{"id":21231,"date":"2019-12-07T00:33:20","date_gmt":"2019-12-06T22:33:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21231"},"modified":"2019-12-12T17:38:20","modified_gmt":"2019-12-12T15:38:20","slug":"oekologische-sensibilitaet-wachstumskritik-und-anarchistische-utopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/oekologische-sensibilitaet-wachstumskritik-und-anarchistische-utopien\/","title":{"rendered":"\u00d6kologische Sensibilit\u00e4t, Wachstumskritik  und anarchistische Utopien"},"content":{"rendered":"<h5><span lang=\"de-DE\">Auf dem Weg in die \u00d6kodiktatur?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Klimakatastrophe birgt gewaltige politische Potentiale \u2013 nichts gegen die rassistisch inszenierte Fl\u00fcchtlingskrise. <\/span><span lang=\"de-DE\">Denn: Was ist der Verlust von ethnischer Homogenit\u00e4t, Kultur und Heimat verglichen mit dem Verlust der Lebensgrundlage unserer Kinder? Was ist die vermeintliche islam(ist)ische \u201eUmvolkung\u201c verglichen mit dem Ausl\u00f6schen der gesamten Menschheit? Was ist das dumpfe rassistische Ressentiment von gesellschaftlich abgeh\u00e4ngten sexistisch-maskulinen Proleten und ihren rechtsintellektuellen Aufh\u00fcbschern gegen die wissenschaftlich fundierte Emp\u00f6rung von Kindern auf den Fridays-for-Future-Demonstrationen? Was sind die \u201eIdentit\u00e4ren\u201c gegen die blondgezopfte Greta?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die drohende Ausl\u00f6schung der Menschheit, die Zukunft unserer Kinder provoziert Gesinnungsethik, verlangt eine radikale \u00c4nderung des Konsum- und Freizeitverhaltens und rechtfertigt Eingriffe des Staates, gesetzliche Verbote und Einschr\u00e4nkungen. Da die Rettung national schwer zu erreichen ist, bedarf es eines internationalen Vorgehens. Vorschl\u00e4ge dazu von Intellektuellen gab es bereits in den 1970er Jahren. Der gr\u00fcn-autorit\u00e4re Herbert Gruhl schrieb: Am g\u00fcnstigsten w\u00e4re eine \u201eWeltregierung\u201c, die \u201emit allen Machtmitteln ausgestattet w\u00e4re\u201c und eine \u201eentschlossen[e] Aufhebung von Freiheiten und Grundrechten\u201c vornimmt. (Gruhl 1978, S. 299) \u00c4hnlich argumentierte zur gleichen Zeit der linksautorit\u00e4re Staatssozialist und Marxist Wolfgang Harich. Er meinte, die Perspektive einer herrschaftsfreien, kommunistischen Gesellschaft m\u00fcsse angesichts der \u00f6kologischen Katastrophe aufgegeben werden. Ihm schwebte so etwas vor wie eine dauerhafte globale \u00d6ko-Diktatur (Harich 1984). Harich merkte \u00fcbrigens lakonisch an, dass die Perspektive von Marx\/Engels\/Lenin, n\u00e4mlich das Absterben des Staates und das Entstehen einer herrschaftsfreien Gesellschaft der Gleichen und Freien eine Art \u201eanarchistischen Rest\u201c darstellt, von dem man sich angesichts der \u00f6kologischen Krisensituation verabschieden m\u00fcsse. Das hei\u00dft: Bereits die verglichen mit der heute drohenden Klimakatastrophe harmlos erscheinende \u00f6kologische Krise der 1970er und 1980er Jahre veranlasste damalige Rechts- und Linksautorit\u00e4re, nach einem autorit\u00e4ren undemokratischen Staat zu rufen, in dem individuelle Freiheitsrechte hinderlich w\u00e4ren. Der damals sehr popul\u00e4re Rudolf Bahro rief sogar nach einem \u201egr\u00fcnen Adolf\u201c (Katz 2006), als einer \u201erepr\u00e4sentativen Pers\u00f6nlichkeit\u201c, die einer \u00d6kologiebewegung als \u201eSymbol [\u2026] in einer Menschengestalt\u201c vorangehen solle (Bahro 1987, S. 352f.). <\/span><span lang=\"de-DE\">Auch Bahro wandte sich gegen anarchistische Denkans\u00e4tze: Die \u00f6kologische Notwendigkeit eines \u201egr\u00fcnen Adolfs\u201c erledige das anarchistische Ideal \u201eKeine Macht f\u00fcr niemand\u201c. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Meine Bef\u00fcrchtung: <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Vor dem Hintergrund des drohenden Klimakollapses werden rechts- und linksautorit\u00e4re Politikrezepte und \u201eGesinnungen\u201c wieder einmal akzeptabel. <\/span><span lang=\"de-DE\">Zumal dann, wenn ein imagin\u00e4res \u201eWir\u201c als Verursacher ausgemacht ist: Wir, unser Wohlstand, unsere Fernreisen und SUVs sind die Verursacher f\u00fcr die sich abzeichnende Katastrophe, nicht etwa der global agierende Kapitalismus. Das hilft, die Systemfrage nicht stellen zu m\u00fcssen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Unsere Schuld verlangt Bu\u00dfe und rechtfertigt Verzichtsforderungen. Eine gr\u00fcne Verbotskultur \u2013 so nachvollziehbar Verbote im Einzelfall sein m\u00f6gen \u2013 k\u00f6nnte dann der Anfang sein f\u00fcr eine autorit\u00e4re G\u00e4ngelung. Der in sozialer und \u00f6kologischer Hinsicht zerst\u00f6rerische globale Kapitalismus m\u00fcsste dann erst gar nicht thematisiert werden. Im Gegenteil: Er lie\u00dfe sich mit einer moderaten CO2-Steuer nachhaltig aufpeppen. (1)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die anarchistische Tradition mit ihrer herrschafts- und damit auch kapitalismuskritischen Haltung, k\u00f6nnte so etwas wie ein kritisches Korrektiv gegen\u00fcber rechts- und linksautorit\u00e4ren Verlockungen bilden. Zudem existieren innerhalb der anarchistischen Traditionen einige Denkans\u00e4tze, die \u00f6kologisch-nachhaltiges Denken unterst\u00fctzen und ihnen eine emanzipatorische Richtung geben k\u00f6nnten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Letztere werde ich in meinem Beitrag kurz skizzieren. Doch zuvor die immer noch notwendigen Vorbemerkungen, wenn von Anarchismus und Anarchie die Rede ist.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">1. Vorbemerkungen zum Anarchismus<\/span><\/h5>\n<ol>\n<li><span lang=\"de-DE\">Anarchie bedeutet weder Chaos noch Gewalt und Terror, sondern Herrschaftslosigkeit bzw. eine gewalt- und herrschaftslose Gesellschaftsordnung. (2)<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Der Anarchismus ist kein klassischer \u201eIsmus\u201c, formuliert keine homogene Gesellschaftstheorie, sondern ist eher eine Haltung, ein Ideal, eine utopische Orientierung. \u201eDen\u201c Anarchismus gibt es nicht! <\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Anarchie ist schon gar keine geschlossene Utopie, kein Gesellschaftsbauplan im Sinne der so gern zitierten Renaissanceutopien oder der Utopien des 19. Jahrhunderts, sondern bietet allenfalls einige Vorschl\u00e4ge. <\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Anarchisten und Anarchistinnen sind keine Linksradikalen. Sie lassen sich nicht ohne Substanzverlust im g\u00e4ngigen Rechts-Links-Schema unterbringen.<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Anarchisten und Anarchistinnen agierten im 20. Jahrhundert \u2013 oft sehr erfolgreich \u2013 innerhalb der Arbeiter(innen)- und R\u00e4tebewegungen, existierten aber auch solit\u00e4r als intellektuelle Freidenker und Freidenkerinnen. (3)<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Zur Selbstbezeichnung \u201elibert\u00e4r\u201c greifen Anarchisten und Anarchistinnen, wenn sie das Vorurteil Anarchie gleich Terror und Chaos umgehen wollen oder wenn sie anarcho-revisionistische Positionen bezeichnen. <\/span><\/li>\n<\/ol>\n<h5><span lang=\"de-DE\">2. Die b\u00fcrgerlich-marxistischen Fortschrittsideologie und Utopiefeindlichkeit<\/span><\/h5>\n<figure id=\"attachment_21372\" aria-describedby=\"caption-attachment-21372\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-21372\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin-240x300.jpg\" alt=\"Ein wohlbeleibter Mann mit Baseballkappe und Gehstock sitzt auf einem Stuhl.\" width=\"240\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin-240x300.jpg 240w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin-300x375.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin-600x750.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin-768x960.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin-819x1024.jpg 819w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Murray_Bookchin.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21372\" class=\"wp-caption-text\">Murray Bookcin 1999 Foto: Janet Biehl \/ Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Geschichte der Menschheit wird sp\u00e4testens seit der Aufkl\u00e4rung als homogenisierendes Fortschrittsmodell konstruiert: Fortschreitendes Wissen erm\u00f6glicht fortschreitende Naturunterwerfung, erm\u00f6glicht fortschreitende Wirtschaft, erm\u00f6glicht fortschreitende Emanzipation des Menschen. Am Ende der fortschreitenden Geschichte steht dann bei Marx, Engels und Lenin der Kommunismus, in der die Natur unterworfen, angeeignet und \u201ehumanisiert\u201c ist.(4) <\/span><span lang=\"de-DE\">Bei Sozialisten aller Couleur ist der Staatssozialismus das Ende der Geschichte. F\u00fcr die \u201ewestliche Wertegemeinschaft\u201c scheint es der Kapitalismus und die liberale parlamentarische Demokratie zu sein, die alternativlos weiterexistieren soll. Alle diese geschichtsphilosophischen Modelle \u2013 gleichg\u00fcltig ob links, rechts oder liberal \u2013 folgen einem Wachstums- und Fortschrittsmodel. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieses Modell findet seine reinste Form bei Hegel und im Marxismus. Marx und Engels wollten die Philosophie Hegels vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe stellten, behielten in ihrer materialistischen Variante allerdings den theologisch verb\u00fcrgten Fortschrittsautomatismus bei: Hegel schreibt in seinen Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte: \u201eGott regiert die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollf\u00fchrung seines Plans ist die Weltgeschichte.\u201c (Hegel). Analog dazu hei\u00dft es bei Marx und Engels in der \u201edeutschen Ideologie\u201c: Der \u201eKommunismus ist f\u00fcr uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen den Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt\u201c (Marx\/Engels 1845\/46 [1990], S. 53). Das Basis-\u00dcberbau-Theorem und die damit verbundene Widerspiegelungstheorie best\u00e4tigen die Utopiefeindlichkeit. (5) <\/span><span lang=\"de-DE\">Die hier skizzierte Gesamtkonzeption ist der Utopie entgegengesetzt, vor allem einer Utopie der Nachhaltigkeit. Engels argumentiert, dass die \u201ematerialistische Geschichtswissenschaft\u201c die Utopie \u00fcberwunden hat (Engels 1880 [1980]). Selbst der Bloch des \u201ePrinzips Hoffnung\u201c sieht in der Utopie lediglich den Vorschein dessen, was sich ereignen wird. Damit wird der Utopie letztlich eine initiative gesellschaftsver\u00e4ndernde Kraft abgesprochen (Cantzen 1987, S. 36ff.).<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">3. Grundlagen des \u00f6kologischen Anarchismus: Wiederanschluss an die Natur<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anarchisten folgen diesen Fortschritts- und Wachstumsmodellen nicht. Sie setzten an die Stelle der geschichtsphilosophischen Annahme, dass aus technisch-wirtschaftlichem Fortschritt die Emanzipation der Menschheit resultiert, die anarchistische Utopie: Anarchie, also die (herrschafts- und damit hierarchiefreie) Gesellschaft der Freien und Gleichen,\u2013 ist nichts, was in der Geschichte selbst angelegt sei, sondern \u201eein Bestreben mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 2). Damit ist f\u00fcr Landauer klar: Anarchie \u2013 alias Sozialismus (6) \u2013 ist nicht abh\u00e4ngig von der Produktivkraftentwicklung, \u201eh\u00e4ngt seiner M\u00f6glichkeit nach gar nicht von irgend einer Form der Technik und der Bed\u00fcrfnisbefriedigung ab. Sozialismus ist zu allen Zeiten m\u00f6glich, wenn eine gen\u00fcgende Zahl von Menschen ihn will\u201c (ebd., S. 61). (7) Der deutsche Anarchist und Sozialist Gustav Landauer \u2013 geboren 1870 in Karlsruhe als Sohn einer j\u00fcdischen, nicht religi\u00f6sen Familie, 1919 in der Haft von rechten Freikorps-Soldaten ermordet nach Zerschlagung der M\u00fcnchener R\u00e4terepublik \u2013 bietet, wie ich meine, den g\u00fcnstigsten Ausgangspunkt zur Entwicklung anarchistisch-\u00f6kologischer Denkans\u00e4tze. Die Philosophie des Individual-Anarchisten Max Stirner, der evolutionsbiologische Ansatz Peter Kropotkin u.a. lassen sich in die Konzeptionen Landauers einbinden. Seine sehr deutliche Kritik am Staatssozialismus und Marxismus haben m. E. eine Rezeption seines Werkes innerhalb der \u201eLinken\u201c erschwert. Doch genau diese Kritik macht es offen f\u00fcr eine Utopie und Perspektive einer \u00f6kologischen Gesellschaft. Erschwerend wirkte auch Landauers \u201egottlose Mystik\u201c, die er dem Materialismus seiner politischen Gegner auf Seiten der Linken entgegenstellte. Diese an Meister Eckhart, an der Sprachkritik Mauthners und der Philosophie Spinozas entwickelte Mystik \u00f6ffnet Landauer \u2013 wie in einer von Siegbert Wolf neu herausgegebenen und kommentierten Neuausgabe von Landauers Werk \u201eSkepsis und Mystik\u201c sehr deutlich wird \u2013 einen anderen Blick auf Welt und Natur (Landauer 1903 [2011], S. 39ff.). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Anarchie in anarchistischen Utopien wie denen von William Morris (1890 [1981]), Le Guin (1976) u.a., ist nicht an einen bestimmten Stand der Produktivkraftentwicklung und damit die Ausbeutung der Natur und ihre \u201eHumanisierung\u201c gebunden. Das hei\u00dft nicht, dass sich Anarchistinnen und Anarchisten eine statische Gesellschaft als ihre Utopie entwerfen. Im Gegenteil: Die anarchistische Gesellschaft \u201esucht die vollst\u00e4ndige Entwicklung der Individualit\u00e4t, verbunden mit der h\u00f6chsten Entwicklung der unter allen Gesichtspunkten freiwilligen Verbindung f\u00fcr alle m\u00f6glichen Stufen, f\u00fcr alle denkbaren Ziele: eine stets wandelbare Verbindung, die in sich selbst die Grundlagen der Dauer tr\u00e4gt und die Formen annimmt, die in jedem Augenblick am besten der mannigfaltigen Bestrebungen aller entsprechen\u201c (Kropotkin 1896 [1983], S. 68). Kropotkin (1842-1921) nimmt eine permanente \u00c4nderung einer anarchistischen Gesellschaft an. Die Renaissance-Utopisten Morus, Campanella, Bacon dachten ihre Utopien jeweils statisch. Sie stellen die perfekte Ordnung \u2013 um es ein wenig zuzuspitzen \u2013 als eine \u201egeschlossene\u201c Gesellschaft dar. Anarchistische Utopien stellen sich ihre Idealgesellschaft als variable vor, als eine Ordnung, die sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Anarchist(inn)en entwerfen also eine \u201eoffene Gesellschaft\u201c. Die Utopien folgen aber Idealen, freien Entw\u00fcrfen der Herrschaftslosigkeit. Utopien sind somit gerade nicht gedacht als Vorwegnahme dessen, was bereits im Geschichtsprozess angelegt ist. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die geschilderte Utopiefeindlichkeit im Werk von Marx\/Engels und des Marxismus\u2018 seiner Zeit f\u00fchrt Landauer auf die \u201ematerialistische Geschichtsauffassung\u201c zur\u00fcck. In seinem \u201eAufruf zum Sozialismus\u201c interpretiert er den \u201eEntwicklungssozialismus\u201c als Widerspiegelung des Industrialismus. Dabei kommt immer wieder das \u201eindustrialistische\u201c Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnis in den Blick. Landauers Marxismuskritik ist damit auch als Industrialismuskritik lesbar und umgekehrt: Seine Industrialismuskritik ist eine Kritik am Marxismus. Irritierend mag zun\u00e4chst der Satz sein: \u201eDer Vater des Marxismus ist der Dampf. \/Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf.\u201c (Landauer 1978, S. 48). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die in diese Polemik eingebundene Analyse verweist auf die Herkunft des \u201eEntwicklungssozialismus\u201c, n\u00e4mlich den Industrialismus des 19. Jahrhunderts: \u201eWeil aber nicht nur die fortschreitende Technik in ihrem Geistchen sich abspiegelt, sondern ebenso auch die \u00fcbrigen Tendenzen der Zeit, darum ist ihnen auch der Kapitalismus Fortschritt, ist ihnen auch der Zentralstaat Fortschritt\u201c (ebd., S. 57). Sozialismus, wie ihn Landauer versteht, ist keinesfalls durch die Inbesitznahme des Kapitalismus durch einen revolution\u00e4ren Staat oder das Proletariat zu erreichen, sondern nur durch eine Umstrukturierung der gesamten Gesellschaft, deren Wirtschaft und auch des gesellschaftlichen Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnisses. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die im kapitalistischen Industrialismus geschehene Aneignung der Natur und die hier erfolgte industrielle \u201eHumanisierung der Natur\u201c verlangt eine \u00c4nderung. Landauer skizziert ein anderes Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnis mit der Formulierung \u201eWiederanschluss (des Menschen) an die Natur\u201c. Natur ist damit nicht etwas, was restlos \u201eangeeignet\u201c und vollst\u00e4ndig beherrscht werden soll, sondern bleibt ein respektiertes Anderes, was durchaus auch als etwas Anderes erhalten bleiben kann. Natur ist damit \u2013 ebenso wie der andere Mensch \u2013 kein blo\u00dfes Material, dessen sich der Mensch r\u00fccksichtslos bem\u00e4chtigen kann. Der mit der \u201eHumanisierung der Natur\u201c dialektisch einhergehende \u201eNaturalisierung des Menschen\u201c setzt Landauer eine Formulierung entgegen, die sich der Aneignungs- und Verarbeitungslogik verweigert. Landauer spricht davon, dass eine naturnahe Gesellschaft auch \u201eein St\u00fcck Natur von uns lebendig\u201c (Landauer 1977, S. 103 ff.) werden lassen kann. Damit unterscheidet sich Landauers Denken grunds\u00e4tzlich von jener Natur-Verwertungslogik, die den \u201eEntwicklungssozialismus\u201c der Marxisten pr\u00e4gte und nicht minder deutlich von der kapitalistischen Verwertungslogik. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u00a0<\/span><\/h5>\n<figure id=\"attachment_21373\" aria-describedby=\"caption-attachment-21373\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-21373\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe-216x300.jpeg\" alt=\"Ein aufrecht gehender Rabe mit Jacke, Hose und Stiefel tr\u00e4gt einen Becher Kaffee und eine Termoskanne\" width=\"216\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe-216x300.jpeg 216w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe-300x417.jpeg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe-600x834.jpeg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe-768x1068.jpeg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe-737x1024.jpeg 737w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_rabe.jpeg 810w\" sizes=\"auto, (max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21373\" class=\"wp-caption-text\">Rabe, Zeichnung: Oli<\/figcaption><\/figure>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">4. Anarchistische Utopien und Strategien<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Gedanke eines \u201eWiederanschlusses an die Natur\u201c flie\u00dft als ein Element in die soziale Utopie Landauers ein. Landauer stellt zun\u00e4chst fest, dass Naturzerst\u00f6rung verbunden ist mit Sozialverfall. Im Kapitalismus seien \u201ealle wirtschaftlich-technischen Fortschritte [\u2026] in ein System sozialen Verfalls eingebunden\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 47). Eine soziale und \u00f6kologische Gesellschaft, wie sie Landauer versteht, kann deshalb nicht verstanden werden als blo\u00dfe Weiterentwicklung des global agierenden, staatlich flankierten Kapitalismus, sondern durch eine konsequente \u201eVergesellschaftung\u201c herrschaftlicher Strukturen in Staat und Wirtschaft. Zwei Zielrichtungen oder Strategien lassen sich dabei unterscheiden: Einmal geht es darum, wie Landauer es mehrfach formuliert, \u201eaus dem Kapitalismus auszutreten\u201c und mit sozialistischen Siedlungen neu zu beginnen (Landauer 1909 [1977], S. 109). Zum anderen geht es darum, bestehende herrschaftliche Strukturen in Wirtschaft und Staat zu vergesellschaften, das hei\u00dft zum Beispiel in r\u00e4tedemokratische Strukturen zu \u00fcberf\u00fchren. Auf den politischen Bereich bezogen, meint das eine Vergesellschaftung des Staates und Entstaatlichung der Gesellschaft. Bezogen auf den Bereich der \u00d6konomie zielt eine Vergesellschaftung auf eine demokratische Kontrolle der Produktion und eine \u00dcberf\u00fchrung in eine genossenschaftliche Organisationsform. Eine weitgehende Dezentralisierung w\u00e4re notwendig. F\u00fcr eine herrschaftsfreie Kooperation entwickeln Anarchist(inn)en f\u00f6deralistische Konzepte, also Entscheidungsverl\u00e4ufe, die \u201evon unten nach oben\u201c organisiert sind. Die Utopie einer dezentral-f\u00f6deralen Gesellschaftsordnung ist innerhalb des Anarchismus bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts pr\u00e4sent. Dabei beziehen sich viele historische Anarchist(inn)en auf die Ideen des heute u.a. aufgrund seiner antisemitischen und frauenfeindlichen Positionen zu Recht umstrittenen franz\u00f6sischen Genossenschaftstheoretikers und F\u00f6deralisten Proudhon. Proudhon (1806-1865) schreibt: \u201eAlle meine wirtschaftlichen Ideen, die ich (\u2026) ausgearbeitet habe, lassen sich in diese drei Worte zusammenfassen: landwirtschaftlich-industrielle F\u00f6deration. Alle meine politischen Ideen lassen sich auf eine \u00e4hnliche Formel zur\u00fcckf\u00fchren: politische F\u00f6deration oder Dezentralisation\u201c (Proudhon 1863 [1963], S. 263). Weder Proudhon noch Landauer verstehen den F\u00f6deralismus als Zusammenschluss von Nationalstaaten, sondern als eine globale Gesellschaft, die von unten nach oben organisiert ist, bei weitgehender Autonomie der Basiseinheiten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ausgangspunkt ist der Einzelne und seine Selbstbestimmung und die autonomen Basiseinheiten, die aus zusammengeschlossenen Einzelnen bestehen. Das radikal-individualistische Denken von Max Stirner bleibt hier erhalten, (8) wird aber um den Aspekt der Kooperation erweitert. Das Kooperationsmodell \u201eF\u00f6deralismus\u201c, wie er im Anarchismus verstanden wird, zielt auf freiwillige B\u00fcndnisse ohne Vereinheitlichung. Das Augenmerk richtet sich \u2013 bei politischen und \u00f6konomischen F\u00f6derationen \u2013 auf die freien \u201eB\u00fcnde\u201c wie es Landauer nennt, also auf die Vermittlung: \u201eR\u00e4umt mit den autorit\u00e4ren Vermittlern auf; schafft die Schmarotzer ab; sorgt f\u00fcr die unmittelbare Verbindung eurer Interessen\u201c Herrschaft entsteht durch die \u201eautorit\u00e4ren Vermittler\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 103).<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">5. Ausschaltung der \u201eautorit\u00e4ren Vermittler\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Diese Kritik gewinnt in Landauers \u201eKultursozialismus\u201c eine \u00fcber das Gesellschaftsorganisatorische hinausreichende Dimension: Die \u201eautorit\u00e4ren Vermittler\u201c pervertieren nicht nur die sozialen Beziehungen, sondern auch das Selbstverh\u00e4ltnis der Individuen zu sich und ihrem Denken sowie ihr Verh\u00e4ltnis zur \u00e4u\u00dferen Welt. Mit dem Begriff \u201eGeist\u201c kennzeichnet Landauer das dem \u201eautorit\u00e4ren Vermittlern\u201c entgegengesetzte: \u201eGeist ist Verbindung des Getrennten, der Sachen, der Begriffe und Menschen\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 23). Dieses Verst\u00e4ndnis von Sozialismus \u2013 alias Anarchie \u2013 versteht Landauer als \u201eVerbindung des Getrennten\u201c, als \u201eKulturbewegung\u201c und \u201eKampf um Sch\u00f6nheit, Gr\u00f6\u00dfe, F\u00fclle\u201c, als \u201eDenken, F\u00fchlen und Wollen\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 22). Geist meint hier also eine machtfreie Verbindung des Getrennten. Diese machtfreien Verbindungen, die auch institutionalisiert sein k\u00f6nnen, \u201eschichten\u201c die Gesellschaft, binden die Einzelnen ein in Selbstverwaltungsstrukturen und wirken einer Vereinzelung und Isolierung entgegen. (9) Das hei\u00dft, eine \u201egeschichtete\u201c beziehungsweise \u201estrukturierte\u201c Gesellschaft sch\u00fctzt einerseits den Einzelnen vor Isolation und Vereinzelung, erm\u00f6glicht andererseits Kooperation, ohne dass zentralistische und herrschaftliche Strukturen entstehen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Landauer konzentriert sich in seiner Utopie also auf das, was die Menschen \u201evermittelt\u201c. An die Stelle der \u201eautorit\u00e4ren Vermittler\u201c treten freie Vereinbarungen und \u201eB\u00fcnde\u201c oder auch \u201eGeist\u201c. (10) Um diese Chiffre \u201eGeist\u201c zu erl\u00e4utern, bem\u00fcht Landauer ein heute vielleicht unverst\u00e4ndliches Pathos: \u201eDer Geist ist es, der Geist der Denker, der Geist der vom Gef\u00fchl \u00fcberw\u00e4ltigten, der gro\u00dfen Liebenden, der Geist derer, denen das Selbstgef\u00fchl und die Liebe zusammenschmilzt zur gro\u00dfen Welterkenntnis, der Geist hat die V\u00f6lker zur Gr\u00f6\u00dfe, zum Bunde, zur Freiheit gef\u00fchrt\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 5). Utopie ist in diesem Zusammenhang der \u201eGeist\u201c, der noch nicht realisiert ist, der seinen Ort noch nicht gefunden hat. Die realisierte Utopie ist keine mehr. Sie nennt Landauer in seiner Schrift \u201eRevolution\u201c \u201eTopie\u201c (Landauer 1907 [1974], S. 15f.). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Macht und Herrschaft, wie sie Landauer versteht, ist geistlose Verbindung: \u201eWo Geistlosigkeit ist, da ist Staat. Der Staat ist das Surrogat des Geistes\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 37) \u201eGeist\u201c bezeichnet in Landauers ungew\u00f6hnlicher Begriffsverwendung eine Verbindung ohne Unterordnung, eine Verbindung, die nicht vereinheitlicht, restlos integriert, sondern ein Miteinander und Nebeneinander erm\u00f6glichen, bei dem Anderes auch anders bleiben darf und soll. Landauer richtet sich gegen eine Eindimensionalisierung der Welt. (11)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anarchistisches Denken im Anschluss an Landauer bleibt offen gegen\u00fcber einer Welt der Vielfalt und Mehrdeutigkeit, deren Verlust auch gegenw\u00e4rtig beklagt wird (Bauer 2018). Eine anarchistische Gesellschaft entsteht, so Landauer, \u201eauf dem Weg des individuellsten Individualismus und der Neuentstehung der kleinsten K\u00f6rperschaften: der Gemeinden vor allen anderen\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 116). Ausgehend von den Gemeinden dehnen sich die Beziehungen weltweit aus: \u201eDas gr\u00f6\u00dfte Au\u00dfen, das je auf Erden war, muss geschaffen werden und bahnt sich in den privilegierten Schichten schon an: die Erdmenschheit [\u2026]. Das Umf\u00e4nglichste gilt es zu bauen, und im Kleinen muss der Bau begonnen werden\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 116).<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">6. Austritt aus dem Kapitalismus<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieses \u201eBeginnen im Kleinen\u201c kann auf Vorbilder und sogar auf bestehende Strukturen zur\u00fcckgreifen. Landauer und nach ihm auch der russische Anarchist Kropotkin weisen auf alte Genossenschaftstraditionen hin: \u201eVieles ist da, woran wir anschlie\u00dfen k\u00f6nnen [\u2026] Dorfgemeinden mit Resten alten Gemeinbesitzes, mit den Erinnerungen der Bauern und Landarbeiter [\u2026] Einrichtungen der Gemeinschaft f\u00fcr Feldarbeit und Handwerk\u201c (ebd., S. 145). Im revolution\u00e4ren Russland und im Spanien der B\u00fcrgerkriegszeit stehen solche genossenschaftlichen Traditionen in Zusammenhang mit revolution\u00e4ren Bewegungen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Landauer, Proudhon und Kropotkin pl\u00e4dieren f\u00fcr den Erhalt und den Ausbau noch vorhandener Formen dezentraler Selbstorganisation. Landauer betont die Notwendigkeit, diese versch\u00fctteten Traditionen wieder neu zu lernen: \u201eAlles m\u00fcssen wir erst wieder lernen: die Freude der Arbeit, der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Schonung [\u2026]. Sozialismus als Wirklichkeit kann nur erlernt werden; der Sozialismus ist wie jedes Leben ein Versuch.\u201c (ebd., S. 147f.) Das gro\u00dfe Ziel dieses \u201ekleinen Beginnens\u201c ist die Entwicklung einer Alternativ\u00f6konomie durch einen, wie Landauer sagt, \u201eaktiven Generalstreik\u201c, \u201edie Weigerung, f\u00fcr andere, f\u00fcr den Reichen [\u2026] zu arbeiten. [\u2026] Der aktive Generalstreik wird erst dann kommen und siegen, wenn die arbeitenden Menschen sich in den Stand gesetzt haben, nicht einen Deut ihrer Aktivit\u00e4t, ihrer Arbeit anderen zu geben, sondern nur noch f\u00fcr ihren eigenen Bedarf, ihren wirklichen Bedarf zu arbeiten\u201c (ebd., 145f.). Verbunden bleibt ein solcher \u201eAusstieg aus dem Kapitalismus\u201c und einer dezentralen Vernetzung mit einem \u201eWiederanschluss an die Natur\u201c, ohne den \u201egr\u00e4sslichen Raubbau\u201c in entfernten L\u00e4ndern. Konkret kritisiert Landauer, die chemische \u00dcberd\u00fcngung der B\u00f6den in der industriellen Landwirtschaft (Landauer 1977, S. 63). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie eine Technik aussehen k\u00f6nnte, die mit den Prinzipien einer anarchistischen Gesellschaft in Einklang steht, aussehen kann, deutet sich bereits in der Kritik an der kapitalistischen Technik und Industrie an: Sie muss dezentral anwendbar und kontrollierbar sein, muss den kreativen M\u00f6glichkeiten der Menschen entgegenkommen und eine gesellschaftsorganisatorische, \u00f6konomische und soziale Emanzipation gew\u00e4hrleisten. Zudem pl\u00e4dieren Anarchist(inn)en vor allem um eine Befreiung der Arbeit und, nicht so sehr f\u00fcr eine Befreiung von der Arbeit. Arbeit soll kreativ und lustvoll sein und den Arbeitenden Lebensfreude und Erf\u00fcllung geben. Gegen\u00fcber der staatssozialistischen Konkurrenz wendet Landauer ein, sie lie\u00dfen \u201eganz au\u00dfer Acht, wie gr\u00fcndlich sich [\u2026] die Technik der Sozialisten von der kapitalistischen Technik unterscheiden wird\u201c (Landauer 1911 [1978], S. 91f.). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Industrialismus- und Technikkritik im Anarchismus wendet sich nicht nur gegen die fehlenden Aneignungsm\u00f6glichkeiten einer zentralistisch angewandten Industrie, nicht nur gegen die Entfremdung des Menschen in bestimmten Arbeitsabl\u00e4ufen und ihren Arbeitsprodukten, sondern auch die Entfremdung des Menschen von der Natur, die sich als Zerst\u00f6rung der nat\u00fcrlichen Umwelt auswirkt, aber ebenso als Entfremdung des Menschen von seiner eigenen Nat\u00fcrlichkeit. Der US-amerikanische Anarchist Murray Bookchin (1921-2006) sieht noch einen anderen Zusammenhang zwischen \u00d6kologie und Anarchismus: \u201eDer \u00d6kologe \u2013 sofern er mehr ist als ein Techniker \u2013 neigt dazu, den Ausdruck \u201aGewalt \u00fcber die Natur\u2018 abzulehnen. [\u2026] Dementsprechend redet der Anarchist seinerseits in Begriffen wie gesellschaftliche Spontanit\u00e4t, Freisetzung der gesellschaftlichen und menschlichen Kr\u00e4fte und den freien Ausdruck der Kreativit\u00e4t. Beide sehen auf ihre Weise Autorit\u00e4t als etwas Hinderliches an, als eine Last, die die kreativen M\u00f6glichkeiten der nat\u00fcrlichen und gesellschaftlichen Situation behindert. Beider Ziel ist es nicht, ein Gebiet zu beherrschen, sondern es zu befreien\u201c (Bookchin 1982, S. 53f.). <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Fazit<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bedrohungsszenarien wie der Klimakollaps lassen sich f\u00fcr rechts- und linksautorit\u00e4re Politiken einer radikalen Beschr\u00e4nkung individueller Freiheitsrechte instrumentalisieren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So k\u00f6nnten sich emanzipatorische Bewegungen zugleich mit der Klimakatastrophe entsorgen lassen. Der globale Kapitalismus lie\u00dfe sich klimaeffizient fortf\u00fchren, seine staatlich abgesicherten Herrschaftsstrukturen lie\u00dfen sich durch autorit\u00e4re Ma\u00dfnahmen wie eine systemerhaltene Verbotskultur effektivieren. Aus dem anarchistischen Denken lassen sich Hinweise rekonstruieren, wie ein nachhaltiges und soziales Wirtschaften zusammen mit individueller Freiheit m\u00f6glich sein k\u00f6nnte. Fertige Konzepte bieten sie sicherlich nicht, ein kritisches Korrektiv hingegen schon. \u201eWenn die \u00d6kologiebewegung nicht das Problem der Herrschaft mit all ihren Aspekten aufgreift, wird sie nichts dazu beitragen, um die grundlegenden Ursachen der \u00f6kologischen Krise unserer Zeit zu beseitigen\u201c (Bookchin 1981, S. 45). <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Rolf Cantzen<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">* Dieser Artikel ist ein Vorabdruck aus: Benjamin G\u00f6rgen \/ Bj\u00f6rn Wendt (Hg.), Sozial-\u00f6kologische Utopien. Diesseits oder jenseits von Wachstum und Kapitalismus. Das Buch erscheint voraussichtlich im Fr\u00fchjahr 2020 im Oekom-Verlag M\u00fcnchen. Es soll durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert werden. Siehe: <\/span><a href=\"https:\/\/www.oekom-crowd.de\/\"><span lang=\"de-DE\">https:\/\/www.oekom-crowd.de<\/span><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg in die \u00d6kodiktatur? Die Klimakatastrophe birgt gewaltige politische Potentiale \u2013 nichts gegen die rassistisch inszenierte Fl\u00fcchtlingskrise. Denn: Was ist der Verlust von ethnischer Homogenit\u00e4t, Kultur und Heimat verglichen mit dem Verlust der Lebensgrundlage unserer Kinder? Was ist die vermeintliche islam(ist)ische \u201eUmvolkung\u201c verglichen mit dem Ausl\u00f6schen der gesamten Menschheit? 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