{"id":2128,"date":"1998-09-01T00:00:03","date_gmt":"1998-08-31T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2128"},"modified":"2011-11-12T19:08:29","modified_gmt":"2011-11-12T17:08:29","slug":"immer-zum-abschied-bereit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/09\/immer-zum-abschied-bereit\/","title":{"rendered":"&#8222;&#8230; immer zum Abschied bereit.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Sich des Lebens und Wirkens des Schriftstellers und Auschwitz-\u00dcberlebenden Jean Am\u00e9ry (31.10.1912, Wien-17.10.1978, Salzburg) zu vergegenw\u00e4rtigen, bedeutet zugleich auf die schrecklichen, unfa\u00dfbaren Erfahrungen in diesem Jahrhundert zu blicken: auf die Shoah, die Ermordung von sechs Millionen Juden und J\u00fcdinnen durch die Deutschen w\u00e4hrend des Nationalsozialismus &#8211; zweifelsohne das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Zur Kenntnis nehmen sollten dies endlich auch diejenigen, die diesen Genozid rasch mit anderen Greueln relativieren und den Nazi-Massenmorden mit diesen Verallgemeinerungen &#8222;den Status der Einzigartigkeit und Einmaligkeit (&#8230;) verweigern.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Deutschen ist es unerl\u00e4\u00dflich, sich mit dem Nationalsozialismus und Auschwitz im Zentrum sowie dessen gesellschaftlichen Folgen \u00fcber 1945 hinaus zu besch\u00e4ftigen. Noch immer leben unter uns Menschen, die von NS-Deutschland zum Tode bestimmt waren; und nach wie vor leben hier viele NS-T\u00e4ter, die, inzwischen hochbetagt und ohne erkennbare Schuldgef\u00fchle, nicht selten hohe Pensionen und Kriegsentsch\u00e4digungen beziehen, w\u00e4hrend viele Opfer entweder leer ausgingen oder nach jahrelangen K\u00e4mpfen mit k\u00fcmmerlichen Betr\u00e4gen (sog. &#8218;Wiedergutmachung`) &#8218;abgespeist&#8216; wurden. Dar\u00fcber hinaus wird der Holocaust am europ\u00e4ischen Judentum bis heute von der Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung verdr\u00e4ngt, w\u00e4hrend die \u00dcberlebenden mit ihen traumatischen Erfahrungen und qualvollen Erinnerungen zumeist auf sich allein gestellt sind.<\/p>\n<p>Zu denjenigen \u00dcberlebenden, die ihre Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Auschwitz intellektuell verarbeiteten und letztlich doch an Deutschland zerbrachen, geh\u00f6rte der Grenzg\u00e4nger Jean Am\u00e9ry. An ihn erinnert eine Brosch\u00fcre von Harry Rosina, die zur Besch\u00e4ftigung mit Jean Am\u00e9ry anregen m\u00f6chte. Pr\u00e4gnant wird Am\u00e9rys Lebensweg skizziert und in den Mittelpunkt seine traumatische Erfahrung mit der NS-Folter gestellt, die ihn seines &#8218;Weltvertrauens&#8216; beraubte und ihm das Weiterleben nur unter anhaltendem Leidensdruck erm\u00f6glichte, bis er schlie\u00dflich 1978 seinem Leben ein Ende setzte: &#8222;Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung l\u00e4\u00dft sich nicht austilgen. Das (&#8230;) in der Tortur eingest\u00fcrzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen. Da\u00df der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen: Dar\u00fcber blickt keiner hinaus in eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung herrscht.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Da\u00df erlittene Folter durch die Nazis gewisserma\u00dfen Jean Am\u00e9rys &#8218;pers\u00f6nlichen&#8216; Zivilisationsbruch darstellte, wird bereits im Titel der vorliegenden Brosch\u00fcre deutlich: &#8218;Praust&#8216; ist der 1892 in Berlin-Charlottenburg geborene Metzger Arthur Prauss, Mitglied der NSDAP, SA und SS, zun\u00e4chst SS-Scherge im KZ Sachsenhausen-Oranienburg, sp\u00e4ter verantwortlich f\u00fcr den Zwangsarbeitereinsatz im KZ Breendonk (Belgien) und dort ber\u00fcchtigt als bestialischer Folterer. Nach 1945 verliert sich die Spur dieses Verbrechers &#8211; wie bei vielen NS-T\u00e4tern. Dieser Arthur Prauss war es, der das Mitglied der belgischen Widerstandsbewegung Jean Am\u00e9ry in Breendonk im Sommer 1943 der Tortur unterwarf, die der Gefolterte sp\u00e4ter pr\u00e4zise beschrieben hat. ((3))<\/p>\n<p>F\u00fcr Jean Am\u00e9ry war die Folter keine Erfindung des Nationalsozialismus, sondern seine &#8222;Essenz&#8220; ((4)): &#8222;Sofern \u00fcberhaupt aus der Erfahrung der Tortur eine \u00fcber das blo\u00df Alptraumhafte hinausgehende Erkenntnis bleibt, ist es die einer gro\u00dfen Verwunderung und einer durch keinerlei sp\u00e4tere menschliche Kommunikation auszugleichende Fremdheit in der Welt. Staunend hat der Gefolterte erlebt, da\u00df es in dieser Welt den anderen als absoluten Herrscher geben kann, wobei Herrschaft sich enth\u00fcllte als die Macht, Leid zuzuf\u00fcgen und zu vernichten.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Harry Rosina weist wiederholt auf die Kontinuit\u00e4t zwischen dem NS-Regime und der Zeit nach 1945 hin: keine Kontinuit\u00e4t der Verbrechen &#8211; der rassistische Vernichtungsantisemitismus endete mit der milit\u00e4rischen Niederlage des Nationalsozialismus, aber eine weitreichende personelle Kontinuit\u00e4t in Form der &#8222;\u00dcbernahme fast des gesamten nationalsozialistischen Beamtenapparates in die Staatsdienste der Bundesrepublik Deutschland.&#8220; ((6)) Ende der f\u00fcnfziger Jahre &#8222;war fast die gesamte Funktionselite des Dritten Reiches wieder in gleichwertigen oder gar h\u00f6heren Stellungen als in der Nazizeit.&#8220; ((7)) Im Nachkriegsdeutschland herrschte der &#8222;gro\u00dfe Friede mit den T\u00e4tern.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Ganz anders dagegen die Situation der \u00dcberlebenden der Shoah: Nachdem etwa Jean Am\u00e9ry nach ann\u00e4hernd zweij\u00e4hriger Lagerhaft Mitte April 1945 seine wundersame Befreiung vom NS erlebte, hatte er sich neu einzurichten in dieser Welt &#8211; einer Welt, die nichts wissen wollte von den \u00dcberlebenden des Holocaust und kaum bereit war, die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dessen Massenmorden einzubeziehen in die \u00dcberlegungen einer europ\u00e4ischen Nachkriegsordnung &#8211; eine der nachhaltigen Entt\u00e4uschungen nicht nur Jean Am\u00e9rys.<\/p>\n<p>Mit Schreiben versuchte er nach 1945 die Welt zu bew\u00e4ltigen. Als radikaler Aufkl\u00e4rer und linksorientierter Humanist bem\u00fchte er sich einer weitverbreiteten Schlu\u00dfstrich-Mentalit\u00e4t und dem Verdr\u00e4ngen des Zivilisationsbruchs Auschwitz anhaltendes Erinnern an die Verbrechen der Deutschen w\u00e4hrend 1933 und 1945 entgegenzuhalten &#8211; zumeist vergebliche Erwartungen, denen er sich schlie\u00dflich, wie Paul Celan, Peter Szondi und Primo Levi, nicht l\u00e4nger aussetzen wollte, als er den &#8218;Weg ins Freie&#8216; fand.<\/p>\n<p>Auch zwanzig Jahre nach seinem Freitod ist Jean Am\u00e9ry einer breiten \u00d6ffentlichkeit weitgehend unbekannt. Es bleibt zu hoffen, da\u00df die Lekt\u00fcre der vorliegenden Brosch\u00fcre zur Besch\u00e4ftigung mit seinem Denken anzuregen vermag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sich des Lebens und Wirkens des Schriftstellers und Auschwitz-\u00dcberlebenden Jean Am\u00e9ry (31.10.1912, Wien-17.10.1978, Salzburg) zu vergegenw\u00e4rtigen, bedeutet zugleich auf die schrecklichen, unfa\u00dfbaren Erfahrungen in diesem Jahrhundert zu blicken: auf die Shoah, die Ermordung von sechs Millionen Juden und J\u00fcdinnen durch die Deutschen w\u00e4hrend des Nationalsozialismus &#8211; zweifelsohne das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. 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