{"id":21456,"date":"2020-01-02T16:14:22","date_gmt":"2020-01-02T14:14:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21456"},"modified":"2020-01-20T22:53:41","modified_gmt":"2020-01-20T20:53:41","slug":"anarchistische-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/anarchistische-musik\/","title":{"rendered":"Anarchistische Musik"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_21510\" aria-describedby=\"caption-attachment-21510\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-21510\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover-221x300.jpg\" alt=\"Sechs Cover anarchistischer Bands\" width=\"221\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover-221x300.jpg 221w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover-300x408.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover-600x816.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover-768x1044.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover-753x1024.jpg 753w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Anarchistische_Plattencover.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21510\" class=\"wp-caption-text\">Ein Blick auf radikale Musik und ihre Plattencover. Foto: Gerhard Hanloser<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Musik und Musikgeschmack sind etwas Pers\u00f6nliches. Wenn wir Anarchistisches nicht so sehr in strikter Form als Ideologie, Bewegung oder Theorie verstehen, sondern als freiheitlichen Geist und Element befreiend-kollektiven Zusammentretens gegen Herrschaft und Unterdr\u00fcckung, dann k\u00f6nnen wir kaum etwas Allgemeines und Verbindlich-G\u00fcltiges \u00fcber eine derartige Musik aussagen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Ein bislang un\u00fcbertroffener Versuch, dies dennoch zu leisten, stellt meines Erachtens das Buch \u201eDer Kampf um die Tr\u00e4ume. Musik, Gesellschaft und Ver\u00e4nderung\u201c von Wolfgang Sterneck aus dem Jahre 1995 dar. Doch f\u00fcr jemand, der sich nicht professionell mit Musik auseinandersetzt, l\u00f6st sich die Frage nach dem Zusammenhang von Befreiung und Musik ins Biographische auf. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">F\u00fcr meinen Vater, Jahrgang 1930, verk\u00f6rperte beispielsweise der Jazz der 1940er und 50er Jahre in all seinen Varianten etwas Befreiendes, sprengte es doch sowohl den Nazikitsch wie den Wirtschaftswunderkleister, der damals musikalisch beherrschend war. Bei mir, Jahrgang 1972, war es der Hardcore-Punk der sp\u00e4ten 80er, der von Bands wie \u201eFugazi\u201c, \u201eBad Brains\u201c, aber auch \u201eVerbal Assault\u201c verk\u00f6rpert wurde. Konzerte europ\u00e4ischer Hardcore-Bands wie \u201eLife&#8230;but how to live it\u201c aus Norwegen, von der Anarchopunk-Band \u201eKina\u201c aus Italien, der Briten von \u201eHDQ\u201c standen in einem klaren Zusammenhang zu den Autonomen Jugendzentren oder auch den besetzen oder legalisierten H\u00e4usern. Politische Haltung und subkulturelle Verortung stehen in einem Wechselverh\u00e4ltnis, das nachhaltig pr\u00e4gt. Politisiert war diese Hardcore-Szene im Sinn eines autonomen Antiimperialismus, der eher anarchistisch gepr\u00e4gt war als marxistisch-leninistisch. Davon zeugen nicht zuletzt die beiden musikalisch wie inhaltlich interessanten Sampler, die gleichzeitig Benefit-Sampler waren: Viva Umkhonto! (1987) vom Konkurrel Records Label aus den Niederlande und ein Jahr sp\u00e4ter die Soli-Platte \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/libertarer-widerstand-in-israelpalastina\/\">Intifada<\/a>. The Palestinian Uprising\u201c.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auf beiden vertreten war auch die \u00e4u\u00dferst ambitionierte niederl\u00e4ndische Band \u201eThe Ex\u201c. Diese 1979 gegr\u00fcndete Band hatte bereits 1981 eine Benefiz-Single Weapons For El Salvador eingespielt, die den bewaffneten Widerstand in El Salvador unterst\u00fctzen sollte. 1983 f\u00fchrte \u201eThe Ex\u201c eine Solidarit\u00e4ts-Tour f\u00fcr den britischen Bergarbeiterstreik durch. Ihren Anarchismus zeigt die Doppel-Single \u201e1936 \u2013 the spanish revolution\u201c von 1986, die neben vier St\u00fccken aus und \u00fcber den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/gewaltfrei-im-buergerkrieg\/\">spanischen B\u00fcrgerkrieg<\/a> ein umfangreiches zweisprachiges Booklet enth\u00e4lt, das \u00fcber den anarchistischen Widerstand der anarchosyndikalistischen Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo (CNT) berichtet. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wo \u201eViva Umkhonto!\u201c zur Unterst\u00fctzung des Kampfes der s\u00fcdafrikanischen Bewegung rund um den ANC gegen die Apartheid aufrief, sollte der \u201eIntifada\u201c-Sampler von 1988 Ausdruck der Unterst\u00fctzung des Pal\u00e4stinensischen Aufstands sein. Eine beigelegte Brosch\u00fcre informierte in antikolonial ausgerichteten Texten \u00fcber den Hintergrund des Konflikts. <\/span><span lang=\"de-DE\">Diese Ver\u00f6ffentlichung war nicht die einzige deutliche Positionierung an der Seite der pal\u00e4stinensischen aufst\u00e4ndischen Jugendlichen mit ihrer \u201eRevolte der Steine\u201c. So lieferte die schottischen Anarcho-Punk-Band \u201ePolitical Asylum\u201c aus Stirling, die von 1982 bis 1993 aktiv war, einen Text mit deutlichem Inhalt in Bezug auf den Israel-Pal\u00e4stina-Konflikt: <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">This desert rose has deadly thorns<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">The blossoming nation built upon conquest and creed<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Four million Palestinians scattered in its wake<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">An encamped nation of refugees just learning how to hate<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Down amongst the olive groves there is no promised land<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Zion bends to the wargod\u2019s will and blood still stains the sand<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Attack\u2019s the best form of defense<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">So the strong would have us believe when they make war on the weak<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">The Star of David pierced the heart of Lebanon<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Innocents lost in the battlefield have no place to run<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Who fuels the flames of Israel<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">The true bastions of democracy\u201c <\/span><\/span><\/p>\n<p lang=\"en-US\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das lange Zeit f\u00fchrende bundesrepublikanische Hardcore\/ Punk-Fanzine \u201eTrust\u201c aus S\u00fcddeutschland brachte in diesem Geist der radikalen Pal\u00e4stina-Unterst\u00fctzung im Januar 1989 auf dem R\u00fcckcover ein Plakat, auf dem ein Pressefoto zu sehen war, auf dem ein israelischer Soldat eine Gruppe junger pal\u00e4stinensischer Frauen mit dem Gewehrkolben traktiert, dar\u00fcber steht \u201ePal\u00e4stina 88\u201c, darunter: \u201eAlltag heute, und morgen?\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das mag sich dem Verst\u00e4ndnis eines heutigen, mit den antideutschen Bands \u201eEgotronic\u201c, \u201eAntilopen Gang\u201c oder \u201eUltraViolentKitten\u201c aufgewachsener junger Antideutscher, der sich als subversiv imaginiert, vollst\u00e4ndig entziehen. Ja, er wird es nur als Ausdruck eines verdammensw\u00fcrdigen \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/antisemitismus-in-deutschland-2\/\">Antisemitismus<\/a>\u201c markieren k\u00f6nnen, haben sich alle diese antideutschen Bands doch einer die Realit\u00e4t Israels und der besetzen Gebiete vollst\u00e4ndig ausklammernden \u201eIsrael-Solidarit\u00e4t\u201c verschrieben. Von Mitgliedern dieser Bands kommen schlie\u00dflich Statements, die mit Bekundungen zum Nahostkonflikt wie folgender aufwartet: \u201eErschreckender ist eigentlich, dass zur Zeit Springers Die Welt das einzige Medium ist, das sich nicht der antisemitisch gef\u00e4rbten Berichterstattung anschlie\u00dft. Schlimm, dass ich das mal sagen muss.\u201c (Interview mit Torsun von Egotronic im Ox-Fanzine \/ Ausgabe #120, Juni\/Juli 2015) Etwas davor im Interview bekundete der Musiker auf die Frage, ob er in einer Art Punk-B\u00fcrgerlichkeit angekommen sei: \u201eJa, irgendwie schon, ich bin gl\u00fccklich. Auch weil ich alles andere bis zum Abwinken gemacht und gehabt habe. Mein Traum, von der Musik zu leben, ist wahr geworden. Ich f\u00fchle mich angekommen.\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Vor dem Hintergrund meiner politischen, musikalischen und subkulturellen Erfahrungen empfinde ich allerdings diese Auslassungen als vollkommen geschichtslos, naiv-angepasst und ihrerseits erfahrungsarm; also als ideologisch. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Weitere befremdliche Reaktionen in Hinblick auf die Frage des befreienden und politisch sprengenden Potentials von Musik begegneten mir auf dem Workshop \u201eMusik und Anarchistisches\u201c auf dem Hamburger Kongress \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/anarchie-in-hamburg\/\">Anarchistische Perspektiven auf Wissenschaft<\/a>\u201c. (Vgl.: Ralf Landmessers Bericht in der Graswurzelrevolution Nr. 444 vom Dezember 2019) Neben einer lebhaften und kontroversen Diskussion, nahmen wir uns als Textlekt\u00fcre das kurze, programmatische Manifest der \u201eTon Steine Scherben\u201c vor, das am 24. Dezember 1970 in der Berliner Untergrundzeitung Agit 883 ver\u00f6ffentlicht wurde und den Titel tr\u00e4gt: \u201eMusik ist eine Waffe\u201c. Der Text sei in voller L\u00e4nge dokumentiert, weil er einen Geist der Subversion in sich tr\u00e4gt, der heute eine nahezu vollst\u00e4ndig versunkene Welt zu sein scheint:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Musik kann zur gemeinsamen Waffe werden, wenn du auf der Seite der Leute stehst, f\u00fcr die du Musik machst! <\/span><span lang=\"de-DE\">Wenn du mit deinen Texten etwas sagst und eine Situation nennst, die zwar alle kennen, die aber jeder vereinzelt in sich hineingefressen hat, dann werden alle h\u00f6ren, da\u00df sie nicht die einzigen sind, die damit noch nicht fertig geworden sind und du kannst ihnen eine M\u00f6glichkeit zu Ver\u00e4nderung zeigen. <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Musik kann also zur Waffe werden, wenn du mit ihr die Ursachen deiner Aggressionen erkennst. Wir wollen, da\u00df du deine Wut nicht verinnerlichst, da\u00df du dir dar\u00fcber klar wirst, woher deine Unzufriedenheit und deine Verzweiflung kommen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir wollen die Feinde des Volkes nennen: \u201aMacht kaputt was euch kaputt macht &#8211; zerst\u00f6rt das System, das euch zerst\u00f6rt!\u2018 Unsere Musik soll ein Gef\u00fchl der St\u00e4rke vermitteln. Unser Publikum sind Leute unserer Generation: Lehrlinge, Rocker, Jungarbeiter, \u201aKriminelle\u2018, Leute in und aus Heimen. Von ihrer Situation handeln unsere Songs. <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lieder sind zum Mitsingen da. Ein Lied hat Schlagkraft, wenn es viele Leute singen k\u00f6nnen. Unsere Lieder sind einfach, damit viele sie mitsingen k\u00f6nnen. Wir brauchen keine \u00c4sthetik; unsere \u00c4sthetik ist die politische Effektivit\u00e4t. Unser Publikum ist der Ma\u00dfstab und nicht irgendwelche ausgeflippten Dichter. Von unserem Publikum haben wir gelernt Lieder zu machen, nur von ihnen k\u00f6nnen wir in Zukunft lernen, Lieder f\u00fcr das Volk zu schreiben. <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir sind in keiner Partei und in keiner Fraktion. Wir unterst\u00fctzen jede Aktion, die dem Klassenkampf dient. Egal, von welcher Gruppe sie geplant ist. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir werden in Berlin und Westdeutschland vor und in Betrieben und in den Jugendheimen der Arbeiterviertel spielen. Dazu zeigen wir Dias, die eine Erg\u00e4nzung zur Musik und zum Text bilden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Ziel ist es, unsere Aktionen den jeweiligen Situationen in den Betrieben oder Stadtteilen anzupassen. Dazu brauchen wir die Unterst\u00fctzung der dort arbeitenden Gruppen.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ein j\u00fcngerer anarchistischer Genosse \u00e4u\u00dferte recht spontan: \u201eDas k\u00f6nnte ja auch von \u201aLandser\u2018 (Neonazi-Band aus Berlin, die sich 2003 aufl\u00f6ste) kommen&#8230; Dieser <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/volk\/\">Volksbegriff<\/a>!\u201c Gro\u00dfe Einigkeit bestand auch darin, den Waffen-Begriff als militaristisch abzulehnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Reaktion ist interessant, weil sich in ihr so einiges verdichtet und widerspiegelt, was in zeitgen\u00f6ssischen Debatten auch im anarchistischen Milieu immer wieder aufscheint: Liberalismus, Geschichtslosigkeit und Dekontextualisierung. \u201eTon Steine Scherben\u201c den vorherrschenden Moden des Anti-Extremismus oder den Querfrontkonstruktionen folgend vor eine rechte Kulisse zu schieben, kann nur gelingen, wenn man die linke Militanz und aufkl\u00e4rerische Kampfbereitschaft, die sich auch in der \u201eWaffen\u201c-Metapher ausdr\u00fcckt, nicht im Kontext der damaligen Zeit sieht, sondern lediglich zu skandalisieren trachtet. Eine Waffe ist jedoch nicht nur ein Gegenstand, bestimmt und geeignet, Lebewesen physisch in ihrer Handlungsf\u00e4higkeit zu beeintr\u00e4chtigen, handlungsunf\u00e4hig zu machen oder gar zu t\u00f6ten. Waffen sind auch Mittel, die Gegenst\u00e4nde oder immaterielle G\u00fcter besch\u00e4digen, zerst\u00f6ren oder gebrauchsunf\u00e4hig machen k\u00f6nnen. Und nicht nur die Vorstellung von \u201eKritik als Waffe\u201c zeigt, dass der Begriff der Waffe immer eine \u00fcbertragene Bedeutung hatte. So ist die Aussage von Friedrich Wolf \u201eKunst ist Waffe\u201c \u00fcberliefert und niemand geringeres als Pablo Picasso erkl\u00e4rte: \u201eNein, Malerei ist nicht dazu da, um Appartements zu schm\u00fccken. Sie ist eine Waffe zu Angriff und Verteidigung gegen den Feind.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Volksbegriff in dem vorliegenden Fall wird durch \u201eLeute unserer Generation: Lehrlinge, Rocker, Jungarbeiter, \u201aKriminelle\u2018, Leute in und aus Heimen\u201c n\u00e4her spezifiziert \u2013 und erinnert nicht nur an die Randgruppenstrategie von Herbert Marcuse und die der fr\u00fchen RAF, sondern zeigt auch, dass im Volksbegriff der \u201eTon Steine Scherben\u201c alle jene einen konstitutiven Platz haben, die bei den Nazis und den postfaschistischen Wohlstandsb\u00fcrgerInnen der BRD als \u201eAsoziale\u201c markiert wurden. Die \u201eTon Steine Scherben\u201c machten Volksmusik in diesem Sinne und in einem Sinne wie es auch der Liedermacher Daniel Viglietti in Uruguay verstand: das Volk als pueblo, als die Armen, die Leute von unten \u2013 eine Kategorie, die sich manchem akademischen Linken heute entziehen mag. Und sie machten eine Art Volksmusik wie es der anarchistisch gepr\u00e4gte S\u00e4nger aus dem s\u00fcddeutsch\/franz\u00f6sisch\/schweizerischen Dreil\u00e4ndereck, Walter Mossmann, betrieb, wenn er in <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/von-wyhl-bis-zu-den-castor-blockaden\/\">Wyhl<\/a> auf den besetzten Pl\u00e4tzen mit seiner Gitarre aufspielte. Dieser wollte im regional situierten Kampf eine solidarische Neuzusammensetzung k\u00e4mpfender Individuen jenseits der Nationalstaaten sehen und propagierte dies. Au\u00dferdem ging es Mossmann darum, die Energie des Konservativ-B\u00e4uerlichen herrschaftskritisch aufzuheben und das Reaktion\u00e4re aufzusprengen, wie es in der Bewegung gegen das AKW in Wyhl auch der Fall war. Schlie\u00dflich war die Bewegung keinesfalls rein b\u00e4uerlich, so nahm unter anderem \u201eeine Lehrerfamilie, die von Jean-Jacques und Inge Rettig aus Schirmeck im Elsass\u201c eine wichtige Rolle ein. \u201eAn denen ist das Jahr <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/1968-war-die-zuendung\/\">1968<\/a> und der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/liberte-egalite-leoferre\/\">Pariser Mai<\/a> nicht spurlos vorbeigegangen. Au\u00dferdem spielten von Anfang an auch kritische Wissenschaftler und Dissidenten aus der Industrie eine Rolle\u201c, so Mossmann in einem r\u00fcckblickenden Interview aus dem Jahre 2005 (1). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anspruch auf Ver\u00e4nderung bedeutet: Mehrheiten gewinnen, will mensch nicht Putschist*in sein. Nichts anderes besagt auch dieser linke Volksbegriff. Muss deshalb anarchistische Musik mehrheitsf\u00e4hig sein? Noch lange nicht. So wie Avantgarde-Gruppen, wie die Lettristen oder die Situationistische Internationale, immer eine Berechtigung und Bedeutung hatten und haben, gilt dies auch f\u00fcr Musik wie jene eines John Cage. Aber jede musikalische Komposition als populistisch zu verdammen, die klassische H\u00f6rgewohnheiten bedient, gar zum Mitsingen animiert, ist kontraproduktiv und elit\u00e4r. Tats\u00e4chlich macht es mehr Sinn, subversive Musik mit Anspruch auf Popularit\u00e4t auf die Gefahr der Verkitschung zu befragen. Kitsch ist gegenaufkl\u00e4rerisch. Er ist vorget\u00e4uschte Empfindung, gehorcht mechanischen und festen Formen, er l\u00e4sst ein Hinterfragen so wenig zu wie er Ausdruck tats\u00e4chlich vorhandener Gef\u00fchle ist. Mir scheinen die St\u00fccke der \u201eTon Steine Scherben\u201c frei zu sein von Kitsch und Schwulst, also \u00fcberladener Sprache und einem hohlen Pathos, auch weil Witz und Ironie in fast jedem St\u00fcck anwesend sind. So sind selbst die gro\u00dfen epischen \u201eR\u00fchrst\u00fccke\u201c wie das 20min\u00fctige \u201eSteig ein\u201c von der \u201eWenn die Nacht am tiefsten\u201c-LP kein Schmalz, obwohl hier in pathetischer Sprache eine Utopie besungen wird und Fl\u00f6ten zum Einsatz kommen, aber das St\u00fcck endet im repetitiven \u201eWir wollen keine Ketten\u201c und der \u00dcberlagerung verschiedener linksradikaler Parolen in einer Art meditativem Sampling. Ich w\u00fcrde mich zu der These hinrei\u00dfen lassen, dass keines der \u201eTon Steine Scherben\u201c-St\u00fccke mit den gro\u00dfen Themen wie Revolution, Hoffnung, Utopie, Exodus, Heimat und Liebe im klassischen Sinne schmalzig sind und dennoch, besser: gerade deshalb ber\u00fchren. Und sie sind zeitlos. Auf einer hipsterkommunistischen Geburtstagsparty in Berlin Anfang Dezember, legte der DJ nachts um 3 einen technoiden Remix von \u201eMensch Meier\u201c auf. Es war das einzige Mal an diesem Abend, dass sich ein gemeinsames freudiges Aufmerken auf der Tanzfl\u00e4che bemerkbar machte und das St\u00fcck wurde regelrecht zelebriert.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Gr\u00fcndung der Ton Steine Scherben, eine der wenigen anarchistischen Bands, die f\u00fcr mehrere Generationen Linksradikaler und Subversiver von Bedeutung war und ist, hat 2020 ihr 50. Jubil\u00e4um. Vielleicht ein guter Anlass, dem Geist der Subversion nachzusp\u00fcren. Damit der damalig in Text und Lied gefasste Anspruch der Scherben, ein Gef\u00fchl der St\u00e4rke im Klassenkampf zu vermitteln, angesichts der heutigen Zust\u00e4nde nicht nur in linker Melancholie m\u00fcndet, die allerdings auch eine verborgene Kraft darzustellen vermag.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong><span lang=\"de-DE\">Gerhard Hanloser<\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Gerhard Hanloser ist Sozialwissenschaftler, Historiker und Germanist. Im Oktober 2019 ist im Unrast Verlag sein neues Buch \u201eDie andere Querfront. Skizzen des antideutschen Betrugs\u201c erschienen. Eine Rezension dazu erscheint voraussichtlich im M\u00e4rz 2020 in den Libert\u00e4ren Buchseiten (GWR 447).<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musik und Musikgeschmack sind etwas Pers\u00f6nliches. 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