{"id":21214,"date":"2019-12-07T20:22:29","date_gmt":"2019-12-07T18:22:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21214"},"modified":"2022-07-26T14:11:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:47","slug":"anarchie-in-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/anarchie-in-hamburg\/","title":{"rendered":"Anarchie in Hamburg"},"content":{"rendered":"<p>Ein Ort wie Hamburg ist f\u00fcr Wissens- und Erfahrungsweitergabe ein unverzichtbarer Impuls. So wie die Geschichtsvergessenheit von vielen Linken und Libert\u00e4ren auf dem Kongress \u201ePerspektiven auf Wissenschaft\u201c zu Recht beklagt wurde, so war gerade dieses Treffen in vielfacher Hinsicht eine M\u00f6glichkeit, dieser Geschichte und den daraus ableitbaren Konsequenzen Rechnung zu tragen. In den Vortr\u00e4gen und Workshops kam es zu diesem Austausch, der im Alltag und an der allt\u00e4glichen Uni so oft fehlt.<\/p>\n<h5>\u201eRadikale Bildungskurse: Anarchistische Bildung selbst machen\u201c \u2013 Schwarze Ruhr Uni Bochum<\/h5>\n<p>Im Workshop der Schwarzen Ruhr Uni wurde er\u00f6rtert und aufgezeigt wie autonome Seminare und selbstbestimmtes Lernen an der Uni und au\u00dferhalb von ihr selbst organisiert werden k\u00f6nnen. Der strukturierte Vortrag mit ein paar \u00dcbungen, gab den Anwesenden, meist jungen Leuten, aber auch einigen \u00e4lteren, eine nachvollziehbare Handhabe, wie emanzipatives Lernen aussehen k\u00f6nnte, das mensch nicht aus der Hand gibt, sondern selbst entwickelt. Zwar gab es das auch schon in den 1980er und 90er Jahren an den Unis, aber das verlorene Wissen darum muss wohl immer wieder neu und erneuert wiederentdeckt werden. Dass Lust und Lernen nahe beieinander liegen, bewies nicht nur der Vortrag des Genossen der Schwarzen Ruhr Uni, der erz\u00e4hlte, dass ihr Beziehungsworkshop bisher der erfolgreichste sei, sondern auch der Workshop zu Musik und Anarchismus, der auch am Samstag stattfand (siehe unten).<\/p>\n<h5>Mujeres Libres \u2013 Libert\u00e4re K\u00e4mpferinnen<\/h5>\n<p>In Vera Bianchis Vortrag und Workshop am Freitag zu den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/08\/mujeres-libres-libertaere-kaempferinnen\/\">Mujeres Libres<\/a> im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/06\/feministinnen-in-der-spanischen-revolution\/\">Spanischen B\u00fcrgerkrieg<\/a> zeigte sich, wie wichtig die Weitergabe und Wiederentdeckung geschichtlicher Fakten und Erfahrungen aus der anarchistischen Bewegung ist. In einer seit Jahrhunderten r\u00f6misch\u2011katholisch verseuchten Kolonialmacht Spanien mit Inquisition, totalit\u00e4rer Adelsherrschaft und kirchlichem Feudaleigentum, war die Emanzipation der Frauen der vielleicht wichtigste Akt der Sozialen Revolution 1936. Zwar zeigte sich, dass auch die revolution\u00e4r in Bewegung geratenen Massen noch von Machismo und patriarchalem Denken durchtr\u00e4nkt waren, aber die \u00d6ffnung der Gesellschaft bot die M\u00f6glichkeit zu revolution\u00e4rer Emanzipation. Diese wurde durch die Nutzung der modernen Massenkommunikation \u00fcber Buch, Zeitschrift, Plakat, Radio und Film zu einem Sprengsatz unter der Predigtkanzel und gegen den angreifenden Klerikalfaschismus. Vieles davon mutet auch heute noch hochmodern an und wirkt hinein in unsere Zeit (vgl. Interview mit Vera Bianchi in GWR 442). Der \u201eSyndikalistische Frauenbund\u201c in der anarchosyndikalistischen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/die-faud-zwischen-klassenkampf-und-pazifismus\/\">Freien Arbeiter Union Deutschlands<\/a> (FAUD), \u00fcber den Vera Bianchi aktuell forscht, nimmt sich dagegen recht handzahm aus und kam auch quantitativ bei weitem nicht an die Mujeres Libres heran.<\/p>\n<h5>Ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert<\/h5>\n<figure id=\"attachment_21263\" aria-describedby=\"caption-attachment-21263\" style=\"width: 513px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21263\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf-757x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"513\" height=\"694\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf-757x1024.jpg 757w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf-300x406.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf-600x811.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf-222x300.jpg 222w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf-768x1038.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DSC01732_HannaMittelstaedt_A-WissHH2019_DirAktion_1_byR@lf.jpg 1183w\" sizes=\"auto, (max-width: 513px) 100vw, 513px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21263\" class=\"wp-caption-text\">Hanna Mittelst\u00e4dt in der Uni Hamburg, 1. November 2019. Foto: Ralf G. Landmesser<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Highlight der Veranstaltungsreihe war vielleicht die Pr\u00e4sentation der A-Interviews unseres Dottore Dr\u00fccke, den einst die Uni M\u00fcnster aus der Lehre entsorgte und der inzwischen ein fast epochal-enzyklop\u00e4disches Werk von Stimmen des deutschsprachigen Anarchismus in seinen mittlerweile vier B\u00fcchern der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/05\/ja-anarchismus\/\">\u201eJa! Anarchismus\u201c<\/a>-Reihe versammelt hat \u2013 und nicht daran denkt, damit aufzuh\u00f6ren. Zusammen mit Vera Bianchi pr\u00e4sentierte Bernd Dr\u00fccke in wechselnder Rede exemplarische Interviews aus der erweiterten Neuauflage von \u201eja! Anarchismus\u201c, darunter den gro\u00dfartigen Filmemacher <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/ein-grosser-menschenfreund\/\">Peter Lilienthal<\/a>, der am 27. November 2019 90 Jahre alt geworden und in unseren Reihen auch durch seinen Film \u201eMalatesta\u201c bekannt ist. Nun kam aber die Dritte im Bunde ins Spiel. Die Mitgr\u00fcnderin des Hamburger Verlags \u201eEdition Nautilus\u201c, Hanna Mittelst\u00e4dt, mit der Bernd Dr\u00fccke nun ein Live-Interview f\u00fchrte, wiewohl Hanna nat\u00fcrlich schon mit zwei Interviews in den Ja-Anarchismus-B\u00fcchern vertreten ist.<\/p>\n<p>Viel zu interviewen gab es da nicht, denn Hanna ergriff mit einer begeisternden Verve das Wort, dass sich einfach nur gebanntes Zuh\u00f6ren einstellen konnte, einzig unterbrochen von gelegentlichen Zwischenfragen, die prompt und sachkundigst beantwortet wurden. Hanna rollte vor aller Augen die Geschichte des Verlages und dessen politischen Hintergrund seit 68er Tagen auf, eine wahre Zeitzeugin bewegter Tage. Schon der Slapstick, wie der ehemals MAD-Verlag (Materialien, Analysen, Diskussion) gehei\u00dfene Verlag seinen Namen aufgeben musste, weil er verr\u00fcckter Weise ausgerechnet vom deutschen Ableger des stellenweise anarchischen US-Comic-Magazins MAD verklagt wurde und nicht etwa vom Milit\u00e4rischen Abschirm Dienst (MAD) der alten BRD. In den alten MAD-Zeiten entwickelte sich der Verlag \u00fcber direkte Kontakte zur Situationistischen Internationale, die im Mai \u201a68 in Frankreich mit ihren neuen Agitations- und Kritikmethoden eine gro\u00dfe Rolle spielte. Hanna rollte deren Geschichte auf und manche*r staunte \u00fcber die SI-Vorl\u00e4ufer, die \u201eLettristen\u201c aus den 1950er Jahren.<\/p>\n<p>\u00dcber die SI gab es 2019 eine gro\u00dfe Ausstellung im HKW in Berlin, wo auch alle entsprechenden Nautilus-B\u00fccher pr\u00e4sent waren. Bei MAD machte unter anderen die Brosch\u00fcre \u201e\u00dcber das Elend im Studentenmilieu\u201c Furore, die sich mit der psychosozialen Situation der damaligen Student*inn*enschaft befasste. Mit einem verlegerischen Gl\u00fcckstreffer in der Krimi-Landschaft (\u201eTann\u00f6d\u201c) gelang es dem Verlag nach Jahrzehnten, einen riesen Bestseller zu landen, der sofort in volumin\u00f6se und inhaltlich schwergewichtige Werke wie \u201eDurruti\u201c von Abel Paz, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/emma-goldman-anarchistin-und-padagogin\/\">Emma Goldmans<\/a> \u201eGelebtes Leben\u201c oder z.B. das wichtige \u201eANARCHIE!\u201c von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/11\/horst-stowasser-7-1-51-30-8-09\/\">Horst Stowasser<\/a>, der dieses Jahr zehn Jahre nicht mehr unter uns weilt, investiert wurde.<\/p>\n<p>Hanna, die vor sechs Jahren ihren Partner und Nautilus-Mitgr\u00fcnder Lutz Schulenburg verloren hat, machte einen keineswegs resignierten Eindruck, sondern zeigte in all ihren \u00c4u\u00dferungen, dass sie nach wie vor f\u00fcr die libert\u00e4re Sache brennt und gro\u00dfe Hoffnungen in neue Bewegungen von unten, wie z.B. die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/graswurzelbewegung-gegen-die-klimakatastrophe\/\">Fridays for Future<\/a>, setzt. Nach Hannas fulminantem \u201eInterview\u201c-Vortrag, der hier nicht einmal ansatzweise wiedergegeben werden kann, setzte Bernd Dr\u00fccke auf den gelungenen Abend noch einen drauf, indem er \u00fcberraschend gekonnt einen hochsatirischen Song der anarchistischen Kabaretttruppe \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/12\/wie-kam-die-jungfrau-zum-kinde\/\">Die Drei Tornados<\/a>\u201c zum Besten gab. Dass es zum Abschluss \u201enur\u201c Applaus f\u00fcr das Podium und keine \u201eVivA-Rufe\u201c gab, ist wirklich erstaunlich.<\/p>\n<h5>Herrschaftsfreie Institutionen<\/h5>\n<p>Am Freitagmorgen hatten schon R\u00fcdiger Haude und Thomas Wagner ihre gemeinsamen anthropologischen Forschungsergebnisse zu Gesellschaften ohne Staat zum Besten gegeben und damit den Horizont der Zuh\u00f6renden erheblich erweitert. Beide ehemalige Studenten von Professor Christian Sigrist, besch\u00e4ftigen sich nun schon seit Jahrzehnten mit diesem Thema, in dem Sigrist ein Pionier war. Ihr erstmals 1999 erschienenes Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/herrschaftsfreie-institutionen\/\">Herrschaftsfreie Institutionen<\/a>\u201c ist soeben in einer \u00fcberarbeiteten Neuauflage im Verlag Graswurzelrevolution herausgekommen. Inzwischen gibt es weitere aktuelle Studien von anderen Wissenschaftler*innen, die die entsprechende Erkenntnislage erheblich erweitert haben und damit aufzeigen, dass das Forschungsinteresse an libert\u00e4r organisierten und so tendierenden Gesellschaften aus ideologischem Interesse und eurozentristischer Nabelschau bis in die 1970er Jahre und dar\u00fcber hinaus ignoriert wurde und wird. Heute kann es keinen vern\u00fcnftigen Zweifel mehr geben, dass libert\u00e4r strukturierte Gesellschaften existieren und schon immer existiert haben. Staat ist nicht alternativlos. Das selbstreferentielle Forschen der \u201eStaatisten\u201c ist l\u00e4ngst durch Menschen wie Harold Barcley, David Graeber sowie andere und nicht zuletzt unsere beiden Protagonisten ersch\u00fcttert und aufgebrochen. Ob dies in absehbarer Zeit zu einem erkenntnistheoretischen Aufbruch und Wandel gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00dfes f\u00fchren wird, steht allerdings noch dahin.<\/p>\n<h5>Gustav-Landauer-Ausstellung<\/h5>\n<p>F\u00fcr viele Anwesende war auch die aus Berlin angereiste \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/ausstellung-ueber-gustav-landauer\/\">Gustav-Landauer-Ausstellung<\/a>\u201c ein Aha-Erlebnis, war doch von einigen anerkennend zu h\u00f6ren, dass sie nicht geahnt hatten, dass Landauer eine solch wichtige und vernetzte Pers\u00f6nlichkeit gewesen ist. In der auch anderswo pr\u00e4sentierbaren Ausstellung steckt viel jahrzehntelange wissenschaftliche Forschungsarbeit, die l\u00e4ngst noch nicht abgeschlossen ist. Landauer mit seinen vielf\u00e4ltigen Aktivit\u00e4ten als Schriftsteller, Theaterschaffender, politischer Philosoph, Aktivist im \u201eSozialistischen Bund\u201c und als Vorl\u00e4ufer der Alternativbewegung hat eine Unmenge Menschen auf ihrem Lebensweg beeinflusst und tut dies bis heute. Hermann Hesse, Martin Buber, Erich M\u00fchsam, Heinrich Mann und Oskar Maria Graf, sowie die weniger bekannte, aber h\u00f6chst aktive Margarethe (Faas-)Hardegger sind nur einige der vielen Namen, die in seinem Wirkungskreis zu finden sind. Die deutsche Geistesgeschichte tut bisher wenig, den Anarchopazifisten und seine Lebensgef\u00e4hrtin Hedwig Lachmann zu w\u00fcrdigen. Immerhin haben sich die Stadt M\u00fcnchen und der Berliner Bezirk Kreuzberg inzwischen entschlossen, Landauer Denkm\u00e4ler zu widmen. Die mehrfach stattfindenden sachkundigen F\u00fchrungen durch die Ausstellung taten ein \u00fcbriges, den Interessierten Landauer nahezubringen, der als aktiv Mitwirkender der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik (Volksbeauftragter f\u00fcr Bildung) vor 100 Jahren am 2. Mai von der antisemitischen wei\u00dfen Soldateska im Knast Stadelheim ermordet wurde.<\/p>\n<h5>Bakuninh\u00fctte<\/h5>\n<p>In einem neuen Licht wurde die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/11\/kulturdenkmal-bakuninhuette\/\">Bakuninh\u00fctte<\/a> bei Meiningen (Th\u00fcringen), die vor kurzem zum sozialen Denkmal erkl\u00e4rt wurde, von Anna Regener und H\u00f6lzi pr\u00e4sentiert. Die alte FAUD-Wanderh\u00fctte, die von drei deutschen Staaten hintereinander entsch\u00e4digungslos enteignet wurde und nach langem Ringen vom \u201eWanderverein Bakuninh\u00fctte\u201c gegen viele harte Euros wiedererworben werden musste, wurde von den beiden Arch\u00e4olog*inn*en im Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der dazu notwendigen Arbeitsweisen vorgestellt. Dadurch ergaben sich neue spannende Perspektiven auf die Vergangenheit und die m\u00f6gliche Zukunft des immer noch von reaktion\u00e4rer Seite behinderten Projekts, das mittlerweile assoziiertes Naturfreundehaus ist. Schon der Verein hatte \u00fcber viele Jahre erhebliche Forschungs- und Recherchearbeit geleistet, die von vielen Erfolgen gekr\u00f6nt war und in Ausstellungen m\u00fcndete. So konnten zum Beispiel Fragmente des H\u00fcttenspruchs sichergestellt, die historischen Musikinstrumente, die Bibliothek, die original Wanderstockbeschl\u00e4ge, das H\u00fcttenbuch und andere Artefakte wieder zusammengebracht und mit letzten \u00dcberlebenden der alten FAUD-Zeit ein Dokumentarfilm gedreht werden. Die nun weitergef\u00fchrte arch\u00e4ologische Arbeit wird hoffentlich zu zus\u00e4tzlichen Erkenntnissen und Funden f\u00fchren. Der beeindruckende Vortrag fand gro\u00dfen Beifall.<\/p>\n<p>Nach diesem intensiven Freitag fanden leider nur noch wenige CompAs zusammen mit der Anarchistischen Initiative den Weg in die \u201eJupi-Bar\u201c im sicherlich sehenswerten G\u00e4ngeviertel, das erfolgreich von einer K\u00fcnstlerinitiative besetzt worden war und nun einen legalisierten neuen Freiraum f\u00fcr viele M\u00f6glichkeiten bildet. (1)<\/p>\n<h5>Musik und Anarchistisches<\/h5>\n<p>Nachdem dem ersch\u00f6pften Schreibenden nicht nur das G\u00e4ngeviertel, sondern auch der Samstagmorgen entgangen war, an dem von about:fem K\u00f6ln in den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/10\/anarchafeminismus\/\">Anarchafeminismus<\/a> eingef\u00fchrt wurde und Martin Loeffelholz drei Thesen zu einer \u201eNeuformulierung des Anarchismus\u201c aufstellte, fand am fr\u00fchen Nachmittag, von Gerhard Hanloser vorbereitet, ein Workshop zu Musik und Anarchismus statt.<\/p>\n<p>Gerhard Hanloser hatte zu diesem Zweck aus seinem Fundus einige mehr oder weniger historische A-Tontr\u00e4ger mitgebracht und eine kleine Brosch\u00fcre mit Texten zusammengestellt. Allerdings blieben die Teilnehmenden gleich am ersten Text h\u00e4ngen, der von Ton-Steine-Scherben (TSS) stammte und der \u201eMusik als Waffe\u201c im politischen Kampf propagierte. Naturgem\u00e4\u00df schieden sich gleich hier die Geister und die wichtige Band TSS, ihre Message und ihre Entwicklung hin zu mehr kommerzialisierter Musik bestimmte \u00fcber weite Strecken die Diskussion, so dass Gerhards weitere Textsammlung gar nicht mehr zur Sprache kam (mensch konnte sie aber mit nach Hause nehmen). Erstaunlicherweise ging es wenig um das immanent Anarchische in der Musik, umso mehr aber um ihre Stilrichtungen. Der weltber\u00fchmte experimentelle Musiker und Anarchist John Cage kam beispielsweise nur am Rande vor. (Punk-)Rock- und Rap-Fans sa\u00dfen sich zeitweise verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcber und ein ehemaliger bekannter Punkrocker proklamierte, dass er nur noch Jazz und Blues h\u00f6re. Andere brachen zu Recht eine Lanze f\u00fcr die Weltmusik, die die verschiedensten Impulse aufgenommen h\u00e4tte, w\u00e4hrend die Techno-Fraktion eindeutig in der Minderheit war und sich beinahe auch noch anh\u00f6ren musste, dass eine bestimmte Form von Techno protofaschistisch wie Marschmusik sei. Die einen konnten Texten\/Lyrics viel abgewinnen, w\u00e4hrend Andere nur den Rythm-Sound bevorzugten. Klassische Anarchist*inn*ensongs auf Deutsch waren kaum auszumachen. Politbarden wie Woody Guthrie, Degenhardt, Biermann oder Konstantin Wecker wurden fast vergessen und dem Vergessen musste mensch auch so manche anarchistische Band entrei\u00dfen, selbst wenn sie Anarchist Academy hie\u00df. Bei dem vielen Dissens blieb die Diskussion dennoch interessant, lebendig und respektvoll der anderen Meinung, der anderen Vorliebe gegen\u00fcber. Die anberaumte Zeit wurde locker \u00fcberzogen, w\u00e4hrend immer noch weitere neue Aspekte auftauchten. Angeregt diskutierend wurde mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass dieser Workshop noch einige Fortsetzungen haben m\u00fcsste.<\/p>\n<h5>Anarchistisch \u00e4lter werden \u2013 (Wie) Geht das?<\/h5>\n<p>Bei Gerhard Gr\u00fcneklee aus Bremen mit dem Thema \u201eAnarchistisch \u00e4lter werden\u201c hatten sich gl\u00fccklicherweise nicht nur \u00fcberwiegend \u00c4ltere eingefunden. Nach einer Pause diversifizierte sich allerdings die Gruppe nach Alterskategorien, da sich insbesondere ein paar Frauen nicht zum zuf\u00e4llig \u00fcbrig gebliebenen H\u00e4ufchen \u201ealter Zausel\u201c hinzufinden mochten. Allerdings waren sich alle einig, dass respektvoll und interessant diskutiert worden sei und mensch durchaus bereichert und gedanklich angeregt den Workshop verlasse.<\/p>\n<p>Auch an diesem Samstag stellte sich bei vielen eine gewisse Ersch\u00f6pfung ein. Bei mir reichte es nicht mehr zur Teilnahme bei Jule Ehms und ihrem Workshop zur historischen Freien Arbeiterunion Deutschlands (FAUD). Auch \u201eGeschlecht in rechten Medien\u201c vom Infotisch Dortmund musste unbesucht bleiben, ebenso wie Konzert und Fete im Knallhart-Keller, zumal ich selbst am Sonntagmorgen zu nachtschlafender Zeit aus-checken und um 10 Uhr zum Vortrag antreten sollte. Mir schwante Schreckliches.<\/p>\n<h5>Die M\u00fcnchener R\u00e4terepublik und Ret Marut (B. Traven)<\/h5>\n<p>Schrecklich m\u00fcde schaffte ich es dennoch p\u00fcnktlich vor 10 Uhr im Vortragssaal zu erscheinen, w\u00e4hrend das Caf\u00e9 Knallhart noch knall-zu war. Vor dem Saal traf ich schon den nimmerm\u00fcden Lou Marin am Graswurzelrevolution-B\u00fcchertisch an \u2013 aber sonst eigentlich niemanden. Nur ein junger Mann hatte sich eingefunden, offenbar auch nicht recht gl\u00fccklich um die fr\u00fche Stunde. Ansonsten war der Saal g\u00e4hnend leer \u2013 auch niemand von den Organisator*innen weit und breit. Und ich brauchte doch den Beamer! Schlie\u00dflich stellte sich heraus, dass wir eine halbe Stunde zu fr\u00fch dran waren \u2013 es begann erst um 10:30 Uhr. Aber um 10:30 Uhr begann es nat\u00fcrlich nicht und ich glaubte schon, au\u00dfer mir seien alle abgereist.<\/p>\n<p>Doch um 11 herum f\u00fcllten sich die Reihen. Auch die Mienen der wenigen P\u00fcnktlichen hellten sich auf. Hell erstrahlte der Beamer. Trotz des Sonntagmorgens hatten sich am Ende sch\u00e4tzungsweise 50 Leute eingefunden und h\u00f6rten intensiv zu, was ich \u00fcber die M\u00fcnchener R\u00e4terepublik von 1919, Erich M\u00fchsam und vor allem \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/von-muenchen-nach-mexiko\/\">Ret Marut<\/a> (Volksbeauftragter f\u00fcr das Pressewesen, Vorsitzender der Ausschusses f\u00fcr ein Revolutionstribunal) und 1917-1921 Herausgeber der frechen anarchistischen Zeitschrift \u201eDer Ziegelbrenner\u201c, zu erz\u00e4hlen hatte.<\/p>\n<p>Der sp\u00e4ter ber\u00fchmteste Autor aus den Reihen der M\u00fcnchener R\u00e4terevolution\u00e4r*innen kommt n\u00e4mlich in Literatur und Forschung zur Bayerischen R\u00e4terepublik kaum vor. Als B. Traven wurde Ret Marut, nunmehr in Mexiko, 1925 zum Starautor der neugegr\u00fcndeten B\u00fcchergilde Gutenberg und bald zum Weltautor. Dies ohne einen Augenblick von seinen revolution\u00e4ren Grunds\u00e4tzen abzuweichen. Seine ersten Romane: \u201eDer Wobbly\u201c (Die Baumwollpfl\u00fccker) und \u201eDas Totenschiff\u201c, beides Bestseller, letzterer bis heute! Fast alle BT-Romane wurden verfilmt, \u201eDer Schatz der Sierra Madre\u201c, eine Story um Goldgier, mit drei Oscars. Das war auch vielen hier neu. So wurde denn \u00fcber zwei Stunden zugeh\u00f6rt und nachgefragt, bevor vier an- und aufregende Tage mit Anarchismus an der Uni Hamburg zu Ende gingen.<\/p>\n<p>Falls jemand den ersten Tag vermisst: den habe ich verpasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><span class=\"AutorIn1\">R@lf G. Landmesser<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ort wie Hamburg ist f\u00fcr Wissens- und Erfahrungsweitergabe ein unverzichtbarer Impuls. 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