{"id":2162,"date":"1998-10-01T00:00:18","date_gmt":"1998-09-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2162"},"modified":"2011-11-12T20:45:47","modified_gmt":"2011-11-12T18:45:47","slug":"beharrlich-erinnernd-gegen-das-verbloden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/beharrlich-erinnernd-gegen-das-verbloden\/","title":{"rendered":"&#8222;Beharrlich erinnernd gegen das Verbl\u00f6den&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Gegen den &#8218;postmodernen&#8216; Zeitgeist der Gleichg\u00fcltigkeit, der Beliebigkeit, des Skeptizismus und der Resignation&#8220; (S.148) wendet sich Helmut Thielens Sammlung streiflichtartiger Kurztexte, und dies gelingt \u00fcber weite Strecken, ohne in kitschige Heile-Welt-Beschw\u00f6rungen, unfundiertes Moralisieren oder von den realen Bed\u00fcrfnissen abgehobene Wertepropaganda zu verfallen. Vielmehr st\u00fctzen sich die teils satirisch karikierenden, teils n\u00fcchtern beschreibenden Glossen und Analysen konsequent auf eine sorgf\u00e4ltige Kritik der politischen \u00d6konomie, die der Autor auch ausdr\u00fccklich als Grundlage jeder radikalen und tragf\u00e4higen Kritik an den Teilgebieten und Ausw\u00fcchsen des kapitalistischen Systems einfordert.<\/p>\n<p>Mit bei\u00dfender Sch\u00e4rfe f\u00fchrt er vor, was der Verzicht auf eine solche theoretische Grundlage angerichtet hat, da\u00df n\u00e4mlich die in weiten Teilen der ehemaligen radikalen Linken um sich greifende Aufgabe des kritischen revolution\u00e4ren Denkens &#8222;zugunsten eines veworrenen Kauderwelschs und eitler Geschw\u00e4tzigkeit&#8220; (S.41) zu intellektueller Verbl\u00f6dung, zur Verzerrung der Realit\u00e4tswahrnehmung, zu unvern\u00fcnftigen und notorisch zu kurz greifenden Einsch\u00e4tzungen politischer Ereignisse und Entwicklungen und zur opportunistischen, selbstentm\u00fcndigenden Unterwerfung unter den Alternativlosigkeitsanspruch des bestehenden, also des kapitalistischen Systems f\u00fchren mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Da\u00df die Gesamtheit dieser traurigen Ph\u00e4nomene, auch wenn sie allenthalben unter dem klangvollen Namen &#8222;Realpolitik&#8220; gehandelt und gefeiert wird, der komplexen und ihre beschr\u00e4nkten Begriffe allseits sprengenden tats\u00e4chlichen Realit\u00e4t der Menschen am allerwenigsten gerecht wird, sich vielmehr konstant im Interesse der Herrschenden an den realen Interessen der Mehrheit vorbeiwerkelt, liegt auf der Hand. Da\u00df der von ihr gest\u00fctzte Kapitalismus unaufhaltsam, konkurrenzlos und global auf dem Vormarsch ist, ebenso. Aber auf dem Vormarsch wohin? Erst hier, an der langfristigen Perspektivlosigkeit seines auf Zerst\u00f6rung und Unterwerfung basierenden Siegeszuges &#8211; und nicht fr\u00fcher; nicht an etwaiger Abmilderung des schlimmsten von ihm produzierten Elends, nicht an etwelchen \u00f6kologischen oder menschenrechtlichen Almosen des Kapitals -, kann die Hoffnung ansetzen: die scheinbar unrealistische, trotzige Weigerung, die &#8222;neue Weltordnung&#8220; als ewig unver\u00e4nderlich hinzunehmen, und das Wagnis, sich &#8211; auf der Ebene des Denkens und des praktischen Handelns -, &#8222;ganz unzeitgem\u00e4\u00df, auf das Scheitern dieser Sieger vorzubereiten&#8220; (S.42).<\/p>\n<p>Die Utopie, die der grassierenden Resignation, dem Gef\u00fchl der Ohnmacht und der &#8222;Schmach des vereitelten Lebens&#8220; (S.65), kompensiert durch Konsumwahn und Gewaltphantasien, entgegenzusetzen ist, speist sich f\u00fcr Thielen aus den vision\u00e4rsten Elementen der kommunistischen Idee, des Anarchismus und auch eines revolution\u00e4ren Christentums. Ziel ist eine in der Gleichheit und der materiellen Gerechtigkeit wurzelnde &#8222;konkrete, das hei\u00dft: sozialistisch-kommunistisch-anarchistische Freiheit&#8220;. Da die globale Perspektive stets durch die R\u00fcckbindung an klar umrissene Einzelph\u00e4nomene und deren konkrete Einordnung und Kritik geerdet bleibt, l\u00e4uft sie selten Gefahr, ins Verschwommene, selbst wieder beliebig Auslegbare abzudriften.<\/p>\n<p>All dies stellt sich in Thielens ausdrucksstarker, bildhafter Sprache dar, die das Buch zu einem echten Lesegenu\u00df macht, aber leider &#8211; und das tr\u00fcbt die sonst fast uneingeschr\u00e4nkte Freude an der Luzidit\u00e4t der Texte &#8211; immer wieder ihrer eigenen Faszination und Dynamik zu erliegen droht und dann in inhaltlicher Inkonsequenz endet. So wird im Zuge einer eigentlich stichhaltig begr\u00fcndeten Ablehnung des Golfkrieges das Kind mit dem Bade ausgesch\u00fcttet und der Begriff des linken Antisemitismus gleich pauschal als &#8222;ideologische Feindbildproduktionsmaschine&#8220; (S.53) abgetan &#8211; als ob es nicht gen\u00fcgend reale F\u00e4lle g\u00e4be, auf die der Begriff legitimerweise anwendbar war und noch ist. Und wenn vom &#8222;verhurten Scho\u00df&#8220; der &#8222;kapitalistischen Demokratur&#8220; (S.18) die Rede ist und systemkonforme Soziologen als &#8222;Nutten des Kapitals&#8220; (S.21) tituliert werden, dann straft diese unreflektierte Metaphorik das eigentlich zu Sagende &#8211; und an anderen Stellen ja so richtig Gesagte &#8211; L\u00fcgen und nervt gerade deshalb besonders, weil die geneigte Leserin dem Autor durchaus zutraut, die Funktion der Prostitution in der kapitalistisch-sexistischen Gesellschaft gr\u00fcndlicher zu durchdenken, als diese sprachliche Effekthascherei, die eines aufgeregten Spie\u00dfb\u00fcrgers oder \u00fcbers Ohr gehauenen Freiers w\u00fcrdig w\u00e4re, annehmen l\u00e4\u00dft. Und auch sonst wird manchmal \u00fcbers Ziel hinausgeschossen, zum Beispiel in allzu unbedenklichen Parallelisierungen von Faschismus und postmodernem Kapitalismus.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt das Buch um seiner Geistesblitze, seiner \u00fcberraschenden Einblicke und seiner radikalen, sich den herrschenden wie den gegenkulturellen Dogmatismen widersetzenden Grundhaltung lesenswert &#8211; und zum unkritischen Lesen will es ja ohnehin nicht einladen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Gegen den &#8218;postmodernen&#8216; Zeitgeist der Gleichg\u00fcltigkeit, der Beliebigkeit, des Skeptizismus und der Resignation&#8220; (S.148) wendet sich Helmut Thielens Sammlung streiflichtartiger Kurztexte, und dies gelingt \u00fcber weite Strecken, ohne in kitschige Heile-Welt-Beschw\u00f6rungen, unfundiertes Moralisieren oder von den realen Bed\u00fcrfnissen abgehobene Wertepropaganda zu verfallen. 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