{"id":2157,"date":"1998-10-01T00:00:58","date_gmt":"1998-09-30T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2157"},"modified":"2022-07-26T13:06:11","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:11","slug":"gandhi-kallenbach-und-buber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/gandhi-kallenbach-und-buber\/","title":{"rendered":"Gandhi, Kallenbach und Buber"},"content":{"rendered":"<p>Viel zu unbeachtet und inzwischen seit Jahren wegweisend f\u00fcr die Gandhi-Forschung wie auch f\u00fcr Projekte interkultureller Zusammenarbeit sind die Ver\u00f6ffentlichungen im Selbstverlag des Berliner Gandhi-Informations- Zentrums. Zwei der j\u00fcngsten Publikationen befassen sich mit dem freundschaftlichen Verh\u00e4ltnis Mahatma Gandhis zu zwei j\u00fcdischen Freunden, dem Zimmermann und praktischen Aktivisten Hermann Kallenbach und dem Philosophen Martin Buber.<\/p>\n<p>Die Kallenbach-Biographie hat Christian Bartolf mit der Israelin Isa Sarid zusammen geschrieben, der Tochter der Nichte (Hanna Lazar) von Hermann Kallenbach. Zusammen fanden die beiden anl\u00e4\u00dflich einer Ausstellung des Gandhi-Informations-Zentrums in Israel im Jahre 1987. Hermann Kallenbach stammt aus einer russischst\u00e4mmigen j\u00fcdischen Familie, wurde aber in Ostpreu\u00dfen geboren. Er lernte &#8222;Baugewerksmeister&#8220;, eine Verbindung von Maurer, Zimmermann und Architekt. Dann fuhr er 1986 zu seinem Onkel nach S\u00fcdafrika. Dort traf er zuf\u00e4llig mit Gandhi zusammen, beim indisch-islamischen Rechtsanwalt Khan, f\u00fcr den Gandhi arbeitete. Sehr schnell wurden sie Freunde und Kallenbach \u00e4nderte sein Leben radikal. Zusammen mit Gandhi nahm er 1910 Kontakt mit Tolstoj auf und gr\u00fcndete dann die Tolstoj-Farm nahe Johannesburg, wo er sowohl sein Ideal einfacher und gleichberechtigter Arbeit verwirklichte als auch eine soziale Basis f\u00fcr die Emanzipationsbewegung der InderInnen in S\u00fcdafrika formte. In einem ganz dokumentierten Gef\u00e4ngnisbrief Kallenbachs wird deutlich, da\u00df er aber nicht nur als Handwerker und Architekt, sondern auch als Aktivist und Organisator unsch\u00e4tzbare Dienste bei den Streiks und Aktionen leistete. Nach einem Aufenthalt in London w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs war es Kallenbach als offiziell Deutschem nicht erlaubt, mit Gandhi in Indien einzureisen. Er ging in den 20er Jahren wieder nach S\u00fcdafrika und machte sich als Architekt \u00f6ffentlicher Geb\u00e4ude einen Namen. In den 30er Jahren hatte er Kontakt mit dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius. In den sp\u00e4ten 30er Jahren fuhr Kallenbach nach Pal\u00e4stina und unterst\u00fctzte die zionistische Bewegung, allerdings schwebte ihm eine Ackerbau-Gemeinschaft ohne Staat, Armee und Industrie vor. Nach dem Vorbild des tolstojanischen Sozialisten A.D. Gordon, des Gr\u00fcnders des ersten Kibbuz, wollte auch Kallenbach bei zionistischen Siedlungen Kolonialismus und Imperialismus konsequent vermeiden. Mit dem Auftrag, die zionistische Sache Gandhi besser zu vermitteln, besuchte er ihn 1937, nach 23 Jahren, erstmals wieder in Indien. Gandhi sprach sich gegen eine Durchsetzung der zionistischen Interessen in Pal\u00e4stina mit Waffengewalt aus, zusammen mit Kallenbach versuchte er aber, die 70 Mio. MuslimInnen in Indien auf die Seite einer Gespr\u00e4chsl\u00f6sung zwischen arabischen und j\u00fcdischen Anspr\u00fcchen in Pal\u00e4stina zu bringen. Nach einer Malaria-Erkrankung starb Kallenbach 1945, seine Urne liegt im Kibbuz Degania\/Israel.<\/p>\n<p>Kurz nach Kallenbachs Besuch ver\u00f6ffentlichte Gandhi 1938 zwei Aufs\u00e4tze im Anschlu\u00df an die Nazi- Besetzung der Tschechoslowakei und an das November-Pogrom, in denen er die Opfer des NS-Regimes zum gewaltfreien Widerstand aufrief. Dies l\u00f6ste die sogenannte Buber-Gandhi-Kontroverse aus, die seither immer wieder, zuletzt in der &#8222;taz&#8220; im Vorfeld des Golfkrieges 1991, dazu benutzt wird, in Kriegszeiten antimilitaristische Bewegungen zu denunzieren (vgl. dazu GWR 153, S.5). Dazu hat Christian Bartolf nun alle diese Kontroverse mit dem j\u00fcdischen Philosophen Martin Buber betreffenden Dokumente herausgebracht. Es wird deutlich, da\u00df Buber seine Antwort erst nach Aufforderung verfa\u00dfte, da\u00df zusammen mit seinem Brief ein vermittelnder und um konkrete Aktionsvorschl\u00e4ge anfragender Brief von Judah Leon Magnes, dem damaligen Kanzler der Berliner Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t, an Gandhi geschickt wurde, beide Briefe aber Gandhi nicht erreichten, soda\u00df Gandhi auf Buber nicht antworten und an Magnes keinen konketisierende Vorschlag geben konnte. Der Dialog wurde also ungl\u00fccklicherweise an der spannendsten Stelle abgebrochen. Bartolfs Buch macht deutlich, da\u00df Gandhi einerseits die Monstr\u00f6sit\u00e4t der NS-Diktatur keineswegs untersch\u00e4tzt hat (S.59ff) und Buber sich trotz seiner situativen Gewaltbef\u00fcrwortung immer gro\u00dfen Respekt vor Gandhis Gewaltlosigkeit bewahrt hat, sogar sp\u00e4ter angesichts der atomaren Bedrohung eine &#8222;planetarische Front&#8220; (S.88) des zivilen Ungehorsams forderte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel zu unbeachtet und inzwischen seit Jahren wegweisend f\u00fcr die Gandhi-Forschung wie auch f\u00fcr Projekte interkultureller Zusammenarbeit sind die Ver\u00f6ffentlichungen im Selbstverlag des Berliner Gandhi-Informations- Zentrums. Zwei der j\u00fcngsten Publikationen befassen sich mit dem freundschaftlichen Verh\u00e4ltnis Mahatma Gandhis zu zwei j\u00fcdischen Freunden, dem Zimmermann und praktischen Aktivisten Hermann Kallenbach und dem Philosophen Martin Buber. 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