M\u00fcnster, indem er ihr ein Gedicht widmete und es vortrug. So r\u00fchrte er auch den zutiefst ersch\u00fctterten Christian zu Tr\u00e4nen. (7) <\/span><span lang=\"de-DE\">Weil es ihm gesundheitlich immer schlechter ging, konnte Wolf-Dieter 2015 weder zur Beerdigung noch zur Gedenkfeier f\u00fcr Christian Sigrist kommen. Aber er hat Ute und Christian in einem bewegenden Nachruf gew\u00fcrdigt. (8) <\/span><span lang=\"de-DE\">Im September 2015 erschien Wolf-Dieters Artikel \u201eWiedergutmachung als missgl\u00fcckte deutsche Daueraufgabe nach 1945\u201c in der GWR 401. Diese Auseinandersetzung auch mit seiner eigenen Kindheit im Nationalsozialismus liest sich wie ein politisches Verm\u00e4chtnis. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 15. Januar 2017, kurz vor seinem 80. Geburtstag, habe ich Wolf-Dieter im Pflegeheim in Berlin besucht. Es war eine traurige Begegnung. Er konnte nicht mehr sprechen, d\u00e4mmerte vor sich hin und wirkte depressiv. <\/span><span lang=\"de-DE\">Als ich nach seiner Beerdigung Elke Steven, der langj\u00e4hrigen Sekret\u00e4rin des Grundrechtekomitees, davon berichtete, erwiderte sie: \u201eIch habe es so wie du erlebt und dann aber dieses Jahr im August bei einem Besuch einen g\u00e4nzlich anderen Eindruck gehabt. Ich war sehr ber\u00fchrt davon, wie zugewandt er mir zuh\u00f6rte als ich von meiner Arbeit erz\u00e4hlte. Selbstverst\u00e4ndlich konnte er es nicht h\u00f6ren. Aber seine Augen waren wach und seine Haltung zugewandt und interessiert. Dieser Habitus war tief verankert.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Wolf-Dieters Frau Annegret k\u00fcmmerte sich bis zuletzt liebevoll um ihn. Annegret Falter-Narr: \u201eWolf-Dieter war ein K\u00e4mpfer.\u201c<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trauergottesdienst<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 22. Oktober 2019 fand ein evangelischer Trauergottesdienst f\u00fcr Wolf-Dieter in Berlin-Dahlem statt. F\u00fcr mich und viele andere Atheist*innen und Anarchist*innen sind \u201eGottesdienste\u201c nur schwer zu ertragen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Auch Wolf-Dieter stand der Kirche kritisch gegen\u00fcber. Aber Trauerfeiern werden eben immer auch f\u00fcr die n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen gemacht. Und offensichtlich haben es sich einige von ihnen so gew\u00fcnscht. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Trauerreden waren bewegend und die Redner*innen haben Wolf-Dieter w\u00fcrdevoll beschrieben, auch wenn ich mir mehr Reden von Freund*innen und Genoss*innen gew\u00fcnscht h\u00e4tte und weniger Gott, Religion und Amen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Unter den Teilnehmer*innen der Beerdigung waren neben Gesine Schwan, Hans-Christian Str\u00f6bele, Peter Grottian, Dirk Vogelskamp und Ralf G. Landmesser auch viele weniger bekannte Freund*innen, Genoss*innen, Kolleg*innen und Verwandte. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wolf-Dieter liegt jetzt in Sichtweite zu Rudi Dutschkes Grab. Das h\u00e4tte ihm sicher gefallen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich m\u00f6chte nicht aufh\u00f6ren, ohne ihn nochmal zu zitieren: \u201eJerry Rubin, einer der Studentenf\u00fchrer in Berkeley, hat 1968 in etwa gesagt: \u201aWir bek\u00e4mpfen das System nicht dadurch, was wir \u2013 programmatisch \u2013 wollen, sondern in der Art, wie wir sind.\u2018 Also, zuerst ist das andere, das nicht mitmachende Verhalten wichtig. Mit seinen Einsprengseln gegenseitiger Hilfe, Entscheidungen im Konsens zu bilden (oder nicht zu entscheiden). Mit seinen humorigen \u00c4u\u00dferungen und Auftritten. Das scheint mir, der ich nicht mehr mitmachen kann, attraktiv. Die Frage dr\u00e4ngt und bleibt aber, ob das \u00fcber einen sch\u00f6nen Augenblick hinausgeht. Die Pariser Commune, in welcher Spektralfarbe immer, ist nicht zu institutionalisieren.\u201c (9)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wolf-Dieter ist nach langer, schwerer Krankheit am 12. Oktober 2019 in Berlin gestorben. Sein Tod macht mich traurig.<\/span><span lang=\"de-DE\">Wir werden ihn nicht vergessen und k\u00f6nnen so unfassbar viel von diesem gro\u00dfen Menschenfreund und Anarchisten lernen. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Bernd Dr\u00fccke, 24.10.2019<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit diesem Wunsch, oder sollte ich besser sagen \u201eAuftrag\u201c, ist Wolf-Dieter Narr im Mai 2014 im Garten des selbstverwalteten Wohnprojekts Breul-Tibus M\u00fcnster an mich herangetreten, einen Tag nachdem ich eine Trauerrede auf unsere gemeinsame Freundin Ute Sigrist auf einer Gedenkfeier gehalten hatte. F\u00fcr Menschen, die nicht das Gl\u00fcck hatten, den Politikwissenschaftler zu seinen Lebzeiten kennengelernt &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/das-anarchistische-motiv-im-herzen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":21184,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eDas anarchistische Motiv im Herzen\u201c - graswurzelrevolution","description":"Mit diesem Wunsch, oder sollte ich besser sagen \u201eAuftrag\u201c, ist Wolf-Dieter Narr im Mai 2014 im Garten des selbstverwalteten Wohnprojekts Breul-Tibus M\u00fcnster an"},"footnotes":""},"categories":[1059,1034],"tags":[],"class_list":["post-21049","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-443-november-2019","category-memorial"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21049","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21049"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21049\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21049"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21049"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21049"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}