{"id":21484,"date":"2020-01-02T21:10:39","date_gmt":"2020-01-02T19:10:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21484"},"modified":"2020-01-05T00:35:07","modified_gmt":"2020-01-04T22:35:07","slug":"kohle-kapern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/kohle-kapern\/","title":{"rendered":"Kohle kapern!"},"content":{"rendered":"<h5><span lang=\"de-DE\">Stadtwerke Flensburg \u2013 Greenwashing aufzeigen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Flensburger Kraftwerk produziert Strom und W\u00e4rme durch Verbrennung von Steinkohle, der zu maximal einem Viertel Ersatzbrennstoffe beigemischt werden. Nichts daran ist gr\u00fcn. Steinkohle ist einer der klimasch\u00e4dlichsten Energietr\u00e4ger der Welt. Bis 2022 sollen zwei der Kohlekessel des Flensburger Kraftwerks durch ein neues Gaskraftwerk ersetzt werden. Doch auch Erdgas ist ein fossiler Energietr\u00e4ger und die Methanemissionen, die bei der F\u00f6rderung und dem Transport des Gases entstehen, sind enorm klimasch\u00e4dlich. Mit unserem Protest m\u00f6chten wir neue Gasinfrastruktur verhindern, bevor sie gebaut werden kann.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Steinkohle, die auf dem Wasserweg direkt an den Kai des Flensburger Kraftwerks geliefert wird, kommt vor allem aus Russland und sehr wahrscheinlich aus der Region Kuzbass. Dort erfolgt der Abbau durch Sprengungen im offenen Tagebau auf Kosten der indigenen Bev\u00f6lkerung mit katastrophalen \u00f6kologischen und sozialen Folgen. Der entstehende Staub verteilt sich atmosph\u00e4risch und vergiftet Trinkwasservorr\u00e4te, Fl\u00fcsse und B\u00f6den. Er verursacht Krebs- und Lungenerkrankungen. Tagebaue und Transportrouten verschlingen ganze Landstriche und Siedlungen. Der Widerstand vor Ort ist gro\u00df, wird aber durch die Beh\u00f6rden erschwert. <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Kohleabbau im Kuzbass folgt einem Muster, das sich weltweit vielerorts wiederholt: Erm\u00f6glicht durch staatliche Repression wird der Industriehunger nach Ressourcen auf Kosten von marginalisierten, h\u00e4ufig indigenen Gruppen gewaltsam durchgesetzt. Bei unserem Protest geht es deswegen um mehr als nur um das Klima und die Abschaltung eines Kohlekraftwerks.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bericht von der Aktion<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die Vorbereitungen f\u00fcr die Aktion begannen mit \u00fcberregionalen Treffen des DeCOALonize-B\u00fcndnisses und der Auskundschaftung des Kraftwerks vor Ort. Von Landseite ist das Gel\u00e4nde der Flensburger Stadtwerke weitl\u00e4ufig abgesperrt und schwer einsichtig. Vom Wasser ist der Kai des Kraftwerks frei zug\u00e4nglich. Boote, Schwimmwesten, Aktionshandys und diverses Material wurden organisiert, Banner gemalt, und unser Twitter-Account @kohle_kapern eingerichtet.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Am Aktionstag legte als erstes die K\u00fcchencrew noch in der Dunkelheit mit den Fr\u00fchst\u00fccksvorbereitungen los. Als es hell wurde, begaben sich die Bootsfahrer*innen mit den Aktivistis auf die abenteuerliche Fahrt zum Kraftwerk. Trotz Motorausfall, Wellen, die das \u00fcberbesetzte Schlauchboot volllaufen lie\u00dfen und einem (gl\u00fccklicherweise gerade menschenleeren) gekenterten und gesunkenem Paddelboot kamen alle mehr oder weniger trocken an ihren jeweiligen Zielorten an: Die Fahrer*innen zur\u00fcck am Anleger und die Aktivistis auf den beiden Kr\u00e4nen am Kai und dem Kohleberg dahinter. Der Kohleberg war gerade so steil aufgesch\u00fcttet, dass das Material beim Klettern ins Rutschen geriet \u2013 mutma\u00dflich perfekt, um eine R\u00e4umung zu erschweren. Oben angekommen fanden wir allerdings \u00fcberrascht eine von Maschinen festgefahrene Ebene vor. Von der Auffahrt auf der gegen\u00fcberliegenden Seite n\u00e4herte sich uns ein Radlader, dr\u00e4ngte uns in voller Absicht an die Kante und stie\u00df dabei wie zu einer Drohgeb\u00e4rde die Schaufel in die Luft. Ein Aktivist stellte sich mit erhobenen Armen in den Weg. Es gab einen kurzen Zusammensto\u00df von Mensch und Baggerschaufel, dann setzte der Radlader zur\u00fcck und verschwand.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir entrollten die Transpis und begannen zu warten. Lange Zeit passierte nichts. Dann tauchte die Polizei auf, hielt sich jedoch im Hintergrund. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Stadtwerke erschien. Er begab sich mit uns in Verhandlungen, gab vor unsere Aktion zu bef\u00fcrworten und sagte, wir k\u00f6nnten uns auf dem Kraftwerkgel\u00e4nde frei bewegen. Tats\u00e4chlich nutzten wir die gewonnenen Freir\u00e4ume zu wechselseitigen Besuchen in unseren neu erworbenen Lokalit\u00e4ten. Einige Menschen entdeckten bei den Streifz\u00fcgen auch etwas, was uns vermuten lie\u00df, wir seien auf eine Art Steuerzentrale des Kraftwerks gesto\u00dfen. Das war spannend. Vieles w\u00e4re hier m\u00f6glich gewesen, aber vorbereitet waren wir darauf nicht. Die Bedenken \u00fcberwogen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir machten Fotos, versorgten uns selbstst\u00e4ndig mit Kaffee und Cola im Aufenthaltsraum der Arbeitis (Anmerkung einer Verfasserin: stolz bin ich darauf nicht) und hinterlie\u00dfen gut gemeinte Botschaften auf dem obligatorischen PinUp-Kalender, der an der Wand hing.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zeitgleich mit unserer Kraftwerksbesetzung fand an dem Tag auch eine Aktion der Seebr\u00fccke Flensburg statt. Wir wurden w\u00e4hrend der Redebeitr\u00e4ge telefonisch zugeschaltet und durften unsere solidarischen Gr\u00fc\u00dfe ausdr\u00fccken, die live mit den Demonstrierenden geteilt wurden. Zum Ausdruck unserer Solidarit\u00e4t mit der Seebr\u00fccke und allen Gefl\u00fcchteten haben wir ein Leuchtfeuer geschossen, woraufhin die Demo das Gleiche tat. Das Licht am anderen Ufer der F\u00f6rde war zu erkennen. <\/span><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend das Back-Office auf der Veranstaltung der Seebr\u00fccke flyerte, eine Mahnwache vor dem Gel\u00e4nde des Kraftwerks vorbereitete, das Presseteam auf Deutsch und Russisch twitterte und vom gegen\u00fcberliegenden Ufer Fotos schoss, zog sich der Tag auf dem Kraftwerksgel\u00e4nde hin. Auf der Kohlehalde war ein Fu\u00dfballfeld entstanden, auf dem einige Menschen sich mit einer Blechdose die Zeit verkickten. Andere spielten fangen oder machten Sport\u00fcbungen, um sich die K\u00e4lte aus den Knochen zu vertreiben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Kurz vor Anbruch der Dunkelheit verlie\u00dfen wir das Gel\u00e4nde schlie\u00dflich selbstbestimmt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Manche Menschen trugen auf einmal witzige Sachen, die ihnen zum Teil gar nicht passten, viel zu klein oder zu gro\u00df waren. Vor dem Tor zur Stra\u00dfe erwartete uns eine Polizeisperre. Durchgelassen werden sollten wir nur dann, wenn wir die Personalien-Erfassung der, so die Polizei, drei Menschen erm\u00f6glichten, die zuvor Pyro gez\u00fcndet h\u00e4tten. Aufgrund der allgemeinen Kleidertauschb\u00f6rse war die Identifizierung einzelner Personen nicht mehr m\u00f6glich, was die Pozilei jedoch herzlich wenig beeindruckte. Sie zog drei scheinbar willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte Menschen aus der Gruppe heraus. Um zu signalisieren, dass wir uns nicht auf diesen ungerechten Deal einlassen w\u00fcrden, setzten wir uns im Torbereich des Grundst\u00fccks auf die Stra\u00dfe. Es kam bald zu einer R\u00e4umung, die allerdings nicht prim\u00e4r durch das Wegtragen von Menschen durchgef\u00fchrt wurde, sondern durch den Einsatz von Polizeihunden, die auf die am Boden sitzenden Menschen sprangen. Viele waren schockiert \u00fcber diese gef\u00e4hrliche Art der R\u00e4umung. Trotz Maulk\u00f6rbe kam es zu blauen Flecken und Beulen sowie emotionalen Sch\u00e4den auf unserer Seite. Ein Gro\u00dfteil der Aktivistis verweigerte nach der R\u00e4umung die Angabe ihrer Personalien. Sie wurden in Polizeigewahrsam genommen. Vor der GeSa haben wir eine Mahnwache aufgebaut. Noch in derselben Nacht waren alle wieder frei.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Res\u00fcmee<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Trotz des unn\u00f6tigen und gewaltvollen Hundeeinsatzes bei der R\u00e4umung und dem Versuch des Kraftwerksbetreibers, uns durch scheinbares Verst\u00e4ndnis und angebotene Deals zu vereinnahmen, werten wir die Aktion als Erfolg. Immer mehr Menschen begreifen, dass unter den politisch und \u00f6konomisch katastrophalen Bedingungen Kohleausstieg Handarbeit bleibt und Klimagerechtigkeit nur erreicht werden kann, wenn wir politische, soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten solidarisch \u00fcberwinden \u2013 und das kann nur durch uns selbst geschehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">Anouk, Tschechow, Livi<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">P.S. Da wir mit Repressionen rechnen, hier unser Spendenkonto, falls Menschen uns unterst\u00fctzen m\u00f6chten: VusEumUmseP e.V., IBAN: DE30 8306 5408 0004 0613 81, BIC: GENO DEF1 SLR, Betreff: Antirep SH<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stadtwerke Flensburg \u2013 Greenwashing aufzeigen Das Flensburger Kraftwerk produziert Strom und W\u00e4rme durch Verbrennung von Steinkohle, der zu maximal einem Viertel Ersatzbrennstoffe beigemischt werden. Nichts daran ist gr\u00fcn. Steinkohle ist einer der klimasch\u00e4dlichsten Energietr\u00e4ger der Welt. Bis 2022 sollen zwei der Kohlekessel des Flensburger Kraftwerks durch ein neues Gaskraftwerk ersetzt werden. 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