{"id":2152,"date":"1998-10-01T00:00:04","date_gmt":"1998-09-30T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2152"},"modified":"2022-07-26T14:17:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:03","slug":"ich-revoltiere-also-bin-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/ich-revoltiere-also-bin-ich\/","title":{"rendered":"Ich revoltiere, also bin ich!"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem Buch &#8222;Ursprung der Revolte &#8211; Albert Camus und der Anarchismus&#8220; hat Lou Marin im Verlag Graswurzelrevolution ein l\u00e4ngst f\u00e4lliges und auch notwendiges Werk f\u00fcr den deutschsprachigen Raum geschrieben. Gleich in der Einleitung wird auf den vergessenen Libert\u00e4ren Albert Camus speziell in Deutschland hingewiesen. Hier hat der Nobelpreistr\u00e4ger Albert Camus mit seinen Romanen einen etablierten Platz in der Literatur bekommen. Camus&#8216; Werke geh\u00f6ren im gymnasialen Rahmenplan zur Pflichtlekt\u00fcre. Und nicht zuletzt hat auch der bekannte Nachrichtensprecher Ulrich Wickert vor kurzem einen Camus-Text in seinen Bestseller &#8222;Das Buch der Tugenden&#8220; aufgenommen. Diese b\u00fcrgerliche Respektierlichkeit macht skeptisch, aber auch gerade neugierig auf den anderen Camus. Ein etablierter Literat ein Anarchist?<\/p>\n<p>In Frankreich weithin bekannt sind Camus&#8216; vielf\u00e4ltige Kontakte und Verbindungen zur aktiven anarchistischen Bewegung. Er schrieb f\u00fcr viele libert\u00e4re Zeitungen und beteiligte sich sogar an Kampagnen und Aktionen. Eine wichtige franz\u00f6sische Studie von Teodosio Vertone \u00fcber die libert\u00e4ren Verbindungen Camus&#8216; ist hier erstmalig ins Deutsche \u00fcbersetzt und erg\u00e4nzt die Ausf\u00fchrungen von Lou Marin.<\/p>\n<p>Das vorliegende Buch ist nicht an biographischen Stationen in Camus&#8216; Leben orientiert, sondern b\u00fcndelt Projekte und Thematiken, die ungef\u00e4hr dem Ablauf seines Lebens folgen. Das erste Kapitel beschreibt den fr\u00fchen Anarchopazifismus, die Auseinandersetzung mit Kollaboration und Todesstrafe w\u00e4hrend und nach der R\u00e9sistance. Im zweiten Kapitel stehen Camus&#8216; philosophische \u00dcberlegungen am Beispiel seines libert\u00e4ren Hauptwerkes Der Mensch in der Revolte im Mittelpunkt. Sein Konzept des mittelmeerischen Denkens wird erl\u00e4utert. Das dritte Kapitel berichtet \u00fcber seine Mitarbeit bei anarchistischen Zeitungen am Beispiel der Z\u00fcricher Kulturzeitschrift &#8222;T\u00e9moins&#8220;. Das vierte Kapitel ist dem algerischen Camus gewidmet und zeichnet die f\u00f6deralistischen Vorschl\u00e4ge Camus&#8216; f\u00fcr ein entkolonialisiertes Algerien sowie seine Nationalismus- und Gewaltkritik am bewaffneten Unabh\u00e4ngigkeitskampf nach. Das f\u00fcnfte Kapitel schlie\u00dflich befa\u00dft sich mit der deutschen und internationalen Rezeptionsgeschichte.<\/p>\n<p>Lou Marin bewertet sein Buch \u00fcber den libert\u00e4ren Camus als &#8222;Anti-Sartre&#8220; und meint, da\u00df es historisch falsch sei, Gegens\u00e4tze zu \u00fcbert\u00fcnchen, die sich als un\u00fcberbr\u00fcckbar herausgestellt haben. In der Kontroverse um das Buch Der Mensch in der Revolte g\u00e4be es keine Vers\u00f6hnung zwischen Camus und Sartre, auch nicht posthum. Dieser Bruch sei vergleichbar mit dem Streit zwischen Marx und Bakunin im 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Lou Marin diskutiert die Kontroversen sachlich fundiert und auf dem jeweiligen historischen Hintergrund. Es ist nicht nur informative Lekt\u00fcre f\u00fcr Camus-Spezis, sondern bietet eine Ausgangsbasis f\u00fcr theoretische Reflexionen politischen Handelns heute. Das Buch ist auch geeignet, erneut Fragen zu diskutieren; z.B.: welche Impulse der Erneuerung h\u00e4tte die &#8222;Linke&#8220; heute bei der \u00dcberwindung ihrer Zerrissenheit? Beim Streit zwischen Marx und Bakunin ging es um die verschiedenen Revolutionskonzeptionen und Strategien der Revolution. Auch beim Streit zwischen Camus und Sartre wurden diese Fragen gestellt. Im Gegensatz zu Camus hatte Sartre einen milit\u00e4rischen Machtblock und die verstaatlichte Revolution auf seiner Seite. Es gab den Kalten Krieg und die Blockkonfrontation.<\/p>\n<p>Heute, nach dem Zusammenbruch des &#8222;Ostblocks&#8220; ist nun der Kapitalismus als Sieger im Weltma\u00dfstab hervorgegangen, einhergehend mit staats-milit\u00e4rischen Konzepten und der Bildung von Nationalstaaten. Kriege, ethnische Konflikte, V\u00f6lkermord, Arbeitslosigkeit und soziale Konflikte etc. stellen nach wie vor die &#8222;Soziale Revolution&#8220; auf die Tagesordnung. Neue Perspektiven k\u00f6nnen heute auch jenseits von Dogmatismus und Orthodoxie diskutiert werden.<\/p>\n<p>Albert Camus will das moralische Werturteil f\u00fcr die Gegenwart, denn letztendlich kommt die Revolte nicht ohne Liebe aus. &#8222;Der geschichtliche Absolutismus hat trotz seiner Triumphe nie aufgeh\u00f6rt, mit den unbezwinglichen Forderungen der menschlichen Natur zusammenzuprallen &#8230; Das revoltierende Denken, das der (Pariser) Commune oder des revolution\u00e4ren Syndikalismus hat diese Forderung dem b\u00fcrgerlichen Nihilismus wie dem c\u00e4sarischen Sozialismus gegen\u00fcber immerfort verleugnet. Das autorit\u00e4re Denken &#8230; hat diese freiheitliche Tradition \u00fcberflutet. Aber dieser armselige Sieg ist vor\u00fcbergehend, der Kampf ist noch nicht zu Ende.&#8220; (Der Mensch in der Revolte, zit. nach S.92)<\/p>\n<p>An Camus sind heute auch kritische Fragen zu stellen. Erbringt eine Wertediskussion notwendige Perspektiven f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft? Verhindert eine Z\u00e4hmung der Leidenschaften eine ma\u00dflose Geisteshaltung, den Machtstaat oder Krieg? Eine Moral und Wertediskussion wird uns heute besonders penetrant von christlich-sozialer Seite aufgezwungen: Schutz des Lebens, christlich-abendl\u00e4ndische Werte gegen sonstwen&#8230; Und allgemein gefragt: Ist es nicht immer wieder die Dom\u00e4ne konservativer Politik, eine Moral und Wertediskussion einzuklagen und zu f\u00fchren? Es gibt heute zuviel &#8222;positives&#8220; Denken und zuwenig Interessenklarheit und Opposition. Letztendlich liegt in der Negation der Dinge die Kraft, die zum Weitergehen zwingt und die Neues f\u00f6rdert. Und der Ursprung der Revolte bei Camus, jenes &#8222;Nein!&#8220;, jenes &#8222;Genug!&#8220;, ist genau solch eine Negation. Es sind immer wieder \u00e4hnliche philosophische Kontroversen seit der griechischen Antike, die Lou Marin in seinem Buch &#8222;Ursprung der Revolte&#8220; diskutiert. Sie sind auch heute aktuell. Die Philosophen haben die Welt nur verschieden erkl\u00e4rt, es kommt darauf an, sie zu ver\u00e4ndern!<\/p>\n<p>Das Buch hat praktische Gebrauchswerte: es eignet sich zum Querlesen oder zur Diskussion einzelner Kapitel, und auch das Personenregister bietet einen guten Einstieg zur Neu-Entdeckung von Albert Camus aus der jeweiligen Perspektive des Lesers und der Leserin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seinem Buch &#8222;Ursprung der Revolte &#8211; Albert Camus und der Anarchismus&#8220; hat Lou Marin im Verlag Graswurzelrevolution ein l\u00e4ngst f\u00e4lliges und auch notwendiges Werk f\u00fcr den deutschsprachigen Raum geschrieben. Gleich in der Einleitung wird auf den vergessenen Libert\u00e4ren Albert Camus speziell in Deutschland hingewiesen. 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