{"id":21313,"date":"2019-12-04T23:54:18","date_gmt":"2019-12-04T21:54:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21313"},"modified":"2019-12-13T10:45:37","modified_gmt":"2019-12-13T08:45:37","slug":"ontologische-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/ontologische-anarchie\/","title":{"rendered":"Ontologische Anarchie"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wesensannahmen f\u00fchren zu nichts (au\u00dfer zu Spekulationen). Deshalb ist <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/04\/postanarchismus\/\">Postanarchismus<\/a> auch keine Lehre des Seins, sondern eine theoretische Haltung gegen\u00fcber dem Sozialen, gegen\u00fcber der \u201eGesellschaft\u201c. Die Vorsilbe \u201ePost-\u201c soll zum Ausdruck bringen, dass manche Grundannahmen klassischer Anarchismen in Frage gestellt werden, ohne die Kritik an Herrschaft und die Utopie herrschaftslosen Zusammenlebens jedoch aufzugeben. Infrage gestellt wird etwa die gerade genannte Vorstellung vom guten Wesen der Menschen, aber auch die Annahme, dass nur ein stabiles, \u00fcber Zeit und Raum hinweg einheitlich beschaffenes Subjekt handlungsf\u00e4hig ist; und vor allem die Annahme, dass die \u00f6konomisch Benachteiligten im Prinzip den sozialen Umsturz wollen und blo\u00df durch Gewalt davon abgehalten werden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Annahmen eins und drei werden in einem Buch munter weiter vertreten und sogar best\u00e4rkt, das so gesehen seinem Titel nicht gerecht wird: Der Politikwissenschaftler Saul Newman versucht in \u201ePostanarchism\u201c (2016) einen \u201eontologischen Anarchismus\u201c (1) stark zu machen \u2013 Ontologie ist die Lehre vom Sein. Jetzt k\u00f6nnte man ja sagen: OK, man grenzt sich immer von denen ab, die einem am n\u00e4chsten sind, was soll\u00b4s? Warum also dieses gerade in akademischen Kreisen so verbreitete Spielchen mitspielen?! Newman wendet sich gegen die Ausweglosigkeit des neoliberalen Paradigmas, begeistert sich f\u00fcr die horizontale Mobilisierung von Occupy-Bewegungen und Emp\u00f6rten, kritisiert die Gewalt der Staatsmacht und die Beschr\u00e4nkung von Politik auf Repr\u00e4sentation. Gegen all das ist \u00fcberhaupt nichts einzuwenden. Und dennoch geht es um etwas. (2)Denn Newman macht zugleich theoretische, sozio-analytische und politische Vorschl\u00e4ge, die nicht nur verk\u00fcrzend und problematisch, sondern h\u00e4ufig auch strategisch fatal sind.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Problem ist Newmans Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen ontologischen Anarchismus. Der Begriff bezeichnet gar keine Methode, um herauszufinden, wie das Sein der Anarchie aussehen k\u00f6nnte. <\/span><span lang=\"de-DE\">Er beschreibt oder behauptet vielmehr eine allgemein menschliche Wesensbestimmung: eine \u201eErfahrung von Freiheit und eine intensive ethische Reflexion\u201c (3). Sie ist laut Newman der Ausgangspunkt f\u00fcr postanarchistisches Denken und f\u00fcr radikale politische Aktion heute gleicherma\u00dfen. Die ontologisch anarchische Existenz verweist darauf, wie wichtig die \u201eR\u00fcckeroberung eines autonomen und kontingenten politischen Lebens um seiner selbst Willen\u201c (4) ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das autonome Leben ist das zentrale Motiv dieses Postanarchismus, seine Motivation und seine Strategie zugleich. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das hat zwei weitreichende Konsequenzen: Zum einen wird die Zielvorstellung einer sozialen Revolution aufgegeben. Die Revolution erscheint bei Newman als ein modernes Metanarrativ, als eine \u201egro\u00dfe Erz\u00e4hlung\u201c, die Mittel, Ziele und Akteur*innen des politischen Kampfes von vornherein festlegt und angesichts einer differenzierten Welt kaum mehr aufrechtzuerhalten ist. Ersetzt wird die Revolution durch den Aufstand (insurrection), der als \u201eAffirmation der Autonomie und Singularit\u00e4t des Individuellen\u201c (5) und \u2013 in Anlehnung an den insurrektionalistischen Anarchisten und Gewaltprediger Alfredo Bonanno \u2013 als subversive Praxis kleiner Gruppen definiert wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zum anderen hat das autonome Leben als Ausgangspunkt eine sehr individualistische Schlagseite. Zwar versucht Newman sich vom liberalen und neoliberalen Individualismus abzugrenzen. Mit seiner starken positiven Bezugnahme auf den egoistischen Anarchismus <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/marx-versus-stirner\/\">Max Stirners<\/a> verbleibt er aber bewusst in einer Logik des Individuellen. Dieser Individualismus findet sich schon bei Hakim Bey, der in seiner poetischen Art proklamiert hatte, der \u201eontologische Anarchismus\u201c erkl\u00e4re die Wiedergeburt von K\u00f6nig und Anarch in einer Person: \u201ejeder von uns der Herrscher \u00fcber das eigene Fleisch, die eigenen Sch\u00f6pfungen\u201c (6). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Herrschaft soll nicht bek\u00e4mpft werden, indem Menschen sich kollektiv gegen sie organisieren. Stattdessen sollen sie jenseits von ihr ein freies Leben im Hier und Jetzt beginnen. Newman lehnt jede Form kollektiver Organisierung auf der Grundlage von Klasse ebenso ab wie auf jener von kollektiven Identit\u00e4ten. Damit formuliert er zwar eine Alternative zur polarisierten Debatte um neue Klassenpolitik und Identit\u00e4tspolitiken. Allerdings ist diese Art von Ausweichman\u00f6ver alles andere als \u00fcberzeugend. Theoretisch nicht und praktisch auch nicht. Theoretisch \u00fcbersieht \u2013 oder leugnet \u2013 er einfach, dass Menschen ihre Klasse und ihre identit\u00e4ren Zuschreibungen ja nicht frei w\u00e4hlen, sondern diese Ausbeutungs- und Diskriminierungskategorien ihnen aufgezwungen werden. Deshalb k\u00f6nnen sie auch, zumindest strategisch, zum Ausgangspunkt von emanzipatorischen K\u00e4mpfen werden. Statt kollektive Identit\u00e4ten zu nutzen, schl\u00e4gt Newman vor, sie zu ignorieren. Eine solche Politik, die eine \u201eGeste der Des-Identifikation\u201c (7) proklamiert \u2013 eine Position, die Newman im \u00dcbrigen mit Theoretikern wie John Holloway und Jacques Ranci\u00e8re teilt \u2013, tut so, als lie\u00dfen sich die Strukturkategorien so einfach absch\u00fctteln. Politisch f\u00fchrt das in die Irre, weil Macht und Herrschaft nicht einfach verschwinden, indem ich sie leugne. Und genau das fordert Newman: In Bezug auf die Macht und das Gesetz sollten wir so handeln, \u201eals ob diese Paradigmen nicht existierten\u201c(8). Postanarchismus sei, einfach gesagt, \u201eeine Form von Politik und Ethik, die auf einer Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Macht basiert\u201c (9).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als Postanarchist kann ich vor einem solchen Postanarchismus nur warnen. Um die oben genannten drei Kriterien wieder aufzugreifen: Erstens wird mit der ontologischen Behauptung individueller Freiheit verhindert, sich analytisch und politisch um die konkreten Machtverh\u00e4ltnisse zu k\u00fcmmern und Strategien zu entwickeln, wie ein m\u00f6glichst herrschaftsfreies Leben in einer Welt voller Herrschaft aussehen und durchgesetzt werden k\u00f6nnte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zweitens versucht Newman zwar, einer modernen Subjektvorstellung mit dem Begriff der Singularit\u00e4ten zu begegnen. Singularit\u00e4ten sind, anders als essentialistisch gedachte Identit\u00e4ten, nie abgeschlossen und immer als personelle und zeitliche \u00dcberg\u00e4nge gedacht. Auch wenn man die Offenheit des Konzepts loben kann, bleibt doch fraglich, ob jede Kritik an politischer Stellvertretung gleich zu einem Pl\u00e4doyer daf\u00fcr f\u00fchren muss, \u00fcberhaupt nicht mehr sicht- und greifbar zu sein. Die Ablehnung jeglicher Form von Repr\u00e4sentation bleibt also problematisch. Denn wie die nicht-repr\u00e4sentative Anonymit\u00e4t und die Unsichtbarkeit, die Newman so feiert, \u00fcberhaupt Einfluss haben sollen auf das Soziale, bleibt eine v\u00f6llig ungekl\u00e4rte Frage. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ein paar \u201eautonome Leben\u201c, wie auch immer die konkret aussehen sollen, machen noch lange keinen gesellschaftlichen Wandel aus. Das h\u00e4tte auch aus der Geschichte der alternativen Milieus und der Autonomen der 1980er und 90er Jahre gelernt werden k\u00f6nnen, auf die aber im Buch \u00fcberhaupt nicht eingegangen wird. Diese Geschichte ist schlie\u00dflich gerade keine Geschichte der Ausweitung antikapitalistischer Lebensweisen durch Selbstver\u00e4nderung und disziplinierte Kleingruppen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Drittens die unteren Klassen: Durch die starke Wesensannahme der \u201eontologischen Anarchie\u201c wird auch der alte anarchistische und linke Glaube an die emanzipatorische Kraft und Funktion der \u201eeinfachen Leute\u201c befeuert. Auch der Postanarchismus sollte, wie der Anarchismus, selbstverst\u00e4ndlich auf der Seite der Ausgebeuteten und Schwachen, der Benachteiligten und Diskriminierten stehen. Aber er sollte auch den Gedanken zulassen, dass diese systematisch Miesbehandelten ihre soziale Stellung manchmal durchaus akzeptieren und ihre Verletzungen nicht denen anlasten, die sie zu verantworten haben, sondern weiterreichen an noch Schw\u00e4chere. Auch wenn Newman ein ganzes Kapitel der \u201efreiwilligen Knechtschaft\u201c widmet, l\u00e4sst er sich doch durch diese Einsicht in die potenziell reaktion\u00e4ren und regressiven Momente der Mobilisierung \u201eeinfacher Leute\u201c nicht irritieren. Er erw\u00e4hnt sie, aber sie haben keinen Einfluss auf das Konzept der ontologischen Anarchie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In seiner um 1550 verfassten Abhandlung \u00fcber die freiwillige Knechtschaft (\u201eDiscours de la servitude volontaire\u201c)(10) hatte \u00c9tienne de la Boetie eine der, wie Newman zu Recht pointiert, Schl\u00fcsselfragen politischer Theorie und radikaler politischer Praxis aufgeworfen: Warum lassen Menschen sich beherrschen, warum gehorchen sie? Aus Gewohnheit, durch Ablenkung und wegen Abh\u00e4ngigkeiten, antwortet, kurz gesagt, de la Boetie. Herrschaft gibt es nur durch das Geschehenlassen und Mitmachen der Beherrschten. Dieses Problem ist auch im Anarchismus h\u00e4ufig aufgegriffen worden. (11)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Newman schl\u00e4gt nun vor, das als emanzipatorische Botschaft zu lesen und schlie\u00dft: Weil alle Macht vom Gehorsam der Beherrschten abh\u00e4ngt, sind Macht und Herrschaft pure Illusion (\u201eessencially an illusion\u201c(12)). <\/span><span lang=\"de-DE\">Das aber ist ein schlimmer Trugschluss. Macht konstituiert nicht nur ein Verh\u00e4ltnis von Herr und Knecht, sondern sie schafft auch M\u00f6glichkeiten, und zwar auf allen Ebenen des Sozialen. Immer gibt es andere, die noch unter einer oder einem stehen, immer gibt es kleine Vorteile zu gewinnen, die eine\/n ein bi\u00dfchen mehr Herr und ein bi\u00dfchen weniger Knecht werden lassen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In jedem Arbeitsverh\u00e4ltnis, in jeder Nachbarschaft, in jeder Liebesbeziehung. Genau deshalb sind Machtverh\u00e4ltnisse und Herrschaft so stabil. Macht ist keine Illusion, sondern schafft reale Vor- und Nachteile. Die sind alles andere als eingebildet, sie haben materielle Konsequenzen und sind deshalb auch nicht aufk\u00fcndbar wie ein plumper Gehorsam \u00e1 la \u201eich tue was du willst\u201c. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Vorstellung einer ontologischen Anarchie f\u00fchrt in die Irre: Sie geht davon aus, dass eine grundlegende Freiheit schlicht vorhanden und nur durch \u201eeine bestimmte Form der Selbst-Disziplin\u201c (13) verwirklicht werden muss. Sie verhindert die Analyse konkreter Machtverh\u00e4ltnisse und sie verweigert sich kollektiver Organisierung. Aus allen drei Gr\u00fcnden sollte die Vorstellung einer ontologischen Anarchie unbedingt verworfen werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wesensannahmen f\u00fchren zu nichts (au\u00dfer zu Spekulationen). Deshalb ist Postanarchismus auch keine Lehre des Seins, sondern eine theoretische Haltung gegen\u00fcber dem Sozialen, gegen\u00fcber der \u201eGesellschaft\u201c. Die Vorsilbe \u201ePost-\u201c soll zum Ausdruck bringen, dass manche Grundannahmen klassischer Anarchismen in Frage gestellt werden, ohne die Kritik an Herrschaft und die Utopie herrschaftslosen Zusammenlebens jedoch aufzugeben. Infrage gestellt &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/ontologische-anarchie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":21367,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ontologische Anarchie - graswurzelrevolution","description":"Wesensannahmen f\u00fchren zu nichts (au\u00dfer zu Spekulationen). Deshalb ist Postanarchismus auch keine Lehre des Seins, sondern eine theoretische Haltung gegen\u00fcber de"},"footnotes":""},"categories":[1062,1031],"tags":[],"class_list":["post-21313","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-444-dezember-2019","category-stichworte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21313","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21313"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21313\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21367"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}