{"id":21463,"date":"2020-01-02T16:27:01","date_gmt":"2020-01-02T14:27:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21463"},"modified":"2020-09-11T10:57:32","modified_gmt":"2020-09-11T08:57:32","slug":"der-krieg-gegen-jemens-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/der-krieg-gegen-jemens-kinder\/","title":{"rendered":"Der Krieg gegen Jemens Kinder"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Amal l\u00e4chelte immer\u201c, erinnert sich ihre Mutter Mariam am Krankenhausbett sitzend, w\u00e4hrend das abgedruckte Foto in Amals Blick nur noch apathische Leere zeigt, Lethargie. Der Fotograf Tyler Hicks hat gewiss ein kleines Verm\u00f6gen mit dem Bild gemacht \u2013 von BBC \u00fcber BuzzFeed bis BILD druckte die Weltpresse seinen Schnappschuss ab und rief so f\u00fcr kurze Zeit einen weltweiten Aufschrei \u00fcber die Unmenschlichkeit und die Gr\u00e4uel des Jemenkrieges hervor. \u201eEin gequ\u00e4lter Blick in die Augen der ausgemergelten Amal Hussain\u201c, schreibt die New York Times damals, \u201eschien ein Spiegelbild der grauenhaften Lebensverh\u00e4ltnisse ihres vom Krieg heimgesuchten Landes zu sein\u201c. <\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_21572\" aria-describedby=\"caption-attachment-21572\" style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/31093688791_fbaa0ab3ba_o-e1578318453759.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21572\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/31093688791_fbaa0ab3ba_o-1024x795.jpg\" alt=\"\" width=\"565\" height=\"439\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21572\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Rod Waddington<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Amals Familie stammt aus Sa\u2019da im Nordjemen, der Hochburg der Houthi-Rebellen, gegen die eine vom Westen unterhaltene achtk\u00f6pfige Koalition unter F\u00fchrung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate seit M\u00e4rz 2015 einen erbarmungslosen Bombenkrieg f\u00fchrt. Amals Familie floh ein Jahr nach Kriegsbeginn aus der heftig umk\u00e4mpften Sa\u2019da-Region Richtung S\u00fcden nach Aslam, etwa 150 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Sana\u2019a. Amal litt an Diarrh\u00f6, an den zweist\u00fcndlichen Milchrationen im Krankenhaus erbrach sie sich jedes Mal. Das Krankenhaus konnte ihr nicht helfen und schickte Amal und Mutter Mariam schweren Herzens in ein provisorisches Refugee Camp vor der Stadt, um ihr Bett noch nicht ganz verlorenen Kindern bereitzustellen. Wenige Tage nach dem Foto in der New York Times war Amal tot \u2013 und genauso schnell wieder vergessen. (1) (Auch ich musste beim Schreiben dieser Zeilen einige Details ihrer Story erneut recherchieren.)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Jemen-Berichterstattung in den deutschen Leitmedien hat neben analytischen Oberfl\u00e4chlichkeiten und gelegentlichem Splatter nichts Substanzielles anzubieten und vernachl\u00e4ssigt einen zentralen Aspekt des Krieges in G\u00e4nze. Dieser Text wird nachweisen, dass es sich im Jemen vordergr\u00fcndig nicht um einen Krieg gegen Soldaten oder Rebellen handelt, sondern in erster Linie um eines: um den Krieg gegen Jemens Kinder.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Die H\u00f6lle auf Erden\u201c \u2013 f\u00fcr jedes einzelne Kind<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Jemen ist komplett isoliert, \u00fcber eine See-, Luft- und Landblockade ist das Land von der Gr\u00f6\u00dfe Frankreichs hermetisch abgeriegelt. Was f\u00fcr die physische Versorgung mit Nahrung, Medikamenten und Hilfsg\u00fctern gilt, trifft \u00e4hnlich auch auf den Informationsfluss nach au\u00dfen zu: Die Zahl jemenitischer Journalisten und Aktivist*innen, die gelegentlich auf Al Jazeera oder iranischen Medien auf Englisch \u00fcber den Krieg berichten, kann ich ebenso wie die ausl\u00e4ndischen Reporter*innen, die es irgendwie schaffen, ins Land zu kommen, an einer Hand abz\u00e4hlen. Lange Zeit geisterte die Zahl von 10.000 Kriegstoten durch die internationalen Medien. Nur geht diese Zahl auf eine UN-Sch\u00e4tzung aus dem Jahr 2016 zur\u00fcck und wurde \u00fcber Jahre nicht aktualisiert \u2013 was meiner Einsch\u00e4tzung nach ein wesentlicher Grund f\u00fcr das nicht vorhandene Medieninteresse am Krieg war, gab es doch etwa in Syrien mit seiner halben Million Toten wesentlich dramatischere Zahlen. Die UN beauftragte schlie\u00dflich die University of Denver mit einer Studie, um dieses Problem anzugehen. Die Wissenschaftler*innen stellten im April 2019 in ihrer lesenswerten Studie \u201eAssessing the Impact of War on Development in Yemen\u201c ihre Ergebnisse der Allgemeinheit zur Verf\u00fcgung. (2)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Demnach werde die Opferzahl der direkt durch Waffengewalt Get\u00f6teten bis Ende 2019 auf 102.000 ansteigen. Ende Oktober 2019 verk\u00fcndete auch der renommierte Kriegsmonitor Armed Conflict Location and Event Data (ACLED), dass die Zahl der direkten Kriegstoten im Jemen die Zahl von 100.000 durchbrochen hat und bekr\u00e4ftigt damit die Zahlen aus Denver. Entgegen der landl\u00e4ufigen Meinung ebben die Kriegshandlungen keineswegs ab, vielmehr erkl\u00e4rt das ACLED, dass 2019 mit 20.000 Get\u00f6teten das zweitt\u00f6dlichste Jahr des seit 2015 w\u00fctenden Krieges war \u2013 mit 2018 wiederum als t\u00f6dlichstem Jahr. (3) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Forschenden aus Denver gehen noch einen Schritt weiter und betrachten in ihren Z\u00e4hlungen auch kriegsbedingte Sekund\u00e4rph\u00e4nomene wie Hunger und Epidemien \u2013 die, es muss immer wieder betont werden, keine \u201eKollateralsch\u00e4den\u201c des Krieges sind, sondern von der Saudi-Emirate-Koalition bewusst herbeigef\u00fchrt und so als Kriegswaffe eingesetzt werden. Demnach steigen die Kriegstoten auf mehr als 230.000 an. Und noch einen Schritt weiter, der Grund f\u00fcr die \u00dcberschrift dieses Artikels: Von diesen Toten sind 140.000 Kinder unter f\u00fcnf Jahren, die allermeisten waren zu Kriegsbeginn im M\u00e4rz 2015 also noch nicht einmal geboren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Drei von f\u00fcnf Kriegstoten im Jemen sind unter f\u00fcnf Jahre alt \u2013 ich w\u00fcsste von keinem anderen Krieg, in dem es auch nur im Ansatz ein derart kinderfeindliches Missverh\u00e4ltnis g\u00e4be. Doch was ist die Ursache f\u00fcr diesen im Grunde unfassbar hohen Anteil toter Kinder? In der Graswurzelrevolution Nr. 434 vom Dezember 2018 berichtete ich \u00fcber einen Anschlag, bei dem ein saudischer Kampfjet zwei 500-Pfund-Bomben der US-R\u00fcstungsschmiede Lockheed Martin auf einen Schulbus in Dahyan im Nordjemen abwarf und dabei 51 Menschen t\u00f6tete, 40 von ihnen Schulkinder. (4) <\/span><span lang=\"de-DE\">Doch stellen derartige Gewaltexzesse gegen Kinder die Ausnahme dar. Zur Erkl\u00e4rung des beschriebenen Missverh\u00e4ltnisses m\u00fcssen wir uns die von der Denver University hinzugef\u00fcgten Sekund\u00e4rph\u00e4nomene ansehen \u2013 den schleichenden Tod. Denn der auf jeden Krieg zutreffende Umstand, dass durch Waffengewalt get\u00f6tete Menschen nur eine Fraktion der Kriegstoten ausmachen, wird im Jemen auf die Spitze getrieben. So w\u00fctet neben einer historischen Hungerkatastrophe \u2013 die UN warnte vor \u201eder schlimmsten Hungersnot der Welt seit 100 Jahren\u201c \u2013 mit \u00fcber 2,2 Millionen Infizierten die mit weitem Abstand gr\u00f6\u00dfte jemals registrierte Choleraepidemie. (5) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mitte November berichtete ich als Einzige*r im deutschsprachigen Raum \u00fcber eine ausbrechende Malariaepedimie, innerhalb weniger Wochen registrierte das Houthi-gef\u00fchrte Gesundheitsministerium 116.522 Infektionen und 500.000 mehr Verdachtsf\u00e4lle. (6) Auch sind Denguefieber, Masern und Diphtherie auf dem Vormarsch \u2013 und von all diesen Sekund\u00e4rph\u00e4nomenen sind Kinder, besonders die kleinsten unter ihnen, besonders heftig betroffen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ende November schickte mir Dr. Yousef Alhadri, der Sprecher des jemenitischen Gesundheitsministers Dr. Taha al-Mutawakel, aktuelle Statistiken seines Hauses. Zwar k\u00f6nnen nicht all diese Zahlen des von den Houthi-Rebellen gef\u00fchrten Ministeriums verifiziert werden, doch in den F\u00e4llen, in denen es andere Quellen gibt, decken sich Alhadris Zahlen mit denen etwa der UN. So sind von Jemens 4,5 Millionen Kindern unter f\u00fcnf Jahren 2,9 Millionen akut mangelern\u00e4hrt, 55 Prozent also. 400.000 fallen in die Kategorie der schweren akuten Mangelern\u00e4hrung. Die Zahl der Hungertoten zu ermitteln, ist besonders problembehaftet. Im Oktober 2018 ver\u00f6ffentlichte die renommierte Kinderrechts-NGO Save the Children die erschreckende Zahl von 85.000 Kleinkindern unter f\u00fcnf Jahren, die seit M\u00e4rz 2015 an den Folgen des Hungers starben \u2013 das entspricht der Zahl aller unter f\u00fcnfj\u00e4hrigen Kinder in Hamburg. Diese Zahl spiegelt eine konservative Sch\u00e4tzung wider und k\u00f6nnte bei bis zu 110.000 liegen. Bill Chambers, Pr\u00e4sident der kanadischen NGO, kommentiert die Ergebnisse: \u201eF\u00fcr jedes Kind, das durch Bomben und Kugeln get\u00f6tet wird, sterben Dutzende am Hunger.\u201c (7)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Von den \u00fcber 52.000 registrierten F\u00e4llen von Masern sind bereits 273 Menschen gestorben, von denen Kinder unter f\u00fcnf Jahren 65 Prozent ausmachen, w\u00e4hrend dieser Anteil an den 3.750 an Cholera Verstorbenen 32 Prozent betr\u00e4gt. (8) Nach UN-Angaben stellen Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre mehr als die H\u00e4lfte aller Cholerainfizierten. Houthi-Sprecher Dr. Alhadri weiter in einem Statement: \u201e86 Prozent der Kinder unter f\u00fcnf Jahren leiden an einer Art von Blutarmut, 46 Prozent der Kinder leiden an Wachstumsst\u00f6rungen, w\u00e4hrend 80.000 Kinder aufgrund von Flugzeugger\u00e4uschen und Raketenexplosionen an psychischen St\u00f6rungen leiden.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine besonders perfide Kriegstaktik der Saudi-Emirate-Koalition ist auch die vollst\u00e4ndige Schlie\u00dfung der Flugh\u00e4fen. Allein \u00fcber den Sana\u2019a Airport reisten vor dem Krieg jedes Jahr Zehntausende Jemenit*innen zur \u00e4rztlichen Behandlung ins Ausland aus, die jetzt massenhaft buchst\u00e4blich zum Sterben im Land eingeschlossen sind. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das Norwegian Refugee Council gab 2017 an, dass im ersten Jahr der Luftblockade mit \u00fcber 10.000 Toten mehr Menschen allein aufgrund der Schlie\u00dfung des Sana\u2019a Airports starben als an direkter Waffengewalt. (9)<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Von den 320.000 Patienten, die aufgrund der Schlie\u00dfung des Sana\u2019a Airports keine Behandlung im Ausland erhalten konnten\u201c, so Ministeriumssprecher Alhadri mir gegen\u00fcber, \u201estarben 42.000 Patienten, 30 Prozent davon Kinder\u201c. Dr. Alhadri erkl\u00e4rt weiter, dass \u201e12 Millionen Kinder, alle jemenitischen Kinder, humanit\u00e4re und Gesundheitshilfe ben\u00f6tigen\u201c und widerhallt damit ein Statement von Geert Cappelaere, UNICEF-Direktor der MENA-Region, der auf einer Pressekonferenz in Amman im November 2018 erkl\u00e4rte: \u201eDer Jemen, meine Kollegen, ist f\u00fcr Kinder heute die H\u00f6lle auf Erden. Nicht f\u00fcr 50-60 Prozent der Kinder, nein. Es ist die H\u00f6lle auf Erden f\u00fcr jeden einzelnen Jungen und jedes einzelne M\u00e4dchen im Jemen.\u201c (10)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieses deprimierende Kapitel zusammenfassend, das katastrophale R\u00e9sum\u00e9 des jemenitischen Gesundheitsministers al-Mutawakel: \u201eIm Jemen sterben jedes Jahr 100.000 Kinder am Krieg und der Belagerung, an Krankheiten und Epidemien.\u201c<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Blutlinie zwischen zwei V\u00f6lkermorden<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Neben dem unmittelbaren Tod jemenitischer Kinder bezeugen wir im Jemen einen weiteren Kriegsaspekt \u2013 bei all den Barbareien in all den Kriegen dieser Welt das wohl menschenverachtendste Ph\u00e4nomen \u00fcberhaupt \u2013, durch den Kinder nicht \u201enur\u201c physisch ausgel\u00f6scht werden, sondern der vielmehr die Vernichtung kindlichen Lebens selbst bedeutet, ein Angriff auf die kindliche Psyche, der ihnen jede M\u00f6glichkeit nimmt, jemals ein \u201enormales\u201c, erf\u00fclltes Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zu Beginn des Jemenkriegs im M\u00e4rz 2015 versicherte der Architekt des Krieges \u2013 der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, im Westen unter seinem K\u00fcrzel MbS bekannt \u2013 seiner Bev\u00f6lkerung, der Krieg werde maximal einige Wochen andauern. Als sich dieses Versprechen rasch als Luftschloss herausstellte, gab es mit der Zeit auch auf Seiten der Koalition die ersten Todesopfer zu beklagen \u2013 nicht unter saudischen Truppen, Riad f\u00fchrt mit seinen deutsch-italienisch-britischen Tornados und der von der britischen BAE Systems unterhaltenen Royal Saudi Air Force einen reinen Bombenkrieg aus der Luft und die Houthis verf\u00fcgen \u00fcber keine Flugabwehr, doch in den R\u00e4ngen der anderen Koalition\u00e4re, allen voran aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), die ein erhebliches Kontingent an Bodentruppen stellten. Bei einer Bev\u00f6lkerung von gerade einmal einer Million Menschen \u2013 die restlichen acht der neun Millionen Einwohner*innen sind Arbeitsmigranten und -sklaven zumeist aus S\u00fcdasien \u2013 k\u00f6nnen es sich die Emirate schlicht nicht \u201eleisten\u201c, ihre jungen M\u00e4nner an der Front zu verheizen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und so begann die Koalition recht schnell, ihren enormen \u00d6lreichtum darauf zu verwenden, auf der ganzen Welt S\u00f6ldner f\u00fcr ihren Krieg einzukaufen. \u00dcber ein Programm des ehemaligen US-Navy-SEALs Erik Prince (11) \u2013 ber\u00fchmtber\u00fcchtigt f\u00fcr seine kriegsverbrecherische S\u00f6ldnerfirma Blackwater, Jeremy Scahills Buch ist Pflichtlekt\u00fcre zum Thema \u2013 wurden Hunderte S\u00f6ldner auf die Arabische Halbinsel exportiert; meist aus Nepal oder Lateinamerika, hier vor allem Kolumbien, doch auch viele U.S. Special Forces (12) darunter: Outsourcing von Krieg, im globalisierten Kapitalismus sind Elitesoldaten frei handelbare G\u00fcter, die f\u00fcr aberwitzige Geh\u00e4lter den Tod in die entferntesten Ecken der Welt tragen. Im Jemen f\u00fchren die zumeist hochausgebildeten Einheiten taktische Operationen, komplexe Bombenanschl\u00e4ge oder Attentate auf Oppositionelle und Geistliche durch \u2013 f\u00fcr stupide Grabenk\u00e4mpfe an der Front (13) sind diese Investments zu wertvoll, so muss auf dem globalisierten S\u00f6ldnermarkt nach billigen Alternativen gesucht werden. F\u00fcndig wurden die Koalition\u00e4re auf der anderen Seite des Roten Meers, im vom Darfur-Genozid ab 2003 noch immer kriegszerst\u00f6rten <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/02\/der-sudan-erneut-im-kampf-gegen-die-tyrannei\/\">Sudan<\/a> \u2013 und niemand ist hier so billig wie Kinder.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Rund 14.000 S\u00f6ldner aus dem Sudan befinden sich zu jedem Zeitpunkt, angefangen wenige Monate nach Kriegsbeginn, im Jemen, erkl\u00e4ren zur\u00fcckgekehrte K\u00e4mpfer und sudanesische Politiker*innen, die diesem Spuk ein Ende setzen wollen, gegen\u00fcber der New York Times (14); manche Quellen sprechen von bis zu 30.000 K\u00e4mpfern. (15) <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine Entsendung l\u00e4uft in der Regel ein halbes Jahr, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die Gesamtzahl sudanesischer S\u00f6ldner, die im Jemen stationiert waren, in die Hunderttausende geht. Die Sudanesen werden in heftig umk\u00e4mpften Regionen wie in der von den Houthis belagerten Metropole Ta\u2019iz eingesetzt oder in der Schlacht um die wichtigste Hafenstadt des Landes, Hodeida. Sie sind oft ungesch\u00fctzt und \u00fcbernehmen die gef\u00e4hrlichsten Aufgaben. \u201eSie behandeln die Sudanesen wie ihr Feuerholz\u201c, beschreibt der 25-j\u00e4hrige Ahmed treffend die Situation. Die rekrutierten sudanesischen Kinder und Jugendlichen sind zwischen 13 und 17 Jahre alt, sie machen zwischen 20 und 40 Prozent der sudanesischen Einheiten aus. Demnach sind zu jedem Zeitpunkt Tausende sudanesische Kinders\u00f6ldner im Jemen stationiert, insgesamt geht ihre Zahl gewiss in die Zehntausende. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Opferzahlen unter den sudanesischen S\u00f6ldnern sind verheerend. 4.000 von ihnen (16) sollen seit 2015 im Jemen get\u00f6tet worden sein, Tausende mehr wurden verletzt, so ein Sprecher der Houthi-Rebellen Anfang November mit Zahlen, die unm\u00f6glich objektiv verifiziert werden k\u00f6nnen. Die Zahl get\u00f6teter Kinder aus dem Sudan ist unbekannt. W\u00e4hrend ausrangierte westliche Elitesoldaten in der privaten S\u00f6ldnerbranche gerne bis 1.500 US-Dollar kassieren \u2013 pro Tag, versteht sich \u2013, zahlt die Saudi-Emirate-Koalition ihren S\u00f6ldnern aus Darfur zwischen 10.000 und 15.000 US-Dollar f\u00fcr sechs Monate: im bitterarmen Sudan ein Verm\u00f6gen und genug, um der Familie eine Existenz aufzubauen. Der 15-j\u00e4hrige Hager Shomo Ahmed kehrte nach einem halben Jahr im Jemen zur\u00fcck nach Darfur. 180 der 500 S\u00f6ldner seiner sudanesischen Einheit wurden in den sechs Monaten get\u00f6tet. Hagers Familie sind Rinderz\u00fcchter, doch ihr Vieh wurde im Darfur-Krieg von Pl\u00fcnderern gestohlen. Mit dem saudischen Blutgeld f\u00fcr seinen Dienst im Jemen kaufte der junge Hager seiner Familie ein Haus und zehn neue Rinder.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Kinders\u00f6ldner aus Darfur sind die Blutlinie, die den ersten Genozid im 21. Jahrhundert mit dem zweiten verbindet: Zu Beginn des Darfur-V\u00f6lkermords Anfang der 2000er waren sie S\u00e4uglinge oder noch ungeboren, anderthalb Jahrzehnte sp\u00e4ter k\u00e4mpfen sie \u2013 um dem Hungertod ihrer Familie entgegenzutreten \u2013 gegen ihre jemenitischen Schwestern und Br\u00fcder, werden in 2.000 Kilometer Entfernung von zu Hause von skrupellosen Gener\u00e4len an den Frontlinien verheizt, sind als sudanesische Kinder zentrale Komponente im Krieg gegen Jemens Kinder \u2013 so zynisch, so menschenverachtend, so bitter wie nur Krieg sein kann.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wut im Bauch<\/span><\/h5>\n<figure id=\"attachment_21574\" aria-describedby=\"caption-attachment-21574\" style=\"width: 288px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/11066477354_1ea0b694aa_o-e1578318379897.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21574\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/11066477354_1ea0b694aa_o-684x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"288\" height=\"431\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21574\" class=\"wp-caption-text\">Beide Fotos auf der Seite sind vor dem Kriegsausbruch 2015 entstanden und zeigen jemenitische Kinder. &#8211; Fotos: Rod Waddington<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich schreibe Artikel \u00fcber Kriege in Nahost, lese den ganzen Tag \u00fcber kopfabschneidende ISIS-K\u00e4mpfer, US-Bomben auf afghanische Krankenh\u00e4user und vom Sarin Get\u00f6tete in Syrien. Ich habe Mittel und Wege gefunden, um von all der Barbarei nicht einzugehen und mir mein sonniges Gem\u00fct und meine Philanthropie nicht zu verlieren. Doch das hier ist anders. Einen Artikel \u00fcber Leichenberge von Kindern zu recherchieren, ist einfach nur \u00e4tzend. Beim Schreiben dieser Zeilen fiel es mir oft schwer, meine Emp\u00f6rung, meine Verzweiflung \u00fcber diese unfassbare Misanthropie auf etwas Konstruktives zu kanalisieren, war nicht nur einmal den Tr\u00e4nen nahe.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerst\u00f6rt die Menschlichkeit in mir\u201c, formulierte Immanuel Kant einmal; und Che Guevara: \u201eVor allem bewahrt Euch stets die F\u00e4higkeit, jede Ungerechtigkeit, die irgendwo auf der Welt begangen wird, aufs Tiefste zu empfinden. Das ist der sch\u00f6nste Charakterzug eines Revolution\u00e4rs.\u201c Neben der sachlichen Analyse und der \u00dcbermittlung wichtiger Fakten soll dieser Text auch emotional aufw\u00fchlen, gr\u00f6\u00dfte Empathie genau wie Wut im Bauch hervorrufen \u2013 Wut auf die Koalition und ihre Komplizen im Westen. Einige Abs\u00e4tze des Artikels schrieb ich im Bus nach Berlin. Mein bester Kumpel wurde gerade zum ersten Mal Vater, was ausgiebig begossen werden wollte. Und w\u00e4hrend wir im Dutzend in der Kneipe in Friedrichshain das neue Leben feierten, starb im Jemen aufgrund eines sinnlosen Krieges jede Stunde ein halbes Dutzend Kinder unter f\u00fcnf Jahren an Hunger, Cholera und anderen vollst\u00e4ndig vermeidbaren Ursachen; alle zehn Minuten eins.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieser Text dient dem Gedenken an Jemens get\u00f6tete Kinder und der bedingungslosen Solidarit\u00e4t mit seinen lebenden. Der Name der kleinen Amal aus der New York Times vom Anfang ist das arabische Wort f\u00fcr Hoffnung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">Jakob Reimann<\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\">Dieser Artikel ist auch als <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Krieg-gegen-Jemens-Kinder-Podcast.mp3\">Podcast<\/a> erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAmal l\u00e4chelte immer\u201c, erinnert sich ihre Mutter Mariam am Krankenhausbett sitzend, w\u00e4hrend das abgedruckte Foto in Amals Blick nur noch apathische Leere zeigt, Lethargie. Der Fotograf Tyler Hicks hat gewiss ein kleines Verm\u00f6gen mit dem Bild gemacht \u2013 von BBC \u00fcber BuzzFeed bis BILD druckte die Weltpresse seinen Schnappschuss ab und rief so f\u00fcr kurze &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/der-krieg-gegen-jemens-kinder\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":21570,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der Krieg gegen Jemens Kinder - graswurzelrevolution","description":"\u201e Amal l\u00e4chelte immer\u201c, erinnert sich ihre Mutter Mariam am Krankenhausbett sitzend, w\u00e4hrend das abgedruckte Foto in Amals Blick nur noch apathische Leere zeigt"},"footnotes":""},"categories":[1082,1025,1027],"tags":[1086],"class_list":["post-21463","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-445-januar-2020","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine","tag-krieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21463"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21463\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21570"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}