{"id":21238,"date":"2019-12-06T00:45:20","date_gmt":"2019-12-05T22:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21238"},"modified":"2020-01-09T18:26:25","modified_gmt":"2020-01-09T16:26:25","slug":"der-albtraum-ist-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/der-albtraum-ist-aus\/","title":{"rendered":"Der (Alb)Traum ist aus?"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ausl\u00f6ser der landesweit gr\u00f6\u00dften Proteste in der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/das-politische-erdbeben-in-chile\/\">Geschichte Chiles<\/a> seit 1973 war eine wiederholte Erh\u00f6hung der U-Bahn-Fahrpreise. W\u00e4hrend man vor f\u00fcnf Jahren noch etwa 500 Pesos f\u00fcr eine durchschnittliche Fahrt bezahlt hat, wurde der Preis nun von 800 auf 830 Pesos angehoben und sollte bis Ende des Jahres nochmal um nahezu 200 Pesos erh\u00f6ht werden. Die Reaktion darauf war zun\u00e4chst eine Reihe von dezentralen, gr\u00f6\u00dftenteils von Sch\u00fclerinnen von mehreren M\u00e4dchenschulen und Studierenden organisierten Protestaktionen bei denen \u00fcber einige Wochen wiederholt in kollektiven Aktionen die U-Bahnen gest\u00fcrmt und Absperrungen \u00fcbersprungen und ge\u00f6ffnet wurden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am 18. Oktober hat sich daraus eine Gro\u00dfdemonstration ergeben, bei der nicht nur der Unmut \u00fcber die Fahrpreiserh\u00f6hungen sondern \u00fcber das polit\u00f6konomische System Chiles insgesamt zum Ausdruck gebracht wurde (1). Seit Antritt der aktuellen Regierung des rechts-konservativen Pr\u00e4sidenten Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era vor eineinhalb Jahren wurden nicht nur die Preise des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs angehoben, sondern auch die Stromversorgung teurer, sowie die Ausgaben im Bildungs- und Gesundheitssektor gek\u00fcrzt. Die Folge dieser Politik ist eine weitere Versch\u00e4rfung der sozialen Ungleichheit in dem Land, das zwar als OECD-Mitglied als einer der reichsten Staaten der Region gilt, gleichzeitig aber schon lange enorme Disparit\u00e4ten in der Verteilung von Einkommen und Verm\u00f6gen aufweist. W\u00e4hrend Mindestlohn und Renten in den letzten Jahren kaum angehoben wurden und die hohen Geb\u00fchren im privaten Gesundheits- und Bildungssystem weiterbestehen, wurden die Steuern f\u00fcr Gro\u00dfunternehmen auf ein Minimum reduziert, die Abgeordnetendi\u00e4ten sind vergleichsweise hoch und es bestehen zahlreiche Korruptionsvorw\u00fcrfe gegen\u00fcber Regierungsangeh\u00f6rigen. Weiterhin hat der chilenische Senat kurz vor Ausbruch der Proteste das transpazifische Freihandelsabkommen TPP-11 verabschiedet, was Anlass zur Sorge \u00fcber weitere Privatisierungen und den Abbau von ohnehin minimalen staatlichen Sozialleistungen gibt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Verst\u00e4ndlich wird das enorme Ausma\u00df der Proteste daher erst mit Blick auf die chilenische Sozialstruktur sowie das polit\u00f6konomische System des Landes. Unter der Pinochet-Diktatur wurde Chile ma\u00dfgeblich durch die Berufung einer gro\u00dfen Anzahl an in den USA ausgebildeten \u00d6konomen, (den sogenannten Chicago Boys) in Ministerial\u00e4mter zu einem neoliberalen Experimentierfeld. Die Sozialsysteme, grundlegende Versorgungsinfrastrukturen sowie ein Gro\u00dfteil der nat\u00fcrlichen Ressourcen sind seither in Chile privatisiert. Die Preiserh\u00f6hung vom Oktober 2019 um umgerechnet 0,037 Euro war daher nur eine weitere Etappe hin zur Prekarisierung weiter Teile der chilenischen Bev\u00f6lkerung wie der Slogan \u201eno son 30 pesos, son 30 a\u00f1os\u201c (deutsch: \u201ees sind nicht 30 Pesos, es sind 30 Jahre\u201c) verdeutlicht. In den 30 Jahren, die seit dem Ende der Milit\u00e4rdiktatur unter Augusto Pinochet vergangen sind, wurden zwar demokratische Institutionen und eine Reihe an Freiheitsrechten implementiert, an der neoliberalen Leitdoktrin des Landes hat sich jedoch nichts ge\u00e4ndert. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Noch immer kontrolliert eine relativ kleine Anzahl an Familienclans (u.a. Matte, Angelini Rossi, Mackay, Bendeck und Luchsinger) zentrale Gesch\u00e4ftszweige und verf\u00fcgt \u00fcber weitreichenden politischen Einfluss. Die Zusammenh\u00e4nge zwischen dem Fortbestehen dieser oligarchischen Herrschaftsstruktur und dem aktuellen Geschehen zeigen sich auch in der Person Sebasti\u00e1n Pi\u00f1eras. Pi\u00f1era, der der Partei Renovaci\u00f3n Nacional (deutsch: Nationale Erneuerung) angeh\u00f6rt, hat bereits w\u00e4hrend seiner ersten, von 2010 bis 2014 andauernden, Pr\u00e4sidentschaft den radikal-neoliberalen Kurs des Landes verteidigt, als er die im Rahmen der Bildungsproteste von 2011\/12 geforderten Reformen des noch aus der Milit\u00e4rdiktatur stammenden Bildungssystems verweigerte und stattdessen ein repressives Vorgehen gegen teils noch minderj\u00e4hrige Sch\u00fcler*innen und Studierende anordnete. Der Bruder des Pr\u00e4sidenten, Jos\u00e9 Pi\u00f1era, ist einer der Chicago Boys, die in den 80er-Jahren einen Ministerposten im Kabinett von Pinochet innehatten. Als Arbeitsminister hat er damals das Rentensystem vollst\u00e4ndig auf das Kapitalumlageverfahren umgestellt. Und die Abschaffung genau dieses Rentensystems (Administradoras de Fondos de Pensiones, AFP), das mit einer Durchschnittsrente von etwa 110.000 Pesos (ca. 128 Euro) f\u00fcr weite Teile der Bev\u00f6lkerung die Altersarmut bedeutet, ist eine der zentralen Forderungen der Demonstrierenden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie die Renten, sind auch die Einkommen einer gro\u00dfen Anzahl der Chilen*innen so niedrig, dass f\u00fcr viele Menschen die Lebensmittel in den Superm\u00e4rkten sowie andere Alltagsg\u00fcter, deren Preisniveau oft nahezu identisch mit jenem in Deutschland ist, nicht erschwinglich sind. Sie sind auf alternative M\u00e4rkte angewiesen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Mieten in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Santiago. Die lebendige Hausbesetzer*innen-Szene in der Stadt ist damit nicht nur Ausdruck einer politisierten und gut organisierten Subkultur, sondern auch unmittelbare materielle Notwendigkeit \u2013 f\u00fcr Chilen*innen wie auch Immigrant*innen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Pl\u00fcnderungen von gro\u00dfen Supermarktketten und Einkaufszentren, zu denen es im Zuge der Proteste immer wieder kommt, sind, anders als in vielen Medienberichten dargestellt, keineswegs Ausdruck eines blinden Vandalismus oder kriminellen Spa\u00dfprotests, sondern ebenfalls als politischer Akt und materielle Notwendigkeit einzuordnen. Das spiegelt sich unter anderem darin wider, dass es bei den Pl\u00fcnderungen keineswegs ausschlie\u00dflich um Luxusg\u00fcter ging, sondern genauso auch um Grundnahrungsmittel. <\/span><span lang=\"de-DE\">Auf Grundlage von in sozialen Medien kursierenden Videos wird zudem angenommen, dass ein Teil der Pl\u00fcnderungen von Polizei und Milit\u00e4r organisiert wurde, um eine weitere Eskalation der Proteste herbeizuf\u00fchren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In das Kabinett seiner zweiten Amtszeit hat Pr\u00e4sident Pi\u00f1era mehrere Politiker*innen der rechten, Pinochet-treuen Partei Uni\u00f3n Dem\u00f3crata Independiente (deutsch: Unabh\u00e4ngige Demokratische Union) berufen. Dazu z\u00e4hlte bis vor kurzem auch Andr\u00e9s Chadwick, Cousin des Pr\u00e4sidenten und ehemaliger Pr\u00e4sident der Jugendorganisation der Pinochet-Diktatur (Frente Juvenil de Unidad Nacional). Chadwick stand damals nachweislich \u00fcber den Chefideologen der Milit\u00e4rdiktatur, Jaime Guzman, auch in Kontakt mit der deutschen Kolonie Colonia Dignidad, in der Gegner*innen des Regimes gefoltert, vergewaltigt und ermordet wurden. Als Innenminister hat er das repressive Vorgehen von Milit\u00e4r und Polizei gegen die Demonstrierenden mitorchestriert bis er wie mehrere andere Minister*innen aufgrund der anhaltenden Proteste das Kabinett Ende Oktober verlassen musste. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Angesichts der ideologischen N\u00e4he gro\u00dfer Teile des Kabinetts zur Milit\u00e4rdiktatur ist es wenig verwunderlich, dass die Regierung bereits am ersten Protesttag ein umfassendes Arsenal an gewaltsamer Repression demonstriert hat. Es wurde ein zun\u00e4chst f\u00fcnfzehnt\u00e4giger Ausnahmezustand ausgerufen, welcher die Einschr\u00e4nkungen fundamentaler Rechte erm\u00f6glichte. Zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur wurde das Milit\u00e4r mit Panzern auf die Stra\u00dfe geschickt um Demonstrationen niederzuschlagen.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/1024px-Camino_a_la_marcha.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-21387\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/1024px-Camino_a_la_marcha-1024x684.jpg\" alt=\"Protestas en Santiago de Chile, 2019.\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/1024px-Camino_a_la_marcha.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/1024px-Camino_a_la_marcha-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/1024px-Camino_a_la_marcha-600x401.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/1024px-Camino_a_la_marcha-768x513.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a> Proteste in Santiago de Chile, Oktober 2019 &#8211; Foto: Felipe y Jairo Castilla [CC BY 2.0 (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0)]<\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Milit\u00e4r und Spezialeinheiten der Polizei machten dabei nicht nur Gebrauch von Wasserwerfern und Unmengen von Tr\u00e4nengas, sondern ebenso von mit Schrotkugeln versetzten Flinten. Etwa eine Woche lang wurde zudem eine n\u00e4chtliche Ausgangssperre verh\u00e4ngt, der sich die Mehrheit der Chilen*innen jedoch nicht gebeugt hat. \u201eNo tenemos miedo\u201c (deutsch: \u201eWir haben keine Angst\u201c) war eine der zentralen Losungen der ersten Demonstrationstage. Damit haben sich die Menschen gegenseitig ermutigt, sich von dem gewaltsamen Vorgehen von Milit\u00e4r und Polizei nicht einsch\u00fcchtern zu lassen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Tags\u00fcber wie nachts waren in allen Ecken der Stadt die Rhythmen der Cacerolazos zu h\u00f6ren, eine traditionelle Protestform in Chile, bei der ein eing\u00e4ngiger Rhythmus auf T\u00f6pfen und anderem K\u00fcchengeschirr geschlagen wird. Seit mehr als einem Monat (Stand 21.11.2019) werden t\u00e4glich Demonstrationen, Cacerolazos, Barrikaden, Stra\u00dfenblockaden und andere Protestaktionen abgehalten \u2013 nicht nur in Santiago, sondern auch in vielen anderen St\u00e4dten und in l\u00e4ndlichen Regionen Chiles. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trauriges Resultat der ersten drei Protestwochen sind mindestens 23 Tote und zahlreiche Verletzte. Mindestens f\u00fcnf der Toten wurden nachweislich von staatlichen Sicherheitskr\u00e4ften get\u00f6tet und zwei Menschen sind w\u00e4hrend der Haft umgekommen. Die anderen F\u00e4lle sind nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt und es wird vermutet, dass weitere Menschen durch Schusswaffeneinsatz von Milit\u00e4r und Polizei get\u00f6tet wurden und die Zahl der Todesf\u00e4lle noch weitaus h\u00f6her sein k\u00f6nnte. In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Vermisstenmeldungen. Weiterhin gibt es Berichte \u00fcber sexualisierte Gewalt und systematische Folterungen durch Milit\u00e4r und Polizei. Das Chilenische Institut f\u00fcr Menschenrechte (Instituto Nacional de Derechos Humanos, INDH) gibt an, dass zwischen 17. Oktober und 21. November 462 Anzeigen gegen staatliche Sicherheitskr\u00e4fte eingegangen sind. 13 Anzeigen wurden wegen T\u00f6tungsdelikten bzw. versuchter T\u00f6tung erstattet, 341 Anzeigen beziehen sich auf Folterungen und 74 F\u00e4lle sexualisierter Gewalt durch Polizei und Milit\u00e4r wurden angezeigt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Laut dem INDH wurden zwischen dem 17. Oktober und 21. November 2019 \u00fcber 6362 Menschen inhaftiert und mehr als 2500 verletzt. <\/span>Es wurden \u00fcber 1500 Schussverletzungen in den Krankenh\u00e4usern registriert, die meisten davon gehen auf den Einsatz von Schrotkugeln zur\u00fcck<span lang=\"de-DE\">. Offiziell ist es den Polizeikr\u00e4ften nur gestattet, Schusswaffen im Beinbereich einzusetzen. Dass trotzdem zahlreiche Menschen Schussverletzungen am Kopf und am oberen Teil des K\u00f6rpers aufweisen, l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass hier ein systematischer Rechtsbruch vorliegt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Trauriges Resultat dieses brutalen Vorgehens ist, dass bereits mindestens 223 Menschen durch Schrotkugelsch\u00fcsse ihr Augenlicht ganz oder teilweise verloren haben. Es wurde nun eine Menschenrechtsbeobachtungsmission der Vereinten Nationen nach Chile gesandt, um die Vorf\u00e4lle zu untersuchen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kurz vor dem Eintreffen der Beobachtungsmission wurden sowohl der Ausnahmezustand als auch die Ausgangssperre aufgehoben. Die Regierung hat zudem ein Ma\u00dfnahmenpaket bestehend aus einer Reihe von sozialpolitischen Reformen angek\u00fcndigt und veranlasst, dass die letzte U-Bahn-Preiserh\u00f6hung r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht wurde. Was die Protestierenden fordern sind allerdings nicht ein paar kosmetische Reformen, sondern grundlegende sozio-\u00f6konomische und politische Ver\u00e4nderungen. Daher ist ein Abflauen der Proteste nicht in Sicht; allein am 2. November demonstrierten \u00fcber eine Million Menschen auf den Stra\u00dfen Santiagos. In relativ kurzer Zeit haben die Proteste ein enormes Ausma\u00df angenommen und es hat sich eine breite und plurale Bewegung herausgebildet, die in der grundlegenden Forderung nach einer gerechteren Gesellschaft vereint und entschlossen ist, diese Forderung weiterhin auf die Stra\u00dfen zu tragen und sich nicht von dem gewaltsamen Vorgehen der Sicherheitskr\u00e4fte abhalten zu lassen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anarchistischer und feministischer Einfluss<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Obschon die Proteste von einer breiten Bev\u00f6lkerungsmehrheit getragen werden, die verschiedene politische Str\u00f6mungen vereint, zeigt sich in der sich neu herausbildenden zivilen Organisationsstruktur sowie in den Praktiken des Protests der gro\u00dfe Einfluss anarchistischer und feministischer Gruppen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Insbesondere seit der in den 1990ern aufkommenden Solidarit\u00e4tskampagne mit den Gefangenen linker, bewaffneter Gruppen, die gegen die Milit\u00e4rdiktatur gek\u00e4mpft haben (u.a. MIR, FPMR, Movimiento Juvenil Lautaro) ist der Anarchismus zu einer vergleichsweise breiten gesellschaftlichen Bewegung in Chile geworden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Mittlerweile wurde in Santiago ein Netz antiautorit\u00e4rer Basisstrukturen (cabildos autonomos) entwickelt, bei dem sich die Menschen in R\u00e4ten zusammentun, um Alternativen f\u00fcr verschiedene Politikbereiche zu entwickeln. Es bestehen R\u00e4te zu Bildungs-, Renten- und Gesundheitsfragen, feministische Versammlungen und Vernetzungstreffen zur gegenseitigen Unterst\u00fctzung in Notsituationen. Die Versuche etablierter politischer Parteien sich diese Basisstrukturen anzueignen werden von einer gro\u00dfen Mehrheit der Menschen abgelehnt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Erkenntnis des Scheiterns des Repr\u00e4sentationssystems in Chile und der Inaktivit\u00e4t der linken Parteien hat dazu gef\u00fchrt, dass weite Teile der Protestierenden es ablehnen einer Organisation oder Partei die Aufgabe der Repr\u00e4sentation ihrer Interessen zu \u00fcbertragen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Was gefordert und praktiziert wird sind hingegen antiautorit\u00e4re und plurale Basisstrukturen, mit denen selbstorganisierte Solidarstrukturen aufgebaut werden. Es finden regelm\u00e4\u00dfige Workshops, Versammlungen, Informationsveranstaltungen und Nachbarschaftstreffen statt, die horizontal und mit wechselnden Sprecher*innen organisiert sind. Weiterhin bilden explizit feministische Interventionen wie M\u00e4rsche, Barrikaden und Performances einen wichtigen Bestandteil der Proteste.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und Barrikaden, die haupts\u00e4chlich von den anarchistischen Gruppen getragen werden, werden von der Mehrheit der Protestierenden als wesentliches, erm\u00f6glichendes Element des Protests betrachtet. Erst hierdurch wurde ein Weiterf\u00fchren der Proteste entgegen der Ausgangssperren und gewaltsamen, staatlichen Repressionen (die sich gleicherma\u00dfen auch gegen friedlichen Protest richten) m\u00f6glich. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In einem Land, das auf zivile Proteste f\u00fcr bessere Lebensbedingungen unmittelbar mit systematischer Gewalt und Menschenrechtsverletzungen antwortet, in dem Milit\u00e4rs auf den Stra\u00dfen patrouillieren und Polizei und Milit\u00e4r Menschen erschie\u00dfen und foltern, kurz, in dem der staatliche Gewaltapparat nach wie vor in der Tradition der Milit\u00e4rdiktatur handelt, ist das Fortbestehen der Proteste und die Sicherheit der Demonstrierenden jeden Alters ohne Stra\u00dfenkampf und Barrikaden f\u00fcr viele kaum denkbar. <\/span><span lang=\"de-DE\">Trotz des extrem gewaltsamen Vorgehens der Staatsmacht sind jeden Tag tausende Menschen auf den Stra\u00dfen und bei den Treffen der Basisorganisatio\u00adnen anwesend. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Men\u00adschen fordern nicht weniger als eine Absetzung des Pr\u00e4sidenten, eine neue, gerechtere Sozialpolitik, das Ende der neoliberalen Doktrin und eine verfassungsgebende Versamm\u00adlung, die die alte Verfassung aus der Zeit der Pinochet-Diktatur ersetzen soll.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Letztere wurde am 15. November durch ein Abkommen des Kongresses zumindest formell auf den Weg gebracht. Dass dieses Abkommen unter der Beteiligung verschiedener politischer Parteien zustande kommen konnte wird zu gro\u00dfen Teilen auf die wirtschaftlichen Interessen des Unternehmertums zur\u00fcckgef\u00fchrt, das angesichts eines kurzfristigen Werteverfalls des Pesos und nach unten korrigierter Wachstumsraten den Druck auf die rechten Parteien erh\u00f6ht hat, die Situation zu befrieden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Nicht nur deswegen stehen sowohl die Oppositionsparteien wie auch die Mehrheit der Protestierenden dem Abkommen skeptisch gegen\u00fcber. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Abkommen sieht auch die M\u00f6glichkeit eines Verfassungskonvents vor, der zu gro\u00dfen Teilen aus Parlamentsangeh\u00f6rigen bestehen w\u00fcrde. Gleichzeitig wurden mit dem enormen Netzwerk an Basisorganisationen und Solidarstrukturen, das sich in nur einem Monat herausgebildet hat, politische Alternativen jenseits des Repr\u00e4sentationssystems geschaffen, die sich nicht mehr so einfach wegdenken lassen. Was in den Stra\u00dfen Santiagos derzeit zu sp\u00fcren ist, ist eine kollektive Entschlossen\u00adheit diesen Moment in die chi\u00adlenische Geschichte eingehen zu lassen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Geist der Revolution ist allgegenw\u00e4rtig. Und sie ist tanzbar.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anna F\u00fcnfgeld, Santiago de Chile<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Anna F\u00fcnfgeld ist Politikwissenschaftlerin und freie Mitarbeiterin von Radio Dreyeckland. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausl\u00f6ser der landesweit gr\u00f6\u00dften Proteste in der Geschichte Chiles seit 1973 war eine wiederholte Erh\u00f6hung der U-Bahn-Fahrpreise. 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