{"id":21487,"date":"2020-01-02T19:45:58","date_gmt":"2020-01-02T17:45:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21487"},"modified":"2022-07-26T13:11:32","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:32","slug":"die-atomindustrie-laeuft-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/die-atomindustrie-laeuft-weiter\/","title":{"rendered":"Die Atomindustrie l\u00e4uft weiter"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Bis 2009 gab es doch schon mal Transporte des Atomm\u00fclls nach Russland (die GWR berichtete). Wie ist das damals gelaufen und warum wurde der Atomm\u00fcllexport gestoppt?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: \u00dcber mehrere Jahre hinweg gab es Protest und Widerstand gegen die Transporte. Wir vernetzten uns mit russischen und niederl\u00e4ndischen Atomkraftgegner*innen, veranstalteten mehrere Konferenzen und sorgten daf\u00fcr, dass die Stimme der russischen Umweltaktivist*innen auch hier zu h\u00f6ren war. Diese kritisierten, dass das Uranhexafluorid dort unter freiem Himmel lagere und die Umgebung von Angarsk verseuche, wo mehr und mehr Menschen an Krebs erkrankten. Die direkten Verbindungen waren sicherlich ein wesentlicher Beitrag dazu, dass Urenco die Vertr\u00e4ge nicht verl\u00e4ngerte. Das \u00dcbrige trat das Wissen darum, dass die Transporte nicht mehr einfach durchf\u00fchrbar waren. So gab es an der Strecke immer wieder Mahnwachen, viele Menschen, die spontan blockierten, Kletteraktionen und brennende Autoreifen auf den Schienen. Gegen all die Vielf\u00e4ltigkeit der Proteste wollte Urenco die Gesch\u00e4fte wohl wieder weniger im Licht der \u00d6ffentlichkeit durchf\u00fchren.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Wie geht das \u00fcberhaupt mit dem Export des abgereicherten Uranhexafluorids? Atomm\u00fcllexport ist in der EU doch verboten.<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: Urenco behilft sich mit einem Trick und behauptet, es handele sich bei dem radioaktiven M\u00fcll um Wertstoff, der weiter angereichert werden k\u00f6nne. Aber der Wertstoff kann nicht so besonders viel wert sein, wenn daf\u00fcr negative Betr\u00e4ge flie\u00dfen und Urenco daf\u00fcr zahlt, dass das Uranhexafluorid von Russland genommen wird. Au\u00dferdem braucht es sehr viel Energie, den Stoff weiter anzureichern, sodass sich die Anreicherung auch \u00f6konomisch schlicht nicht lohnt \u2013 auch in Russland passiert das mit maximal 10% des dort liegenden Uranhexafluorids. Faktisch handelt es sich also ganz einfach um Atomm\u00fcll, der billig entsorgt werden soll, das ganze Hin und Her mit dem \u201eWertstoff\u201c dient nur dazu, das Atomm\u00fcllexportverbot zu umgehen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Jetzt sind die Transporte wieder aufgenommen worden. Seit Mai 2019 transportierte die Urenco in neun Z\u00fcgen und einigen LKW mehrere tausend Tonnen abgereichertes Uran nach Russland, eine Erlaubnis gibt es f\u00fcr 2019 f\u00fcr 10.000 Tonnen, f\u00fcr 2020 f\u00fcr weitere 10.000 Tonnen, die allerdings auch aus anderen Urananreicherungsanlagen der Urenco kommen d\u00fcrfen. Woran liegt das, dass genau die kritisierten Transporte jetzt nach langer Pause weiter fahren?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: Ich wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, was in der Firmenzentrale von Urenco besprochen wird. Aber offensichtlich scheint es Probleme mit dem Alternativkonzept zu geben. Es war geplant das abgereicherte Uranhexafluorid in Frankreich oder Gro\u00dfbritannien in Uranoxid zu konvertieren und dann in Gronau in einer extra daf\u00fcr gebauten Halle zu lagern. Uranhexafluorid ist also wohl sogar in den Augen der Urenco ein chemisch so gef\u00e4hrlicher und giftiger Stoff, dass eine Langzeitlagerung in dieser chemischen Form nicht in Frage kommt. Jedenfalls nicht vor der eigenen Haust\u00fcr, in Sibirien ist der Kram \u2013 sorry f\u00fcr den Zynismus \u2013 bestimmt weniger gef\u00e4hrlich. Die Halle ist seit Jahren fertig, Atomm\u00fcll wird jedoch nicht eingelagert. Vielleicht ist der Export des M\u00fclls nach Russland einfach billiger und es erschien Urenco politisch ruhig genug, um die Transporte im Verbogenen wieder aufzunehmen. Ganz falsch lagen sie leider nicht, denn erst nach sieben durchgef\u00fchrten Transporten merkten wir, dass das Ziel nicht die Konversionsanlage in Frankreich, sondern wieder Russland war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Wie konnte das passieren? Ist der Widerstand gegen die Urananreicherung eingeschlafen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: Die Urananreicherungsanlage ist eine der Atomanlagen, an denen sich zwar oft nicht viel, aber doch kontinuierlich Protest regt, mit monatlichen Sonntagsspazierg\u00e4ngen, aber in den letzten Jahren auch immer mal wieder mit Blockaden der Anlage. Und auch Urantransporte haben wir in der Zwischenzeit einige gestoppt: 2012 im M\u00fcnsterland, 2014 in Hamburg, 2018 in Koblenz und 2017 einen Anlieferungstransport f\u00fcr die Urananreicherungsanlage in Gronau. Dabei hatten sich jeweils drei Menschen vor und hinter dem Transport in Betonbl\u00f6cken angekettet und den Zug eingefangen, der erst mit 17 Stunden Versp\u00e4tung weiter fahren konnte. Trotz alldem entwickelte sich allerdings keine gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffentlichkeit um die Urananreicherungsanlage, Atomkraft ist leider f\u00fcr die meisten Menschen kein Thema mehr. Die Wiederaufnahme der Atomm\u00fcllexporte zeigt allerdings, dass wir aufmerksam bleiben m\u00fcssen. Gl\u00fccklicherweise aber ebenso, dass sich Widerstand auch schnell wieder regen kann.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Aktuell fahren die Transporte von Gronau per Bahn \u00fcber M\u00fcnster, Hamm und Hagen in den Hafen von Amsterdam, zus\u00e4tzlich fahren von Gronau nach Amsterdam LKW und von dort geht es weiter per Schiff nach St. Petersburg, wo das Uranhexafluorid wieder auf den Zug verladen wird. Viele Gelegenheiten f\u00fcr Proteste. Wie sieht der aktuelle Widerstand gegen die Transporte aus?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: Sehr schnell, nachdem klar wurde, dass der Atomm\u00fcllexport stattfindet, spannten wir das alte Netz der Vernetzung zwischen russischen, deutschen und niederl\u00e4ndischen Aktiven wieder: Ecodefense und Greenpeace Russland sammelten in Russland Unterschriften und gemeinsam protestierten wir in Gronau gegen den Atomm\u00fcllexport. Das Fernsehen berichtete. Im November hielten wir mit einer Abseilaktion im M\u00fcnsterland, vor und hinter dem Zug, den Transport f\u00fcr etwa sieben Stunden auf. Bei Blockaden von Zugstrecken, geben wir die Strecke eigentlich nicht von uns aus wieder frei. Aber nachdem an einer der beiden Blockadestellen sehr gef\u00e4hrlich ger\u00e4umt wurde, entschieden sich die Kletternden im Wald bei Metelen, eigenst\u00e4ndig herunter zu kommen. Nach vielen Stunden im Regen und so unf\u00e4hig wie die Polizei wirkte, professionell zu r\u00e4umen, erschien ihnen das als einzig sichere M\u00f6glichkeit. Trotz angek\u00fcndigter Proteste hatte die Polizei mit einer solchen Aktion nicht gerechnet \u2013 obwohl das auf dieser Strecke doch bei weitem nicht das erste Mal war. Daneben gab es zahlreiche Mahnwachen, die Verladung des Transports in Amsterdam wurde gefilmt und auch in St. Petersburg wurde gegen den Atomm\u00fcllimport demonstriert, als das Schiff ankam.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Das sieht der Staat sicher nicht so gerne. Habt ihr keine Angst vor Verfolgung?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nat\u00fcrlich haben wir Angst, aber das hilft ja nicht \u2013 und im Vergleich zu den russischen Atomkraftgegner*innen k\u00f6nnen wir noch ziemlich viel machen. Gerade an diesem Fall sehen wir, dass ohne Proteste und direkte Intervention Schweinerein schnell wieder weiter gehen. Wenn es dann hinterher doch zu Verfahren kommt, stehen wir die gemeinsam durch. Beispielsweise sind jetzt sechs Menschen von uns angeklagt, wegen der Betonblock-Ankettaktion, die wie oben erw\u00e4hnt, einen der Anlieferungstransporte f\u00fcr die Urananreicherungslange stoppte. Auf dem Zug war kein Uranm\u00fcll, sondern Uranhexafluorid vor dem Anreicherungsprozess, welches aus Kanada und den USA stammte, vermutlich aus Uranabbaugebieten in Kanada und zur Anreicherung nach Gronau gefahren werden sollte. Solche Aktionen kann der Staat nat\u00fcrlich nicht ungestraft lassen \u2013 im Gegensatz zu illegaler Atomm\u00fcllentsorgung (die Verfahren deshalb wurden eingestellt). Deshalb werden jetzt sechs Menschen vor Gericht gestellt. Uns wird Sachbesch\u00e4digung und St\u00f6rung \u00f6ffentlicher Betriebe vorgeworfen. Am Freitag, den 24. Januar und Dienstag, den 28. Januar 2020 soll vor dem Amtsgericht Steinfurt jeweils ab 9:45 gegen sie verhandelt werden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Wie l\u00e4uft das mit den Prozessen ab?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: Grunds\u00e4tzlich kann da jede*r hinkommen. Manchmal kann es sein, dass Personalien und Gep\u00e4ck kontrolliert werden. Wir freuen uns auch immer sehr \u00fcber solidarische Prozessbesucher*innen, die das auf sich nehmen, und noch mehr nat\u00fcrlich \u00fcber Solidarit\u00e4ts- und Anti-Atom-Aktionen aller Art. Es gibt noch etwas worauf ich noch hinweisen m\u00f6chte bei dem Prozess, was nicht besonders h\u00e4ufig vorkommt: Menschen, die rund um die Aktion 2017 aufgegriffen wurden, sollen in dem Prozess als Zeuginnen gegen uns aussagen \u2013 sie werden die Aussage verweigern. Denn das bleibt ein wichtiges Prinzip, um es dem Staat zu erschweren, Menschen zu verfolgen und abzuurteilen. Denn Vertrauen in den Staat hat niemand von uns mehr. Auch gewonnene Klagen gegen die nach der Aktion erfolgten Rache-Einsperraktionen der Polizei \u00e4ndern nichts daran, dass grunds\u00e4tzlich die Regierenden die Profitinteressen der Urenco und anderer Konzerne durchsetzen \u2013 denn genau dazu, die herrschenden Machtverh\u00e4ltnisse zu sichern, sind sie da. Deshalb werden wir weiter machen, f\u00fcr die Abschaffung von Atomkraft und die Zerschlagung der herrschenden Verh\u00e4ltnisse.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Was verstehst Du unter \u201eZerschlagung\u201c? Warum benutzt Du nicht lieber einen positiveren, weniger martialisch-verbalradikalen Begriff wie z.B. \u201eUmw\u00e4lzung\u201c?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: F\u00fcr mich klingt Umw\u00e4lzung nach Reformpolitik, von der ich nicht glaube, dass sie Freiheit bringt. Es ist wichtig zu betonen, dass die herrschenden Verh\u00e4ltnisse nicht von selbst verschwinden, sondern wir aktiv dazu beitragen m\u00fcssen. Eine Welt ohne Herrschaft kann besser auf den Tr\u00fcmmern von Polizeistationen, Gerichten und Gef\u00e4ngnissen aufgebaut werden als zwischen ihnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Im Vergleich zu anderen Staaten haben wir durchaus eine Menge, die mir erhaltenswert erscheint. Ich m\u00f6chte nicht alle \u201eherrschenden Verh\u00e4ltnisse\u201c zerschlagen sehen. Sieht man sich die L\u00e4nder an, in denen die \u201eherrschenden Verh\u00e4ltnisse\u201c gerade \u201ezerschlagen\u201c werden \u2013 von wem auch immer \u2013 aber immer aus der jeweiligen Sicht derer, die das \u201eB\u00f6se an sich\u201c zerst\u00f6ren wollen &#8211; dann bleibt am Ende nur Zerst\u00f6rung von Allem, d.h. auch Tote weit und breit. \u201eZerschlagen\u201c kann wie ein Lehrst\u00fcck sein, das weiteres \u201eZerschlagen\u201c endlos fordert. Keine guten Zukunftsaussichten.<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Irene: Wenn herrschende Strukturen wegfallen, entsteht ein Freiraum. Wie der gef\u00fcllt wird, kann sehr unterschiedlich sein und nat\u00fcrlich ist nicht sofort alles gut, das w\u00e4re naiv das anzunehmen. Aber erst dieser Freiraum schafft M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Neues, wie beispielsweise in der Situation in Rojava. Erst die Instabilit\u00e4t der Staatlichkeit in Syrien machte dieses Projekt \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich. Die Tatsache, dass es da gerade Tote gibt, liegt daran, dass ein Staat wie die T\u00fcrkei libert\u00e4rere Strukturen nicht duldet, sondern zerschl\u00e4gt \u2013 mit der Unterst\u00fctzung auch von Deutschland. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die herrschenden Verh\u00e4ltnisse selbst produzieren ebenfalls Gewalt und Tote und die Situation hier in Deutschland kann nicht isoliert betrachtet werden \u2013 Deutschland exportiert Waffen, Gewalt und Tod. So sterben und erkranken auch Menschen durch den Uranabbau von dem hierhin importierten und in Gronau angereicherten Uran. In kurdischen Gebieten im Irak wurde auch panzerbrechende Munition mit abgereichertem Uran, ein Abfallprodukt aus der Urananreicherung, eingesetzt und verstrahlt dort noch heute die Umgebung. <\/span><span lang=\"de-DE\">Das ist nicht erhaltenswert, selbst wenn es f\u00fcr uns relativen Frieden bedeutet. Und auch unser relativer Frieden schwindet, wenn ich mir beispielsweise die neuen Polizeigesetze ansehe. Gute Zukunftsaussichten sehe ich gerade auch nicht, aber gerade wegen eines starken Staates. Den Staat abzuschaffen, das sehe ich als einzige L\u00f6sung.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Bis 2009 gab es doch schon mal Transporte des Atomm\u00fclls nach Russland (die GWR berichtete). Wie ist das damals gelaufen und warum wurde der Atomm\u00fcllexport gestoppt? Irene: \u00dcber mehrere Jahre hinweg gab es Protest und Widerstand gegen die Transporte. 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