{"id":21489,"date":"2020-01-02T21:03:02","date_gmt":"2020-01-02T19:03:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21489"},"modified":"2020-01-05T00:36:21","modified_gmt":"2020-01-04T22:36:21","slug":"volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/volk\/","title":{"rendered":"Volk"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es sind die neoliberalen Sparprogramme, die wachsende soziale Ungleichheit, die die Menschen auf die Stra\u00dfe treiben: Im Oktober 2019 demonstrieren Indigene, Gewerkschaftsmitglieder und Studierende in Ecuador, auch in Chile gehen in diesem Monat Hunderttausende auf die Stra\u00dfe. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Herrschenden reagieren jeweils mit brutaler Gewalt, in Chile fahren erstmals seit der Pinochet-Diktatur wieder Panzer gegen Demonstrierende auf [siehe Artikel in GWR 443 und GWR 444]. <\/span><span lang=\"de-DE\">Repression schwei\u00dft zusammen, die Proteste flauen nicht ab, im Gegenteil. Und da ist sie wieder, auch in Ecuador, die Parole aus den Zeiten der chilenischen Milit\u00e4rdiktatur (1973-1990): \u201eEl pueblo unido jam\u00e1s ser\u00e1 vencido!\u201c (\u201eDas vereinigte Volk wird niemals besiegt werden\u201c). Es ist so ber\u00fchrend. Und doch so falsch.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist gro\u00dfartig, dass so viele unterschiedliche Leute gegen ein Wirtschafts- und Sozialmodell auf die Stra\u00dfe gehen, das mittels Privatisierungs-, Deregulierungs- und Austerit\u00e4tspolitiken daf\u00fcr sorgt, dass die Armen \u00e4rmer und immer prek\u00e4reren Lebensverh\u00e4ltnissen ausgesetzt werden, w\u00e4hrend kleine Eliten sich bereichern. Der Slogan aber und die Vorstellung, die mit ihm transportiert wird, sind h\u00f6chst problematisch. Er taucht nicht nur in lateinamerikanischen sozialen Bewegungen auf, sondern geh\u00f6rt insgeheim (und manchmal auch ganz offen) zum Standardrepertoire linker, auch anarchistischer Weltbilder: Hier das arme, ausgebeutete Volk, das sich h\u00fcten muss, wie Bakunin meinte, vor dem Staat und der \u201eRegierung der Gelehrten\u201c(1), und dort die kleine Clique reicher Herrschender. Ist von diesen nur Unterdr\u00fcckung und Zwang zu erwarten, bilden jene den Pool, aus dem die gerechte Welt erw\u00e4chst. Dementsprechend folgert etwa der marxistisch-dekolonialistische Philosoph Enrique Dussel paradigmatisch, dass jedes Befreiungsprojekt \u201evon der Volkskultur aus(gehen)\u201c (2) m\u00fcsse.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was ist problematisch an dieser Annahme? <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Davon auszugehen, eine kleine In-Group beherrsche den Rest der Bev\u00f6lkerung, indem sie sie mit List und Wahlversprechen spaltet, ist erstens herrschaftsanalytisch besch\u00e4mend schlicht gedacht. Herrschaft besteht aus komplexen Prozessen, in denen Menschen auch mittels expliziter oder impliziter Zustimmung Gefolgschaft leisten. Es gibt Unterw\u00fcrfigkeit und Partizipation als eingefleischte Traditionen, von denen letztlich auch Bakunin schon wusste, dass sie nicht eingepr\u00fcgelt werden m\u00fcssen, sondern sich in einer Form \u201egeistiger und moralischer Gewohnheit\u201c (3) \u00e4u\u00dfern. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die Menschen m\u00fcssen nicht immer ausgetrickst oder gezwungen werden, sie haben meist auch selbst etwas vom Mitmachen. Dass Menschen protestieren und ihrem Unmut Luft machen, ist damit gar nicht ausgeschlossen. <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber es ist nicht der Normal-, sondern der Ausnahmefall. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zweitens ist \u201edas Volk\u201c oder sind die Armen, die Subalternen oder wie auch immer man die sozialstrukturell unten Angesiedelten auch nennen mag, als Gruppe in sich viel zu heterogen, als dass davon auszugehen w\u00e4re, sie w\u00fcrden im Prinzip eine gemeinsame Haltung teilen. Eine Haltung, die dann nur durch die listigen Spaltungsstrategien von oben entzweit w\u00fcrde. Dass diese Haltung der gro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung \u2013\u201eMasse\u201c, \u201eVolk\u201c, \u201edie Leute\u201c \u2013 dann auch noch emanzipatorisch sein soll, ist als Grundannahme drittens einfach auch empirisch nicht zu halten. <\/span><span lang=\"de-DE\">Aus der Tatsache, dass Rebellionen h\u00e4ufig von ganz normalen Leuten getragen werden, zu schlie\u00dfen, ganz normale Leute seien Rebellinnen und Rebellen \u2013 normal, \u201ealso rebellisch\u201c (4) \u2013, wie etwa der libert\u00e4re Marxist John Holloway es tut, ist ein wunschtraumgen\u00e4hrter Unsinn. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Was ist mit all den Hausmeistern, Busfahrern, Platzwarten und Abteilungsleitern, die ihr kleines geborgtes Reich nach dem Muster gro\u00dfer Tyrannen verwalten? Was mit der AfD-w\u00e4hlenden Kioskverk\u00e4uferin und den ganz normalen, antisemitischen Ultranationalist*innen in B\u00fcro, Kirche und Fabrik? Was ist also mit den Reaktion\u00e4r*innen aller L\u00e4nder, die ja auch ganz normale Leute sind? Und manchmal gerne Volksmusik h\u00f6ren. <\/span><span lang=\"de-DE\">In Momenten, in denen \u201edas Volk\u201c den Aufstand macht, wie in Ecuador und in Chile im Oktober 2019, fallen sie vielleicht nicht so sehr ins Gewicht. Wenn die reaktion\u00e4ren Leute und Milieus aber ausgeblendet werden, wie eine gro\u00dfe linke und anarchistische Tradition es tut, kann \u00fcber den Aufstieg des Ultranationalismus nichts Erkl\u00e4rendes mehr gesagt werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auch der Neoliberalismus, der mit Unterst\u00fctzung gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerungen (wenn auch h\u00e4ufig gegen deren Interessen) durchgesetzt wurde, kann analytisch nicht begriffen werden. Und politisch? Das Volk ist selbstverst\u00e4ndlich immer der wichtigste Bezugspunkt f\u00fcr politische Praxis: keine Partei, die nicht beansprucht, es zu repr\u00e4sentieren. Weil das nie voll und ganz gelingen kann \u2013 auch den sogenannten Volksparteien nicht \u2013, hatte die Anarchistin Simone Weil einst f\u00fcr die \u201eAbschaffung der Parteien\u201c (5) pl\u00e4diert. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ihre Ablehnung der Parteien beruht aber auf der fragw\u00fcrdigen Behauptung, dass Parteien nie dem Gemeinwohl dienen k\u00f6nnten, weil sie immer nur Teile der Bev\u00f6lkerung vertreten \u2013 Partei kommt von \u201epars\u201c, Lateinisch f\u00fcr \u201eTeil\u201c. Dem setzt sie ein homogenes Ganzes entgegen, das die Wahrheit verk\u00f6rpert. Und das kann sie nur tun vor dem Hintergrund eines Vertrauens darauf, dass dieses Ganze, eben das \u201eVolk\u201c, von Grund auf emanzipatorisch gestimmt ist. Ein Irrglaube, der Weil sogar dazu veranlasst, jede Form des \u201ePartei-Ergreifens, der Stellungnahme f\u00fcr oder gegen etwas\u201c (6) als Aktion gegen das Denken, die Wahrheit und das Gemeinwohl zu verurteilen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Postanarchismus ergreift Partei, und zwar nicht anders als Anarchist*innen es in ihrer rund 180j\u00e4hrigen Geschichte immer getan haben, f\u00fcr die Schw\u00e4chsten und Geknechteten, f\u00fcr die Armen und die Subalternen. Am besten nat\u00fcrlich: Nicht f\u00fcr sie, sondern mit ihnen. Aber postanarchistische Theorie und Praxis verl\u00e4sst sich eben nicht mehr darauf, im \u201ekleinen Mann\u201c oder der \u201eeinfachen Frau\u201c den Genossen oder die Genossin zu treffen. Auch wenn wir die antiimperialistische Bestimmung des Volkes als k\u00e4mpferische Einheit gegen das \u00dcbel des globalen Kapitals kennen, so wissen wir\u00a0<\/span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 aligncenter\" style=\"font-size: 1rem;\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Stencil_Power_to_the_people.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Stencil_Power_to_the_people.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Stencil_Power_to_the_people-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Stencil_Power_to_the_people-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/gwr445_Stencil_Power_to_the_people-600x450.jpg 600w\" alt=\"Schrift auf Betonwand: All power to the people\" width=\"266\" height=\"200\" \/><span style=\"font-size: 1rem;\">doch auch von der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, die das Menschheitsverbrechen der Shoah begangen hat. Auch dabei ziemlich vereinigt. Es gibt keine Gewissheit im Hinblick auf das \u201evereinigte Volk\u201c und sein potenzieller \u201eSieg\u201c ist nicht per se das Reich der Freiheit und Gerechtigkeit.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind die neoliberalen Sparprogramme, die wachsende soziale Ungleichheit, die die Menschen auf die Stra\u00dfe treiben: Im Oktober 2019 demonstrieren Indigene, Gewerkschaftsmitglieder und Studierende in Ecuador, auch in Chile gehen in diesem Monat Hunderttausende auf die Stra\u00dfe. 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