{"id":21284,"date":"2019-12-03T23:40:27","date_gmt":"2019-12-03T21:40:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21284"},"modified":"2019-12-12T17:47:42","modified_gmt":"2019-12-12T15:47:42","slug":"max-nettlau-und-der-anarchismus-ohne-adjektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/max-nettlau-und-der-anarchismus-ohne-adjektive\/","title":{"rendered":"Max Nettlau und der Anarchismus ohne Adjektive"},"content":{"rendered":"<h5><span lang=\"de-DE\">Max Nettlaus politisches Engagement als Anarchist<\/span><\/h5>\n<figure id=\"attachment_21360\" aria-describedby=\"caption-attachment-21360\" style=\"width: 193px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Nettlau_Max.jpg_Portrait_Quelle_IISG.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21360 size-medium\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Nettlau_Max.jpg_Portrait_Quelle_IISG-193x300.jpg\" alt=\"Schwarzwei\u00dfes Portraitphoto von Max Nettlau. Ein Mann mit Vollbart, wei\u00dfem Harr und Nickelbrille\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Nettlau_Max.jpg_Portrait_Quelle_IISG-193x300.jpg 193w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Nettlau_Max.jpg_Portrait_Quelle_IISG-300x466.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/gwr444_Nettlau_Max.jpg_Portrait_Quelle_IISG.jpg 363w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21360\" class=\"wp-caption-text\">Max Nettlau. Quelle: IISG Amsterdam, Portrait, BG A10\/299, Fotograf: Xavier Pellicer<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es war die Idee der Anarchie, die Vision einer herrschaftsfreien und solidarischen Gesellschaft, die das Interesse des jungen Max Nettlau am freiheitlichen Sozialismus und Anarchismus geweckt hatte. So war es nur konsequent, dass er als Historiker f\u00fcr die Erforschung ihrer Geschichte anf\u00e4nglich einen ideengeschichtlichen Ansatz w\u00e4hlte. Doch Nettlau besch\u00e4ftigte sich nicht nur als Historiker mit den anarchistischen Ideen anderer, sondern als Anarchist und libert\u00e4rer Sozialist entwickelte und vertrat er auch eigene anarchistische Ideen, mit denen er Einfluss auf die Entwicklung der internationalen anarchistischen Bewegung zu nehmen versuchte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nachdem Nettlau 1885 f\u00fcr die Arbeit an seiner Dissertation nach London gezogen war, wurde er dort Mitglied in der Socialist League und begann sozialistische und anarchistische Publikationen zu sammeln. Zu dieser Zeit ver\u00f6ffentlichte er auch seine ersten eigenen anarchistischen Artikel. So gab er von Mai bis August 1890 die kostenlos verteilte Zeitschrift \u201eThe Anarchist Labour Leaf\u201c heraus, und er finanzierte den Druck des Blattes, das ausschlie\u00dflich Artikel von ihm und Henry Davies, einem der aktivsten Anarchokommunisten der Socialist League, enthielt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In jenen Jahren orientierte sich die internationale anarchistische Bewegung ma\u00dfgeblich an den Ideen des in London im Exil lebenden russischen Anarchisten <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars\/\">Pjotr Alexejewitsch Kropotkin<\/a> (3), der in den 1880er Jahren in seinen Ver\u00f6ffentlichungen das Konzept des kommunistischen Anarchismus (4) entwickelt hatte. Zumindest in den ersten Jahren seines politischen Engagements war Nettlau ebenfalls ein \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger des kommunistischen Anarchismus (5), so wie dieser in der internationalen anarchistischen Bewegung damals vorherrschend war. Dementsprechend sind auch seine Ver\u00f6ffentlichungen in dieser Zeit, wie seine 1890 in The Anarchist Labour Leaf publizierten Beitr\u00e4ge oder auch der 1893 in The Commonweal ohne Verfasserangabe in Fortsetzungen ver\u00f6ffentlichte Artikel Why we are Anarchists erkennbar anarcho-kommunistisch gepr\u00e4gt. (6) In dem Artikel, der ein Jahr sp\u00e4ter auch separat als Brosch\u00fcre erschien, grenzte Nettlau den kommunistischen Anarchismus vom individualistischen Anarchismus wie folgt ab:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">(&#8230;) Als Anarchisten sind wir Individualisten, und wir sind Kommunisten, weil wir glauben, dass ein wahrer Individualismus, der nach der gr\u00f6\u00dften individuellen Erhebung und Perfektion strebt, unter dem Kommunismus am besten gedeihen kann. (&#8230;) Die Grenze zwischen Kommunismus und Individualismus wird jeweils nach den \u00f6rtlichen und pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen gezogen. Einige werden es vorziehen, mehr f\u00fcr sich selbst zu leben, andere ziehen es vor, gemeinsam mit ihren Nachbarn zu leben. (&#8230;) Aus diesen Gr\u00fcnden betrachten wir den Kommunismus als die wahre Grundlage des Anarchismus. Wir lehnen den so genannten individualistischen Anarchismus als autorit\u00e4r und zwanghaft ab.\u201c (7)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sp\u00e4ter in der R\u00fcckschau allerdings beurteilte Nettlau seine damalige dogmatische anarcho-kommunistische Einstellung sehr kritisch: \u201eIch selbst, engstirnig und beschr\u00e4nkt wie ich damals war, schrieb 1890 eine Rechtfertigung des kommunistischen Anarchismus, die eine vollst\u00e4ndige Widerlegung des Kollektivismus und des Individualismus beinhaltete, einen Artikel, den Mella \u00fcbersetzte und in El Productor ver\u00f6ffentlichte<\/span> <span lang=\"de-DE\">(8), um seine Engstirnigkeit und Dummheit aufzuzeigen. [&#8230;] Ich habe diese[n] Artikel erst 1929 gesehen. Um 1900 kam ich selbst zu jenen Ansichten, dass es notwendig w\u00e4re, sich \u00fcber das Sektierertum in all seinen Formen zu erheben, aber selten wurde mir zugeh\u00f6rt, und als ich diese Frage Anfang 1914 in Freedom (London) erstmals zur Diskussion stellte, wurde ich von allen bek\u00e4mpft.\u201c(9)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nettlau bezog sich in der Erw\u00e4hnung seines 1914 ver\u00f6ffentlichten Diskussionsbeitrages auf seinen im M\u00e4rz 1914 in der Freedom erschienen Artikel Anarchism: Communist or Individualist? Both!, worin er schrieb:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">D<\/span><span lang=\"de-DE\">er Anarchismus ist nicht mehr jung, und es ist vielleicht an der Zeit, sich zu fragen, warum er sich mit all der Energie, die seiner Propaganda gewidmet wird, nicht schneller verbreitet. <\/span><span lang=\"de-DE\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Denn selbst dort, wo die lokale Aktivit\u00e4t am st\u00e4rksten ist, sind die Er<\/span><span lang=\"de-DE\">gebnisse begrenzt, w\u00e4hrend riesige Sph\u00e4ren noch kaum von der Propaganda ber\u00fchrt werden. (. . .)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich werde nur die Theorien des Anarchismus betrachten; und hier ist mir schon seit langem der Kontrast aufgefallen zwischen der Gr\u00f6\u00dfe der Ziele des Anarchismus \u2013 der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Verwirklichung von Freiheit und Wohlstand f\u00fcr alle \u2013 und der Enge, sozusagen, des Wirtschaftsprogramms des Anarchismus, sei es individualistisch oder kommunistisch. Ich bin geneigt zu glauben, dass das Gef\u00fchl der Unzul\u00e4nglichkeit dieser wirtschaftlichen Grundlage \u2013 exklusiver Kommunismus oder exklusiver Individualismus, so die Richtungen \u2013 die Menschen daran hindert, praktisches Vertrauen in den Anarchismus zu gewinnen, dessen allgemeine Ziele f\u00fcr viele als sch\u00f6nes Ideal gelten. Ich habe selbst das Gef\u00fchl, dass weder der Kommunismus noch der Individualismus, wenn sie denn die jeweils einzige Wirtschaftsform w\u00e4ren, die Freiheit verwirklichen w\u00fcrden, die immer eine Wahl der Wege, eine Vielzahl von M\u00f6glichkeiten erfordert. Ich wei\u00df, dass Kommunisten, wenn man sie direkt darauf anspricht, sagen werden, dass sie nichts gegen Individualisten h\u00e4tten, die auf ihre Weise leben wollten, ohne neue Monopole oder Autorit\u00e4ten zu schaffen, und umgekehrt verh\u00e4lt sich das genauso. Aber das wird selten wirklich offen und freundlich gesagt; beide Richtungen sind viel zu sehr davon \u00fcberzeugt, dass Freiheit nur dann m\u00f6glich ist, wenn ihr jeweiliges Konzept umgesetzt wird. (&#8230;) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieser w\u00fcnschenswerte Zustand der Dinge k\u00f6nnte von nun an vorbereitet werden, wenn man unter Anarchisten ein f\u00fcr alle Mal offen verstehen w\u00fcrde, dass sowohl der Kommunismus als auch der Individualismus gleicherma\u00dfen wichtig und dauerhaft sind und dass die ausschlie\u00dfliche Vorherrschaft eines der beiden das gr\u00f6\u00dfte Ungl\u00fcck w\u00e4re, das der Menschheit widerfahren k\u00f6nnte. Vor der Isolation fl\u00fcchten wir uns in Solidarit\u00e4t, vor zu viel Gesellschaft suchen wir Entlastung in der Isolation: Sowohl Solidarit\u00e4t als auch Isolation sind, jeweils im richtigen Moment, Freiheit und Hilfe f\u00fcr uns. Zwischen diesen beiden Polen schwingt das ganze menschliche Leben in endlosen Schwingungsarten.\u201c<\/span> <span lang=\"de-DE\">(10)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So kritisch, wie Nettlau auf sektiererische Tendenzen im Anarchismus reagierte, so kritisch beurteilte er die Rolle des Marxismus, die dieser innerhalb der sozialistischen Bewegungen spielte. Max Nettlau war einer der wenigen deutschen Anarchisten, der Ende der 1880er Jahre nicht aus der innerparteilichen Opposition der Sozialdemokratie zum Anarchismus gekommen war. Den Marxismus lernte er erst in England durch seine Mitgliedschaft in der Socialist League<\/span> <span lang=\"de-DE\">(11) n\u00e4her kennen, aber auch durch seine Bakunin-Forschungen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse \u00fcber Marx und Engels und ihre spalterische Rolle in der Ersten Internationale. Nettlau verabscheute den Gr\u00f6\u00dfenwahn und die Machtbesessenheit von Marx und Engels, die sich einbildeten, eine f\u00fcr alle Zeiten g\u00fcltige Formel des Sozialismus gefunden zu haben. Das, was sie und ihre Anh\u00e4ngerInnen anma\u00dfend als \u201ewissenschaftlichen Sozialismus\u201d (12) propagierten und f\u00fcr dessen Programm zur Realisierung sie eine F\u00fchrungsrolle innerhalb der internationalen sozialistischen Bewegung beanspruchten, waren f\u00fcr Nettlau schlichtweg Produkte eines fanatischen Sektengeistes. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ebenso kritisch beurteilte Max Nettlau das Konzept des Klassenkampfes, das nach seiner Erfahrung als Sozialhistoriker noch am wenigsten geeignet war, historische Prozesse zu erkl\u00e4ren. F\u00fcr Nettlau, der die Gesellschaft als Ganzes, also als einen komplexen sozialen Organismus betrachtete, war der gesellschaftliche Fortschritt das Resultat der Anstrengungen der fortschrittlichsten Elemente jeder Klasse. Sozusagen eine menschliche Kulturfrage. Nettlau glaubte weder an die historische Mission einer Klasse noch an eine solche von ausgew\u00e4hlten Nationen. Dementsprechend lehnte er auch die Idee der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c ab, die unmittelbar nach der Russischen Revolution von 1917\/18 selbst in anarchistischen Kreisen vereinzelte Anh\u00e4nger fand. So f\u00fchrte er z.B. mit dem deutschen anarchistischen Schriftsteller Erich M\u00fchsam (1878-1934) manche scharfe Auseinandersetzung, weil dieser die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c als notwendig f\u00fcr die revolution\u00e4re \u00dcbergangsperiode betrachtete (13), w\u00e4hrend Nettlau auf Grundlage seiner historischen Kenntnisse eine solche strikt ablehnte. (14)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Obschon Nettlau nach dem Ersten Weltkrieg eine nicht unerhebliche Unterst\u00fctzung von den anarchosyndikalistischen Verlagen in Deutschland (Verlag \u201eDer Syndikalist\u201c \/ ASY-Verlag, Berlin) und Argentinien (Verlag \u201eLa Protesta\u201c, Buenos Aires) erhielt, die seine Artikel und B\u00fccher ver\u00f6ffentlichten und ihm daf\u00fcr ein bescheidenes Honorar zahlten, hatte er gegen\u00fcber dem Konzept des revolution\u00e4rem Syndikalismus Vorbehalte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nachdem Nettlau dem marxistischen Konzept des Klassenkampfes nichts abgewinnen konnte, ist es verst\u00e4ndlich, dass er auch f\u00fcr das vom Marxismus \u00fcbernommene Klassenkampfpostulat der Syndikalisten keine gro\u00dfen Sympathien entwickeln konnte. In seinen Schriften bek\u00e4mpfte Nettlau allein schon die Idee der Klassenzugeh\u00f6rigkeit, wie z. B. in einem 1940 in der libert\u00e4ren spanischen Exilzeitschrift Via Libre erschienenen Artikel:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Die \u201aKlasseneinteilung\u2018 ist ein l\u00e4cherlicher Fetischismus, denn jede Klasse ist aus denselben Elementen zusammengesetzt wie jede andere: Ehrgeiz, Falschheit und Neid \u2013 und einer Minderheit von Wissenden, Fortschreitenden und Lernenden. Ebenso steht es mit der anderen Irrlehre: dass irgendeine Klasse unterworfen, terrorisiert, in jedes beliebige System gepresst werden, aber nicht erzogen, vorbereitet werden k\u00f6nne auf ein bewusstes und freies Leben \u2013 denn schlie\u00dft Freiheit nicht Wettstreit, Sieg der h\u00f6heren F\u00e4higkeit und h\u00f6heren Kultur ein? Alles was Uniformit\u00e4t hei\u00dft, ist unseren Forderungen fremd! <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir Anarchisten k\u00f6nnen nur auf eine teilweise Verwirklichung unserer geistigen Ziele zuschreiten in einer Atmosph\u00e4re gener\u00f6ser Liberalit\u00e4t, guten Willens und gegenseitigen Verstehens.\u201c (15)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am Syndikalismus kritisierte Nettlau ebenso wie an allen anderen gr\u00f6\u00dferen Organisationen der Arbeiterschaft, dass diese zu sehr in das System des vorherrschenden Kapitalismus und der Staatlichkeit eingebunden seien, ohne dass klar w\u00e4re, in welchem Ma\u00dfe sie sich \u00fcberhaupt f\u00fcr den Aufbau neuer Gesellschaftseinrichtungen eignen oder nicht. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Syndikalismus war seiner Ansicht nach als eine Bewegung zur Selbstverteidigung der ArbeiterInnen und zur Vertiefung allgemeiner sozialistischer Ideeng\u00e4nge n\u00fctzlich. <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber was die von den Syndikalisten entwickelten Zukunftspl\u00e4ne f\u00fcr die Reorganisierung der neuen Gesellschaft betraf, so stand Nettlau diesen ebenso kritisch gegen\u00fcber wie all den anderen Richtungen des Sozialismus, die der Arbeiterklasse eine tragende Rolle im Prozess des gesellschaftlichen Wandels zuschreiben wollten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nettlau war dabei nicht der einzige, der innerhalb der anarchistischen Bewegung dem revolution\u00e4ren Syndikalismus bzw. Anarchosyndikalismus kritisch gegen\u00fcberstand. Zwar fanden sich unter den \u00e4lteren bekannten Anarchisten der ersten und zweiten Generation mit Pjotr A. Kropotkin und James Guillaume<\/span> <span lang=\"de-DE\">(16) prominente Bef\u00fcrworter des revolution\u00e4ren Syndikalismus, aber es gab auch nicht minder popul\u00e4re anarchistische Pers\u00f6nlichkeiten, die wie Errico Malatesta<\/span> <span lang=\"de-DE\">(17) das Konzept des Anarchosyndikalismus \u00e4hnlich kritisch beurteilten (18) wie Nettlau es tat.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bereits als Jugendlicher hatte sich Nettlau f\u00fcr die Aktionen der russischen Revolution\u00e4re der Narodnaja Wolja gegen den Zarismus begeistert, und sein Vater hatte ihn mit seinen Berichten \u00fcber die 1848er Revolution beeindruckt. Seit dem revolution\u00e4ren Aufstand und der Proklamation der Kommune von Lyon im September 1870 (19) hat es kaum noch eine Revolution in Europa und in der westlichen Welt gegeben, an der sich die freiheitlichen SozialistInnen und AnarchistInnen nicht beteiligt haben. Deshalb setzte sich Nettlau in seiner Erforschung der Geschichte des modernen Anarchismus intensiv mit dem Thema Revolution auseinander. Doch gerade weil er sich in seiner Erforschung der Geschichte des internationalen Anarchismus intensiv mit der Revolutionsgeschichte besch\u00e4ftigt hatte, war Nettlau eher skeptisch in seiner Erwartungen, was die Chancen zur Bewahrung der gesellschaftlichen Errungenschaften von Revolutionen angeht. Den von vielen seiner anarchistischen Genossen und Genossinnen geteilten Glauben an eine Soziale Revolution, die die Menschheit aus dem Joch der kapitalistischen Knechtschaft direkt in ein ewiges Reich der Freiheit f\u00fchren sollte, hielt er f\u00fcr naiv und f\u00fcr vergleichbar mit dem Messiasglauben fr\u00fcherer Jahrhunderte. Seine Sicht dazu beschreibt er wie folgt:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Nach meiner Auffassung (&#8230;) w\u00fcrde ein pl\u00f6tzlicher Zusammensturz, die soziale Revolution, auf jeden Fall alles zerst\u00f6ren und dadurch freien Raum schaffen, aber das allein ist keine B\u00fcrgschaft des sozialen und freiheitlichen Erfolgs im Wiederaufbau: dieser h\u00e4ngt allein von den vorhandenen Kr\u00e4ften, Intelligenz, Wille und innerer T\u00fcchtigkeit ab, deren Vermehrung also unter allen Umst\u00e4nden unsere Hauptaufgabe ist, da ohne deren hinreichendes Vorhandensein Revolutionen einen sehr entt\u00e4uschenden Verlauf nehmen (1793, 1848, 1917 usw.).\u201c (20)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In seinem Revolutionsverst\u00e4ndnis weisen Nettlaus Ideen eine Verwandtschaft mit den Ideen von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/gustav-landauer\/\">Gustav Landauer<\/a> (21) auf, mit dem Nettlau seit 1892 in pers\u00f6nlichem Kontakt stand. F\u00fcr Landauer war der Sozialismus vor allem eine Kulturfrage der Menschheit, und ebenso wie Nettlau war er nicht der Ansicht, wie so viele seiner sozialistischen und auch anarchistischen ZeitgenossInnen, dass es zwangsl\u00e4ufige \u00f6konomisch-historische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten gebe, die den Sozialismus bzw. die Anarchie hervorbringen w\u00fcrden. Da auch der \u00dcbergang zum Sozialismus durch einen gesellschaftlichen Gewaltakt in Gestalt einer revolution\u00e4ren Umgestaltung der sozialen Verh\u00e4ltnisse nicht in naher Zukunft m\u00f6glich zu sein schien, sollte die sozialistische Idee nach Landauer schon in der Gegenwart exemplarisch durch den Zusammenschluss von bewussten Individuen in B\u00fcnden, Siedlungen und Genossenschaften realisiert werden. (22) <\/span><span lang=\"de-DE\">Diese Sicht entsprach auch der Auffassung Nettlaus, f\u00fcr den der Ausgang der anarchistischen Revolution ma\u00dfgeblich von den Vorbereitungen abhing, die von den Anarchistinnen und Anarchisten in der Vorrevolutionszeit getroffen wurden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Realistischer Weise ging Nettlau davon aus, dass es in naher Zukunft keine Revolution geben werde, die exklusiv von den libert\u00e4ren Bewegungen realisiert werden k\u00f6nne. <\/span><span lang=\"de-DE\">Er warnte sogar vor einer solchen Situation (23), wie sie zumindest anf\u00e4nglich in den ersten Monaten der Spanischen Revolution von 1936 existierte, in der den spanischen AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen nach dem 19. Juli quasi \u00fcber Nacht die politische Macht in die H\u00e4nde gefallen war. <\/span><span lang=\"de-DE\">Mehr noch als alle anderen vorangegangenen Revolutionen machte die Spanische Revolution ein Dilemma des Anarchismus deutlich, n\u00e4mlich, dass die Anarchisten keine Antwort auf die Frage besitzen, wie sie sich in einer Revolution verhalten sollen, in der sich herausstellt, dass die L\u00f6sung keine anarchistische sein kann. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Jochen Schm\u00fcck<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Teil 2 dieser Artikelserie \u00fcber Nettlau erscheint im Januar 2020 in der GWR 445.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<style>\n#Kasten {color: #ffffff; background-color: #007F4E; border-radius: .5em;} <\/style>\n<div id=\"Kasten\">\n<h4><span lang=\"de-DE\">Die Geschichte der Anarchie \u2013 zum Mitmachen! <\/span><\/h4>\n<p>Der Libertad Verlag plant die Werkausgabe der \u201eGeschichte der Anarchie\u201c von Max Nettlau, die das f\u00fcr die Anarchismusforschung wichtige Werk erstmals vollst\u00e4ndig ver\u00f6ffentlichen will. Die Ver\u00f6ffentlichung erfolgt in multimedialer Form sowohl als gedruckte Buchausgabe (Hardcover) als auch als digitale Onlineausgabe, die den Leser*innen erweiterte Nutzungsm\u00f6glichkeiten (wie Volltextsuche, freie Verschlagwortung usw.) bietet. Mit Hilfe der Onlineausgabe wird es m\u00f6glich sein, dass die Leser*innen seine von ihm selbst nur als Rahmenwerk verstandene Geschichtsschreibung vertiefen k\u00f6nnen. Zugleich kann die Diskussion \u00fcber den Inhalt seines Werkes online direkt gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Infos: <a href=\"http:\/\/www.geschichte-der-anarchie.de\/\"><span lang=\"de-DE\">www.geschichte-der-anarchie.de<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max Nettlaus politisches Engagement als Anarchist Es war die Idee der Anarchie, die Vision einer herrschaftsfreien und solidarischen Gesellschaft, die das Interesse des jungen Max Nettlau am freiheitlichen Sozialismus und Anarchismus geweckt hatte. So war es nur konsequent, dass er als Historiker f\u00fcr die Erforschung ihrer Geschichte anf\u00e4nglich einen ideengeschichtlichen Ansatz w\u00e4hlte. 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