{"id":2155,"date":"1998-10-01T00:00:54","date_gmt":"1998-09-30T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2155"},"modified":"2022-07-26T14:17:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:02","slug":"kiesel-des-anstoses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/kiesel-des-anstoses\/","title":{"rendered":"Kiesel des Ansto\u00dfes&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt wohl nur wenige politische Str\u00f6mungen, die wider besseres Wissen mit so hartn\u00e4ckigen Klischees behaftet sind, wie der Anarchismus. Dagegen, da\u00df Anarchie nicht Terror und Gewalt bedeutet, streut diese Zeitung allmonatlich ihren publizistischen Kiesel ins Getriebe der \u00f6ffentlichen Meinungsmache. Chaos und blinder Aktionismus sind zwei ebenso beliebte Ressentiments, die in Form und Inhalt schon lange nicht mehr so gr\u00fcndlich widerlegt werden konnten, wie in der vorliegenden Studie zur libert\u00e4ren Presse in Deutschland. &#8222;Ich denke&#8220;, schreibt der anarchistische Autor und Verleger Uli Klemm, &#8222;da\u00df diese Arbeit als &#8218;Steinbruch&#8216; noch vielen Anarchismus- Studien in den kommenden Jahren n\u00fctzlich sein wird. Sie wird, so hoffe ich, in die Geschichte der deutschen Anarchismus-Forschung als ein &#8218;Meilenstein&#8216; eingehen.&#8220; Und diese Hoffnung ist nicht unbegr\u00fcndet. Denn hier ist tats\u00e4chlich ein Brocken erschienen, der s\u00e4mtliche libert\u00e4ren Verstreuungen zusammenfa\u00dft und gliedert, und so nicht blo\u00df ein an &#8222;Wir \u00fcber uns&#8220;-Diskursen interessiertes Publikum zu begl\u00fccken imstande ist.<\/p>\n<p>Der Anarchist Bernd Dr\u00fccke besch\u00e4ftigt sich in seiner soziologischen Dissertation mit dem, was heutige AnarchistInnen (als AnarchistInnen) vermutlich am meisten tun: Papier beschriften, zusammenheften und verbreiten. Insgesamt 484 (!) Zeitungen und Zeitschriften hat der Soziologe nicht nur gez\u00e4hlt, sondern auch zu einem gro\u00dfen Teil ausgewertet. Die infolge der Studierenden-Revolte von \u201868 erschienenen Bl\u00e4tter und Periodika werden dabei eingeordnet in die Geschichte des Anarchismus und seiner Presse. Im Gegensatz zu den klassenk\u00e4mpferischen Druckerzeugnissen aus der Zeit des Kaiserreiches und der Weimarer Republik hat die anarchistische Gegenwartsliteratur mehr den gesellschaftlichen Reproduktionsbereich und die teilnehmende Berichterstattung aus den Neuen Sozialen Bewegungen zum Thema. Von den K\u00e4mpfen gegen die Atomenergie \u00fcber antirassistische, feministische und antiimperialistische Auseinandersetzungen bis hin zu kulturtheoretischen und anthropologischen Positionen, bietet Dr\u00fcckes Arbeit einen detaillierten Einblick in die verschiedensten Debatten des Gegenwartsanarchismus. Wer oder welche z.B. den Vorl\u00e4uferband zur anarchistischen Presse von Holger Jenrich zum Vergleich nimmt, wird in mehrerlei Hinsicht positiv \u00fcberrascht sein. Dr\u00fccke ist Teil der Strukturen, \u00fcber die er schreibt und verdankt nicht zuletzt diesem Tatbestand seine intensive, vielseitige und genaue Recherche. Eigentlich alles, was dem Buch des heutigen taz-Sportjournalisten Jenrich, der sich dem A-Bl\u00e4tterwald vor 1985 gewidmet hatte, gefehlt hat, liefert Dr\u00fccke nach. Da\u00df er beispielsweise auch &#8222;autonome&#8220; Druckerzeugnisse wie radikal, Interim oder UnZensiert mit aufgenommen hat, entspricht sicherlich den realen inhaltlichen \u00dcberschneidungen in den verschiedenen libert\u00e4ren Szenerien.<\/p>\n<p>Nun lie\u00dfe sich vielleicht doch fragen, was eine solche Studie eigentlich interessant macht f\u00fcr Leute, die nicht in subversiven Zirkeln oder beim Verfassungsschutz aktiv sind? Eingeleitet wird die Besprechung der verschiedenen, nach Erstver\u00f6ffentlichung sortierten Publikationen jeweils mit einem \u00dcberblick \u00fcber die politischen, nicht nur szenerelevanten Ereignisse des jeweiligen Jahres. So ergibt sich f\u00fcr den Untersuchungszeitraum (1985 bis 1995; f\u00fcr die Buchver\u00f6ffentlichung aktualisiert bis Juli 1998) eine ungew\u00f6hnliche und leider selten gewordene Art von Zeitgeschichte &#8211; in etwa das, was sich fr\u00fcher &#8222;Geschichte von unten&#8220; genannt h\u00e4tte. Dr\u00fccke spart nicht mit Hin- und Verweisen, die belegen, da\u00df hier &#8211; trotz oft geringerer Auflagenst\u00e4rke &#8211; nicht \u00fcber ein Ph\u00e4nomen wie die Dackelz\u00fcchterpresse verhandelt wird (Ein Vergleich, der vom momentan wohl auflagenst\u00e4rksten deutschsprachigen Anarchisten Horst Stowasser stammt). &#8222;Dem Anarchismus&#8220;, hei\u00dft es also im Res\u00fcmee, &#8222;kann innerhalb des Spektrums der Ideengeschichte der Rang einer belebenden und oft progressiven Kraft nicht abgesprochen werden&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht bringt mich b\u00f6serweise gerade Stowasser auf den ersten meiner beiden Nachsch\u00fcbe, die manche f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig oder sogar langweilig erachten m\u00f6gen, die aber zum Klischee spielenden Anfang der Rezension geh\u00f6ren: Bernd Dr\u00fccke widerlegt mit seiner Arbeit vor allem auch zwei ziemlich haltbare anti-libert\u00e4re Vorurteile: Friedrich Engels schrieb einmal \u00fcber den Anarchisten Bakunin, dieser habe von sozialer Revolution keine Ahnung, sondern nur deren politische Phrasen verstanden. Da\u00df MarxistInnen dem Anarchismus seine Theoriedefizite vorwerfen oder ihn deshalb nicht ernstnehmen, ist seitdem eine beliebte Diskursfigur. In der anarchistischen Theorieproduktion hat es sicherlich immer auch genug Anl\u00e4sse f\u00fcr die permanente Reproduktion dieser Figur gegeben. Mit Dr\u00fcckes Arbeit raunt es aus der libert\u00e4ren Schriftzunft dagegen nun eindeutig: Wir k\u00f6nnen auch anders! Denn eingebunden ist die ganz und gar nicht chaotische Flei\u00dfarbeit au\u00dfer in Pappdeckel noch in soziologische Theorie. Und zum anderen widerlegt er ein weiteres Mal die verbreitete Annahme, politische Parteilichkeit sei nicht nur unredlich, sondern k\u00f6nne auch den Anspr\u00fcchen nicht gerecht werden, die eine proklamierte Wissenschaftlichkeit verlangt. Die Detailverliebtheit und Genauigkeit auch bei vermeintlichen Nebens\u00e4chlichkeiten ist hier vielmehr der Verbundenheit zum Gegenstand zu verdanken. Diese Arbeit h\u00e4tte kein\/e Nicht-AnarchistIn besser (oder \u00fcberhaupt) schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt wohl nur wenige politische Str\u00f6mungen, die wider besseres Wissen mit so hartn\u00e4ckigen Klischees behaftet sind, wie der Anarchismus. Dagegen, da\u00df Anarchie nicht Terror und Gewalt bedeutet, streut diese Zeitung allmonatlich ihren publizistischen Kiesel ins Getriebe der \u00f6ffentlichen Meinungsmache. 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