{"id":21276,"date":"2019-12-03T22:28:27","date_gmt":"2019-12-03T20:28:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21276"},"modified":"2019-12-12T17:46:38","modified_gmt":"2019-12-12T15:46:38","slug":"strategien-fuer-soziale-bewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/strategien-fuer-soziale-bewegungen\/","title":{"rendered":"Strategien f\u00fcr soziale Bewegungen"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Tagungsort REFO Moabit ist eine selbstverwaltete, politisch engagierte christliche Gemeinschaft unter dem Dach der evangelischen Kirche. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dieses Modellprojekt stellte einen passenden Rahmen dar, um angesichts der ernsthaften Bedrohungen durch Klimawandel, Festung Europa und Rechtsruck zusammen zu kommen. Der Stiftung ging es um \u201ewirksame strategische Ans\u00e4tze im politischen Handeln und die B\u00fcndelung unserer Kr\u00e4fte\u201c, mit dem Ziel, \u201esoziale Bewegungen zu st\u00e4rken\u201c. Dabei war es ihr wichtig, \u201eeinen m\u00f6glichst herrschaftsarmen und achtsamen \u2013 sowie fehlerfreundlichen Raum w\u00e4hrend der Konferenz zu schaffen.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Veranstalter*innen hatten unterschiedliche Formate des Austauschs vorbereitet. Die Konferenz begann am Freitagabend mit einem Podium, auf dem vier Aktivist*innen ihre Erfahrungen darlegten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Abenaa Adomako von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland berichtete, wie wichtig es sei, vor dem Hintergrund einer dominanten kolonialen Geschichtsschreibung die Erforschung in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen und die eigene Geschichte selbst zu erz\u00e4hlen. Im Rahmen des Black History Month w\u00fcrden sie beispielsweise auf die vielen Schwarzen hinweisen, die bedeutende Erfindungen gemacht h\u00e4tten und trotzdem vollkommen unbekannt seien. Maximilian Reimers von Fridays for Future betonte, dass die Klimakrise alles zerst\u00f6ren w\u00fcrde, dass jede Herrschaft und Ungerechtigkeit schlimmer w\u00fcrde, und dass alle davon betroffen w\u00e4ren. Darum sei es wichtig, die Probleme gemeinsam anzugehen. \u00c4hnlich argumentierte Alassane Dicko aus Mali, von Afrique-Europe-Interact, indem er dazu aufforderte, sich zu engagieren und sich ohne Vorurteile zu begegnen. Er berichtete von K\u00e4mpfen um Bewegungsfreiheit und von der Zusammenarbeit mit Landwirt*innen. Maren Kleinfeld vom Hausprojekt Zelle 79 in Cottbus und von der Kampagne #WannWennNichtJetzt, einer Marktplatz-Tour gegen den Rechtsruck in Ostdeutschland, konnte ermutigend berichten, dass ihnen eine tats\u00e4chliche Vernetzung gelungen sei und die immer gleiche Macht der wei\u00dfen M\u00e4nner sich aufgelockert habe.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am Samstag stellten sich vormittags verschiedene politische Gruppen und Initiativen, wie beispielsweise afrique-europe-interact, LobbyControl, Extinction Rebellion und Seebr\u00fccke an Tischen vor, die in zwei Runden von Interessierten besucht werden konnten. Den Nachmittag gestaltete \u00fcberwiegend das neue Netzwerk \u201eIn welcher Gesellschaft wollen wir leben?!\u201c, an dem ich auch beteiligt bin. In zwei Runden kamen an jeweils etwa 20 Tischen Aktive aus verschiedenen Bewegungen zusammen, um sich \u00fcber Verkn\u00fcpfungen auszutauschen, beispielsweise von Klima und Migration, Grundeinkommen und Degrowth, oder Sozial\u00f6kologischer Transformation und Gerechtigkeit. In f\u00fcnf anschlie\u00dfenden gr\u00f6\u00dferen Gespr\u00e4chskreisen oder Fish Bowls wurden umfassendere Themen ausgetauscht.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dar\u00fcber hinaus gab es die M\u00f6glichkeit, kollegiale Beratung anzufragen oder anzubieten, sowie eigene R\u00e4ume f\u00fcr Treffen von FLTI*- und BPoC- Menschen. <\/span><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">(FLTI*=Frauen*, Lesben*, Trans*, Inter*-Menschen, BPoC=Black and People of Colour). <\/span><\/span><span lang=\"de-DE\">Aus beiden Gruppen gab es die R\u00fcckmeldung, dass es wichtig sei, solche eigenen R\u00e4ume zu haben, dass dies aber noch lange nicht ausreiche, und dass es eine st\u00e4ndige Herausforderung sei, gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse auch in den eigenen Strukturen zu dekonstruieren. Der Sonntagvormittag diente der Vernetzung und m\u00f6glichst konkreten Verabredungen. Nach einigen kleineren Austauschrunden gab es die Gelegenheit, den Dabeigebliebenen kurz aktuelle Ideen und Projekte vorzustellen, f\u00fcr die Mitstreiter*innen gesucht werden. Neu war f\u00fcr mich zum Beispiel die Umweltgewerkschaft, besonders gefreut habe ich mich \u00fcber eine Initiative vom Karlahof in Brandenburg zur Stadt-Land-Vernetzung, und selbst eingebracht habe ich unter anderem das Weltsozialforum Transformatorische \u00d6konomien 2020 in Barcelona und eine ganz neue Initiative von einigen Leuten von Attac, zur Unterst\u00fctzung bedrohter linker Projekte in einem rechten Umfeld.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was bleibt?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit 200 Teilnehmenden war die Konferenz gut besucht, aber nicht restlos ausgebucht. Ich hatte den Eindruck, dass sich manche*r nur m\u00fchsam die Konferenzzeit genommen hatte, viele gingen abends gleich nach dem Ende des Programms, und zum Schluss hin br\u00f6ckelte die Teilnahme deutlich ab. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die f\u00fcr Samstagabend geplante Party fand nicht, oder nur sehr reduziert statt. Pers\u00f6nliche Begegnungen gab es eher zwischendrin in den Pausen, die wie oft bei solchen Anl\u00e4ssen gef\u00fchlt viel zu kurz waren. Insgesamt hatte ich den Eindruck, immer ein wenig gehetzt zu sein \u2013 irgendwer sprach von einem \u201eSpeed-Dating-Gef\u00fchl\u201c \u2013 von einer Kleingruppe zur n\u00e4chsten, schnell mal zu zweit oder zu viert austauschen, dann wieder eine gr\u00f6\u00dfere Runde, aber bevor es in die Tiefe geht, war schon die n\u00e4chste Frage in neuer Konstellation dran. So gab es viele Begegnungen, die auch durchaus interessant waren, aber eine Strategieentwicklung, die diesen Namen verdienen w\u00fcrde, habe ich in der K\u00fcrze der Zeit nicht erlebt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trotzdem war es f\u00fcr mich keine verschwendete Zeit, denn es war sch\u00f6n, Leute wieder zu treffen, die ich lange nicht gesehen hatte, und auch neue kennen zu lernen. Gefreut habe ich mich \u00fcber das neue Buch zu f\u00fcnf Jahre Alarm Phone, und dass Azizou Chehou und Moctar Dan Yaye vom Alarme Phone Sahara berichtet haben. Die Atmosph\u00e4re der Konferenz habe ich insgesamt als sehr freundlich und von gegenseitigem Wohlwollen getragen erlebt, was ja nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Dazu beigetragen hat sicher auch die leckere Verpflegung durch die Aktionsk\u00fcche Fl\u00e4ming Kitchen, ein ausdr\u00fccklich nicht-kollektives, aber engagiertes Kochprojekt um den Gr\u00fcnder Wam Kat.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine Frage, die mich immer wieder besch\u00e4ftigt, und die ich auch in die Vorbereitung der Utopiekonferenz mitnehme, die das Leipziger Konzeptwerk Neue \u00d6konomie als eine Art Fortsetzung f\u00fcr den Herbst 2020 plant: Reicht es aus, sich darauf zu verst\u00e4ndigen, dass wir gemeinsam gegen die gro\u00dfen Bedrohungen Klimawandel, Festung Europa und Rechtsruck vorgehen m\u00f6chten? Wer genau ist dieses \u201ewir\u201c? Ist eher Vertrauen n\u00f6tig, dass es sich beim gemeinsamen Gehen herauskristallisieren wird, oder empfiehlt es sich, das zu Beginn der Zusammenarbeit genauer zu fassen? Wie k\u00f6nnen \u201ewir\u201c gleichzeitig die Offenheit bewahren, alle mitzunehmen und uns um einen m\u00f6glichst inklusiven Umgang untereinander bem\u00fchen, und trotzdem nicht in Beliebigkeit verfallen? Brauchen \u201ewir\u201c einen breiten inhaltlichen Konsens \u00fcber das Gemeinsame, und zu dessen Verdeutlichung auch rote Linien, die ausdr\u00fccken, was nicht dazu geh\u00f6rt, oder wird sich das schon finden?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine klare politische Positionierung gab es am Schluss der Konferenz, als wir mit einer kleinen, filmisch dokumentierten Geste der Solidarit\u00e4t unsere Verbundenheit mit den Menschen in Rojava zum Ausdruck brachten, die unter den Angriffen der T\u00fcrkei zu leiden haben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ob die Idee der Bewegungsstiftung aufgeht, wie viele Anregungen in den verschiedenen Initiativen wirksam werden, und ob sich infolge der Konferenz wirklich unterschiedliche Str\u00e4nge sozialer Bewegungen zusammenfinden und sich gegenseitig unterst\u00fctzen, das l\u00e4sst sich jetzt noch nicht einsch\u00e4tzen. Auf jeden Fall war es interessant und inspirierend, in so verdichteter Form einer Vielzahl von Aktivist*innen aus unterschiedlichen thematischen Zusammenh\u00e4ngen zu begegnen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><span lang=\"de-DE\">Elisabeth Vo\u00df<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tagungsort REFO Moabit ist eine selbstverwaltete, politisch engagierte christliche Gemeinschaft unter dem Dach der evangelischen Kirche. Dieses Modellprojekt stellte einen passenden Rahmen dar, um angesichts der ernsthaften Bedrohungen durch Klimawandel, Festung Europa und Rechtsruck zusammen zu kommen. 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