{"id":2150,"date":"1998-10-01T00:00:59","date_gmt":"1998-09-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2150"},"modified":"2022-07-26T14:26:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:30","slug":"mythos-nationale-befreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/mythos-nationale-befreiung\/","title":{"rendered":"Mythos nationale Befreiung"},"content":{"rendered":"<p>Die Solidarit\u00e4t mit Guerrillagruppen und nationalen Befreiungsbewegungen, und auch letztere selbst, befinden sich in der Krise. Bezogen sich nationale Befreiungsbewegungen in den 60er und 70er Jahren noch mehrheitlich auf sozialistische Zielvorstellungen und war dabei nur die Frage, ob sich diese durch nationale Befreiung via Eroberung der Staatsmacht verwirklichen lie\u00dfen, so mu\u00df man\/frau sozialistische Guerrillas heute weltweit mit der Lupe suchen. Die aus der Gruppe K, dem antinationalen Fl\u00fcgel des fr\u00fcheren KB (Kommunistischer Bund), herr\u00fchrende &#8222;Gruppe Demontage&#8220; hat ein bemerkenswertes Buch zur Auseinandersetzung mit der Krise internationaler Solidarit\u00e4t vorgelegt: es ist dies eine in gro\u00dfen Teilen grunds\u00e4tzliche Kritik des Konzepts nationaler Befreiung in der sogenannten &#8222;Dritten Welt&#8220; unter Zuhilfenahme des Fordismus\/Postfordismus-Theorems von Joachim Hirsch. Bemerkenswert ist das Buch schon deshalb, weil sich die Autoren\/Autorinnen (?) des Buches freim\u00fctig dazu bekennen, noch selbst bis vor kurzem dem Mythos nationaler Befreiung etwa in Form der Unterst\u00fctzung der PKK aufgesessen zu sein (S.253).<\/p>\n<p>Das Buch hat zwei relativ unabh\u00e4ngig voneinander zu lesende Teile: die ersten drei Kapitel besch\u00e4ftigen sich mit der Darstellung des Ansatzes von Joachim Hirsch, n\u00e4mlich wie sich beim \u00dcbergang von der fordistischen, auf Massenproduktion und sozialstaatlicher Abfederung in den Metropolen basierender Gesellschaftsformation des Kapitalismus zur postfordistischen, durch Globalisierung, Flexibilisierung und Deregulierung gekennzeichneten Formation des Kapitalismus die Regulationsweise des Staates zum nationalen Wettbewerbsstaat wandelt. Am Beispiel Mexiko wird dieser \u00dcbergang f\u00fcr ein Land der &#8222;Dritten Welt&#8220; verdeutlicht: Mexikos Weg begann historisch bei einer nationalstaatlichen Eroberung der Macht und dem Versuch der Teilhabe am Fordismus via importsubstituierender Industrialisierung und endet heute vorl\u00e4ufig bei neoliberalistischer Deregulierung und dem Freihandelsvertrag NAFTA.<\/p>\n<p>Die Kapitel vier bis elf befassen sich dann mit der Geschichte nationaler Befreiungsbewegungen unter den Bedingungen dieses \u00dcbergangs zum Postfordismus: nacheinander behandelt werden dabei die Politik des FLN an der Macht in Algerien, des FLNC auf Korsika, der EZLN und EPR in den Bundesstaaten Chiapas und Guerrero in Mexiko, der irisch- nationalistische Befreiungskampf, der baskische Nationalismus, die kurdische PKK und schlie\u00dflich die Konsequenzen f\u00fcr die Solidarit\u00e4tsarbeit in der BRD. Bei ihrer Bewertung geht die Gruppe von einem sehr libert\u00e4ren Verst\u00e4ndnis kommunistischer Vergesellschaftung als Zielvorstellung aus: von der freien Assoziation, von der AnarchistInnen schon glaubten, es w\u00fcrde weltweit kaum noch KommunistInnen geben, die diese Zielvorstellung aus den Werken von Marx und Engels herausinterpretieren. Und tats\u00e4chlich geht es der &#8222;Gruppe Demontage&#8220; nicht mehr um die Eroberung der Staatsmacht als revolution\u00e4rer Perspektive, sondern Revolution macht sich endlich daran fest, da\u00df &#8222;auch die Nationalstaaten aufgel\u00f6st werden&#8220; (S.256). Willkommen im libert\u00e4ren Lager! \u00dcberraschenderweise legt die Gruppe auch nicht nur \u00f6konomistische Kriterien an die verschiedenen Konzepte nationaler Befreiung an, also die Frage, ob die Guerillabewegungen ad\u00e4quat auf die sich ver\u00e4ndernden \u00f6konomischen Rahmenbedingungen reagieren, sondern die Form der kritischen Solidarit\u00e4t umfa\u00dft auch die Hinterfragung patriarchaler, rassistischer, antisemitischer oder in Ans\u00e4tzen sogar militaristischer Tendenzen in den postfordistischen Guerrillas unserer Tage.<\/p>\n<p>Es wird also ein umfassendes Konzept von Herrschaftskritik zugrundegelegt, wobei drei unterschiedliche Tendenzen nationaler Befreiung von ihrer emanzipatorischen Qualit\u00e4t her unterschieden werden: die v\u00f6lkische Variante, f\u00fcr die inzwischen eindeutig die PKK steht und die nach Ansicht der AutorInnen nicht mehr solidarisch unterst\u00fctzt werden kann; die republikanische Variante, bei welcher urspr\u00fcnglich sozialistische Inhalte bis hin zur Bef\u00fcrwortung kapitalistischer Freihandelszonen im Sinne des nationalen Wettbewerbsstaates aufgegeben worden sind, wof\u00fcr modellhaft die IRA und die korsische FLNC stehen und die als nur noch bedingt und beschr\u00e4nkt unterst\u00fctzungsw\u00fcrdig angesehen werden. Als wirklich sozialistisch wird von der Gruppe nur noch die EZLN qualifiziert, die von allen analysierten Guerrillas mit Abstand am emanzipativsten abschneidet, auch was ihre antirassistische Qualit\u00e4t und ihre Auseinandersetzung mit dem Patriarchat betrifft. Die EZLN versteht sich eindeutig nicht mehr als milit\u00e4rische Avantgarde zur Eroberung der Staatsmacht, sondern als Schutz der Kleinb\u00e4uerInnen und einer gleichberechtigten Landbesetzungsbewegung mit dem gesellschaftlichen Ziel der Selbstorganisation. Die AutorInnengruppe kritisiert die EZLN dahingehend, im Zuge ihrer breiten B\u00fcndnispolitik zu sehr auf die Kritik des &#8222;Neoliberalismus&#8220; zu orientieren, wodurch unausgesprochen ein fordistischer (und damit anachronistischer!), sozialstaatlicher Kapitalismus als immer mehr akzeptabel erscheint. Auch die Unterscheidung zwischen &#8222;gewinns\u00fcchtigen&#8220; und &#8222;ehrlichen mexikanischen Unternehmern&#8220; (S.162) kritisiert die Gruppe Demontage. Es scheint, als bewege sich die einzig wirklich sozialistische Guerrilla hin zu einer Art bewaffnetem Reformismus. Zwar ist die nationale Rhetorik bei der EZLN der sozialen noch eindeutig untergeordnet, gleichwohl ist sie vorhanden und wird von der Gruppe Demontage m.E. sehr zaghaft und zur\u00fcckhaltend als strategisch bzw. taktisch bewertet (S.150), w\u00e4hrend bei der Kritik anderer Guerrillas v\u00f6llig konsequent und auch richtig gesagt wird: &#8222;Nationalismus ist aber generell kein neutrales Werkzeug, das benutzt werden kann, um nach gewonnenem Krieg wieder beiseite gelegt werden zu k\u00f6nnen.&#8220; (S.234) Auch wird mit keinem Wort darauf hingewiesen, da\u00df die EZLN eine wirkliche Armee mit Befehlskette von oben nach unten ist und fr\u00fcheren sozialrevolution\u00e4ren Guerrilla- Praxen einer demokratischen Armee mit gew\u00e4hlten BefehlshaberInnen eine eindeutige Absage erteilt hat. Trotz dieser wohl der Sympathie geschuldeten Zur\u00fcckhaltung der Kritik hebt sich die EZLN tats\u00e4chlich wohltuend von allen anderen hier analysierten Guerillas ab und noch kann die Hoffnung ausgedr\u00fcckt werden, da\u00df die milit\u00e4rische Komponente die sozialrevolution\u00e4re nicht dominiert.<\/p>\n<p>Die zwei inhaltlichen Bl\u00f6cke des Buches, die \u00f6konomischen Rahmenbedingungen und die Bewertungen der Guerillas, stehen etwas unvermittelt nebeneinander und man\/frau fragt sich, wieso die EZLN am ad\u00e4quatesten auf den Postfordismus reagiert, wenn sie doch andererseits gerade Illusionen in die aktuellen M\u00f6glichkeiten fordistisch- sozialstaatlicher Teilhabe aufsitzen soll. Etwas ketzerisch k\u00f6nnte ich vermuten, da\u00df der \u00f6konomische Teil den Positionswandel der AutorInnen besser absichern helfen soll: im Fordismus mu\u00df die nationale Ebene sozialer Emanzipation eben noch ihren Sinn gehabt haben, im Postfordismus hat sie das anscheinend nicht mehr. Wie dem auch sei: am Ende des Buches sollte jeder AktivistIn klar geworden sein, da\u00df transnationale Solidarit\u00e4t keineswegs an nationale bewaffnete Befreiungsbewegungen gekn\u00fcpft werden mu\u00df, da\u00df etwa die entstehende t\u00fcrkisch-kurdische libert\u00e4re Kriegsdienstverweigerungsbewegung, die sich sowohl vom t\u00fcrkischen Milit\u00e4r und Nationalismus als auch von der PKK abgrenzt, mehr Solidarit\u00e4t verdient hat als die t\u00fcrkische oder kurdische orthodoxe Linke. Solche Alternativen benennen die AutorInnen noch nicht, doch sie r\u00e4umen den befreiungsnationalistischen M\u00fcll weg, der solchen Entdeckungen immer noch im Wege steht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Solidarit\u00e4t mit Guerrillagruppen und nationalen Befreiungsbewegungen, und auch letztere selbst, befinden sich in der Krise. 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