{"id":21472,"date":"2020-01-03T12:49:48","date_gmt":"2020-01-03T10:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21472"},"modified":"2020-03-13T12:42:15","modified_gmt":"2020-03-13T10:42:15","slug":"wie-weiter-nach-der-wende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/wie-weiter-nach-der-wende\/","title":{"rendered":"Wie weiter nach der \u201eWende\u201c?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_21808\" aria-describedby=\"caption-attachment-21808\" style=\"width: 465px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1990-06-OstWestBgegnung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21808\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1990-06-OstWestBgegnung-1024x722.jpg\" alt=\"\" width=\"465\" height=\"327\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1990-06-OstWestBgegnung-1024x722.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1990-06-OstWestBgegnung-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1990-06-OstWestBgegnung-600x423.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1990-06-OstWestBgegnung-768x542.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1990-06-OstWestBgegnung.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21808\" class=\"wp-caption-text\">Kleinmachnow: &#8222;Ost-West-Begegnung Slbstorganisierte Lebensgemeinschaften&#8220; im Juni 1990<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bis 1989 hatten sich \u00d6kodorf-Aktivist*innen aus Westberlin nach Westdeutschland orientiert. Nach dem Mauerfall hatte Berlin pl\u00f6tzlich ein Umland, in dem fast unbegrenzte M\u00f6glichkeiten alternativen Lebens aufschienen. Eine massenhafte Wanderung von Ost- nach Westdeutschland hinterlie\u00df brachliegende L\u00e4ndereien und Geb\u00e4ude. Da dr\u00e4ngte sich die Idee auf, mit einer \u00f6kologischen Siedlungsbewegung in umgekehrter Richtung die verlassenen Gegenden neu zu beleben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aus der \u201eOst-West-Begegnung Selbstorganisierte Lebensgemeinschaften \u2013 <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/01\/gedanken-zu-kommune-und-freiheit\/\">Kommunen,<\/a> \u00d6kod\u00f6rfer, spirituelle Gemeinschaften und andere alternative Lebensformen\u201c im Juni 1990 in Kleinmachnow (siehe Teil 1, GWR 443) und weiteren Veranstaltungen, Reisen etc., waren Freundschaften und auch <\/span><span lang=\"de-DE\">Projekte hervorgegangen. Mit meinen Kindern war ich oft zu Besuch in Babe, einem kleinen Dorf in der Prignitz, nicht weit von Neustadt (Dosse), etwa hundert Kilometer nordwestlich von Berlin. Dort wohnte auch Reinhard Zabka im Sommeratelier seines L\u00fcgenmuseums, und es gab einige \u00f6kologisch engagierte Bewohner*innen. <\/span><span lang=\"de-DE\">In Babe lernte ich Leute aus dem Westberliner Bezirk Kreuzberg kennen, die dabei waren, im Berliner Umland mit \u00f6ffentlichen F\u00f6rdermitteln \u00f6kologische Projekte zu organisieren. Sie fragten mich, ob ich nicht mitarbeiten m\u00f6chte. Mir gefiel der Gedanke, meinen \u00d6ko-Aktivismus in einer weitgehend selbstbestimmten Lohnarbeit fortzuf\u00fchren. Und so begann ich im Fr\u00fchjahr 1991 meine T\u00e4tigkeit bei der Atlantis gGmbH, einer \u201egemeinn\u00fctzigen Gesellschaft f\u00fcr Umwelttechnik und Berufsperspektiven\u201c. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Atlantis betrieb eine Reihe \u00f6kologischer Werkst\u00e4tten in Berlin, f\u00fcr Photovoltaik und thermische Solarenergie, Windkraft, \u00f6kologisches Bauen und Begr\u00fcnung. In den Projekten in Ostdeutschland kamen noch Pflanzenkl\u00e4ranlagen hinzu. Der Tr\u00e4gerverein ajb (Allgemeine Jugendberatung) richtete nach und nach mehrere Hundert \u00f6ffentlich gef\u00f6rderte Arbeitspl\u00e4tze ein, mit denen Langzeiterwerbslose oder Menschen mit Psychiatrie- oder Knasterfahrungen fit gemacht werden sollten f\u00fcr den ersten Arbeitsmarkt. Immer wieder tauchte die Idee auf, aus den Werkst\u00e4tten heraus Kollektivbetriebe zu gr\u00fcnden. Mir ist aber kein einziger Fall in Erinnerung, wo das wirklich funktioniert h\u00e4tte.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kahlschlag und Geldregen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Fr\u00fchjahr 1993, als ich schon nicht mehr bei Atlantis war, kamen drei ehemalige Kollegen aus Frankfurt\/Oder zu mir. Ich arbeitete damals \u2013 vor meinem Umzug ins <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/02\/projekt-a-der-film\/\">Projekt A<\/a> nach Neustadt\/Weinstra\u00dfe (siehe GWR <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat\/\">441<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2\/\">442<\/a>) \u2013 f\u00fcr ein paar Monate bei STATTwerke, einem damals noch genossenschaftlichen Beratungsunternehmen, das unter anderem f\u00fcr Kollektive und Landprojekte t\u00e4tig war. Nach der Wende war die \u00f6ffentliche Treuhandanstalt geradezu \u00fcber die Volkseigenen Betriebe in der DDR hergefallen, um sie in die kapitalistische Marktwirtschaft zu \u00fcberf\u00fchren. Es fand ein unglaublicher Kahlschlag statt, oft nur vermeintlich marode Firmen wurden abgewickelt, so dass in Ostdeutschland massenhaft Menschen arbeitslos wurden, unter anderem viele Ingenieur*innen. Atlantis hatte auch ein Projekt in Frankfurt\/Oder, die drei Ingenieure kamen zu mir und meinten: \u201eUnser Chef hat gesagt, wir k\u00f6nnten einen Kollektivbetrieb gr\u00fcnden, kannst du uns dabei helfen?\u201c. Es war nicht die beste Ausgangsbasis, das war mir sofort klar, und so wurde auch nichts daraus.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wie viele soziale Tr\u00e4ger finanzierte auch Atlantis seine Arbeit aus Mitteln der Arbeitsf\u00f6rderung, des Berliner Senats und des Landes Brandenburg, und aus europ\u00e4ischen F\u00f6rdergeldern. In meiner Zeit bei Atlantis war ich im Aufbau und der Finanzierung von Projekten in der ehemaligen DDR t\u00e4tig. In Babe bauten wir ein gro\u00dfes ABM-Projekt auf (ABM = Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahme), mit Windrad, regenerativen Energien, einem Bauernhof mit vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen etc. Es sollte ein touristischer Anziehungspunkt werden, so dass auf lange Sicht feste Arbeitspl\u00e4tze entstehen. Es war eine verr\u00fcckte Zeit damals. Einerseits der Kahlschlag in der ehemaligen DDR, gleichzeitig wurden F\u00f6rdergelder ohne Ende \u00fcber dem Land ausgekippt. In Brandenburger Ministerien und Serviceeinrichtungen der \u00f6ffentlichen Hand wurden einige Leute aus der Westberliner Alternativszene eingestellt. Ich erinnere mich, dass wir einmal mit einem Antrag auf F\u00f6rderung von etwa 100.000 DM f\u00fcr \u00d6koprojekte zu einem Ministerium gingen. Die Mitarbeiterin winkte m\u00fcde ab und meinte, wir sollten das nochmal neu konzipieren und noch eine Null an die Antragssumme dran h\u00e4ngen. Wahrscheinlich mussten die so viel Geld unter die Leute bringen, dass sich die Arbeit f\u00fcr so einen sechsstelligen Betrag nicht lohnte.<\/span><\/p>\n<h5><span lang=\"de-DE\">Privatisierung hat viele Gesichter<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An gr\u00f6\u00dfere Staatsknete-Diskussionen, wie sie zehn Jahre zuvor teils erbittert gef\u00fchrt wurden, kann ich mich nicht erinnern. Die Landschaft der Bildungs- und Besch\u00e4ftigungstr\u00e4ger kam ja teilweise aus der Fraktion der Bef\u00fcrworter*innen von Staatsknete-Finanzierung, w\u00e4hrend viele Kollektivbetriebe das kritisch gesehen hatten. Da wo ich zur Wendezeit unterwegs war, wurde eher ganz ungebrochen zugegriffen, und ich habe selbst den Ehrgeiz gesp\u00fcrt, diese historische Chance zu nutzen und m\u00f6glichst viel Finanzierung f\u00fcr alternative Projekte zu erm\u00f6glichen. Schlie\u00dflich waren wir die Guten \u2013 oder hielten uns zumindest daf\u00fcr. Wer darauf aus war, konnte in den un\u00fcbersichtlichen Nachwendejahren auch f\u00fcr sich selbst einiges rausschlagen. So gab es Leute, die kauften privat H\u00e4user und vermieteten sie an gef\u00f6rderte Projekte, die sie selbst oder Freund*innen betrieben. So wurde Privateigentum \u00f6ffentlich finanziert.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In dem ABM-Projekt in Babe gab es dann um die einhundert Stellen \u2013 das waren sogar ein paar mehr als das Dorf Einwohner*innen hatte. Ein spannendes Projekt machten wir in Neu-Zittau in der N\u00e4he von Erkner, nur kurz hinter der s\u00fcd\u00f6stlichen Stadtgrenze von Berlin, auf dem Kesselberg. Das war eine ehemalige Stasi-Abh\u00f6ranlage, ein riesiges Waldgrundst\u00fcck mit mehreren Geb\u00e4uden. Wir errichteten dort Solaranlagen, ein Windrad und begannen mit dem Bau einer Pflanzenkl\u00e4ranlage. Den ostdeutschen Kolleg*innen erkl\u00e4rte ich die Besonderheiten der Mehrwertsteuer \u2013 so etwas hatte es in der DDR nicht gegeben \u2013 und dass Sparen keine gute Idee sei. Denn wenn die f\u00fcr ein Jahr angesetzten F\u00f6rdermittel nicht verbraucht wurden, dann mussten sie zur\u00fcckgegeben werden und konnten nicht ins n\u00e4chste Jahr \u00fcbertragen werden, um sie dann vielleicht sinnvoller auszugeben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An den Projektstandorten und auch anderswo versuchten wir die lokalen Verwaltungen davon zu \u00fcberzeugen, sich eigene Ver- und Entsorgungsstrukturen aufzubauen, statt sich in die Abh\u00e4ngigkeit von Konzernen oder Zweckverb\u00e4nden zu begeben. Eine eigene regenerative Stromversorgung und Abwasserentsorgung mit Pflanzenkl\u00e4ranlagen w\u00e4re weitaus g\u00fcnstiger gewesen, und h\u00e4tte zumindest bescheidene bezahlte Arbeit vor Ort geschaffen, als endlose Leitungs- und Rohrkilometer verlegen zu lassen, f\u00fcr die dann andere abkassieren. Die Gro\u00dfen und St\u00e4rkeren haben gewonnen, und so wurden oft \u00fcberdimensionierte zentrale Kl\u00e4ranlagen mit viel \u00f6ffentlichem Geld errichtet. Leidtragende sind die Nutzer*innen, die bis heute sehr hohe Geb\u00fchren entrichten m\u00fcssen. 2016 musste sogar eine voll funktionst\u00fcchtige und mehrfach preisgekr\u00f6nte Pflanzenkl\u00e4ranlage der \u00f6kologischen Modellsiedlung Landhof Sch\u00f6neiche bei Berlin wegen dem Anschlusszwang abgerissen werden.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Projektzentrum Kesselberg<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Noch zu meiner Zeit bei Atlantis t\u00fcftelten wir an einem langfristig tragf\u00e4higen Betreiberkonzept f\u00fcr den Kesselberg. Das Grundst\u00fcck sollte von der Treuhand erworben werden, gemeinsam mit einem weiteren Bildungstr\u00e4ger und der Gemeinde. Sp\u00e4ter kam es wohl zum Streit, die taz titelte \u201eEine Utopie, die am Alltag scheiterte\u201c (18.07.1996). Neben unterschiedlichen Interessen, die nicht zum Ausgleich kamen, und menschlichen Unvertr\u00e4glichkeiten, war es wohl auch ein Ost-West-Konflikt. Mitte 1996 kaufte Atlantis den Kesselberg alleine. Eineinhalb Jahre sp\u00e4ter wurden F\u00f6rdermittel gek\u00fcrzt und die Bank weigerte sich, einen Kredit zu gew\u00e4hren, um die Zeit bis zur Auszahlung einer n\u00e4chsten F\u00f6rdermitteltranche zu \u00fcberbr\u00fccken. Atlantis musste Anfang 1998 Insolvenz anmelden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Grundst\u00fcck wurde von Leuten aus der Soliszene mit rebellischen Bewegungen in Lateinamerika besetzt. Als es 2003 zur Zwangsversteigerung kam, lie\u00df der ostdeutsche Kesselberg-Verein, der im Konflikt mit Atlantis den K\u00fcrzeren gezogen hatte, den Besetzer*innen freiwillig den Vortritt. So konnte der Verein \u201e\u00d6kologisches Kulturzentrum Kesselberg\u201c das Gel\u00e4nde zum Schn\u00e4ppchenpreis von 100.000 Euro \u2013 f\u00fcr nur zehn Prozent des urspr\u00fcnglichen Kaufpreises \u2013 \u00fcbernehmen. \u00dcber die Jahre fanden viele Camps und Projektentwicklungswerkst\u00e4tten auf dem Kesselberg statt. Ich war 1996 nach Berlin zur\u00fcckgekommen und beteiligte mich zeitweilig, konnte mich jedoch nicht einmal entscheiden, mir dort ein Freizeitdomizil einzurichten. Ohne Auto ist es <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/01\/erich-muhsam-der-revoluzzer\/\">m\u00fchsam<\/a> dort drau\u00dfen, und mit dem Fahrrad zum Bahnhof Erkner geht es entweder durch den Wald oder \u00fcber eine Landstra\u00dfe, die (zumindest damals) mordsgef\u00e4hrlich war. Heute ist von dem Projekt nicht mehr viel zu h\u00f6ren, es entwickelte sich eine wohl recht ungeregelte Bewohner*innenschaft.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Bahro-Biedenkopf-Connection<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der fr\u00fchere DDR-Dissident Rudolf Bahro geh\u00f6rte zur \u00d6kodorf-Bewegung (siehe GWR 443). Nach der Wende baute er an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t ein \u201eInstitut f\u00fcr Sozial\u00f6kologie\u201c auf. Im Juli 1991 hielt der damalige s\u00e4chsische Ministerpr\u00e4sident Kurt Biedenkopf (CDU) dort einen Vortrag: \u201eEine Wirtschaftsordnung f\u00fcr GAIA. Plan und Markt vor der Belastungsgrenze des Planeten\u201c. In der anschlie\u00dfenden Diskussion erkl\u00e4rte er sich bereit, Selbstversorgungsprojekte in Sachsen zu unterst\u00fctzen, wenn sie \u201eseri\u00f6s\u201c seien. Sogleich schickte Rudolf Bahro ihm ein Konzept mit Argumenten zur globalen Notwendigkeit solcher alternativer Lebensmodelle und ihrer besonderen Bedeutung f\u00fcr die neuen Bundesl\u00e4nder.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">An einer Konferenz \u201eNeue Lebensformen\u201c auf Gut Frohberg, einem Landprojekt von zugewanderten Wessis in der N\u00e4he von Mei\u00dfen, nahmen im Juni 1992 mehr als 300 Interessierte teil. Die s\u00e4chsische Landesregierung wurde durch Hermann Kroll-Schl\u00fcter, den Staatssekret\u00e4r im s\u00e4chsischen Landwirtschaftsministerium, vertreten. Ein Teilnehmer berichtete anschlie\u00dfend, dass es manchen aus dem Osten unangenehm aufgesto\u00dfen sei, wie westlich dominiert die Podien besetzt gewesen seien. Auch Meditationen und K\u00f6rper\u00fcbungen h\u00e4tten sie irritiert. Damals gingen ja reihenweise Politiker*innen und Manager*innen (ganz \u00fcberwiegend M\u00e4nner) nach Ostdeutschland, f\u00fcr einen kr\u00e4ftigen Zuschlag auf ihr regul\u00e4res Gehalt \u2013 b\u00f6se Zungen sprachen in kolonialistisch-rassistischer Tradition von \u201eBuschzulage\u201c. Wie Biedenkopf kam auch Kroll-Schl\u00fcter aus NRW. Dieser bekr\u00e4ftigte nochmals, dass die Landesregierung bereit sei, ein Selbstversorgungsprojekt zu unterst\u00fctzen, und daf\u00fcr Land und eine Anschubfinanzierung zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/span><\/p>\n<h5><span lang=\"de-DE\">Lebensgut Pommritz<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ganz konkret bot die s\u00e4chsische Regierung ein Landgut in der N\u00e4he von Dresden an. Da sa\u00dfen wir nun, in der \u00d6kodorf-Gruppe \u201eSelbstversorgung als Selbstbestimmung\u201c und \u00fcberlegten, was wir damit machen. Seit einiger Zeit war auch Dieter Halbach mit dabei. Er hatte fr\u00fcher, zur Hochzeit des Anti-AKW-Widerstands, im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/150-mit-dem-wendlandpass\/\">Wendland<\/a> gelebt, und dann eine Landkommune in der Toskana gegr\u00fcndet, wie so viele damals (siehe Oya Nr. 6 Jan.\/Febr. 2011). Ich hatte ihn mal in Italien auf dem Hof \u201eIl Capanno\u201c besucht, als er noch versuchte Leute zu finden, die benachbarte leerstehende H\u00f6fe \u00fcbernehmen. Das Anwesen lag abseits, mit meinen Kindern musste ich einen weiten Weg durch den Wald laufen. Als wir ankamen, regnete es. Ein warmer Sommerregen, wir zogen uns aus und tanzten, es war wundersch\u00f6n. Aber dort zu leben, das konnte ich mir nicht vorstellen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nun wohnte Dieter in Berlin und wurde eine der zentralen Personen der \u00d6kodorf-Gruppe, nachdem deren Gr\u00fcnder J\u00f6rg Sommer sich zur\u00fcckgezogen hatte. Nach der Konferenz auf Gut Frohberg schrieb er: \u201eEs gibt im Osten die M\u00f6glichkeit, brachliegendes Land, Geb\u00e4ude und \u00f6ffentliche Mittel zu nutzen, und so auch auf die \u00f6rtlichen Probleme zu reagieren. Viele Menschen suchen Arbeit, Gemeinschaft und Perspektiven, und haben dabei eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zum praktischen Beginn, wie sie im Westen kaum noch vorhanden ist. Und es gibt dort immer noch so etwas wie die Suche nach einer gesellschaftlichen Utopie. F\u00fcr diese gesellschaftliche Dimension war das Treffen in Frohberg befl\u00fcgelt durch die Vision Rudolf Bahros und durch die praktischen Angebote des Staatssekret\u00e4rs Hermann Kroll-Schl\u00fcter. Ein Hoffnungsschimmer auf eine Kooperation mit der s\u00e4chsischen Landesregierung wurde sichtbar. Die verschiedenen Themen, die breite Teilnahme an den spirituellen \u00dcbungen und die Pionierstimmung im Zeltlager und in den Hofruinen spiegeln: Hier geht es ums utopische Ganze, nicht um individuellen Vorteil und l\u00e4ndlichen R\u00fcckzug. Doch dieses \u201aAufgehen im Gr\u00f6\u00dferen\u2018 \u2013 utopischen, gesellschaftlichen, kollektiven \u2013 ist gleichzeitig auch die Schw\u00e4che der Bewegung. Es fehlen Pers\u00f6nlichkeiten und Initiativen. Um die Chancen nutzen zu k\u00f6nnen, brauchen die Gruppen ein selbstbewusstes Profil, eine Konzeption und ausreichend Erfahrung.\u201c (CONTRASTE \u2013 Monatszeitung f\u00fcr Selbstorganisation, Ausgabe 96, Sept. 1992).<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aus unserer \u00d6kodorf-Gruppe konnte sich keine*r vorstellen, nach Sachsen zu gehen. Ein fr\u00fcherer Mitstreiter aus Rudolf Bahros Gemeinschaft Niederstadtfeld in der Eifel, sowie sein Mitarbeiter Maik Hosang von der Humboldt-Universit\u00e4t machten sich dann daran, eine Gruppe aufzubauen und gr\u00fcndeten das Lebensgut Pommritz. Es entstand eine Art Landkommune mit gemeinsamer \u00d6konomie, gemeinsamem Kochen, alle arbeiteten was sie wollten oder konnten. In den ersten Jahren war das Projekt mit ABM-Stellen gut finanziert. Das waren damals keine entw\u00fcrdigenden Ein-Euro-Jobs, sondern es gab tarifliche Bezahlung wie im \u00f6ffentlichen Dienst \u2013 allerdings nach Ost-Tarif. Diese Ungerechtigkeit, dass f\u00fcr die gleiche Arbeit im Westen mehr bezahlt wurde als im Osten, zog sich mindestens bis ins Jahr 2008, und wurde bei der Jahressonderzahlung nach TV\u00d6D erst 2019 abgeschafft.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die fast paradiesischen Zust\u00e4nde in Pommritz waren schnell vorbei, als die ABM-Stellen nicht mehr verl\u00e4ngert wurden. Sicher gab es auch vorher schon andere Probleme im Projekt, einerseits idealistisch \u00fcberh\u00f6hte Erwartung daran, wie Menschen sich in Gemeinschaften entwickeln, andererseits Entt\u00e4uschungen dar\u00fcber, wenn Leute doch zuerst an sich selbst dachten. Sp\u00e4testens als das Geld knapp wurde, zerfiel die Gemeinschaft. 2014 erwarb der \u00f6sterreichische Unternehmer Heinrich Kronbichler das Lebensgut und rettete es damit vor dem finanziellen Ruin. Er betreibt dort ein Seminarhaus und mit Maik Hosang eine \u201einteraktive Philosophie-Erlebniswelt \u201aSophia\u2018\u201c. Die urspr\u00fcnglichen Bewohner*innen sind nach und nach weggezogen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Endlich raus aus Berlin!<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Gruppe um Dieter Halbach erwarb 1993 als ersten Schritt zum \u00d6kodorf einen Hof in Gro\u00df Ch\u00fcden, einem Ortsteil von Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Vier Jahre sp\u00e4ter begannen einige der Bewohner*innen im 25 Kilometer entfernten Poppau mit dem Aufbau des \u00d6kodorf Sieben Linden. Heute leben dort etwa 140 Menschen. Ich zog nicht mit nach Sachsen-Anhalt. Von den radikal\u00f6kologischen Ideen hatte ich mich immer mehr entfernt, und ich wollte meine Kinder weder auf eine ostdeutsche Schule schicken, und sie den dort \u00fcblichen autorit\u00e4ren Zust\u00e4nden aussetzen, noch sie unter den besonderen Bedingungen einer selbstorganisierten Freien Schule lernen lassen. Ich war selbst Waldorfsch\u00fclerin gewesen und hatte unter anderem unter diesem Etwas-Besonderes-Sein (m\u00fcssen) sehr gelitten. Meine Kinder sollten ebenso \u201enormal\u201c aufwachsen wie alle anderen auch.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als Redakteurin der CONTRASTE fuhr ich oft zum Plenum nach Heidelberg. Es ergab sich, dass ich bei der Gelegenheit auch Freund*innen in Neustadt an der Weinstra\u00dfe besuchte, und so die WESPE kennenlernte, das \u201eWerk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen\u201c. Mir gefiel die Idee des Projekt A, vor allem fand ich jedoch die Leute dort sympathisch und die Gegend wundersch\u00f6n. Nach vielen Kennenlernbesuchen entschied ich mich, dort hinzuziehen. In der Projektzeitung Stichpunkte schrieb ich im November 1992:<\/span><\/p>\n<h6 style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Vom \u201abesseren Leben\u2018 \u2013 Warum ich mit Anna und Olli nach Neustadt kommen m\u00f6chte.<\/span><\/h6>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eigentlich ist das ganz einfach: Statt weitere Jahre in Berlin zu verbringen und vom \u201abesseren Leben\u2018 auf dem Land zu tr\u00e4umen \u2013 irgendwann mal wird alles anders \u2013 hab ich nun beschlossen, mich endlich einzulassen auf das Heute. Weil mir mit zunehmendem Alter immer klarer wird, da\u00df die Zukunft genau in diesem Moment beginnt, und ich mein Leben nicht aufschieben kann. Der Entschlu\u00df, zum n\u00e4chsten Sommer (wenn Olli zur Schule mu\u00df) aus Berlin wegzugehen, steht also.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und warum gerade Neustadt? Von allen Projekten, die ich bisher besucht habe, entspricht mir Euer Verh\u00e4ltnis von N\u00e4he und Distanz am ehesten: Keine Kommune, wo alles geteilt wird (was mich bedr\u00e4ngen w\u00fcrde), aber auch keine unverbindliche Dorfgemeinschaft oder Stadt-Szene (wo ich mich allein f\u00fchlen w\u00fcrde). Ich kann mir gut vorstellen, meine sozialen Beziehungen bei Euch nach meinen Bed\u00fcrfnissen zu gestalten, und die Frage, was ich mit anderen teilen m\u00f6chte, langsam und diesen Beziehungen entsprechend anzugehen. Dazu geh\u00f6rt f\u00fcr mich die politische Arbeit \u2013 gemeinsam Wege aus der l\u00e4hmenden Ratlosigkeit finden \u2013 ebenso, wie z.B. zusammen Musik zu machen \u2013 ich m\u00f6chte eine Samba-Percussion-Gruppe aufbauen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dabei ist mir wichtig, da\u00df der Wespe-Zusammenhang \u00fcberschaubar ist, und doch aus vielen Menschen besteht; was es dar\u00fcberhinaus an Projekt-A-Vernetzung gibt, interessiert mich sehr. Meine Eindr\u00fccke w\u00e4hrend unseres Besuchs waren zwar auch widerspr\u00fcchlich, und ich hab einiges von Euren Konflikten mitbekommen, aber unterm Strich glaube ich, da\u00df ich mich in dem, wie Ihr miteinander umgeht, bewegen und einbringen kann. Der Grund f\u00fcr mich, nach Neustadt kommen zu wollen, ist also eindeutig das soziale Umfeld, die Einbindung in einen gr\u00f6\u00dferen menschlichen Zusammenhang. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eigentlich wollte ich ja immer aufs Land \u2013 und werde mich hier auch f\u00fcr die Schaffung einer solchen M\u00f6glichkeit engagieren \u2013 aber das ist erstmal ziemlich abstrakt, und eher eine Perspektive f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Sommer 1993 packte ich also meine Sachen und zog mit den Kindern von Berlin nach Neustadt\/Weinstra\u00dfe \u2013 wo wir allerdings nur f\u00fcr drei Jahre blieben (siehe GWR 441 und 442).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Elisabeth Vo\u00df<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis 1989 hatten sich \u00d6kodorf-Aktivist*innen aus Westberlin nach Westdeutschland orientiert. Nach dem Mauerfall hatte Berlin pl\u00f6tzlich ein Umland, in dem fast unbegrenzte M\u00f6glichkeiten alternativen Lebens aufschienen. Eine massenhafte Wanderung von Ost- nach Westdeutschland hinterlie\u00df brachliegende L\u00e4ndereien und Geb\u00e4ude. Da dr\u00e4ngte sich die Idee auf, mit einer \u00f6kologischen Siedlungsbewegung in umgekehrter Richtung die verlassenen Gegenden neu &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/wie-weiter-nach-der-wende\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":21807,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Wie weiter nach der \u201eWende\u201c? - graswurzelrevolution","description":"Kleinmachnow: \"Ost-West-Begegnung Slbstorganisierte Lebensgemeinschaften\" im Juni 1990 Bis 1989 hatten sich \u00d6kodorf-Aktivist*innen aus Westberlin nach Westdeuts"},"footnotes":""},"categories":[1082,1032],"tags":[1063,1091,1078,1092],"class_list":["post-21472","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-445-januar-2020","category-spurensicherung","tag-anarchie","tag-kommune","tag-oekodorf","tag-projekt-a"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21472","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21472"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21472\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21807"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21472"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21472"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21472"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}