{"id":21461,"date":"2020-01-02T16:20:45","date_gmt":"2020-01-02T14:20:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21461"},"modified":"2020-01-08T19:01:38","modified_gmt":"2020-01-08T17:01:38","slug":"20-jahre-indymedia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/20-jahre-indymedia\/","title":{"rendered":"20 Jahre indymedia"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">\u201eBereitet Euch darauf vor, \u00fcberschwemmt zu werden von der Welle aktivistischer MedienmacherInnen vor Ort in Seattle und \u00fcberall auf der Welt, die die wirkliche Geschichte hinter der Welthandelsorganisation erz\u00e4hlen.\u201c Mit dieser Erkl\u00e4rung trat das \u201eIndependent Media Center\u201c am 24. November 1999 erstmals an die \u00d6ffentlichkeit. Es war die Geburtsstunde der alternativen Internetplattform <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/gegen-die-kriminalisierung-linker-medien\/\">Indymedia.<\/a> Wenige Tage sp\u00e4ter, vom 30. November bis 2.\u00a0Dezember, tagten die Wirtschafts- und Handelsminister der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle. Das Treffen endete ergebnislos. Das lag unter anderem an den schwer \u00fcberbr\u00fcckbaren Differenzen in der Handelspolitik. Doch erstmals war auf einem solchen Gipfel eine transnationale Protestbewegung h\u00f6r- und sichtbar. (1)<\/p>\n<p align=\"justify\">W\u00e4hrend der Gipfelproteste blockierten Tausende die Stadt. Die Bilder, Videos und Erkl\u00e4rungen der Gipfelgegner*innen wurden von den Aktivist*innen fast in Echtzeit in alle Welt \u00fcbertragen. Auch die Dokumentation von Polizeigewalt gegen die Demonstrierenden verbreitete sich via Indymedia schnell um den Globus. Genauso schnell wurden Solidarit\u00e4tsaktionen organisiert. Der neue Zyklus der globalisierungskritischen Proteste w\u00e4re ohne die Begeisterung der Medienaktivist*innen der ersten Stunde nicht denkbar gewesen. Aus Seattle berichteten zahlreiche Aktivist*innen. Aus der ersten Erkl\u00e4rung des Independent Media Centers spricht der Optimismus, die neuen Medien im Kampf f\u00fcr eine gerechtere Gesellschaftsordnung einsetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eDas <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/03\/anarchy-and-the-internet-1998\/\">Web<\/a> ver\u00e4ndert die Balance zwischen multinationalen und aktivistischen Medien dramatisch. Mit ein bisschen Code und etwas billigem Equipment k\u00f6nnen wir eine automatisierte Live-Website aufsetzen, die den Unternehmen Konkurrenz macht\u201c, hie\u00df es da. 20 Jahre sp\u00e4ter klingen diese Zeilen naiv. Dabei wird vergessen, dass es Ende der 1990er Jahre eine Software m\u00f6glich machte, schnell und ohne gro\u00dfe Vorkenntnisse Texte, Videos und Fotos im Internet zu ver\u00f6ffentlichen. Darauf weist Anne Roth in einen Beitrag zum 20. Indymedia-Geburtstag unter dem programmatischen Titel \u201eEin anderes Internet schien m\u00f6glich\u201c hin. Roth engagierte sich einige Jahre bei Indymedia Deutschland und ist heute Referentin f\u00fcr Netzpolitik bei der Linksfraktion im Bundestag.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e\u201aEine andere Welt ist m\u00f6glich\u2018 ist ein Slogan des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/weltsozialforum-transformatorische-oekonomien-2020-in-barcelona\/\">Weltsozialforums<\/a> und der Antiglobalisierungsbewegung. Indymedia ist gemeinsam mit ihnen um die Jahrtausendwende entstanden und der Slogan dr\u00fcckte die Vorstellung aus, dass es m\u00f6glich sein muss, die Weltwirtschaft anders als entlang der kapitalistischen Verwertungslogik zu organisieren\u201c, beschreibt Roth den weitgehenden Konsens der Bewegung. Heute sieht sie im durchkapitalisierten Internet nur noch einige Nischen f\u00fcr Projekte, bei denen es nicht ums Gesch\u00e4ftemachen geht. Aber auch heute ist das Internet aus Sicht der Medienaktivistin \u201eein wichtiges Werkzeug f\u00fcr Minderheiten, Bewegungen oder Aktivist*innen in repressiven Umgebungen, um sich ausdr\u00fccken und organisieren zu k\u00f6nnen\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Medienaktivismus begann nicht erst vor 20 Jahren mit Indymedia. Daran erinnert Susanne Dzeik, die ab 1995 Teil des Medienkollektivs AK-Kraak war. Es wurde 1990 in der Hochzeit der Hausbesetzer*innenbewegung gegr\u00fcndet. Der erste Teil des Namens bezieht sich auf die \u201eAktuelle Kamera\u201c der DDR, Kraak ist der holl\u00e4ndische Begriff f\u00fcr Hausbesetzungen. Bereits damals hie\u00df es im Selbstverst\u00e4ndnis der Gruppe: \u201eWir sind Teil des weltweiten sozialen Aufbruchs zu medialer Selbstbestimmung.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_21515\" aria-describedby=\"caption-attachment-21515\" style=\"width: 537px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Indymedia_Printausgaben.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21515\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Indymedia_Printausgaben.jpg\" alt=\"Foto von internationalen Indymedia Printausgaben\" width=\"537\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Indymedia_Printausgaben.jpg 860w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Indymedia_Printausgaben-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Indymedia_Printausgaben-600x338.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Indymedia_Printausgaben-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 537px) 100vw, 537px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21515\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Anne Roth<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\">Der Anspruch, kein Fern- sondern ein Tiefsehmagazin zu sein, habe auch bedeutet, dass man auch die eigene politische Szene kritisiert. Diesen selbstkritischen und selbstironischen Anspruch vermisst Dzeik bei der heutigen Flut von Videos. Da gehe es auch bei linken Gruppen meist nur noch um Selbstdarstellung und nicht um Reflektion, so Dzeik, die sich noch immer mit Film- und Videoarbeit befasst. K\u00fcrzlich wurde in Berlin ein 20 Jahre altes AK-Kraak Video gezeigt und diskutiert. Es war nicht nur eine linke Geschichtsstunde, aus einer Zeit, in der Antirassist*innen auf Grenzcamps in Sachsen und Brandenburg gegen das Sterben an der Grenze zu Polen und Tschechien protestierten. Dort war damals die Grenze zur EU, dort starben Gefl\u00fcchtete, beim Versuch \u00fcber die Nei\u00dfe zu kommen. Es war auch die Zeit, in der Taxifahrer*innen als angebliche Schlepper*innen in Deutschland zu Haftstrafen verurteilt wurden, weil sie Menschen in ihren Autos mitgenommen haben, ohne nach ihrem Pass zu fragen. Der AK-Kraak-Filmabend hat auch noch mal gezeigt, dass es eben doch Vorteile hat, wenn man Videos nicht allein im Internet anguckt, sondern in linken R\u00e4umlichkeiten mit anderen diskutiert, aber auch gemeinsam lacht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der selbstironische Aspekt spielte eine gro\u00dfe Rolle bei den AK-Kraak-Arbeiten. So sollte auch der 20. Jahrestag von Indymedia Anlass sein, selbstkritisch zu reflektieren, dass sich manche Linke an eine Zeit vor dem Internet nicht mehr erinnern wollen. Nur so ist zu erkl\u00e4ren, dass Medienaktivismus oft mit Indymedia gleichgesetzt wird und Beispiele, die nichts mit dem Internet zu tun haben, vergessen werden.<\/p>\n<h5>Solidarit\u00e4t mit Indymedia Linksunten<\/h5>\n<p align=\"justify\">Dass nur in wenigen Medien an das Indymedia-Jubil\u00e4um erinnert wurde, ist bedauerlich. Schlie\u00dflich ist mit Indymedia Linksunten ein Teil von Indymedia in Deutschland seit mittlerweile \u00fcber zwei Jahren mittels Vereinsrecht abgeschaltet.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auf den 29. Januar 2020 ist jetzt der Termin der Klage gegen die Abschaltung von Indymedia Linksunten vor dem Verwaltungsgericht in Leipzig terminiert. Am Samstag davor, am 25. Januar 2020 soll es den \u201eTag (((i)))\u201c geben und eine bundesweite Demonstration in Leipzig stattfinden. Die bisherigen Aufrufe tragen alle einen sehr auf die autonome Szene bezogenen Akzent. Das ist bedauerlich. Denn Indymedia war seit seiner Gr\u00fcndung eben kein Organ nur der radikalen Linken. Es war die Plattform einer pluralen Linken, auf der \u00fcber Informationsst\u00e4nde genau so berichtet wurde, wie \u00fcber Aktionen des zivilen Ungehorsams. Aber auch militante Aktionen wurden dort dokumentiert und auch kritisiert, wie alle anderen Aktionen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es w\u00e4re gut, wenn an dem Protesttag auch dieser Charakter von Indymedia als Medium einer pluralen Linken deutlich w\u00fcrde. Das w\u00fcrde auch bedeuten, den Initiativen, die sich wie die Gruppe f\u00fcr Freiheitsrechte, die kritischen Jurist*innen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich gegen die Abschaltung von Indymedia Linksunten ausgesprochen haben, dort die M\u00f6glichkeit zu geben, den Protest mitzugestalten.<\/p>\n<p align=\"right\"><strong>Peter Nowak<\/strong><\/p>\n<p>Gegen GWR-Autor Peter Nowak und zwei weitere Blogger*innen wird ermittelt, weil sie zu Solidarit\u00e4t mit Indymedia-Linksunten als plurales Medium der Linken aufgerufen haben. Weitere Infos: <a href=\"https:\/\/peter-nowak-journalist.de\/die-soli-erklaerung\/\"><span lang=\"de-DE\">https:\/\/peter-nowak-journalist.de\/die-soli-erklaerung\/<\/span><\/a> und <a href=\"https:\/\/linksunten.soligruppe.org\/call\/\"><span lang=\"de-DE\">https:\/\/linksunten.soligruppe.org\/call\/<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBereitet Euch darauf vor, \u00fcberschwemmt zu werden von der Welle aktivistischer MedienmacherInnen vor Ort in Seattle und \u00fcberall auf der Welt, die die wirkliche Geschichte hinter der Welthandelsorganisation erz\u00e4hlen.\u201c Mit dieser Erkl\u00e4rung trat das \u201eIndependent Media Center\u201c am 24. November 1999 erstmals an die \u00d6ffentlichkeit. Es war die Geburtsstunde der alternativen Internetplattform Indymedia. 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